NFL Offseason Ausblick 2021: NFC West (Teil 2)

Letzter Teil der Offseason-Serie mit den Arizona Cardinals und San Francisco 49ers. Zwei Teams, bei denen eine Einschätzung eher schwierig ist.

Arizona Cardinals

8-8
Power Ranking: #15
Cap Space: 11.8 Mio (#16)

Bei den Arizona Cardinals sitzt Headcoach Kliff Kingsbury nach der enttäuschenden letzten Saison schon auf dem hot seat. Arizona ging zwar 8-8, eine klare Verbesserung gegenüber Kingsburys Rookiesaison. Aber die Offense war als Kingsburys Fachgebiet als #14 nach EPA/Play doch sehr enttäuschend.

Ich schrieb die ganze Saison darüber, dass es eigentlich nur Kyler Murrays Scrambling und WR Deandre Hopkins gab. Kurze Zeit sah es im November dann so aus als würde es doch noch „klick“ machen, aber im Dezember kollabierte das ganze Gebilde.

Es gibt Momente, in denen die Offense wirklich gut ist – wenn sie schnell spielt z.B., ohne Huddle und mit Tempo. Murray ist nicht immer effizient, aber ständig eine Waffe. Laufspiel ist eins der besten, weil es in seichte Boxen hinein designt wird. Aber was die Cards mit ihren Receivern machen, ist Ideen-Armut galore. Hopkins wird als #1 isoliert, aber es gibt null Variation.

Cards-Experten wie ein Adrian Franke sprechen immer davon, dass Arizona in dieser Offseason einen WR2 nachlegen muss. Hopkins ist die #1, aber Christian Kirk als Mann für die tiefen Routen oder Keesean Johnson sind maximal eine #3, Andy Isabella als Speedster höchstens ein Scotty Miller für Arme, Larry Fitzgerald kurz vor dem Rücktritt. Ich glaube, das würde zwar helfen – aber einige grundsätzliche Probleme im Scheming nicht beheben. Kingsbury ist ohne massives Self-Scouting nicht zu retten.

Vielleicht braucht es auch mehr Hilfe auf Tight End. Dan Arnold und Maxx Williams waren über die Mitte kaum anspielbar. Aber dieses Meiden der Mitte kann auch schematische Gründe haben – Kingsbury will nicht, oder Murray mit seiner geringen Körpergröße kann nicht. Schwierig zu sagen.

O-Line ist mit zwei Free Agents an der rechten Flanke und einem Schwachpunkt auf Center ein Thema für GM Steve Keim, aber es wird auch schematisch Hilfe brauchen: Gerade wenn die Offense schnell spielt, war die Line oft ein Sieb und wurde nur durch Murrays Wendigkeit herausgerissen.

Defense war 2020 überraschend gut, aber auch dort gibt es einiges zu tun. CB Patrick Peterson und CB Dre Kirkpatrick sind Free Agents, und beide waren im Man-Coverage-System von DefCoord Vance Joseph keine verlässlichen Starter mehr. CB Alford wird fast sicher gefeuert (7.5 Mio Ersparnis). Geld ist wahrscheinlich nicht viel da – nicht, wenn man einen WR2 in Free Agency nachlegt – also heißt es „billig patchen“.

Edge-Rush sieht Chandler Jones von IR zurückkehren, aber Hasaan Reddick, der Spätzünder der letzten Saison, ist Free Agent. Man könnte ihn eventuell per Franchise Tag halten – für Spieler wie Reddick scheint die Tag wie gemacht. Aber dann braucht es Cap-Kunst um alle anderen Needs zu befriedigen.

In Summe hat Arizona natürlich noch einen ziemlichen „Umbruch-Kader“, der auf wirklich vielen Stellen Upgrades verträgt. Vielleicht bin ich auch zu hart in meinem Urteil über Kingsburys Offense-Coaching. Vielleicht ging mit junger QB-Waffe, Durchschnitts-O-Line und dünnem Receiver-Corps nicht mehr – und wenn man im Corps nachlegt, wird Hopkins plötzlich herumgeschoben wie die Superwaffe vor dem Herrn.

Aber Arizona hat eben auch andere Baustellen. 45% der Starting-Snaps der letzten Saison sind Free Agents – so viel wie bei keinem anderen Team. Trotz aller Probleme war man schon 2020 nahe an Playoffs – und doch fühlte sich die ganze Saison wie ein permanenter Struggle an. Das macht dieses Team insgesamt schwierig einzuschätzen. GM Keim ist kein Manager, zu dem ich allerhöchstes Vertrauen habe, die richtigen Moves in der richtigen Preisklasse einzufädeln. Aber nur das – und ein radikaler Sprung bei Kingsbury – bieten die Basis für einen zweiten Entwicklungssprung.

San Francisco 49ers

6-10
Power Ranking: #13
Cap Space: 13.3 Mio (#15)

Schwierig einzuschätzen sind auch die San Francisco 49ers – aber nicht wegen Spieler und Coaches, sondern weil es wie jede Offseason so gut wie keine Indikationen gibt was die Verantwortlichen denken. Prinzipiell war die 6-10 Bilanz 2020 natürlich eine herbe Enttäuschung. Aber sie war auch erklärbar: Es gab einfach extrem viele Verletzungen.

Jetzt hat das Team viele wichtige Free Agents: OT Trent Williams, schier das komplette Defensive Backfield (CBs Sherman, Verrett, Witherspoon, Williams, S Tartt), DL Solomon Thomas, FB Kyle Jusczyk und „Tiefen-Receiver“ Kendrick Bourne.

Aber nicht nur deshalb fragt man sich, wie Jahr 5 unter Kyle Shanahan aussieht. Es gibt auch die große QB-Frage.

Jimmy Garoppolo ist ein guter, nicht überragender QB. Er bietet die Chance, das Shanahan-System zufriedenstellend umzusetzen und hie und da ein 2nd reaction Play einzubauen. Aber Garoppolo ist auch ständig verletzt und immer gut für eine idiotische Interception underneath. Es wirkte für einen Moment so, als ob die Niners die Geduld mit ihm verlieren würden (Garoppolo hat einen Vertrag, der ihn einfach zu entlassen macht). Doch müsste man jetzt, am 27. Februar, wetten, so wäre der Tipp: Verbleib Jimmy-G.

GM John Lynch wäre aber fahrlässig, wenn er nicht doch mindestens die beiden Optionen Deshaun Watson und Up-Trade im Draft ausgucken würde. Was ein besserer QB in dem System bringt, habe ich vor Wochen exemplarisch an Matthew Stafford, der dann zu den Rams ging, diskutiert.

QB wäre auch deshalb wichtig, weil „das Fenster“ eben langsam zu Ende geht. Shanahan wird oft als genialer Kopf beschrieben, aber in drei von vier Jahren hat sein Team negative Bilanzen eingefahren: 6-10, 4-12, 13-3, 6-10. Natürlich war vieles davon nicht seine Schuld. Aber auch wenn man heuer mehr Glück mit Verletzungen haben sollte, so muss man immer noch mit einem deutlich dünneren Team antreten.

Die Secondary kann mit dem knappen Cap-Space prinzipiell nicht vollwertig ersetzt werden. Wenn man einen, vielleicht zwei, Leute hält, ist schon gut. Aber Rest wäre dann Patchwork und Rookies. Das ist oft ein Rezept für hohe aufgegebene Passing-Zahlen.

D-Line könnte auch „sneaky“ wichtig werden. Buckner hat man letztes Jahr verkauft. Thomas und D.J. Jones gehen heuer – und wohl auch EDGE Dee Ford (ultra-teurer Vertrag). EDGE Nick Bosa kehrt zwar von schwerer Verletzung zurück, aber wie gern wettet man darauf, dass Bosas Körper ewig hält? Die beiden Bosas haben in College und NFL immer wieder Verletzungsprobleme gehabt, vielleicht als Ergebnis dessen, dass sie wohl schon als Sechsjährige Gewichte in Daddys Kammer gestemmt haben.

In der Offense sind die beiden Punkte OT Trent Williams und Receiver. Williams ist mit 32 nicht mehr der Jüngste, hat aber einige Zeit durch einen Streik in Washington nicht gespielt und gilt als topfit. Gut genug um noch 3-4 Jahre auf Topniveau zu spielen. Ich hab aber schon Cap-Experten gehört, die bei Williams von einer Forderung von mindestens 18 Mio/Jahr ausgehen. Wie so eine Zahl mit San Franciscos Gehaltsstruktur vereinbar ist? Ick weiß ja nicht…

Und dann Receiver. Samuel/Aiyuk als WR-Paar und TE Kittle als Waffe in der Mitte ist ein exzellenter erster Anzug, aber nicht umsonst hab ich letzten Sommer immer wieder über die gefährlich dünne Receiver-Personaldecke geschrieben. Die Niners spielen viel 21-Personnel und weniger 11-Personnel als andere Mannschaften – aber Fullback Juszcyk hat keinen Vertrag und man fände da zumindest einen weiteren verlässlichen Ball-Catcher schon ziemlich wertvoll.

Also in Summe mein Take: Viele potenzielle kleinere und größere Lücken. Die Risse sind überall zu sehen. Das Gerüst ist aber mindestens noch diese und nächste Saison stabil genug, und mit ein bisschen Farbe drüber kann man es noch übertünchen. Es ist aber eindeutig eine Mannschaft, für die sich ein richtiger Superstar-QB extrem lohnen würde – es wäre trotz eines teuren Trades die „billigste“ Variante, etliche kleine anderen Schwachpunkt zu kaschieren.


Die anderen Teile der Serie kann man hier finden.

5 Kommentare zu “NFL Offseason Ausblick 2021: NFC West (Teil 2)

  1. Dann dürften sie viele free agent gehen lassen müssen. Hört sich ziemlich teuer & riskant an. Siehe verletzungsgeschichte…

  2. Pingback: NFL Free Agency 2021 Zwischenstand nach dem ersten offiziellen Tag | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  3. „Up-Trade im Draft“ … „ein richtiger Superstar-QB extrem lohnen würde“…
    Und prompt: SF von Draftposition 12 auf 3. Mit mehreren Firstroundern gefühlt recht teuer, aber wenn der nächste Joe Montana rauskommt, ein Schnäppchen. Das 49ers Front-office scheint Deinen Blog aufmerksam als Inspirationsquelle zu nutzen.

  4. Pingback: Die Nachwirkungen des NFL-Draft-Trade-Wahnsinns vom gestrigen Freitag | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.