Quarterbacks und das Problem der Hautfarbe

„Schwarze Quarterbacks“ ist ungleich „weiße Quarterbacks“. Ich würde die Quarterback-Diskussionen auf meinem Blog sehr gerne ohne das Attribut der Hautfarbe führen, aber es geht nicht. Die letzten Wochen haben wieder einmal gezeigt, warum.

Justin Fields

Justin Fields ist der QB-Prospect in der diesjährigen Klasse, der aus nicht rational greifbaren Gründen durch das Draft-Board zu fallen scheint – zumindest in den Medien. Fields ist der super-athletische Quarterback der Ohio State University, der trotz sensationeller Accuracy-Chartings und trotz Rakete von Wurfarm bis runter in die 4te Runde diskutiert wird, obwohl seine angebliche „Schwäche“ im Processing längst entmystifiziert worden ist.

Er kriegt auf die Fresse für seine angeblich mangelhafte Einstellung – wenige Monate, nachdem er sich lautstark für die Abhaltung einer College-Football-Saison unter standardisierten Sicherheitsbedingungen eingesetzt und danach mit gebrochenen Rippen fantastische Vorstellungen im College-Football-Playoff gezeigt hatte.

Justin Fields ist Schwarzer.

Wie schwarze und weiße Quarterbacks charakterisiert werden

Und wir wissen nicht erst seit dieser in der Washington Post vor ein paar Jahren diskutierten Studie, dass schwarze und weiße Quarterbacks in den USA nicht auf Augenhöhe diskutiert werden:

The results of this analysis are striking. Draft profiles discuss black and white quarterbacks using very different language. This language evokes the racial stereotypes noted in previous social science scholarship.

A white quarterback prospect is more likely to be discussed in terms of intangible internal qualities for which he himself is responsible. He is smart, displays intelligence, and understands the game. He is a leader with command of the huddle. He is consistent, calm, and poised. He is credited for his production. He is good or even outstanding. He appears to fit the prototype.

In contrast, a minority quarterback prospect is more likely to be discussed in terms of physical characteristics, to be judged erratic and unpredictable, and to have his successes and failures ascribed to outside forces. We learn about his hands, his weight, his frame, his body, parts of which are often either big or lean. He bolts prematurely, rather than stand in the pocket, or perhaps he hesitates before throwing dangerous passes. Less of a leader, he is asked to do things or given opportunities. His game has deficits. His footwork’s a mess. He has issues.

Stimmen und Gegenstimmen

Das Gute: Die Ungleichbehandlung wird verstärkt thematisiert – auch von Stimmen aus der NFL. Einer der Vorreiter ist der auf diesem Blog häufig zitierte und von mir hoch verehrte J.T. O’Sullivan, der langsam aus seinem Youtube-Nest kriecht und in den letzten Wochen eine verstärkte Bühne auch auf anderen Plattformen bekommen hat.

Ich muss meiner Anerkennung für J.T. nicht mehr weiter Ausdruck verleihen. Ich liebe J.T., auch weil er absolut keine Scheu hat das zu sagen was er denkt. Es war schon am 1. April in seiner Verarsche der Hot-Take-Industrie so, und vor kurzem legte er im PFF-Forecast-Podcast nach. O’Sullivan kritisierte lautstark den „racial bias“ in der Quarterback-Diskussion:

Solche Vorwürfe führen unweigerlich zu bissigen Gegenreaktionen. In dieser Woche war der Organisator der NFL Senior Bowl der Wortführer: Jim Nagy, ein aus allen Poren nach republikanischem Stereotypen schreiender Midwestener:

can speak only to personal experience gefolgt von we’re all past the things you are banging on. seems like people outside the NFL are ones who infuse race into it. Fingerzeigen auf die pöhsen sozialen Medien, nur kurz nachdem hochdekorierte Scouts aus der NFL einem späteren NFL-MVP-Quarterback wie Lamar Jackson einen Wechsel auf Wide Receiver nahe gelegt hatten.

Nagys Haltung im Austausch mit (dem meinen Bloglesern bereits bekannten) Quincy Avery ist problematisch aus mehreren Gesichtspunkten.

Sie streitet das Offensichtliche ab. Die Behauptung, dass weiße Quarterbacks nicht weniger Kritik ausgesetzt sind als ihre schwarzen Kollegen, ist natürlich lachhaft – aber Nagy streitet darüber hinaus auch ab, dass die Hautfarbe unterschwellig zu Messung mit verschiedenen Maßstäben führen kann. Nagys muss dafür nicht automatisch Rassist sein – aber seine Kommentare sind zumindest ignorant.

Schritt 1: Das Thema auf die Tagesordnung bringen

Das Problem ist letztlich wohl auch weniger, dass GMs und Scouts in der NFL und auch den Medien bewusst schwarzen QBs schlechtere Noten ausstellen – sondern, dass der oben geschilderte Bias die Evaluierung infiltriert ohne dass die Verantwortlichen es überhaupt so richtig zur Kenntnis nehmen.

Der erste Schritt dieses Problem anzugehen ist, es sich bewusst zu machen. Ein Nagy tut das nicht – und offenbar viele weitere Offizielle und Journalisten ebenso nicht. Das bleibt problematisch.

Und daher ist es wichtig, dass vernünftige Stimmen wie O’Sullivan den Finger in die Wunde legen. J.T. hat noch nicht die allergrößte Bühne (und Teile in mir hoffen, dass er in seinen Analysen nie Mainstream wird bzw. alles in mir hofft, dass seine Takes Mainstream werden). Doch seine Furchtlosigkeit ist erfrischend.

Vielleicht können wir Quarterback-Diskussionen irgendwann ohne Verweis auf die Hautfarbe führen. Bis dahin halte ich es wie ich es immer gehalten habe: Ich drücke einfach den schwarzen QBs etwas stärker die Daumen.

9 Kommentare zu “Quarterbacks und das Problem der Hautfarbe

  1. Man muss gottseidank nicht nur auf JT OSullivan verweisen, denn auch dieser Blog hat keine Scheu davor die schwierigen Themen anzusprechen. Danke einmal mehr dafür, ich hoffe du bekommst irgendwann auch mal die Aufmerksamkeit die du mit deiner Arbeit hier verdienst!

  2. “ […] aber Nagy streitet darüber hinaus auch ab, dass die Hautfarbe unterschwellig zu Messung mit verschiedenen Maßstäben führen kann. Nagys muss dafür nicht automatisch Rassist sein – aber seine Kommentare sind zumindest ignorant.“

    Volle Zustimmung! Gerade in letzten Jahr ist so häufig erklärt worden dass Diskriminierung nicht nur aus aktivem Rassismus, Sexismus etc kommt sondern ganz entscheidend auch unterschwellig existiert dass man Äußerungen wie von Nagy eigentlich nur damit erklären kann dass er sich mit der Diskussion um Diskriminierung nicht auseinander gesetzt hat oder es nicht will.

    Eine deutsche Quelle (unter vielen): Alice Haster

  3. Ich stimme dir 100 pro zu. Ich ertappe mich immer wieder selber wie ich bei jeden schwarzen QB automatisch davon ausgehe dass sie starke Scrambler sind während es mich vollkommen überrascht wenn ich lese dass ein Mitch Trubisky, Daniel Jones oder Trevor Lawrence auch sehr schnell laufen können. Natürlich ist Rassismus ein Problem und viele man hat das Gefühl dass weißen Quarterbacks eher Fehler verziehen werden als schwarze. Wie kann ein Sam Darnold noch mindestens ein Zweitrundenpick wert sein während James Winston für ein Apfel und ein Ei Backup ist?

  4. Das Statement von Nagy zeigt mir, dass man das Thema nicht erfasst hat und möglicherweise auch nicht will. Schwarze QB werden primär über ihre athletischen Aspekte und Ihre Gefahr als daul threat oder gar nur als Scrambler gelobt. Hab mir den PFF Talk mit JT O´Sullivan auch angehört und fand großartig wie er auf das Thema der unterschiedlichen Bewertung eingegangen ist, obwohl er aus dem Gesprächsverlauf einfach darüber hinweg gehen könnte. Ich mag aber auch seine unaufgeregte Art und das er nicht der Meinung ist alles zu wissen weil er mal gespielt hat. Natürlich ist es für den Zuschauer nicht immer befriedigend und daher glaube ich auch, wenn er bei seiner Art bleibt nur schwer Mainstream wird, da hier klare Aussagen und Rankings gewünscht werden.

    @seandr1893gre der Vergleich kam mir auch gleich in den Sinn und ist für mich auch nur schwer nachzuvollziehen.

    Ein anderes Thema dass mich zuletzt etwas nachdenklich gemacht hat ist, dass gefühlt mehr QB mit wenig Spielzeit aus dem College in die NFL drängen und unmittelbar Starter sein sollen. Lance und Jones haben je nur eine Saison als Starter hinter sich.Ich verstehe die Spieler Seite hinsichtlich der monetären Möglichkeiten und dem Verletzungsrisiko in einem zusätzlichen College Jahres sowie der Gefahr dass nach einem weiteren nicht so positiven Jahr ein Absturz im Draft droht. Aber als NFL Team holt sich Spieler die zum Teil nur 13 Spieler auf nationaler Bühne gemacht haben (Stichwort Sample Size) aus einem recht engen Korsett des Colleges in eine Profi Liga. Irgendwie komm ich da gedanklich nicht zusammen.

  5. Pingback: NFL Draft 2021 für den Gelegenheitszuschauer | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  6. Pingback: NFL und Homosexualität | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  7. Pingback: Kleiner Schritt in Richtung Normalität | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.