NFL Offseason Ausblick 2021: NFC West (Teil 1)

Die NFC West hat letzte Saison einen Haufen verschiedener Aggregatszustände durchlebt. Power-Division bis zur Saisonmitte gefolgt von Gerede um Papiertiger bis hin zu einem langsamen „Flame-Out“ in den Playoffs. „Begeisternd“ ist momentan grad keine der vier Mannschaften aufgestellt – aber alle sind deutlich vom Liga-Bodensatz entfernt.

Bevor wir loslegen noch ein schneller Verweis auf einen der intelligenteren Kommentare zur momentanen Corona-Lage: Der luxemburgische Kritiker Ranga Yogeshwar verweist auf einen ganz wichtigen Punkt in der momentanen Medienwelt – das Fehlen von validen Wissenschaftsjournalisten. So sind wir in der Kommunikation gefangen zwischen realitätsfremden Virologen, Wählerstimmen-fokussierten demokratischen Politikern und Journalisten, die nicht fähig sind die ständig geupdateten wissenschaftlichen Informationen in entsprechenden Kontext zu setzen.

Vor einem Jahr habe ich am 26. Februar achtzehnmal gekotzt. Es war die letzte Woche, an der die Welt noch in Ordnung war. Bis heute gibt es keine einheitliche Leitlinie was die Corona-Politik angeht. Es gibt noch nichtmal eine einheitliche Zählweise der Testergebnisse. Und es gibt niemanden, der diese eklatanten Verfehlungen richtig einordnet – weil die Ressorts überall totgespart wurden.

Seattle Seahawks

12-4, Wildcard Playoffs
Power Ranking: #9
Cap Space: 4.4 Mio (#18)

Divisionssieg, Playoffqualifikation und trotzdem miese Stimmung – das wird schön langsam zur Regel in Seattle. Die Hawks sind nach der extrem enttäuschenden zweiten Saisonhälfte momentan munter dabei sich selbst zu zerfleischen. Seit Wochen munkelt man über die Unzufriedenheit von QB Russell Wilson mit der Personalpolitik – und just gestern Abend ist bei The Athletic ein bitterer Bericht über den möglichen Riss in der Organisation online gegangen.

Long story kurz: Wilson ist angepisst über die Art und Weise wie die Seahawks Offense spielen – kriegt aber intern nicht den Einfluss, den er gerne hätte. Dieser Versuch von Franchise-QBs, mehr in der Personalpolitik mitzureden, ist sowieso einer der auffälligeren Entwicklungen der letzten Monate in der NFL. Manche verdammen das komplett – wie z.B. die Sofa-QBs nach der Superbowl, wo Andreas Renner sagte „niemals!“ dürfte ein Spieler in Belangen des Front Office mitreden.

Ich sehe das eher nüchtern. Zahlreiche Coaching-Staffs haben in den letzten Jahren weder mit großartiger Kreativität noch mit Flexibilität agiert und die offensive Revolution sehr lange hinausgezögert, weil sie nicht bereit waren, überholte Denkweisen über Bord zu werfen. Front Offices? Noch immer werden Runningbacks in der ersten Runde gedraftet und 1st Rounder im Doppelpack für non-Premium-Positionen verschenkt. Dass diese Leute alle wissen was sie tun, glaubst du doch selber nicht!

Warum das so interessant ist? Weil die Seahawks-Leitung einer der worst offender in all den genannten Kategorien ist und nun schon einige Jahren Russell Wilson weggeworfen haben. Wilson selbst ist freilich auch nicht der perfekte QB, zu dem er oft gemacht wird. Seth Galina hat das vor einigen Wochen ziemlich cool zusammengefasst:

Wilson has been so good for so long that we forget how much of his game is things that are unstable for other quarterbacks. He does not target the middle of the field, he scrambles to make plays downfield a lot and he hits an absurd number of deep go routes. We take these aspects of his game for granted because it works for him.

But most quarterbacks can’t live in such a world.

Nun ist es nicht unwitzig, dass Wilson gerade jetzt aufmuckt, wo Seattle mit ex-Rams Assistent Shane Waldron einen OffCoord geholt hat, der theoretisch die richtigen Aspekte in den Fokus setzt: Hohe Play-Action-Quoten, vieles Nakeds und Boots, mehr Empty-Backfield-Formationen – alles Dinge, die Wilsons Mobilität und seine Angst vor dem Wurf aus der Pocket in die Spielfeldmitte nehmen und ihm die heiße geliebten half field reads geben.

Wilson beklagte sich in den letzten Wochen immer wieder über die schwache O-Line. Etwas an der Kritik ist richtig – die Hawks haben fast immer eine der schwächeren Pass-Protection-Units in der NFL. Aber Wilson ist auch einer der QBs, der mit seinem Spielstil Hits und Sacks förmlich einlädt. Er ist einer der QBs mit den meisten dem QB selbst zugeschriebenen Sacks.

Irgendwie hat jeder ein bisschen recht. Wilson, weil die Hawks zu lange überholte Offense gespielt haben. Aber auch die Hawks, weil sie nun spät, aber doch, mit dem neuen OffCoord die richtigen Ideen ins Team holen. Die gestern im ersten Moment aufgeregt diskutierten Trade-Gerüchte wurden sehr schnell dementiert. Das muss nicht unbedingt was heißen. Aber die Message ist klar: Top-QBs mucken auf, wenn die Coaches sich nicht selbst modernisieren. Meine Meinung: Das ist eine gute Entwicklung.

O-Line werden die Hawks natürlich adressieren müssen. OG Mike Iupati tritt zurück, C Ethan Pocic, einer der schwächsten Starting-Center, ist Free Agent. Die Hawks haben wenig Cap-Space und kaum Mittel „gratis“ Cap-Space zu erwirtschaften – weswegen es nur zwei Lösungen gibt: Mid/Late Round Picks und billige O-Line-Veterans.

Die größeren Needs sind in der Defense. Edge-Rush war 2020 legendär schwach – aber in Carlos Dunlap hat man nun einen neuen Vollzeitstarter (dessen Vertrag allerdings noch nach Restrukturierung schreit), und der letztjährige 2nd Rounder Darrell Taylor hat noch kaum gespielt. Um Sicherheit zu kriegen, sollte man aber nachlegen – außer man will unbedingt noch abwarten, ob der bis jetzt extrem enttäuschende 2019 1st Rounder L.J. Collier doch noch was taugt (24 Pressures in zwei Jahren).

Ansonsten: Cornerback. Dunbar und Shaquill Griffin sind Free Agents. Man muss fast versuchen zumindest einen zu halten und 2-3 neue zu holen. Das Hawks-DB war letzte Saison wider Erwarten so schwach, dass man auch den teuer von den Jets geholten S Jamal Adams nicht optimal einsetzen konnte.

Dank des Adams-Trades hat man in den nächsten beiden Drafts keinen 1st Rounder. Große Shopping-Tour ist auch diesmal nicht drin. Wenn die Hawks also abseits des Offense-Coachings wirklich einen personellen Sprung nach vorne machen wollen, dann müssen die Mid/Late Rounder in den nächsten beiden Drafts wirklich einschlagen. Und wichtig: Nehmt Pete Carroll am Draft-Day das Mikrofon aus der Hand. Keine Runningbacks in Runden 2 und 3! – selbst gesetzt den Fall, dass man Free-Agent-RB Chris Carson nicht halten kann.

Los Angeles Rams

10-6, Divisional Playoffs
Power Ranking: #7
Cap Space: -34 Mio (#30)

Die Rams sind das aktuell beste Gegenbeispiel für die oft kolportierte These „Ein Winning-Team baut man über den Draft“. Seit Jared Goff 2016 haben sie durch zahllose Trades nicht mehr in der ersten Draft-Runde gepickt – und wenn sie sich nicht noch einen Pick zurück holen, dann wird 2024 das voraussichtlich nächste Mal sein.

Einmalig in der NFL-Geschichte? Mitnichten. Die Washington Redskins haben von 1969 bis 1979 elfmal hintereinander nicht in der ersten Runde gepickt – und zwischen 1969 und 1990 nur dreimal in 23 Jahren!

In den letzten 20 Jahren kann ich mich aber an kein vergleichbares Team wie jenes der Rams erinnern. Sie priorisieren „Sicherheit“ der bekannten Größen über dem Potenzial, das hohe Draftpicks bringen. Das hat Vor- und Nachteile:

  • Vorteile: Die erkauften Spieler sind qualitativ gute – und im Fall der Rams auch auf wichtigen Positionen: QB, CB, WR. Damit lässt sich ein starker Kern zusammenstellen.
  • Nachteile: Die Spieler sind teurer, der Kader wird durch die verkauften Draftpicks dünner, das Potenzial auf Highend-Jungspunde unter billigen Rookieverträgen geht verloren. Die Mannschaft wird anfälliger gegen einzelne Verletzungsausfälle.

Ich bin froh, dass es so ein Team wie die Rams gibt, das so einen unkonventionellen Approach zeigt. Wie weit der führt, werden wir sehen. Er bietet Potenzial für einen Playoff-Run, aber es müssen nur die richtigen 2-3 Spieler mal etwas länger ausfallen und schon droht Implosion.

Der Stafford-Trade hat erstmal einen unangenehmen Cap-Effekt: 22 Mio Dead-Money für Goff, dazu 20 Mio Cap-Hit für Stafford. Macht aktuell 42 Mio. in den Büchern für die QBs. L.A. ist momentan 34 Mio. über der Salary-Cap, aber allein durch eine Extension für Stafford kann man 10-15 Mio. problemlos freischaufeln. Auch bei DT Aaron Donald und CB Jalen Ramsey sind enorm hohe Fixgehälter bei aktuell noch relativ niedrigen Abschreibungen (Handgeld) wie gemacht für Restructures. Was in manchen Franchises gegen solche Umwandlungen spricht, ist der Cash-Flow (Umwandlung von Fixgehältern in Signing-Bonus erfordert schnelle Auszahlung von viel Geld) – aber wenn ein Owner Geld wie Heu hat, dann Stan Kroenke – trotz des aus dem Ruder gelaufenen Stadionbaus.

Leute wie DT Michael Brockers oder DT Robinson sind klassische „Cap-Casualities“. Das mit dem Cap-Space kriegen die Rams fast sicher hin – es gibt zu viele Optionen zum Freischaufeln.

Und dann bleibt die Frage, was man personell im Kader machen will. Die letztes Jahr so starke Defense wird in S John Johnson ihren „Quarterback“ verlieren, und GM Les Snead hat keine Chance, Johnson zu halten. Der Nachfolger steht allerdings schon bereit: Terrell Burgess, letztes Jahr gedraftet. Aber auch CB Troy Hill ist vertragslos – ihn zu ersetzen würde schon schwerer. Möglich, dass man mit diesem Slot-Corner verlängert um „3 deep“ auf CB zu bleiben.

Dann Front Seven. Brockers/Robinson hatte ich schon. Möglicherweise ist auch EDGE Leonard Floyd nicht zu halten – und dann wird der Passrush schon seeeeeeeeehrrrr dünn. Ein Donald allein kann eben auch nicht alles im Alleingang richten. In Summe bin ich sehr gespannt, was die Rams in der Defense machen – neuer DefCoord (Raheem Morris), und ob sie überhaupt größere Ressourcen reinstecken.

Denn auch in der Offense gibt es Baustellen. Nicht LT Andrew Whitworth. Der Methusalem ist 39, aber ich habe es aufgegeben über seinen Nachfolger zu schreiben. Wird nicht passieren. Sie gehen mit dem ollen Glatzkopf bis er nicht mehr laufen kann.

Ohnehin hat man mit dem drohenden Abgang von C Austin Blythe eine immediate Starter-Position zu adressieren. Keine Zeit also für längerfristige Denke. Ob man die Guard-Spots upgraden kann? Eher nicht – wegen des knappen Budgets.

Was ein spannender Punkt ist: Receiver. Der Kern der Rams ist mit WR Robert Woods, Cooper Kupp und dem als Rookie durchaus lichten Van Jefferson sowie TE Tyler Higbee ein guter. Aber WR Reynolds und TE Everett werden wohl gehen. Und was diesem Arsenal letzte Saison nach dem Verkauf von Brandin Cooks ziemlich eklatant gefehlt hat: Ein Speedster. Ich würde fast drauf wetten, dass L.A. an der Stelle was macht. Vielleicht nicht gleich mit einem 2nd Round Pick – aber irgendwoher wird man einen geschwindigen Receiver holen um Matt Staffords Big-Arm Futter zu geben und die Offense zu entzerren.

Was nicht erneut passieren darf: Höhere Runningback-Picks. Letztes Jahr 2nd Rounder für Cam Akers, vor zwei Jahren zwei Mid-Rounder für Darrell Henderson. So scharf Sean McVay beim Gedanken an Ballträger wird: Es gibt wichtigeres zu tun.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Rams mit ihren verbliebenen Mitteln 2021 einen tiefen Kader aufstellen werden. Ein bissl Verletzungspech an den falschen Stellen, und die Saison kann ziemlich derbe in die Hosen gehen. Aber auch der Weg zum Durchbruch ist klar definiert: Passing-Offense zündet unter dem oft umstrittenen Stafford und ist in Top-5 EPA/Play Range zu finden, Defense hält einigermaßen – feddich ist Rezept für Lärm in den Playoffs.

Feddich ist auch der heutige Eintrag. Iss etwas länger geworden als geplant. An der Stelle Abbruch für heute. Teil 2 der NFC West gibt’s dann morgen!

3 Kommentare zu “NFL Offseason Ausblick 2021: NFC West (Teil 1)

  1. Wobei ich das Thema Wissenschaftsjournalismus eher als Nebenkriegsschauplatz einordnen würde. Das Hauptproblem ist doch die schlechte Führung: langsames, bürokratisches Verhalten, keine Strategie, keine Planung kein schaffen von Perspektiven. Wenn das Gros der Politiker der Meinung ist, Corona für den Wahlkampf ausschlachten zu dürfen, dann ist doch grundsätzlich etwas im System kaputt.
    Da muss man sich auch nicht wundern, wenn die Populisten wieder Zustrom erhalten.

  2. Ja, Nebenkriegsschauplatz. Wobei die verbreitete Ablehnung von AstraZeneca schon ein mediales Problem ist. Da wäre kompetenterer Journalismus schon hilfreich.

  3. Zu Corona: Ich sehe das Kernproblem auch eher bei unseren lobby-freundlichen PolitikerInnen als bei schlechtem Journalismus. Wenn man bedenkt, dass die Ansteckungszeit bei diesem Virus nicht besonders lang ist, hätte ein hardcore-Lockdown von ein-zwei Wochen selbst der ewig-jammernden Wirtschaft im Nachhinein besser getan als dieser Eternal-softlockdown mit heiterer Züchtung weiterer Mutationen. Aber für schnelles konsequentes Handeln ohne drei Monate über mögliche Ausnahmen und Härtefälle zu debattieren, ist eine Demokratie ganz offensichtlich nicht die optimale Regierungsform.

    Zu Russ Wilson: Was geht denn da ab? Sein Agent betont, dass Russ nicht um einen Trade gebeten hat, nennt aber im gleichen Atemzug vier Teams für die Russ seine no-trade-clause ad acta legt? Und -cherry on top- die BEARS??? Damn… ich mag Russ, aber wünsche mir irgendwie schon, dass die Hawks seinen Herzenswunsch respektieren und ihn nach Chicago ziehen lassen.

    PS: Echt schade, dass die Saints kein Geld haben.

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