Faustregeln für die NFL Free Agency

Wenn der NFL Salary-Cap-Guru spricht, sollte man zuhören.

Jason Fitzgerald von Over the Cap (OTC) ist der Cap-Experte in den sozialen Medien. Niemand hat in den letzten zehn Jahren mehr geleistet fürs Verständnis von Gehaltsmanagement usw. Fitzgerald war gestern im Athletic-Podcast mit Robert Mays zu Gast um ein paar wesentliche Aspekte zum anstehenden Transfermarkt im Generellen, aber auch im Speziellen, zu diskutieren.

Es war ein erleuchtendes Gespräch – wie eigentlich bei allem was Mays macht. Aber mit solchen Gästen wie Jason ist es nur noch eine Ecke besser.

Fitzgerald hat vor einigen Tagen seinen Free-Agency-Guide online gestellt. Ich hab heuer keine Zeit mir das durchzulesen, daher hier nur der Link (kostet ca. 25 USD). Eine Zusammenfassung einiger Takes.

Faustregeln für die Free Agency

Fitzgerald diskutiert ein paar bemerkenswerte Faustregeln für die NFL Free Agency:

  1. Defense > Offense (!)
  2. Free Agency ist ein Tool für ein Jahr, aber nicht geeignet um langfristig damit eine Mannschaft zu bauen.
  3. Nutze Free Agency also nicht um einen Mannschaftskern zu kaufen, sondern um Kaderlücken zu stopfen und deinen Roster aufzufüllen.
  4. Verknüpfe Free Agency mit deinem Draft-Prozess. Draft = wichtige, teure Positionen wie QB, WR, OT, CB1. Free Agency für die „Depth-Positionen“ wie interior O-Line, Secondary, Linebacker.

Vor allem die Schlussfolgerung, dass Defense-Positionen in der Free Agency historisch erfolgversprechender sind als Offense-Positionen, ist überraschend. Prinzipiell stecken da mehrere Ideen und Gründe dahinter. Einmal sind Offense-Spieler „splashy“ und damit tendenziell teurer. Aber Defense ist vor allem volatiler, und kleine Verbesserungen in der Tiefe des Kaders können Schwachstellen eliminieren und damit eine Defense ziemlich preiswert um 1-2 Levels anheben.

Defense ist situativer, Matchup-orientierter, und viele Verteidiger stehen nur um die 40-60% der Snaps am Feld. Gerade Linebacker, eine insgesamt immer unwichtiger werdende Position, ist in Free Agency ganz gute Idee: Für 3-4 Mio/Jahr kriegst du oft Linebacker, die gut genug sind um dein klaffendes Loch in der Mitte billig zu stopfen, und dann kannst du deine Day 1/Day 2 Picks für wichtigere Rollen einsetzen.

Investitionen in der Free Agency

Der Graph des Schreckens stammt von Fitzgerald, und er zeigt das oft Diskutierte: Viele Teams, die mit Scheinen um sich werfen, sind am Ende enttäuscht und holen miese Saisonbilanzen. Die Jets sind schlimmer als alle anderen, aber auch andere übliche Verdächtige krebsen dort unten umher: Lions, Jaguars, Browns, Raiders.

Ein Teil daran ist „Fluch des Gewinnens“ – du überbezahlst in Free Agency häufig um die Rechte an „deinem“ Spieler zu bekommen. Für Fitzgerald ist aber etwas anderes der Hauptgrund: Schlechte Teams haben keinen „Kern“ gedraftet, den sie halten können. Sie lassen ihre Draftpicks also gehen, ziehen mit viel Cap-Space in die Free Agency ein und geben dort viel Geld aus um ihre Lücken zu stopfen und vor allem: Um Hoffnung zu kaufen. Denn das ist Free Agency für sie: Ein Weg zur Hoffnung.

Diese wird dann meistens schnell enttäuscht. Ich sehe persönlich ja seit Jahren einen anderen Grund: Erfolglose Teams sind meistens jene mit schlechten Quarterbacks. Also wird in der Free Agency fett eingekauft um dieses Manko zu übertünchen bzw. dem QB „alle Waffen zu geben um erfolgreich zu sein“. Dadurch verstärken sich die beiden Effekte zur Geißel des Grauens: Mieser QB = mieses Team = Notwendigkeit noch mehr auszugeben = teures Team = wenige Möglichkeiten sich zu verbessern. Und immer noch ein mieser QB im Kader.

Die Bills sind eines der Teams, das es in den letzten Jahren aus dem Tal herausgeschafft hat. GM Brandon Beane hat in den letzten vier Jahren aus einer horrenden Cap-Situation heraus einen vernünftigen Kader zusammengestellt, der nicht strotzt vor teuren Einkäufen. Buffalo hat vielmehr Positionen wie WR2, WR3, CB2, CB3, Safety, O-Line mit mittelpreisigen Free Agents aufgebolstert.

Richtig zum Erfolg geführt hat diese Strategie freilich nur, weil der eigens gedraftete QB Josh Allen dann doch noch den Durchbruch geschafft hat. Aber das Beispiel zeigt: Nur weil man nach der Cap-Sanierung einen QB auf Rookievertrag hat, muss man nicht wahllos superteure Free Agents einkaufen. Sich gezielt in der zweiten und dritten Reihe zu bedienen, ist die bessere Idee.

Oder wie es Robert Mays formuliert: Get solutions, not difference makers.

Positionen in der Free Agency

Bisschen Talk noch zu den einzelnen Positionen.

Quarterback – wenn du einem QB fette Kohle geben musst, hast du in 90% der Fälle eh schon verloren. Einen Brady oder Rivers gibt es einmal alle fünf Jahre, und alles unterhalb von Kirk Cousins ist ziemlich verdonnert zum Scheitern.

Runningback – 2-3 Mio/Jahr für einen Back mit spezifischen Skills wie Bälle fangen ist okay, aber schon die meisten der 5 Mio/Jahr Verträge sind komplette Verschwendung.

Wide Receiver – Hochpreisige Receiver performen historisch gesehen ganz gut, aber der sweet spot liegt in der Range von 6-10 Mio/Jahr. Dort kriegt man gute Receiver aus der zweiten und dritten Reihe. Paradebeispiel ist ein Marvin Jones für 8 Mio/Jahr über 5 Jahre: Guter bis sehr guter Value.

Einen Curtis Samuel für 9 Mio/Jahr nimmst du in 100/100 Fällen über einen Juju Smith-Schuster für 15 Mio/Jahr.

Fitzgerald sagt auch: Spannend wird, wie die sehr tiefe Draftklasse und die okay besetzte WR3-Free-Agency-Klasse die Preise beeinflusst.

Offensive Line – Gute Left Tackles kommen fast nie auf den Markt. Seit 2014 haben nur 18 Left Tackles über die Free Agency das Team gewechselt. Dagegen waren es 41 Right Tackles.

O-Line ist deswegen spannend, weil es eine „Tiefe-Position“ ist: Du hast lieber fünf solide Guys als zwei Superstars und eine Sollbruchstelle. Vor allem Guard ist eine gute Position in der Free Agency, wenn man sich auf die zweite-Reihe-Jungs beschränkt, die man oft fast für lau bekommt. Es gibt erstaunlich viele Erfolgsgeschichten von Free-Agent-Guards mit unter 2 Mio/Jahr Gehalt.

Fitzgerald betont: Zwischen diesen guten, billigen Guards und den sehr guten, aber schon viel teureren Guards (10 Mio/Jahr und mehr) liegen oft nur eine Handvoll Plays Unterschied. Man will einfach für solche kleine Leistungsunterschiede keinen so extremen Aufpreis bezahlen und geht auf diesen „1b-Positionen“ eher den billigen Weg.

Übrigens so nebenbei: Die Chiefs haben gestern gleich beide ihrer Starting-Tackles entlassen. LT Eric Fisher wurde nach seiner Achillessehnenverletzung in den Playoffs gefeuert. Bei RT Mitchell Schwartz hatte ich schon im Februar meine Zweifel geäußert, ob er überhaupt jemals noch spielen wird (Rückenverletzung bei O-Linern ist immer scary shit). 18 Mio Cap-Ersparnis für die Chiefs. Man darf gespannt sein, ob KC Tackle schon nächste Woche oder erst im Draft angeht. Empfehlenswert wäre mit dem obigen Wissen zweimal „Mid-Price Free Agency“.

Passrusher: Die Historie zeigt, dass Free-Agent-Passrusher oft schnellen ROI bringen. Etliche von ihnen kriegst du sogar für kurze Verträge, manchmal für nur ein Jahr. Etliche Edge-Rusher kommen als Role-Player auf den Markt, nehmen einen below market Deal um mit einer größeren Rolle in der neuen Mannschaft eine Chance auf einen richtigen Zahltag zu bekommen. Der Trick ist, nicht zu früh die Schatulle aufzumachen.

Linebacker: Wie oben geschrieben – fürs richtige Geld eine gute Idee. Es ist besser, zwei Linebacker für 4 Mio/Jahr zu holen als einen C.J. Mosley für 18 Mio/Jahr.

Safety: Ähnliche Position wie Offensive Guard: Du siehst nicht, wenn einer okay ist, aber du siehst, wenn er schlecht ist. 6-8 Mio/Jahr ist der Sweet-Spot. Oft zahlt es sich aus, einen zweiten und dritten Safety in dieser Preisklasse in den Kader zu holen. Die billigere Version ist oft die bessere, weil auch hier die Performance-Unterschiede zwischen den okayen und guten so gering sind, dass man den eingesparten Aufpreis woanders besser einsetzt.

Die Trennungslinie liegt irgendwo bei Tre Boston: Guter Mann, aber kriegt nie den Zahltag.

Cornerback: Richtige „All-Pro“ Corner sind praktisch nie zu haben (Nnamdi Asomugah, Revis und Stephon Gilmore waren in den letzten Jahren die einzigen), und es zahlt sich mutmaßlich aus, sie auch teuer zu bezahlen. Doch Offenses stellen immer mehr Passfänger auf um ihre Gameplans vom CB1 wegzudesignen, weswegen du auch hier Tiefe brauchst. Es zahlt sich aus, das auf Safety und Guard gesparte Geld in 1-2 gute Cornerbacks einzuzahlen.

Weiterführende Links

Ein paar weitere Lesetipps, die zum Teil in dieselbe Kerbe wie Jason schlagen:

Unter dem Tag “NFL Salary Cap Management“ habe ich auf diesem Artikel einige interessante Aspekte zur Salary Cap und Roster-Management zusammengefasst: Wie kommt die Salary-Cap zustande? Was sind gewisse Tricks? Welche Typen von Free Agents gibt es? Und einiges mehr…

4 Kommentare zu “Faustregeln für die NFL Free Agency

  1. Branden Beane war tatsächlich eine unserer besten Verpflichtungen der letzten Jahre, und wie zur Bestätigung des Textes, hat er Matt Milano für einen vernünftigen Preis gehalten.

  2. Pingback: Last Exit before NFL Free Agency: Freischaufeln um jeden Preis | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  3. Pingback: Drew Brees tritt zurück – und die weiteren großen Moves kurz vor Beginn der NFL Free Agency 2021 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  4. Pingback: Gedanken zum Positionswert von Offensive Tackles und Wide Receivern | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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