MCDC – Brauche ich Ruderblätter?

Der neue Detroit-Lions-Headcoach Dan Campbell bleibt weiter garantierte Unterhaltung.

Kurzer Reminder: Die „Highlights“ von Campbells Eröffnungs-PK hatten nicht nur mir sämtlichen Nackenhaare aufgestellt. Campbells Kneecap-Zitat war ein klassisches Beispiel von set the tone und wird diesen Mann auf Jahre begleiten – im Guten wie im Schlechten.

Jetzt habe ich Angst, dass ich mein Bild langsam revidieren muss. Denn Campbell je mehr ich hinhöre, desto mehr sagt Campbell die richtigen Dinge, tut die richtigen Dinge, sagen Leute um Campbell herum die richtigen Dinge, geben mir auch meine US-Kontakte ein besseres Gefühl. Muss ich irgendwann zurückrudern?


Campbell betonte schon in der berühmt-berüchtigten PK zwei wichtige Punkte:

  1. „Ich bin nicht an ein System gebunden – wir werden versuchen die Spieler so einzusetzen, dass ihr Skill-Set uns allen bestmöglich hilft“
  2. Wir suchen konsistente Spieler, die jeden Tag das gleiche on the table bringen“

Campbells Coordinators Anthony Lynn (Offense) und Aaron Glenn (Defense) sind beide nicht nur Schwarze, sondern viel wichtiger auch richtig interessante Wahlen. Sie passen zu dem was Campbell predigt.

Lynn kriegt mit seinem Fetisch fürs Running-Game viel Hohn und Spott ab – und wir werden uns auf ein paar Prozentpunkte zu viel Laufspiel einstellen müssen. Aber abgesehen davon hat mir Lynn in den letzten Jahren immer gefallen. Ruhiger Typ, hat unaufgeregt seine Spieler weiterentwickelt. Und: Lynn wird nach der Chargers-Erfahrung so schnell nicht mehr als Headcoach abgeworben.

Glenn ist als ex-Defensive Back ein Mann, der um den Wert von Coverage weiß. Ich höre immer wieder „Rohdiamant“ bei ihm. Man sagt ihm eine exzellente Coordinator-Karriere voraus.


Campbell erklärte letzte Woche freimütig, dass er Lions-Besitzern Sheila Ford Hamp in die Sitzungen einlade und auf ihren Rat höre. Das klingt per se gefährlich – gerade im Verbund mit Campbells Flagship-Statement aus KW 8 („A true alpha knows when to concede to the better of all“).

Gestern war Campbell bei Pat McAfee („MCDC! Motor City Dan Campbell“) zu Gast. Das ganze Segment findet sich hier auf McAfees Youtube-Kanal. Auf Twitter war nur ein erstes Highlight verlinkt:

Das ganze halbstündige Interview hört sich aber erstaunlich vernünftig an.

Campbell betont den Collaborative-Approach, den man in Detroit einschlägt. Es soll keine Alleingänge geben – Campbell, GM Brad Holmes, die Beraterriege um Ron Wood, John Dorsey, Ray Agnew und Ownerin Ford Hamp sollen alle Einfluss kriegen. Campbell betont den Wert des Zuhörens:

“”Being a good leader involves being a good listener… you may not agree on it or everything, but you listen and make a decision off of it… it’s my job I’m gonna listen to them experts,  those are the things where they are the experts on…

Und: Von oben nach unten “no egos“ predigen, während in der Führungsriege eine Ich-AG nach der anderen vorgelebt würde, sei Wasser perdigen, Wein saufen Approach. Der Führungszirkel müsse on the same page sein – dann seien es auch die Spieler.

Zuhören ist immer gut – solange man versteht bei wem es sich lohnt und bei wem nicht. Aber Zuhören ist eiens der besten Management-Instrumente im Führen eines Teams. Gefällt.


Über die Fehler, die er aus seiner Dreiviertelsaison aus Interims-Headcoach der Dolphins 2015 gelernt habe:

  1. Managing the time – Als Headcoach hast du so viel mehr Non-Football-Stuff um die Ohren als du anfangs erwartest.
  2. Not to micromanage – don’t try to manage everything. Lass die Coordinators arbeiten. aHat die Coordinators eingestellt, weil er ihnen vertraut, weiß was sie können. Lynn und Glenn werden in der Erstellung des Gameplans weitreichende Autonomie haben. Sie werden innerhalb der Leitlinien Campbells implementieren.
  3. In game management – Campbell übernimmt Verantwortung für in-Game Bolzen.

Weniger exzellent klingt seine Antwort zum Thema Analytics. „Analytics is an important tool” – aber auch “don’t blindly rely on analytics in the game… it’s just a tool”. Das ist übersetzt gefährlich nahe an “ist mir scheißegal”.

Aber Campbell Minuten später über das, was er von Sean Payton in New Orleans gelernt habe: Wie er die Spieler in Position gebracht hat Erfolg zu haben („put the players in position to succeed“) – und (!!!) being a more aggressive thinker.

Campbell gibt zu: Früher habe er sehr konservativ gedachtrun the ball, milk the clock, have ball control, manage 3rd downs und so weiter. It’s still a part of who I am (k-e-i-n-e F-i-n-g-e-r-n-ä-g-e-l m-e-h-r!!) und dann kommt die Erlösung: Payton war aggressiver als das. There is a time to be more aggressive. Try to get defense on their heels. I am a more aggressive thinker now.

Über seinen idealen Quarterback: Muss tough sein. Und das heißt keine „laute“ Toughness, sondern quiet toughness. Das fügt sich mit dem „beständig jeden Tag gleiche Einstellung bringen“ aus der Opening-PK.

Malen wir das Bild mal weiter

Fest steht: Campbell ist ein exzellenter Redner und er versteht es, Leute mitzunehmen. An dieser Qualität habe ich keine Zweifel. Campbell wird eine Art CEO-Coach sein, sich weniger um das tägliche X&O kümmern, mehr um die allgemeine Vision.

Natürlich weiterhin möglich, dass Campbell ein Blender ist. Es macht mir Angst, dass ich mehr und mehr Zuversicht gewinne, wenn ich ihm zuhöre. Die Lions werden kein modernes, passlastges Team sein, aber immerhin fundamentally sound. Campbells Qualitäten und Aufgabengebiet wird vor allem in dem für uns erstmal „unsichtbaren“ Bereich innerhalb der vier Wände des Trainingszentrums sein.

Campbell wird immer wieder für Unterhaltung sorgen, denn er versteht es sehr genau, den Medien einen Happen nach dem anderen zuzuwerfen, ihnen Honig ums Maul zu schmieren und sie auf seine Seite zu ziehen (am Ende der obigen Show z.B. „Pat, I wanted you as my special teams coordinator…“). Das ist 180-Grad-Wendung nach dem Misanthrop Matt Patricia.

Optimistische Szenarien beim Thema Detroit Lions zu malen? Todsünde. Aber ich kann nicht leugnen, dass ich die ganze Konstellation mehr und mehr reizvoll finde. Das allein ist schon viel mehr als im Jänner befürchtet.

10 Kommentare zu “MCDC – Brauche ich Ruderblätter?

  1. Es gibt eine Menge charismatische Rhetoriker da draußen. Take it with a spoon of salt. (ja, ich weiss, es ist „grain“, aber in diesem Fall halte ich „spoon“ für passender.)

    Die Wahrheit liegt auf dem Platz.

  2. Interessante Einschätzung, ich hoffe daß da nicht zu viel Fanbrille drin ist 😉

    Für mich klingt das bei Campbell zu viel old School mäßig, die Comments, Lynn und dann doch Duce Staley als Assistant HC, ich weiß ja nicht wann zu viel ist… Holmes hat bei den Rams ja auch RB mit 2 3rd und dann nochmal RB mit 2nd gedraftet.

  3. Ich würde mich hier Dizzy und FloJo anschließen. Allzu optimistisch würden mich die Aussagen derzeit nicht machen. Ich finde die Aussagen einfach extrem „generisch“.
    „An kein System gebunden“, „konsistente Spieler“, „Collaborative approach“, „good listener“, „no egos“, …
    Das ist ja erstmal nichts konkretes und wird wohl jeder rhetorisch halbwegs begabte Head Coach so bringen.

  4. Wobei ich die Offseason genau dafür so mag: man kann spekulieren. Kann gut sein, dass mein Pessimismus in einem Jahr verdammt alt aussieht. Vor einem Jahr dachte ich auch Brady und Roethlisberger wären fertig. Und Cam Newton in New England das Kryptonit für 31 Teams. Vor zwei Jahren war ich sicher, die Browns seien SB-ready. Gotta love the off-season, when every team is a future SB-winner! 😀
    Keep rowing. 😉

  5. @thompson:
    Früher dachte ich auch bei standardinterviews immer, dass man denen keine Bedeutung beimessen darf. Aber Jahre der Trainersuche in San Francisco haben meine Meinung geändert.
    Die Aussagen sind zwar generisch und trotzdem gibt es quasi eine Art Grundmenge mit den ganzen Phrasen, aber jeder Coach nutzt ’seine‘ Teilmenge.

    Ein Shanahan z.B. sagt auch we need to run the football, we need a fullback, the center is the most important man on the field, yada, yada. Er sagt aber auch you run the ball, when you are winning, you need an accurate passer, the opponent cant know what you want to do, … und you need people who have fun at their jobs

    Das unterscheidet sich dann z.B. vom pound the football gelaber oder we need to out-toughen the opponent oder we think pass first all the time oder as a qb, you need to have a strong arm.

    Also alles Floskeln mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen. Der Abgleich mit den Taten (free agents, draft, coach-hirings) gibt dann erste Indizien, was für die Presse/gegnerische Teams/eigene Spieler/Fans gedacht ist und was wirklich etwas über den eigenen Stil/Vorgehensweise sagt.

    Also man kann, gerade wenn man ein Team/Trainer länger verfolgt schon was rauslesen.

    Und bei korsakoff ist es ja genau das: Indizien wahrnehmen, interpretieren, mit Erfahrung abgleichen, (meist) überprüfbare Prognosen wagen, repeat.

  6. Kann sein, dazu lese ich wahrscheinlich zu wenig solcher Interviews.
    Mein Interesse an solch „klassischem“ Sportjournalismus tendiert seit Jahren gegen null, eben weil sehr generische Aussagen kommen, in die man, wie du ja schreibst, sehr viel hinein interpretieren kann/muss, was mir persönlich wiederum keinen Spaß macht.

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