Der neue Steve McNair: Trey Lance

Trey Lance von der North Dakota State University ist auf vielen Boards der viertbeste von vier exzellenten Quarterback-Prospects. Er ist gleichzeitig auch der spannendste.

Daniel Jeremiah und Doug Farrar haben in den letzten Tagen immer wieder den Vergleich mit einem meiner Allzeitfavoriten gewagt: Steve McNair. Wer den nicht mehr kennt: McNair kam in den Neunzigern auch von einem ganz kleinen College als mobiler schwarzer QB in die NFL, wurde zu einem der toughsten Quarterbacks in der NFL, arbeitete sich hoch zum NFL MVP und war mit den Titans 1999/2000 ein Yard von der Overtime in der Superbowl entfernt sind.

Trey Lance spielt ähnlich wie Steve McNair.

So mobil die Kollegen Trevor Lawrence, Zach Wilson und Justin Fields auch sind: Lance ist wahrscheinlich der beste Athlet in diesem Quartett – und er hat wohl auch den mächtigsten Wurfam. Die Fragen bei Lance konzentrieren sich auf andere Bereiche.

Das Tape

J.T. O’Sullivan hat bei Youtube schon mehrere Breakdowns von Trey Lance gemacht. Am Freitag kam der von Lances einzigem Spiel 2020 (die FCS hat den Herbst ausgesetzt):

Das Video zeigt einen exzellenten Power-Runner und mehrere NFL-würdige Pässe, aber auch ein paar Schwächen, die über die Fragezeichen „hat gegen zweitklassige Konkurrenz gespielt“ hinausgehen:

  • Lance streut immer mal wieder einen falschen „Read“ ein und übergeht dabei sogar offene Targets
  • Lance hat Probleme mit Blitz-Recognition und hält den Ball zu lange, auch wenn Mobilität ihn am College noch oft rausgerissen hat
  • Lance ist hie und da ein bisschen „auf heißen Kohlen“, zu viele Tippelschritte auf den Zehen, was Präzisions-Probleme nach sich rufen kann

Siehe auch: Video 1 und Video 2 zu Lance.

Lances Tape ist gar nicht so leicht zu interpretieren. North Dakota State ist ein verkapptes FBS Top-25 Team, das im College Football eine Ebene tiefer in der FCS als Juggernaut überforderte Gegner überfährt und auch schon mehrere QBs in die NFL geschickt hat (z.B. Carson Wentz, Easton Stick). Viele eng gedeckte Receiver gibt es nicht, aber dafür lassen die Bison-Coaches ihre Quarterbacks ziemlich vieles am Feld in Eigenregie machen.

Dazu kommt noch, dass Lance in seiner famosen 2019-Saison, als er keine einzige Interception zwischen Dutzenden Touchdowns-Pässen und -Läufen einstreute, insgesamt nur zirka 18 Dropbacksp pro Spiel machte – die Bison sind zwischen allen NFL-Passkonzepten im Herzen ein Power-Running-Football-Team.

Die Stärken des Trey Lance

Generell höre ich bei Lance in den letzten Wochen immer wieder die gleichen Dinge. Er hat die Maße (6‘4, 224 Pfund), einen waffenscheinpflichtigen Wurfarm, die Beweglichkeit um Passrushern auszuweichen und insgesamt recht gutes „Decision Making“. Lance ist ein Kreator:

Between designed run game, play outside the pocket, and nuance within the pocket, Lance has the tools to open up an offense and create plays that may not otherwise be there. Lance possesses both the talent and the savvy to consistently produce these kinds of plays.

Lance geht durch die Progressions (siehe auch obiges Video), und auch wenn er nicht immer den perfekten Read macht, so ist er doch mehr als typische College-QB gewohnt, ein Defense-Bild „full field“ zu lesen. Wie schwierig das in der FCS ist? Anderes Thema.

Lance ist ein exzellenter Quick-Thrower, ein fantastischer Runner und Scrambler und effizient in seinen Pocket-Bewegungen.

Lance bricht als Runner Tackles, und auch wenn man mit seinem Speed (Schätzungen zufolge soll er die 40 Yards in der 4.55 Range sprinten) problemlos Zone-Read und Speed-Option laufen kann, so ist er als Downhill-Runner über das A-Gap doch insgesamt am besten. Wenn North Dakota State mit Lance Power aus Motion gespielt hat, sah das ähnlich aus wie weiland bei Cam Newton in Auburn.

Fragezeichen Präzision

Lances Pass-Charting zeigt aber eine unangenehme Schwäche: Weniger als 50% seiner Pässe waren „spot on“ auf den Receiver geworden. Diese Accuracy-Wackler sind nicht bloß frustrierend, sondern richtiggehend gefährlich, wenn man an sein „Ceiling“ als NFL-Quarterback denkt. Bitter aus Sicht der Evaluierung: Man sieht nicht genau, warum Lances Pässe immer wieder streuen.

Option 1: Lance ist ganz einfach kein akkurater Werfer und es ist ein „immanentes“ Problem.

Option 2: Lance war 2019 einfach noch ein extrem junger, nicht fertig geschliffener QB (19 Jahre alt) und er hatte einfach nicht die notwendige Anzahl ans Reps um im System schon perfekt zu greifen.

Je nachdem welche Folgerung man aus dem Tape zieht, kann Lance bis hoch in die Top-5 gehen. In den nächsten Wochen wäre aus meiner Sicht unbedingt zu klären woher seine Präzisionsprobleme rühren. Ist er eine Art Jake Locker 2.0 – ein sehr guter Athlet, der aber einfach nicht genau genug wirft, ohne dass man sehen könnte, warum (und damit auch keinen Punkt zum Ansetzen hat)? Oder doch mehr McNair – genug Playmaker um vereinzelte Bolzen mit dem Playmaking wettzumachen?

Lass den Quarterback-Guru sprechen

Ich habe in den letzten Tagen nebenbei Podcasts mit Quincy Avery gehört, der im US-Süden eine Quarterback-Akadamie betreibt und dort u.a. seit Monaten Lance schult, aber auch Deshaun Watson oder Dwayne Haskins seit Jahren zu seinen Kunden zählt. [Podcast 1][Podcast 2]

Eine der spannendsten Erkenntnisse war, dass Lance als QB am College viel mehr mentale Arbeit machen musste als ein typischer NFL-Draftanwärter. Lance hatte am Feld Freiheiten über die Protection-Calls, und bekam von seinem Offensive Coordinator auch nur eine Spielfeldhälfte des „Spielzug-Konzepts“ reingeflüstert. Den Rest musste er selbst herausfinden. Das ist eine harte Schule. Der QB muss in solchen Fällen auf Basis von Defense-Bildern wie der Safety-Aufstellung Entscheidungen treffen, ohne dass ihm jemand von der Seitenlinie einsagt. Lance macht auch sehr viel häufiger den „Mike-Point“ als andere College-Prospects.

Freitags war Lance auch sein eigener Offensive Coordinator. Er war es, der die Offensiv-Meetings organisierte und abhielt. Lance musste selbst die Videoschnipsel zur Vorbereitung auf den Spieltag tags drauf zusammenstellen und sein Team instruieren.

Gemessen daran, wie „vorgefertigt“ zahlreiche College-Offenses heute sind, dass sie fast unabhängig vom auf dem Feld stehenden Quarterback quasi wie geschmiert laufen, hat Lance schon „next level“ an mentalen Herausforderungen gesehen.


Avery hat noch ein paar weitere spannende Gedanken preisgegeben. Hier mal ein paar Gedanken aufgelistet.

#1 Mobilität ist für einen Quarterback im Jahr 2021 ganz einfach überlebenswichtig. Es wird fast sicher nicht mehr vorkommen, dass Statuen wie Tom Brady oder Philip Rivers die NFL dominieren. Der Grund liegt vor allem in der fehlenden Geduld. Was Defenses heute einem Quarterback entgegenwerfen, erfordert blitzschnelle extremste geistige Windungen, die immobile Pocket Passer der alten Schule nur noch dank tausender Reps bewältigen können. Junge QBs können jedoch nicht von dieser Erfahrung zehren.

Mobilität erkauft diesen Jungspunden Zeit, diese Herausforderungen Schritt für Schritt zu meistern, wo eine junge QB-Statue längst völlig verunsichert ausgewechselt wird.

Anders interpretiert: Mobilität erkauft dir schnell einen „Floor“ mit dem du funktionabel NFL spielen kannst. Averys Schüler Deshaun Watson hatte in seinen ersten zwei NFL-Jahren z.B. ziemliche Probleme mit den ständig rotierenden Defenses. Ohne seine Beweglichkeit hätte er noch mehr Sacks kassiert und wäre wahrscheinlich längst verbrannt. Seine Beweglichkeit erkaufte Watson die Zeit, von einem Boom/Bust Playmaker zu einem kompletten QB zu reifen, der heute auch schwierige Reads machen kann.

#2 QB-Training hat sich in den letzten Jahren immer weiter wegentwickelt von reinem „robotischen“ Coaching à la Derek Carr. Heute müssen die Prospects schon trainieren, über die reinen Movement-Drills hinaus „off-platform“ zu werfen. QB-Instruktoren werfen den Prospects schon im Training Steine in den Weg um sie vor Herausforderungen zu stellen und ihre Kreativität und Intuition zu fördern.

#3 Avery betont dann auch noch: Jeder junge NFL-QB profitiert erstmal davon, sich das Treiben von der Bank aus anzusehen, aber wenn ein QB schnell einsatzfähig ist, dann Lance.

Zwischenfazit bei Trey Lance

Lance mag zurecht (oder auch nicht) QB4 in der Klasse von 2021 sein, aber seine Athletik, sein Arm und der mentale Leistungsnachweis in sehr jungen Jahren machen ihn zu einem Prospect, das sich auch mit einem hohen Pick lohnt.

Ich hoffe, wir kriegen noch ein paar Antworten um seine Accuracy besser zu interpretieren. Dann gilt es nur noch ein paar Dinge zu verstehen: Ist Lance von Natur aus ein eher konservativer „Caretaker“ oder war sein risikoarmes Spiel der Philosophie seiner College-Offense geschuldet? Lässt sich seinem Spiel ein Tacken Aggressivität einimpfen, die ihn von einem durchschnittlichen QB-Athleten zu einem richtig starken Star-QB katapultieren können?

8 Kommentare zu “Der neue Steve McNair: Trey Lance

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