Ron Rivera über sein Verhältnis zu Analytics

Rivera war vor kurzem bei NFL Networks Rich Eisen zu Gast. Rivera erzählte davon, wie er einst ins „Riverboat“ stieg, und warum er trotzdem und obwohl er damit extremen Erfolg hatte, nix von Analytics hält.

Hier sind die sechs Minuten.

Auf dem Twitter-Feed von Ben Baldwin sind ein paar einzelne Schmuckstücke von Riveras Erzählung in verkürzter Form zu finden.

Two Point Conversion nach Touchdown zum Anschluss von 14 auf 8 Punkte Rückstand – Rivera: „If you do that, you just got the momentum back. And now if you go for 2 and you miss, now you’ve lost the momentum“.

Go for it in kritischen 4th Downs – Rivera: “I’ve had situations where we’ve gone for it with the analytics, and it didn’t happen out, and I was told, ‘Hey — it’s okay. You did what the analytics said.’ And to me… I struggle with that, because if I did what analytics said, and it said, ‘Nine times out of 10, you’re going to complete it, there’s that one time out of 10 you don’t.’ You know what I’m saying? So, how do you you’re going to be that one time out of 10 where you don’t? Where it isn’t successful? There is no guarantee. You can tell me all you want that… hey, it’s 99%. That’s good, but what if you’re that 1%? What about that one time it doesn’t work? Nobody talks about that until it happens.”

Leute wie der unvermeidliche Albert Breer klatschten sofort begeistert Beifall. Coaches dürften sich in High-Leverage-Situationen nicht auf die Stats verlassen, sondern müssten ihre Teams verstehen und das hieße „by the book“ zu gehen und sich daher in kritischen Momenten auf ihren Bauch verlassen.

IHRE TEAMS VERSTEHEN.

Das klingt umso witziger bei einem Coach, der jahrelang in seiner alten Denkschule wie die Lemminge Woche für Woche mit der besten Short-Yardage-Waffe der NFL (Cam Newton) 4th & shorts wegpuntete und dafür wieder und wieder bestraft wurde ohne auch nur ein Jota daran zu ändern.

Und obwohl Rivera nun sechs Minuten lang über „the analytics“ lästert, erklärt er lang und breit, wie er in Woche 3 der Saison 2013 dann doch zum Entschluss kam, ins Riverboat zu steigen und seine vollgeschissenen Hosen gegen frische auszutauschen. Ich erinnere mich noch gut an den Moment – “Wer ist Carolinas wahrer Coach?“:

 “It’s about trying to make a statement,” Rivera said of his fourth-down risks on Monday. “And it’s probably also honestly one of the things that I’ve learned. Sometimes you play by the book and you miss opportunities. It’s been an enlightening situation for me. One of the things that I want to try to do is to make sure we are in the best position to win. And the other realization is kicking field goals is obviously not good enough.”

(dieses Blog, Halloween 2013)

Rivera heute: Er sei damit erfolgreich gewesen. Die Success-Rate sei hoch gewesen. Rivera handelte analytisch – ohne es zuzugeben oder auch nur zu realisieren.

As Kuriose am ganzen: Riveras Biases sind eklatant – und führten trotzdem in einigen Situationen zu den richtigen Entscheidungen. So war er auch 2020 einer der besseren 4th Down Coaches in der NFL, obwohl er bei Rich Eisen sechs Minuten lang offenbarte keine Ahnung zu haben, warum.

Dass das alles mehr über den Zustand der Liga aussagt als über Rivera ist sowieso klar. Nicht jede Analytics-Handlungsempfehlung ist in jeder Situation die beste – doch wir haben gelernt, dass in der qualitativ eng beisammen liegenden NFL vielfach prinzipiell nur extreme Situationen wirklich signifikant von allgemeineren Analytics-Empfehlungen abweichen: Extremes Wetter oder extreme Personalsituation wären Beispiele dafür.

Doch Coaches fürchten – wie viele Menschen – den „Kontrollverlust“ (Anführungszeichen mit Absicht gesetzt) und klammern sich an den letzten Strohhalm, der ihnen erlernte Denkfehler bestätigt: Das Bauchgefühl. Gutes Gefühl ist wichtiger als guter Prozess ist wichtiger als gutes Resultat.

Wie hoch liegt die Messlatte für Analytics?

Riveras ausführlich beschriebene Angst vor dem einen Misserfolg in zehn Versuchen ist so irrational wie Bashing gegen Analytics nur werden kann. Ich denke Arif Hasan hat es am besten von allen ausgedrückt: Die beste Lehre aus diesem verunfallten Interview ist, dass „Analytics“ pauschal nicht daran gemessen wird was vergleichbare Methoden wie das Bauchgefühl liefern, sondern gemessen wird an „Perfektion“.

Was ironisch ist für ein Gebiet, das potenziellen Erfolg und Misserfolg so transparent macht.

17 Kommentare zu “Ron Rivera über sein Verhältnis zu Analytics

  1. WOOW. So ne Aussage tut als Wissenschaftler weh.
    ich glaube nicht, dass jeder im Team mit seinen Bauchgefühl-Entscheidungen zu 100 % d’accord geht.

  2. Ist halt wie in jeder Bürokratie:
    – Das haben wir noch nie so gemacht.
    – Das haben wir schon immer so gemacht.
    – Da könnte ja jeder kommen.

  3. Na immerhin hat das Rätseln über Riverboat nun ein Ende, ist ja auch schon mal was.

    Aber schon Hammer, da ist ja gar kein Gefühl (wohl besser Verständnis) von Zahlen. Angst vor dem einem Fall in 100 zu haben, in dem etwas schief geht🙄 einmal ab davon, dass böllog verachtet wird, wie hoch die Chancen für Misserfolg bei “go by the books” sind (puntblock ist ja auch ein mögliches Resultat….), frage ich mich schon, wie man mit der Einstellung NFL Headcoach werden kann… ist ja doch ein eher Risikobehafteter Beruf….

    Für Rivera habe ich trotzdem Respekt, für ihn als Person und als Coach. In anderen Bereichen scheint er durchaus seine Qualitäten zu haben.

  4. Ich finde solche Aussagen auch immer einfach extrem frustrierend. Da meint man, es geht voran mit Analytics und dann kommen wieder solche Sprüche, wo man sieht dass absolut Grundlegendes nicht verstanden wurde – und/oder nicht verstanden werden möchte.

    @ alexander
    Und es geht ja nicht mal nur um die (zugegebenermaßen ziemlich seltenen) Punt- oder Kickblocks, auch ein erstmal „erfolgreicher“ Punt kann ja im Endeffekt ein negatives Play werden (und wird es ziemlich oft), wenn du die gegnerische Offense nicht stoppst. Solche gesamtheitlichen Überlegungen – Stichwort EPA, WPA, … – fehlen halt komplett in diesen populistischen Aussagen von Ron Rivera (und vielen, vielen anderen Leuten …)

  5. Ich empfinde es immer wieder faszinierend wie Korsakoff den Finger in die Wunde legt mit dem „Kontrollverlust“.
    Und auch wenn man darüber schmunzeln kann das in diesem eng umrissenen Bereich des Sports die Zahlen nicht ernst genommen werden, so spricht es nicht nur über den Zustand des Sports sondern eben leider auch über die Gesellschaft.
    *schaut auf die Politiker in Zeiten von Corona*
    Was mich im Resultat dann einfach wieder nur den Kopf schütteln läßt.

  6. Du bist echt on fire in den letzten Tagen, Beiträge wie dieser und seit Mitte der letzten Woche sind der Grund warum dieser Blog noch immer die Nummer 1 im deutschen Bereich ist, so viele gute Alternativen es auch gibt.

  7. Ich muss FloJo zu 100% Recht geben. Dieses Blog ist *mit Abstand* die Nummer 1 im deutschen Bereich. Adrian Franke ist natürlich auch stark, aber der muss eben eine breitere Lesergruppe ansprechen, was man doch merkt.
    Die Kommentare hier spielen natürlich auch keine unwesentliche Rolle, sind immer sehr gehaltvoll und angenehm zu lesen!

  8. Ein Interview wie dieses sollte eigentlich zur sofortigen Entlassung führen. Das is commitment zu bad process.
    Damit kann man niemals über Position Coach an einer HS hinaus kommen.
    Was für eine erbärmliches rumgeseier.

  9. Kann meinen Vorrednern nur zustimmen: Es gibt immer mehr gute deutschsprachige Football-Blogs, aber dieses hier ist immer noch die klare #1.

    Wieder mal ein toller Artikel, wie so viele in den letzten Wochen/Monaten/Jahren.

  10. @Blub
    Also ich will Riveras Aussagen gar nicht im Kern verteidigen, da er wie von vielen angesprochen gar nicht wirklich weiß wovon er im Bezug auf Analytics redet, aber seine grundsätzliche Eignung zum HC in der aktuellen NFL in Frage zu stellen ist doch etwas arg over the top.

    1. Liegt sein Bauchgefühl, nach dem er ja wohl handelt, zumindest auf der aggressiveren Seite der NFL. Das sagt mehr, wie schon erwähnt, über die Liga an sich aus, als über Rivera, aberes ist da mit Abstand nicht der schlimmste.

    2. Die In-Game Entscheidungen sind halt immer einer der sichtbareren Teile der Coachingarbeit und stehen deswegen unter mehr Beobachtung. Was jetzt konkret Rivera aber in seinem ersten Jahr in Washington nicht nur abseits des Spieltages, sondern teilweise auch abseits des Footballs geleistet hat, ist für mich aller Ehren wert. Vor allem wenn man bedenkt, dass er noch gleichzeitig gegen den Krebs kämpfte. Washington war vor Rivera ein absolut dysfunktionales Team, bei dem jeder gute Spieler wegwollte (Trent Williams, Quinton Dunbar), die einen rassistischen Namen hatten und einen mehr als dubiosen Owner. Letzteres bleibt zwar erhalten, aber ansonsten hat sich das Bild vom WFT schon stark gewandelt.

    3. Solange an den Entscheidungstellen (GM/Owner) Leute sitzen die ähnlich wenig mit Analytics anfangen können wie der durchschnittliche HC, solange wird sich dieser nicht wegen falscher 4th-Down Entscheidungen rechtfertigen müssen. Coaches müssen gewinnen und den meisten Ownern (und auch den meisten Fans!) ist es egal wie das passiert. Gutes Beispiel ist Pete Caroll, der genug Angriffsfläche für Analytics bietet, aber halt seit 10 Jahren immer eine winning season hat. Sowohl von Fanseite als auch von Ownerseite kriegt er starken Rückhalt, wo es ja durchaus fraglich ist, ob Wilson nicht mit einem anderen Coach vllt erfolgreicher gewesen wäre.

  11. Ich würde nicht sagen, dass die Leute mit Analytics nicht anfangen können. Bei Ben Baldwins Bot kann man ja ganz gut sehen, wie die Gewinnchancen sind. Das Problem ist, du brauchst in dem Moment wo du dich z.B. entscheidest das 4th Down auszuspielen, schnell die entsprechenden Daten. Dazu kommt dann noch, wie schätzt der HC die „Stimmung“ der Spieler im Moment ein. Brauchen sie eher Sicherheit oder ist mehr eine aggressive Stimmung vorhanden.
    Z. B.

    Erfolgswahrscheinlichkeit beim Ausspielen 55%. Und nu? Braucht deine Mannschaft eher etwas Sicherheit wirst du das Field Goal nehmen. Hast du das Gespür, dass sie „heiß“ sind, dann ausspielen. Nix ist blöder, als wenn eine Mannschaft die gerade wackelt, dann durch die analytisch richtige Entscheidung, die aber nicht eintritt, sozusagen noch wackeliger zu machen.

    Ich glaube aber auch, hier braucht es einen geschulten „Berater“ der die Ergebnisse der Analytics für den Head Coach kurz und knapp aufbereitet. So nach dem Motto: die Wahrscheinlichkeit auf Sieg steigt etc. Ich glaube mit irgendwelchen Prozentzahlen bis du als HC in dem Moment überfordert.

  12. Riveras Interview zeigt aber eindeutig, dass es nicht nur an einem Einflüsterer mangelt, sondern am grundsätzlichen Interesse. Die Vorbehalte gegen Wahrscheinlichkeiten/Analytics sind extrem stark, wenn man sie wie Rivera an der Perfektion misst.

  13. Das Problem ist in dem Falle, dass das „Bauchgefühl“ nicht genauso aufgearbeitet wird. Da wären die Journalisten gefragt. Nach dem Motto, 3 von deinen 10 Bauchentscheidungen waren falsch und haben zu… geführt. Aber solange auch noch viele Journalisten und Moderatoren (den Lauf etablieren) genauso denken, wie Rivera wird sich nichts ändern.

  14. Es wäre zu viel erwartet von einem HC im Eifer des Gefechts ohne Daten ein entsprechendes Urteil zu fällen. Aber da liegt gar nicht das Problem.
    So einen Typen kann sich jedes NFL-Team leisten, der (mit eigener oder fremder Metrik) eine Tendenz abgibt. Nur werden es nur GM/Owner/HC tun, welche etwas von Analytics halten. Und selbst wenn der GM eine Analyticsabteilung anschafft, die dem Coach sagt, was er in dem Moment machen sollte, muss der Coach erstmal darauf hören. Und wenn er das nicht tut, müsste es auch erstmal Konsequenzen geben.
    Selbst die HC die wir aktuell als erfolgreich betrachten (BB, Reid, McVay, Shanahan, LaFleur, etc..) spielen in vielen Situationen nicht das, was analytisch sinnvoll wäre (bei 4th Down und 2PC).

  15. @Liesel: Ja, meine Rede.

    Es sei denn ein Disruptor zieht seinen Stiefel radikal durch, ist erfolgreich und kriegt die notwendige Presse dafür.

    Ravens 2019 und Packers 2020 waren Schritte auf dem Weg dorthin.

  16. Die Rationalität des Menschen wird stark überschätzt. Deshalb gibt es viele impfskeptiker: vorhandenes risiko wird überschätzt, der Schutz wird unterschätzt, da nicht 100%. Deshalb ist homöopathie so beliebt: keine Wirkung, aber auch keine Nebenwirkung.
    Fun Fakt am rande: analytics sagt beim fussball, dass trainerentlassungen nichts bringen. In der Bundesliga muss sich der 1.fc Köln derzeit dafür rechtfertigen, weshalb sie die letzten der Abstiegskandidaten waren, die den Trainer feuerten. Völlig irrational!

  17. Pingback: Was ist Analytics, und was ist gesunder Hausverstand? | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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