X und Slot

X und Z Y. Du siehst: Es geht heute um Wide Receiver.

Die Suche nach dem X

Wir haben schon gelernt: Die Gretchenfrage bei Wide Receivern lautet „Kann der Receiver Press Coverage schlagen?“

Und Press-Coverage müssen vor allem die X-Receiver schlagen.

Beginnen wir mit einem Mini-Exkurs über die Receiver-Positionen, die ich mit Absicht im Plural nenne. Denn X-Receiver (Split End), Y-Receiver (Flanker Slot) und Z-Receiver (Flanker Slot) erfordern prinzipiell unterschiedliche Skill-Sets. Ich habe darüber vor zwei Jahren mal etwas genauer geschrieben.

Alle drei Rollen sind in der heutigen NFL Standard, da Offenses in über 60% der Fälle in einer 11-Personnel-Aufstellung auflaufen, also mit drei Wide Receivern plus einem Tight End.

Der X-Receiver ist unbestritten der wertvollste. Er ist einer von sieben Leuten in der Football-Aufstellung (neben den fünf O-Linern und häufig dem Tight End), der direkt an der Line of Scrimmage stehen muss und sich damit nicht vor Press-Coverage drücken kann.

Gegen Press-Coverage, also im Tänzchen mit dem direkt vor dem Gesichtsgitter fuchtelnden Cornerback im Antritt von der Line of Scrimmage zu gewinnen, ist die Königsdisziplin im Repertoire eines Wide Receiver.

Wer konstant gegen Press Coverage gewinnt, wird sich häufig freilaufen und damit nicht bloß potenzielle Anspielstation für den Quarterback sein, sondern vor allem auch zusätzliche Ressourcen der Defense auf sich ziehen. Das macht innen und an der gegenüberliegenden Seite des Spielfelds viele Räume für die Teamkollegen frei.

Allein der Zweikampfsieg an der Anspiellinie ist natürlich nicht genug. Der X muss seinen im Antritt gewonnenen Vorsprung auch downfield halten. Er muss zumindest in Spurenelementen vertikale Gefahr ausstrahlen. Das geht entweder durch Geschwindigkeit und Freilaufen („Separation“) oder durch Gewinn am Catch-Point („Contested Catches“).

Ich habe beim Lead-Blogger gestern die Frage gestellt, welcher Prospect in der Draftklasse 2021 am besten für diese Rolle als Press-Coverage schlagender X-Receiver infrage kommt. Die Antwort der Kollegen lautete unisono: J’Marr Chase.

Chase hat zwar nicht die ideale Körpergröße für einen X (er ist nur 6‘1, also ca. 1.86m), und er hat nicht die allerflinksten Beine – aber er qualifiziert sich mit brachialer Physis für die X-Rolle. Chase hat am College bei LSU gegen eine ganze Latte an gegenwärtigen und künftigen NFL-Cornerbacks gewonnen.

Downfield gilt seine „Separation“ als nicht vergleichbar mit Receivern wie Waddle oder Devonta Smith. Ich bin mir ehrlich gesagt dessen gar nicht so sicher. Chase ist brutal gut darin, sich auf engstem Raum Platz zu verschaffen. Er ist oft nicht meterweit offen. Aber immer offen um angespielt zu werden. Du brauchst halt den QB mit der Traute ihn im Fenster anzuwerfen. Dann wird Chase in vielen Fällen Nuk-Hopkins-like mit dem Ball rauskommen.


Ich war allerdings ehrlich überrascht, dass nicht mindestens einer Kyle Pitts von Florida genannt hat. Der ist zwar als Tight End nominiert, hat aber das Skill-Set eines Riesen-Receivers.

Pitts hat mit 6‘4 und 240 Pfund die Gardemaße für einen echten X. Er ist beweglicher als gewöhnliche Tight Ends und mit starken Händen und seinem hünenhaften Körperbau physisch genug um am Catch Point zu gewinnen.

Der ehemalige NFL-Defensive-Back Eric Crocker hat es eigentlich ziemlich treffend beschrieben:

Kyle Pitts stands at 6-foot-6 and weighs in at 240 pounds. At that size he is excellent in and out of his breaks, has quick feet at the line of scrimmage, and is dominant at the catch point. Kyle Pitts is the ideal X-receiver in the 2021 draft. The only thing is that Pitts played tight end at Florida. At the next level Pitts is your X-receiver in 11 personnel and your “move” tight end in 12 personnel.

The fact that you can make the case for Pitts being at the top of two different positions speaks to the dynamic skill set he possesses. Bottom line is that Kyle Pitts is a playmaker wherever he plays on the field. Specifically at the X position outside, Pitts uses his size to shield defenders well. Vertically, Pitts can win the jump ball with ease.

Pitts kriegt so viel Hype wie kein Tight End in den letzten zehn Jahren des Drafts. Ich kann mich erinnern an Vernon Davis oder ganz zu Beginn meiner NFL-Zeit Kellen Winslow jr., die Mitte der 2000er mit ähnlichen Vorschusslorbeeren in die NFL kamen.

Davis und Winslow brauchten beide ein paar Jahre zur Akklimatisierung. Die Tight-End-Position gilt auch als verdammt schwierig auf Profiniveau schnell zu erfassen. Für Pitts könnte er sogar ein Vorteil sein, schnell vorzüglich als X-Receiver in der NFL eingesetzt zu werden. Es erlöst ihn erstmal von der Bürde des Blockens (worin er nicht als „schlecht“ beschrieben wird, aber ist halt zusätzliche Dimension). Und es ermöglicht, ihn in seinen größten Stärken in Szene zu setzen.

Ich frage mich sowieso warum Pitts nicht darum kämpft, als Receiver für die NFL nominiert zu werden – schließlich droht ihm im Fall des Durchbruchs immer ein durch die billige TE-Franchise-Tag ein gedeckelter Vertrag (selbst Kelce oder Kittle bekommen ein paar Millionen pro Jahr weniger als die Receiver-Elite). Denn Pitts projected als X-Receiver, Y-Move-TE, H-Back. Er gibt Receiver her, er gibt Tight End her, er gibt Gadget her.

Die Suche nach dem Slot-Receiver

PFF-Podcaster Sam Monson hat vor ein paar Tagen eine interessante These aufgeworfen: Teams sollten auf das „Slot“ in „Slot-Receiver“ pfeifen.

Warum?

Nun: Obwohl Slot-Targets insgesamt sogar etwas produktiver sind als Outside-Targets (Spielfeldmitte ist einfach effizienter), sind Top-Wideouts wertvoller als reine „Slot-Receiver“.

A.J. Brown. Justin Jefferson. Davante Adams. Robby Anderson. Terry McLaurin. Stefon Diggs. Tyreek Hill. Chris Godwin. Allen Robinson.

Es ist die Crème-de-la-Creme der NFL-Receiver. Sie alle sind in den Top-20 nach Slot-Yards pro gelaufener Route (YPRR = Yards per Route-Run) vertreten. Brown und Jefferson führen die Liste sogar überlegen an, Adams ist die #4 hinter Brandon Aiyuk.

Unter den Top-10 Receivern nach Slot-Yards pro gelaufener Route war 2020 nur ein einziger Receiver, der mehr als ein Drittel im Slot spielte (Julian Edelman mit 74%). Nur fünf der 20 produktivsten Receiver im Slot haben dort mindestens zwei Drittel ihrer Snaps gespielt (Edelman, Cole Beasley, Keke Coutee, Chris Godwin, Curtis Samuel).

RangReceiverSlot YPRRAnteil Slot-Snaps
1A.J. Brown  4.0616%
2Justin Jefferson  2.9930%
3Brandon Aiyuk  2.8224%
4Davante Adams  2.6933%
5Adam Thielen  2.4127%
6Robby Anderson  2.3933%
7Julian Edelman  2.2474%
8Brandin Cooks  2.2330%
9Marquez Valdes-Scantling  2.1933%
9Terry McLaurin  2.1931%
11Cole Beasley  2.0889%
12Jarvis Landry  2.0757%
13Stefon Diggs  2.0232%
14Cooper Kupp  1.9962%
15Tyreek Hill  1.9859%
16Keke Coutee  1.9774%
17Allen Robinson II  1.9229%
18Marquise Brown  1.9122%
19Chris Godwin  1.8466%
19Curtis Samuel  1.8471%
Zahlen von PFF.com

Wir sehen: Top-Receiver sind außen wie innen produktiv. Dasselbe kann man umgekehrt nicht behaupten. Unter den 20 produktivsten Receivern nach Yards pro allen gelaufenen Routen ist nur ein einziger Receiver, der mehr als zwei Drittel im Slot spielt (Braxton Barrios), und nur drei weitere haben mehr als 50% im Slot gespielt (Tyreek Hill, Jakobi Meyers, Jarvis Landry).

Ein ähnliches Bild hatten wir auch 2019: Nur vier der zehn produktivsten Slot-Receiver haben mehr als ein Drittel im Slot gespielt. Nur zwei der 20 produktivsten haben mehr als zwei Drittel im Slot verbracht.

Unter den 20 insgesamt produktivsten Receivern waren 2019 nur zwei echte Slot-Receiver (Hunter Renfrow und Cooper Kupp) mit mehr als zwei Drittel Slot-Snaps.

RangReceiverSlot YPRRAnteil Slot-Snaps
1Michael Thomas3.3532%
2Deebo Samuel2.8926%
3Robert Woods2.5534%
4Davonte Adams2.4927%
5Mecole Hardman2.4850%
6Courtland Sutton2.3519%
7Julio Jones2.2822%
8Cooper Kupp2.2767%
9Mike Evans2.2429%
9Chris Godwin2.2263%
11Kenny Golladay2.1716%
12Allen Robinson II2.1641%
13Adam Thielen2.1331%
14Odell Beckham jr2.0723%
15Hollywood Brown2.0435%
16Tyler Lockett2.0169%
17Tyreek Hill1.9453%
18DeAndre Hopkins1.9238%
19Keenan Allen1.9152%
19Jarvis Landry1.9062%
Zahlen von PFF.com

Schau auf den Receiver, nicht den Slot!

Die logische Schlussfolgerung aus dem ganzen: Die besten Receiver sind gleichzeitig die besten Slot-Receiver. Sie bieten den Mehrwert, außen und innen erfolgreich einsetzbar zu sein. Das macht die Receiver-Talente, die primär außen gut können, eindeutig wertvoller. Reine Slot-Receiver sind dagegen auf den Slot begrenzt – und werden selbst dort durch die produktiveren Wideouts in den Schatten gestellt.

Also: Die Projection muss sich zu allererst darauf fokussieren, ob Receiver Press schlagen können, denn davon runter gibt es einen „trickle down“ Effekt. Wer Press schlagen kann, wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch in den anderen Facetten des Receiver-Spiels stark sein.

Letztes Jahr waren Justin Jefferson und K.J. Hamler als Freak-Athleten mit sehr wenigen „outside snaps“ am College die großen Fragezeichen im Scouting. Von Hamler haben wir in der NFL noch nicht viel gesehen. Jefferson dagegen ist in der NFL nach außen geschoben worden und hat eingeschlagen wie eine Bombe.

Für den Draft 2021 würde ich ein genaueres Auge auf Leute wie Elijah Moore werfen. Moore hat am College 93% der Snaps im Slot gespielt (2020 immer noch 82%) – eine extrem hohe Quote. Es gibt wenige Anzeichen dafür, dass Ole Misses Coaches überhaupt darüber nachgedacht haben, Moore nach außen zu schieben. Es wäre im Gegensatz zu Jefferson auch nicht so, dass dort draußen Granaten wie Chase oder Terrace Marshall, zwei potenzielle 1st Rounder im heurigen Draft, rumgelaufen wären.

War es, weil Moore im Slot so produktiv war? Oder war es, weil die Coaches wussten, dass er es nicht kann?

Auch bei einem Kadarious Toney (86% Slot in 2020), Rondale Moore (84% Slot in 2020) oder Amari Rodgers (83% Slot in 2020) – ja sogar bei einem Jaylon Waddle (62% Slot in 2020) sollten wir noch einmal genauer hinschauen. Alles teilweise extrem hoch gehandelte Leute, bei vielen wird aber in erster Linie ihre „Slot-Qualität“ aufgeregt diskutiert.

Bloß viel im Slot gespielt zu haben ist für sich kein K.O.-Kriterium, wie nicht zuletzt das Beispiel Jefferson zeigt. Doch der Fokus in der Projection sollte bei all ihnen allen nicht darin liegen, was sie im Slot für Schaden anrichten können, sondern was sie insgesamt an Schaden anrichten können. Und daher ist es vernünftig, die allerhöchsten Picks für die besten All-Around-Talente einzusetzen. Denn für die wahre NFL-Receiver-Elite ist großartige Slot-Production nur das Abfallprodukt.

7 Kommentare zu “X und Slot

  1. Hatte im Kopf, dass Receiver in Green Bay eine One-Man-Show ist. Ganz überrascht, dass MVS 2020 unter den TOP10 Receivern ist 🙂

  2. Auf jeden Fall interessanter Artikel, danke dafür!

    Nur eine kleine Anmerkung: weil du schreibst „Z-Receiver (Slot)“, wird nicht normalerweise der zweite Outside WR als Z-Receiver bezeichnet und der Y ist im Slot?

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