Was ist Analytics, und was ist gesunder Hausverstand?

NFL Networks Daniel Jeremiah (@movethesticks) hat gestern auf Twitter vom Smalltalk mit einem NFL-Defense-Line-Coach berichtet. Es ist ein kurzer Tweet, in dem einiges steckt:

Coaches ist natürlich bewusst, dass es sich im Pass-Blocking um ein „weak link“-Problem behandelt, ergo: Das schwächste Glied der Kette hat letztlich größeren Einfluss auf das Gesamtgeschehen als das stärkste Glied. Es ist wie die verunglückte Raumfahrtrakete „Challenger“ in den Achtzigern, die fast perfekt war – aber ein O-Ring war undicht und brachte die ganze Rakete zum Absturz.

Die Meinung des O-Line-Coaches ist weder überraschend noch originell. Aber sie deckt sich 1:1 mit dem, was PFF-Analytics seit Jahren predigt: Die Ressourcen in der O-Line sind besser investiert, indem man nach fünf guten anstatt drei herausragenden und zwei schwachen Spielern sucht. Siehe auch unseren Talk letzte Woche über den Wert von Tackles und Receivern.

Wer mehr als fünfmal dem PFF-Podcast von Sam Monson und Steve Palozzolo gelauscht hat, dem schellen bei solchen Gedanken unweigerlich folgende vier Vokabeln durch das Hirn: creep back towards average. Durchschnittlich anstatt katastrophal zu sein in Pass-Protection ist wertvoller als den Sprung vom Mittelmaß in die Oberstufe. Monson/Palozzolo sprechen in quasi jeder zweiten Folge in Dauerschleife darüber.

Es dauerte auch keine fünf Minuten ehe Palozzolo den bereits in Marketingprodukten veredelten Slogan raushaute – und zu meinem Erstaunen Jeremiah mit Unwissen reagierte:

Das impliziert, dass Jeremiah den Podcast nicht kennt. Wir wissen, dass mehrere Front-Offices regelmäßig PFF-Podcast hören um sich neuen Outsider-Input zu holen. Doch Beispiele wie dieses zeigen: Es sind längst nicht alle in der NFL/NFL-Medienwelt.

Auch PFFs Leute haben nicht die Wahrheit gefressen, aber gerade der Monson/Palozzolo-Podcast bringt jede Woche neue Gedankenanstöße zum NFL-Football, die zu einem scheuklappenfreien Denken animiert. Daher ist es auch einer meiner absoluten Lieblings-Podcasts.

Dass Jeremiah einen der wesentlichen Talking-Points des Podcasts als großartige Erkenntnis in die Welt hinausposaunt zeigt also zwei Dinge:

  1. Analytics-Ergebnisse finden nicht bloß in einer Bubble statt. Gesunder Hausverstand bestätigt immer mal wieder eine Erkenntnis (Ron Rivera schüttelt zustimmend den Kopf)
  2. Aber die Diskussionen darum sind längst noch kein Mainstream. Sie bleiben auf ein Randpublikum beschränkt, und gehen an Big-Guys wie eben Jeremiah aktuell noch völlig vorbei.

4 Kommentare zu “Was ist Analytics, und was ist gesunder Hausverstand?

  1. Da fragt man sich was Jeremiah den ganzen Tag macht. 😉
    Gerade im englischen Sprachraum wird es unzählige Podcasts, Blogs etc. geben. Da kann man nicht alles kennen. Andererseits zeigt es, dass PFF wahrscheinlich noch nicht im Mainstream angekommen ist.
    Die Frage ist ja, wie kann sich das ändern? Zum einem „steter Tropfen höhlt den Stein“ und zum anderen bräuchte man wahrscheinlich einen „Botschafter“ in einem der großen TV-Networks oder bei NFL Network.

  2. Es hat sicherlich auch viel damit zu tun wie jemand den Schwerpunkt seiner journalistischen Arbeit legt: Neben der Analyse von Teams, Spielen, Taktik, Spielzügen etc. kann man sich auch darauf verlegen den Lesern die Welt der in der NFL handelnden Personen nahe zu bringen. Dazu muss man dann nicht zwingend viele Analysen von Kollegen wie den PFF Podcast hören. Insofern würde ich nicht gleich behaupten dass Jeremiah seinen Job nicht richtig macht wenn er bei den Analyticsthemen nicht auf dem Laufenden ist.

    Aber wie Liesel schon sagt: Es zeigt halt was Mainstream und regelmäßiges Gesprächsthema in den NFL ist. (Das ist ja auch die Hauptaussage des Eintrags, um Kritik an Jeremiah geht es Korsakoff ja nicht wenn ich ihn richtig verstehe)

  3. Ich will jetzt Jeremiah nicht vorwerfen, dass er seinen Job nicht richtig macht. Ich bin mir sicher, dass es da soviel Input gibt, dass man als Journalist halt seine Schwerpunkte setzen muss und manche Sachen gar nicht so auf dem Schirm hat.
    Und mit den Analytics ist es ja eine schwierige Sache. Die reinen Daten und Fakten, ggf. auch das Grading der einzelnen Spieler ist ja noch relativ einfach nachvollziehbar. Schwieriger wird es dann wirklich, diese Daten im Zusammenhang zu interpretieren, z. B. dass es egal ist, wer RB spielt.

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