Die Nachwirkungen des NFL-Draft-Trade-Wahnsinns vom gestrigen Freitag

Der NFL Draft 2021 hat mit zwei Mega-Trades gestern Abend eine ganz neue Nuancierung bekommen. Verantwortlich für den ganzen Wahnsinn zeichnen die Miami Dolphins, San Francisco 49ers und Philadelphia Eagles.

Trade 1: San Francisco mit Miami

San Francisco hat das Geforderte gemacht und geht hoch von #12 auf #3 und schickt seine nächsten drei 1st Rounder und einen 3rd Rounder 2022 an die Miami Dolphins.

Damit ist klar: Die 49ers werden einen Quarterback draften. Dass sie noch gar nicht wissen welchen, zeigt wie tief der QB-Draft dieses Jahr besetzt ist. Es ist davon auszugehen, dass Jacksonville an #1 Trevor Lawrence zieht, die Jets an #2 den „jungen Aaron Rodgers“ Zach Wilson – damit bleiben prinzipiell drei Optionen für die 49ers:

  • Justin Fields / Ohio State
  • Trey Lance / North Dakota State
  • Mac Jones / Alabama

Vor allem der Name Jones geisterte letzte Nacht gefährlich oft durch die Runde. Es wäre schon ein ziemlich verblüffender Move, wenn die Niners solches Kapital in den nach common sense als QB5 eingestuften Jones investieren.

Wenn wir zwischen den Zeilen lesen („this year“), dann könnte es eher darauf hinauslaufen, dass der als extrem talentiert geltende Lance die Zielscheibe auf der Brust hat, denn bei Lance wird angenommen, dass man ihn wegen des großen Sprungs von der FCS hoch in die NFL etwas langsamer einführen muss:

Das Coole an dem Trade: Beide Teams sind Gewinner. Wenn wir davon ausgehen, dass die Niners einen Quarterback ziehen und Miami eh mit Tua Tagovailoa zufrieden war, dann gewinnen die 49ers den Trade auch mit dem massiven Ressourceneinsatz nach PFF WAR in 72% der Fälle, während Miami für sich sogar in 74% der Fälle besseren Value abstaubt.

Verlierer des Trades? Jimmy Garoppolo.

Für die Miami Dolphins war es zum Zeitpunkt des ersten Trades ein absolutes Traumszenario. Sie hatten im Big-Picture ihren OT Laremy Tunsil, der ihnen vor vier Jahren nur wegen des berühmten „Gasmasken-Skandals“ überhaupt Mitte der ersten Runde in den Schoß gefallen war, in mehreren Stufen über die Texans und 49ers zu sagenhaften vier (!) zusätzlichen 1st Round Picks umgewandelt:

Trade 2: Miami mit Philadelphia

Doch dann fädelten die Dolphins einen zweiten Trade ein, den ich ehrlich gesagt nicht verstehe: Sie verballerten ihren #12 Pick und einen ihren 1st Rounder 2022 um mit den Eagles zu tauschen und hochzugehen auf #6:

Ich kapiere die Idee dahinter nicht. Wollten die Dolphins sichergehen, dass sie einen der besten Non-QBs wie OT Penei Sewell, WR J’Marr Chase oder TE Kyle Pitts mit 100%iger Sicherheit bekommen? Das wäre ein extrem teurer Trade.

Oder spekulieren sie darauf, dass Atlanta und Cincinnati an #4 und #5 der Draftreihenfolge weder Quarterback draften noch einen Trade-Down einfädeln, und dass der viertbeste Quarterback ihnen an #6 in den Schoß fällt? Wenn ja, wäre es ein vertretbarer Preis, aber: Warum haben die Dolphins dann nicht bis zum Draft gewartet um Sicherheit zu haben?

I DON’T GET IT.

Die Eagles werden damit wohl erstmal mit Jalen Hurts ihr Glück versuchen. Der Trade ist aus Eagles-Sicht aber weniger als Vertrauensbeweis in Hurts zu interpretieren als vielmehr Zeichen dafür, dass GM Howie Roseman die geringe Wahrscheinlichkeit erkannt hat, dass ein QB auf #6 runterfällt. Und jeder Trade-Versuch nach oben scheiterte wohl an den preislichen Vorstellungen von Dolphins und Co.

Festzuhalten bleibt: Für die Eagles ist der Trade ein klarer Gewinn. Sie ziehen in 67% der Simulationen besseren WAR aus dem Move. Die Dolphins können den Trade nur dann ebenfalls gewinnen, wenn sie einen QB draften. Aber ich fürchte, das ist nicht der Plan – sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass dann noch einer der Big 4 zu haben wäre.

Also neue Draftreihenfolge fürs erste:

#1 Jacksonville
#2 NY Jets
#3 San Francisco
#4 Atlanta
#5 Cincinnati
#6 Miami
#7 Detroit
#8 Carolina
#9 Denver
#10 Dallas
#11 NY Giants
#12 Philadelphia

Miamis Ertrag: Gut, aber nicht überragend

Die Dolphins haben im Gesamtpaket aus den beiden Trades von gestern starken Mehrwert erwirtschaftet, wenn man davon ausgeht, dass sie in Tua bereits die zufriedenstellende Quarterback-Lösung im Kader haben (was nicht eindeutig ist). Ihr Gesamtpaket, den #3 Overall Pick in den #6 Pick, einen weiteren künftigen 1st Round und einen 3rd Rounder umzuwandeln, führt in 68% der Simulationen zu einem besseren Resultat.

Bloß: Die Colts, die vor drei Jahren im „Sam-Darnold-Trade“ ebenso von #3 auf #6 runtergingen, haben damals mit drei hohen 2nd Roundern den eindeutig besseren Gegenwert erhalten – sogar wissend, dass sie damals in Andrew Luck den Franchise-QB im Kader hatten, den die Miami Dolphins in Tua nur vielleicht haben.

Aber ich fürchte, die beiden Trades einfach zusammenzuaddieren wird der Sache nicht gerecht. Es waren zwei isolierte Trades, die nicht als „3 way trade“ passieren mussten. Miamis Up-Trade mit den Eagles ist einfach teuer und missachtet einmal mehr extrem das, was der Draft im Kern ist: Ein Stochern im Dunkeln.

Die Antwort lautet Tua

Tua ist wohl „the man“ in Miami. Es ist kaum vorstellbar, dass Miami seinen erkauften #6 Pick in einen QB investiert. Es wäre ein faszinierender Twist in dem ganzen Trade-Wahnsinn, doch ich traue einem NFL-GM solche Eier nicht zu.

Mit der einzigen QB-Option Tua geht Miami ein hohes Risiko ein. All die hohen Draftpicks haben letztlich nur bedingten Wert, wenn der Quarterback in Miami sich nicht zu einem hochklassigen Spielmacher entwickelt – etwas, das nach Tuas schwachem Rookiejahr infrage gestellt werden muss.

Allerdings: Das Offensivpersonal wird besser sein (WR Fuller ist schon da, ein Offense Tackle oder Skill Player wird folgen). Tua wird seine erste volle Offseason haben und ein weiteres Jahr weg von seiner kritischen Hüftverletzung sein. Jahr 2 ist bei Quarterbacks üblicherweise das Jahr mit dem größten Sprung nach vorn.

Lass uns hoffen, dass sich Miami nicht verzockt.

Gehen vier Quarterbacks in den ersten vier Picks?

Zum dritten: Dass die ersten drei Picks im Draft 2021 Quarterbacks sein werden, steht nach gestern außer Frage. Dass sogar erstmals in der NFL-Geschichte die ersten vier Picks für Quarterbacks gezogen werden, ist seit gestern noch wahrscheinlicher geworden. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass ein Deshaun-Watson-Trade in dieser Offseason längst nicht mehr so wahrscheinlich ist wie noch im Februar gedacht.

Atlanta hält momentan das Wahlrecht – und die Falcons sind eine komplette Wildcard. An sich müssten sie Interesse daran haben, den guten Quarterback-Jahrgang auszunutzen um den mittelfristigen Umbruch einzuleiten. Aber sie haben erst vor wenigen Tagen den Vertrag von Matt Ryan umstrukturiert und guarantees in die Zukunft geschoben. Wie das konzeptionell mit einem QB-Pick einhergeht, muss mir erst einer erklären.

Atlanta hätte natürlich theoretisches Interesse an Skill-Playern wie Chase oder Pitts: Julio Jones ist 32, Calvin Ridley wird 28 und will in Kürze einen dicken Vertrag.

Doch bei den Pass-Catchern ist dieser Draft in der Spitze so stark besetzt, dass die Falcons auch mit einem Verkauf ihres #4 Picks noch genug Optionen darauf haben sollten – z.B. wenn sie noch in den Top-10 bleiben.

#8 Carolina und #9 Denver sollten jeweils starkes Interesse an einem QB-Pick haben. Da Atlanta einen solchen vielleicht gar nicht bei einem Divisionskonkurrenten sehen will, ließe sich ein nettes Wettbieten einfädeln („Ja ihr Panther kriegt den QB, aber nur wenn ihr einen 1st obendrauf legt, das müsst ihr verstehen“).


Einer der Verlierer von gestern könnte New England sein. Für die an #15 sitzenden Patriots dürfte der Preis jetzt noch weiter gestiegen sein, da die QB-needy Teams in den Top 10 noch immer QB-needy Teams sind. Die Patriots, die aus meiner Sicht ihre Offseason nur dann als Erfolg verkaufen können, wenn sie mit einer „shiny“ QB-Lösung rauskommen, werden nicht unter drei 1st Roundern plus X rauskommen – und müssen sechs, sieben Spots Startnachteil gegenüber Denver oder Carolina gutmachen.

Das wahrscheinlichste Szenario ist jetzt, dass Denver die #4 bekommt – wenn die Broncos nicht „geLocked“ sein wollen.

Abschlussgedanke: Ein wahnsinniger NFL-Freitag. So kann’s weitergehen. Ich bin gut einen Monat vor dem Draft jetzt richtig gehypt.

20 Kommentare zu “Die Nachwirkungen des NFL-Draft-Trade-Wahnsinns vom gestrigen Freitag

  1. Deine Meinung zu Jimmy G zu den Pats?
    Da geistern ja viele herum die das sehen wollen. Teils mit Ideen wie die 49ers die Jimmy cutten. Obowhl mehrere Teams an einem Trade interessiert sein sollen…wie den Broncos.
    Das kann ich mir nun gar nicht vorstellen.

    Und selbst ein Trade fände ich riskant. Dann würde man mit Rookie und Rosen an den Start gehen, der selbst erst gerade zu den 49ers gewechselt ist.

  2. Garoppolo würde immerhin die Zonen am Feld bedienen, die die Patriots für 2021 mit den ganzen Tight Ends eh im Blick haben: Die Spielfeldmitte.

    Wie Garoppolo mit heutigem Wissen aber als eindeutiges Upgrade gegenüber Cam Newton bzw. langfristige Lösung verkauft werden soll, wenn er im QB-freundlichsten Scheme der NFL so entbehrlich geworden ist, dass die Niners drei 1st Rounder in die Hand nehmen um ihn abzulösen, das muss man mir aber erst erklären.

    Die Patriots sollten eigentlich an einer Lösung mit „High End Potenzial“ interessiert sein.

  3. Vielleicht hoffen die Dolphins ja drauf, dass ein QB bis an 6 fällt, ein Team einen Panik move macht um an 6 zu kommen und dafür komplett überbezahlt (nach dieser FA vllt sogar die Patriots). Ist ne verrückte Idee, aber bei manchen ungeduldigen und unter Druck stehenden GMs auch nicht komplett weit hergeholt.

  4. Zumindest gibt es jetzt auf längere Zeit die Diskussion, ob man die beiden Trades nur einzeln oder nur zusammen werten muss. Je nach welchem Lager man sich zuordnet, wird das Ergebnis anders ausfallen. Und die Gegenseite hat natürlich komplett unrecht.

  5. Lager Trades zusammenzählen = Dolphins
    Lager Trades separat anschauen = alle anderen

    Zwei 1st um 6 Spots hochzugehen um einen WR oder OT in einer WR und OT lastigen Draft zu holen ist schon ein extremer Move das erinnert als den Sammy Watkins Trade. Der ist auch nicht so gut gegangen damals …

  6. Effektiv hat Miami für den Move von 3 auf 6 einen 3rd-Pick 2022 und einen 1st-Pick 2023 bekommen.

    Sie haben 2021 fünf Picks in den ersten drei Runden, 2022 vier und 2023 vier. Davon 2023 zwei Erstrundenpicks.

    Die Frage ist ja, wäre für diesen Move mehr drin gewesen?

    Andererseits hat Miami immer noch eine gute Verhandlungsposition falls wer auf 6 will. Und die Eagles haben wahrscheinlich nix besseres bekommen.

  7. Aus Sicht der Eagles ist der Trade ja auch extrem gut. Zwei 1st, wenn man fast sicher eh keinen QB bekommen hätte, ist bei nur 6 Spots Downtrade überragend.

  8. Die Eagles dürften damit nächstes Jahr vermutlich sogar 3 firsts haben, falls Rivers wie erwartet ein 1st rounder statt 2nd wird, wenn er genug spielt.

  9. „Aber ich fürchte, die beiden Trades einfach zusammenzuaddieren wird der Sache nicht gerecht. Es waren zwei isolierte Trades, die nicht als „3 way trade“ passieren mussten. Miamis Up-Trade mit den Eagles ist einfach teuer und missachtet einmal mehr extrem das, was der Draft im Kern ist: Ein Stochern im Dunkeln.“

    Die Beatwriter der Phins sind sich allerdings einig, dass die Phins den ersten Trade ohne den zweiten nicht gemacht hätten, was auch immer das über Grier und Flores aussagt. Aus Miami Sicht muss man den Trade wohl doch als 3 Way anschauen.
    Auch wenn ich natürlich verstehe worauf du hinaus willst, der PHI Trade ist teuer nur um einen der Elite Prospects zu bekommen.

  10. Was meint ihr…Wenn die Niners Trey Lance draften und diesen ein Jahr hinter Jimmy G. geben um in der NFL anzukommen. Dann könnten sie doch nächstes Jahr noch wahrscheinlich gut was für Jimmy G. bekommen an Picks da es dann ja wahrscheinlich weiterhin viele Teams mit QB Need gibt. Jedenfalls wenn Jimmy G. die Saison halbwegs gut spielt. Weiß man schon wie der QB Jahrgang nächstes Jahr aussieht?

  11. Ist es wirklich sooo sicher, dass die Jets an 2 einen QB picken? Ich mein wir sprechen hier immerhin von den Jets. Ich kann mir absolut vorstellen, dass die auf einmal was völlig unerwartetes machen und z.B. OT Sewell auswählen 😀

  12. Die Kritik an Miami ist dann zwar eine andere, aber bleibt bestehen.
    1. Argumentation: 2 Trades.
    Erster gut, zweiter schlecht. Argunente sind genannt.

    2. Argumentation: ohne den uptrade hätten wir den downtrade nicht gemacht.
    In dem Fall ist das Problem, dass Teams (hier Miami, aber SF hat das in den letzten Jahren auch gern gemacht) den Mehrwert von Downtrades nicht sehen. (= mehr picks, mehr Lose in einem stark zufallsbasierten Lotterie-Draft)
    Im Prinzip ist es sinnvoll, wenn du in den Top 5 bist, so runterzugehen, dass du in der Range 17 bis 30 landest. Da kriegst du immenroch solide Starter auf WR, T, CB und für derartige downtrades kriegst du meist 3, 4 first rounder und/oder 3, 4 2nd rounder.
    Und du weißt nicht, ob du ein absolutes top Talent bekommst (siehe Kinlaw, Solomon Thomas). Die Differenz zu den soliden Startern später ist keinem Starte wert. Aber bei 3, 4 zusätzlichen Picks kriegst du 1 bis 4 zusätzliche solide Starter auf Rookie-Verträgen.
    Und das wird häufig auch vergessen: Upgrade = weniger Spieler auf rookie Verträgen, die wenn sie einschlagen aufm zweiten Vertrag teuer werden.
    Downtrade = 1 bis 5 Spieler auf rookie Verträgen. Du hast die Wahl welche du verlängerst und kannst sie später in Jahr 4 traden oder kriegst comp picks.

    Aaalso: der uptrade ist nur zu verteidigen, wenn man der Meinung ist, overconfidence und narzismuss auf GM Seite holt einem eine Super Bowl.

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