Für den Gelegenheitszuschauer: NFL Draft Primer 2021

Ich habe gestern über darauf geblickt, über wie viel Munition die 32 Mannschaften im heurigen NFL-Draft 2021 verfügen. Heute ein kurzer Überblick über die Draftklasse.


Wer sich intensiver mit der NFL befasst, der wird das meiste hier schon wissen. Ich habe mir erst in den letzten Wochen einen Überblick über die Draftklasse 2021 gemacht, und werde die gewonnenen Erkenntnisse Schritt für Schritt verschriftlicht posten.

En Detail, also wirklich Play-by-Play über viele Spiele, schaue ich mir nur relativ wenige Prospects an. Über meinen „Draft-Prozess“ habe ich schon letztes Jahr mal genauer geschrieben: Für mich geht es vor allem darum einen Überblick zu kriegen und dann auch etwas Neues über die Trends im Football zu lernen. Von zahlreichen Spielern auch in der oberen Hälfte des Drafts werden wir in der NFL gar nicht mehr so viel hören – insofern wäre Detail-Scouting von vielen von ihnen für mich eher Zeitverschwendung.

Wo ich wirklich viel gesehen habe: Die fünf Top-QBs. Zu ihnen habe ich bereits eine relativ klare Meinung. Auch Receiver und Cornerbacks habe ich einiges gesehen. Auf diesen Positionen ist es schwierig klar Position zu beziehen. Edge-Rusher fand ich auch spannend. O-Line und Safety sind interessante Positionen, aber aus verschiedenen Gründen extrem schwierig zu greifen (O-Line ist eine komplexe Position, von der ich nach wie vor viel zu wenig verstehe, Safetys sind im Game-Tape nur selten vollumfänglich zu sehen).

Die besten Positionen

Der Draft 2021 ist ein offensivstarker Draft. PFF listet in den ersten 20 Positionen seines Big Boards nur sechs Verteidiger auf – unter den ersten 32 Picks sind es nur deren 13.

Die stärksten Positionen des Drafts sind Quarterback, Wide Receiver und Offensive Line. Dass das Quarterback-Thema den Draft dominiert, sollte mittlerweile auch bei Gelegenheitszuschauern angekommen sein.

QB Trevor Lawrence wird als #1 in Jacksonville gedraftet werden – alles andere wäre eine faustdicke Überraschung. Es gilt als gebongt, dass die Jets und 49ers an #2 und #3 ebenso Quarterbacks draften werden – nur welche ist noch nicht klar.

Es gilt als durchaus denkbar, dass auch an #4 ein QB gedraftet wird, von welchem Team auch immer. Es wäre das erste Mal ever, dass ein Draft mit vier Quarterbacks beginnt. Drei hatten wir schonmal (1999). Realistisch sind fünf 1st Round QBs und mindestens zwei Mid-Rounder:

  • Lawrence, Zach Wilson, Justin Fields, Trey Lance und Mac Jones als 1st Rounder
  • Davis Mills und Kellen Mond kriegen ziemlichen Mid-Round-Hype

PFF listet danach gleich sieben Wide Receiver in seinen Top-32, und hat insgesamt deren 13 in seinen Top-100 Spielern. Damit ist PFF nur wenig positiver bei den Receivern gestimmt als andere Draft-Portale. Unter diesen Glorreichen Sieben ist übrigens Kyle Pitts nicht vertreten. Der gilt als beste Playmaking-Waffe überhaupt. Warum er sich als Tight End und nicht auf der wesentlich besser bezahlten Wide-Receiver-Position listen lässt, ist mir nicht ganz klar.

Die Receiver können wir mit heutigem Wissen grob so einteilen:

  • Tier 1/Top-15: J’Marr Chase, Devonta Smith, Jaylen Waddle (plus Pitts)
  • Tier 1b/1te Runde: Rashod Bateman, Terrace Marshall
  • Tier 2 1te/2te Runde (Speedster und Slot): Elijah Moore, Rondale Moore, Kadarious Toney

Dahinter gehen die Meinungen dann schnell auseinander. Nur mal zwei Beispiele: Cade Johnson von South Dakota State ist bei PFF die #11, bei Matt Waldman die #35. Oder Amari Rodgers von Clemson: Adrian Franke hat ihn als #21, PFF als #23, aber bei Matt Waldman ist er die #10.

Der deutschstämmige Amon-Ra St. Brown gilt übrigens als Kandidat für die dritte oder vierte Runde. Die Receiver-Positionen verdienen aber auf jeden Fall noch genauerer Analysen.


Dazu gibt es mindestens fünf 1st-Round-würdige Offensive Tackles, von denen zwei immer wieder als mögliche Top-10 Picks genannt werden…

  • Tier 1/Top-15: Penei Sewell, Rashawn Slater
  • Tier 2/1te Runde: Christian Darrisaw, Dillon Radunz, Teven Jenkins

…und locker acht weitere Kandidaten für die 2te und 3te Runde. Eine große Wildcard ist Walker Little aus Stanford: Super-talentiert, aber zwei Jahre kaum gespielt.

Guard und Center sind auch stark besetzt. Richtigen 1st-Round-Hype kriegt zwar keiner der Prospects, aber es ist denkbar, dass mehr als eine Handvoll Prospects in der zweiten und dritten Runde vom Tablett gehen.

Und die Defense?

Defense ist wie eingangs erwähnt eher schwach besetzt. Es gibt etliche Freak-Athleten auf der Edge-Rusher-Position, aber keiner der Prospects hat einen Leistungsnachweis, der einen ganz hohen Pick rechtfertigt. Teilweise sind daran die Opt-Outs schuld. Zum Beispiel hat Miamis Gregory Rousseau 2019 sehr gut gespielt und wäre eigentlich wie gemacht gewesen für einen Durchbruch – aber dann setzte Rousseau wegen Corona die Saison aus. Ob man sich nun trauen sollte, einen Top-10 Pick für ihn zu investieren? Eher unwahrscheinlich.

Durchaus denkbar, dass der Run auf die Edge-Rusher diesmal erst gegen Ende der 1ten Runde, vielleicht erst mit der 2ten Runde, einsetzen wird. PFF hat keinen Edge-Rusher in seiner Top-20 gelistet, aber trotzdem deren 13 in den Top-100.


Defensive Tackle gilt als möglicherweise schwächste Position im ganzen Draft. Christian Barmore aus Alabama ist der einzige Tackle mit 1st-Round-Hype, aber selbst Barmore hat keine 800 Snaps am College gespielt.

Nicht viel besser sieht es bei den Linebackern aus. Micah Parsons ist für viele der insgesamt kompletteste Defense-Prospect im ganzen Draft und Parsons wird oft als möglicher Top-15 Pick genannt. Aber Parsons hat 2020 nicht gespielt und gilt charakterlich als tickende Zeitbombe.

Nur 2-3 weitere Linebacker könnten in der 1ten Runde oder knapp danach gedraftet werden, darunter Notre Dames oft genannter Jeremiah Owusu-Koramoah, dessen Namen du bitte bis zum Draft auswendig gelernt hast.


Kommen wir zum Defensive Backfield. Safety ist ähnlich wie Defensive Tackle besetzt: Wenig Berauschendes, aber einige interessante Mid-Round-Prospects. Dafür ist Cornerback die wahrscheinlich bestbesetzte Defense-Position. Ich zähle bei PFF fünf Cornerbacks in den Top-32 und insgesamt deren 16 in den Top 100.

Über den besten CB-Prospect gibt es Uneinigkeit. Viele sehen Caleb Farley als das größte Talent, aber Farley hat vor kurzem die zweite Rückenoperation in dieser Offseason machen müssen, und er hat 2020 nicht gespielt. Er wird damit schön langsam zur Wildcard: Supertalent, viele Sorgen, aber irgendwann spätestens Mitte/Ende 1te Runde wird ein Team das Risiko nehmen.

So sind die Söhne von Ex-Profis vielleicht als CB1 und CB2 an Farley vorbeigezogen: Patrick Surtain II und Jaycee Horn (Sohne von Joe Horn). Kurios: Nicht nur Patrick Surtain hatten wir schon einmal in der NFL, sondern auch Asante Samuel. Jetzt kommt also die nächste Generation. Wir werden langsam alt.

Hinter den Top 3

In den Top-10 dominiert momentan die Debatte um den besten „non QB Pick“. Nehmen wir die Skill-Positionen, so kommen mit Chase, Smith, Waddle und vor allem Pitts vier Namen infrage, die ganz oben gedraftet werden könnten – beginnend schon mit Atlanta. Der andere oft genannte hohe non-QB-Pick: OT Penei Sewell.

Cincinnati an #5 ist ein spannender Ankerpunkt für die Frage „was ist wichtiger“: Schutz oder Waffen für den QB? Wer für Pass-Protection steht, wird für einen Mann wie Sewell argumentieren. Wer es eher damit hält, dass es in der O-Line reicht, ganz einfach besser als katastrophal besetzt zu sein, der wird nach einer der genannten potenziellen Elite-Skill-Prospects rufen.

Spannende Diskussion zu dieser gar nicht unumstrittenen Frage gibt es unter diesem Tweet von Robert Mays:

Die Top 10 können noch zum Spektakel werden, denn die momentane Draft-Reihenfolge ist längst nicht in Stein gemeißelt. Atlanta an #4 hat alle Optionen offen: QB draften, Skill-Position draften, Trade-Down-Optionen in Erwägung ziehen.

Cincinnati ist üblicherweise kein großes Trade-Team, aber selbst die Bengals könnten bei einem Wettbieten verleitet sein, ein paar Spots runterzugehen und zusätzliche Picks einzusammeln.

Ähnliches gilt für #6 Miami und #7 Detroit. Wobei Miami seinen sehr teuren Trade von #12 auf #6 mutmaßlich mit dem Hintergedanken eingefädelt hat, einen der oben genannten Top-Prospects abzugreifen: Sewell, Chase, Pitts, Waddle, Smith.

#8 Carolina und noch mehr #9 Denver und auch #15 New England könnten mit Nachdruck versuchen, sich in Position für einen Quarterback zu bringen. Wie hoch sie dafür geben müssen, wird die Zeit zeigen. Momentan hält Atlanta den Schlüssel dafür in der Hand.

Und sonst so?

Erwarte ich – wie nun schon mehrmals geschrieben – durchaus Bereitschaft zu Trade-Downs, wenn wir einmal in der Mitte der ersten Runde angelangt sind. Theoretisch sollte in einer Draftklasse, in der es schwieriger ist als gewohnt, Talent einzuordnen, Interesse an möglichst vielen Mid-Round-Picks existieren. Die Frage ist, ob es genug Teams gibt, die gewillt sind, hochzugehen um diese Verkaufslust der Teams zu befriedigen.

Was auch noch auffällt: So richtig „offizielle“ Measurements gibt es diesmal ohne Combine nicht. Die reinen Abmessungen der Körpermaße sind zwar alle okay, aber den athletischen Tests auf den Pro-Days scheint niemand zu recht zu vertrauen. Nicht nur die 40-Yards-Sprintzeiten sind auffällig niedrig und vermitteln eher das Feeling von 35-Yards-Sprints.

Wobei es durchaus auch logische Erklärungen für die guten Testwerte geben sollte: „Heimvorteil“ im gewohnten Umfeld, aber auch die wesentlich längere Vorbereitungszeit (Combine ist schon Ende Februar).

Üblicherweise sind Pro-Day-Testwerte um ca. 1-2% besser als in der Combine, was aber auch einen anderen Grund haben könnte: Dass dort in vergangenen Jahren vor allem die Prospects nochmal angetreten sind, denen die Combine misslungen war. Erinnert sich noch jemand an den Namen Cameron Dantzler?

5 Kommentare zu “Für den Gelegenheitszuschauer: NFL Draft Primer 2021

  1. Wie sieht eigentlich das RB Feld aus? Normalerweise gibt es da ja auch immer für ein/zwei Kandidaten 1st Round Hype… und irgendjemand beißt an, der Diskussion um Sinn oder Unsinn eines frühen RB Picks zum Trotz…

  2. Schwächste Position neben Safety den meisten Portalen zur Folge.

    Travis Etienne, Javonte Williams und Najee Harris kriegen 2nd Round Hype, aber dahinter ist relativ schnell Licht aus.

  3. Ich zittere schon, weil viele Kommentatoren meinen Steelers ob des unterirdischen Run Games letztes Jahr an #24 einen RB hinschreiben…

  4. Santiago, da bist Du mir zuvorgekommen. 😀
    Ich wollte gerade schreiben: „Korsakoff, Dein Wort (2nd round Hype) in Gottes Ohr“

  5. Pingback: NFL Draft 2021 für den Gelegenheitszuschauer | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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