Das Mysterium des schwachen Wide-Receiver-Markts in der Free Agency 2021

Eine der größeren Auffälligkeiten im bisherigen Free-Agent-Transferfenster ist der lauwarme Markt für Wide Receiver. Eigentlich hatte die Position als eine der besser besetzten gegolten – und Passspiel dominiert bekanntlich die NFL.

Natürlich wurden die beiden Topstars Chris Godwin (Tampa Bay) und Allen Robinson (Chicago) vorab via Franchise-Tag vom freien Wettbieten ausgeschlossen.

Aber die meisten der „WR1B“, WR2 und WR3 Kandidaten haben weniger (oder noch gar nichts) bekommen als z.B. die Cap-Experten von PFF und Over the Cap prognostiziert hatten.

Beispiele?

Bei Will Fuller hatte PFF einen langjährigen Vertrag mit 17.5 Mio/Jahr prognostiziert. Es wurde ein Einjahresvertrag über 10.6 Mio in Miami. Klassischer „prove it“ Deal.

Juju Smith-Schuster sollte um die 15-17 Mio/Jahr bekommen. Er musste sich zufrieden geben mit einem Einjahresdeal über 8 Mio bei den Steelers, von denen sich Juju erst nicht trennen wollte, dann schon den definitiven Abgang verkündete, und dann doch lieber zurückkehrte als das minimal bessere Angebot vom Erzrivalen Baltimore anzunehmen.

Corey Davis sollte als guter WR2 um die 16 Mio/Jahr bekommen. Es wurden drei Jahre mit 12.5 Mio/Jahr – aber immerhin 27 Mio. guarantees.

Für John Brown sah Brad Spielberger zwei Jahre zu 6 Mio/Jahr kommen. Es wurde ein Jahr für 3.5 Mio in Las Vegas.

Marvin Jones? Prognose: 3 Jahre, 9 Mio/Jahr. Es wurden zwei Jahre zu 6.2 Mio/Jahr.

Kendrick Bourne? Hat statt über 6 Mio/Jahr nur drei Jahre zu insgesamt 15 Mio bekommen.

Auch Dritte-Reihe-Jungs wie Tyrell Williams, Breshaud Perriman (unterschrieben für jeweils ein Jahr und 4 bzw. 3 Mio in Detroit) oder der Oldie A.J. Green bekamen weniger als gedacht.

Kenny Golladay, bei dem man einen Vertrag um die 20 Mio/Jahr hatte kommen sehen, sitzt noch auf der Straße und muss wahrscheinlich einen prove it Einjahresdeal unterschreiben. Oldies wie T.Y. Hilton, Antonio Brown oder Sammy Watkins hatten deutlich niedrigere Erwartungen an ihre Bieter – aber alle haben noch keine ernsthaften Offerten bekommen.

Prinzipiell sind Nelson Agholor und Curtis Samuel die einzigen beiden Receiver, die etwas mehr bekommen haben als von Spielberger gedacht.

  • Agholor hat zwei Jahre für 22 Mio. bekommen, mit 16 Mio. garantiert (Prognose war 7.5 Mio/Jahr für zwei Spielzeiten)
  • Bei Samuel hatte man um die 9 Mio/Jahr erwartet. Die genauen Details sind noch nicht bekannt, aber Washington soll ihm 3 Jahre für insgesamt 34.5 Mio gegeben haben (also 11.5 Mio im Schnitt) – wobei die Garantien noch nicht bekannt sind.

Gerade im Lichte der über die Jahre gewachsenen Erkenntnis, dass Receiver nach dem Quarterback der nächstwichtige Treiber der Passing-Offense sind, und der Bestätigung, dass gerade spät in der Saison ein möglichst tief besetztes Waffenarsenal mit zumindest drei hochklassigen Receiving-Optionen immer wichtiger wird (hier die Studie von Eric Eager) ist diese finanzielle Ausbeute für die Receiver erstaunlich schwach.

Gründe?

Ich weiß nicht ob die Erklärung der speziellen Offseason mit der niedrigen Salary-Cap als Erklärung ausreichend taugt – denn auf anderen Positionen wie Offensive Line oder Defensive Line wurden trotzdem richtig dicke Verträge ausgeschüttet.

Aber vielleicht übertünchen dort einfach auch die größeren Namen wie Trent Williams, Joe Thuney oder Leonard Williams die „zweite-Reihe-Verträge“, während auf Receiver die einzigen beiden Elite-Optionen in Godwin und Robinson unter der Franchise-Tag versauern.


Die bessere Erklärung ist wahrscheinlich, dass alle übrigen Free-Agent-Receiver hinter diesem Top-Duo ihre Fragezeichen haben. Fuller ist bei aller Klasse oft verletzt und war vielleicht nur wegen Dopings so schnell wieder auf der Höhe (muss z.B. noch ein Spiel Sperre absitzen). Golladay hat auch Muskelprobleme und war eben „nur“ die #1 in Detroit. Davis wird nicht mehr als eine gute #2. Juju – hatte immer seine Fragezeichen.

Brown, Jones, Bourne – alles gute Leute für die Kadertiefe, aber keine guten Ideen um die Passing-Offense als primäre Anspielstation zu tragen – und dafür will man verständlicherweise keine 15 Mio/Jahr zahlen.

Antonio Brown – längst jenseits der 30 und jeder weiß um die Fragezeichen (und vielleicht will er sowieso nur zurück zu den Buccs). Emmanuel Sanders: Klassemann, aber mit 34 zu alt und eben nur noch WR3-Option in einer tief besetzten Offense wie Buffalo.

Das Argument „überschätzt“ kann aber nicht für eine komplette Free-Agent-Klasse gelten, wo es auf allen anderen Positionen zumindest eine Handvoll Spieler gab, die dann doch die sehr soliden Deals abgeschlossen haben.


Wahrscheinlich speilt also tatsächlich die einmal mehr extrem gut besetzte Receiver-Klasse im NFL Draft 2021 mit in die Kalkulation der NFL-Teams. Die letzten beiden Draftjahrgänge haben sich beide als extrem gute herausgestellt – und 2021 soll in Sachen Spitze und Tiefe auch wieder bis tief hinein in die dritte Runde des Drafts grandiose Talente bieten.

Jeder kennt die Top-15-Anwärter wie J’Marr Chase (LSU), Jaylen Waddle oder Devonta Smith (beide Alabama).

Dahinter aber gibt es eine ganze Latte weiterer 1-Round/Early-2nd-Round Talente mit verschiedenen Skill-Sets. Allein bei PFF sind im Draft-Guide drei weitere Receiver mit 1st-Round-Talent gelistet: Rashod Bateman (Minnesota, #18), Kadarius Toney (Florida, #24) und Rondale Moore (Purdue, #26).

Für die zweite und dritte Reihe kommen Namen wie der deutschstämmige Amon-Ra St. Brown (USC), Terrace Marshall (LSU), Tylan Wallace (Oklahoma State), Elijah Moore (Ole Miss), Sage Surratt (Wake Forest), Jaelon Darden (North Texas) oder Amari Rodgers (Clemson) infrage – und bestimmt noch ein paar weitere. Remember: Auch Stars wie Godwin, Robinson oder Golladay waren alles 2nd oder 3rd Rounder.

Bei so viel Tiefe und relativ vielen Treffern in den letzten Jahren könnten NFL-Teams verlockt sein, sich im finanziell etwas billigeren Draft umzuschauen und einen neuen Kenny Golladay mit dem 63ten Pick zu ziehen anstatt das Original mit 20 Mio/Jahr zu überschütten, wo gar nicht sonnenklar ist, dass der Mann einen Passing-Angriff im Alleingang tragen kann.


Die letzte Erklärung freilich halte ich auch für plausibel: Nämlich, dass zu viele Teams in der NFL weiterhin nicht den Wert von hochklassigem Receiver-Arsenal zu schätzen wissen und weiter in alten Denkmechanismen wie „build through trenches“ und „pound the football to build off play action“ hängen.

5 Kommentare zu “Das Mysterium des schwachen Wide-Receiver-Markts in der Free Agency 2021

  1. Ich höre gerade „Collision Low Crossers“ – das ist nun schon wieder ein paar Jahre her dennoch gibt es ganz nette Einblicke und die Mechanismen…
    Als Argument gegen den Einsatz eines hohen Draft Picks für Receiver wurde genannt, dass ein Receiver nur Einfluss auf 15-20 Plays hat, während ein Olineman seine 60 Plays macht und damit vielWertvoller ist (sic!). Ich würde nicht ausschließen, dass diese Denke auch noch ihre Anhänger hat…

  2. Zumindest bei den kurzen Verträgen könnte auch der TV-Deal eine Rolle gespielt haben. Dieses Jahr ist der Capspace bei vielen Teams knapp, aber in Zukunft wird auch diese Quelle wieder ergiebigst sprudeln. Da kann es auch aus Spielersicht Sinn machen jetzt lieber one year fully guaranteed zu unterschreiben, in der Hoffnung dann nächstes Jahr dick abzukassieren, statt heute für drei, vier, fünf Jahre für 10-12 Mios per annum (nur teilweise garantiert) zu unterschreiben.

  3. Das sich Corey Davis bei den Jets für drei Jahre bindet, verstehe ich absolut nicht.
    – als junger gesunder Spieler einen Drei-jahres-vertrag zu machen in einem Jahr, wo die Teams knausern müssen, halte ich allein schon für fragwürdig.
    – dann noch bei einem Team, das schon lange recht schwach ist (Management?)
    – bei einem Team, dessen Division gerade deutlich stärker geworden ist
    – bei einem Team mit schwachem QB

    Ich fand es schon wenig erbaulich, dass Corey 2017 von den (seinerzeit lauflastigen) Titans gedraftet wurde. Und jetzt drei Jahre Jets? Mann…
    Ich verstehe diese Spieler nicht. Geh halt für drei Millionen weniger zu einem Team mit fähigem QB. Dafür nur ein Jahr. Wenn Du kein season-ending injury hast, sollten Deine Stats reichen um danach einen vernünftigen langfristigen Vertrag bei einem playoff-fähigen Team zu bekommen.
    Aber vielleicht denke ich da zu einfach.

  4. oder ein breites angebot senkt einfach die leverage des einzelnen recievers und so waren die ganzen 1B leute billiger als normal zu haben.

  5. Golladay kriegt dann doch noch einen ganz vernünftigen Deal von den Giants – nur leicht unterhalb der ursprünglichen Erwartung:

    „Contested Catch Kenny“ mit gespaart mit „Danny Dimes“ klingt nach einer guten Connection. Giants müssen so langsam wissen was sie an ihrem QB haben, und das ist eine gute Verpflichtung dafür.

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