Von der grauen Maus zur Inspiration: Die Alex Smith Story

Gestern hat QB Alex Smith seinen Rücktritt erklärt. Smith war in seiner Karriere eine Katze mit sieben Leben. Zeitlebens eine graue Maus – und doch zuletzt absolute Inspiration.

Alex Smith ist einer der Typen, über die ich eine ganze Eloge schreiben kann ohne einen einzigen Fakt irgendwo nachschauen zu müssen.

Smith hat eine der ungewöhnlicheren NFL-Karrieren der letzten 15 Jahre hingelegt. Er war der #1 Pick im NFL Draft 2005 – jenem Draft, der berühmt wurde für die Bilder eines immer verzweifelter wartenden Aaron Rodgers. Rodgers hatte gehofft, von seinem Lieblings-Team, den 49ers, gezogen zu werden. Doch San Francisco zog Smith, der am aufstrebenden kleinen Football-College Utah für ein kleines sportliches Erdbeben gesorgt hatte.

Enttäuschung in San Francisco

Die Euphorie um den mobilen Smith war schnell verflogen: Smith spielte eine grausame Rookiesaison in einer völlig kaputten Offense. Die Stat-Line liest sich noch heute wie Horror: 1 TD, 11 INT.

Smith galt schnell als völlig verunsichert. San Franciscos Coaches reagierten und installierten Norv Turner als neuen Headcoach. Dessen Offense der langen Routen führte schnell zu verbesserten Leistungen bei Smith, doch Turner war ein Jahr später schon wieder weg.

Danach begann eine Leidenszeit für Smith, mit ständig wechselnden Offensive Coordinators, zahlreichen Verletzungen (halbe dritte und ganze vierte Saison verpasst). Das Publikum im Candlestick Park hatte Smith längst als Bust abgeschrieben und wunderte sich wohl, warum die Niners jener Tage keinen klaren Cut zogen.

Doch Smith überlebte als Stamm-QB die Ära des Schreckens unter dem old school coach Mike Singletary, der antiquierte Offense spielen ließ und San Francisco ein Jahr nach dem anderen ins Mittelmaß coachte.

Smith blieb sogar ein siebtes Jahr Stamm-QB, als Jim Harbaugh im Jahre 2011 aufpoppte. Harbaugh war von der Stanford University aus Palo Alto rübergewechselt und hatte einen Ruf als Quarterback-Sanierer. Smith, der bereits Vertragskürzungen hingenommen hatte, war einer der Profiteure des Luftwechsels und agierte ab der Saison 2011 wie ausgewechselt.

Es war die Zeit, die die später in Kansas City kultivierte Geschichte vom „game manager“ Smith begründete: Ein risikoarmer Spielstil für einen QB, der viele Bälle wegwirft und Sacks kassiert um bloß keine Interceptions zu werfen. Ab sofort warf Smith in keiner Saison mehr als 8 Interceptions.

Das erkaufte ihm Zeit. Im ersten Jahr unter Harbaugh ging es für die Niners in NFC-Finale, im zweiten Jahr in die Superbowl – doch die erlebte Smith nur noch als Backup: Zur Saisonmitte war er gegen den atemberaubenden Colin Kaepernick ausgetauscht worden, der in der Folge die stagnierende Niners-Offense mit seinem spektakulären Laufstil auf ein ganz neues Level hievte und für Sternstunden wie dem Viertelfinalspiel gegen die Packers sorgte.

Smith hatte seine Sternstunde ein Jahr zuvor gehabt – im Viertelfinale gegen die Saints, als er in einem der wildesten (und unterschätztesten) Playoffspiele der jüngeren NFL-Vergangenheit ein episches Comeback mit einem langen Scramble-TD hinlegte und nach vielen Jahren der Frustration endlich „seinen“ großen Moment feierte. Es sollte Smiths Höhepunkt in San Francisco bleiben.

Chef-Verwalter in Kansas City

Nach der Superbowl-Saison wurde Smith für zwei 2nd Rounder an die Chiefs verkauft. Dort hatte Andy Reid übernommen. Die Chiefs waren Anfang 2013 ein Torso: Jahrelange sportliche Talfahrt, null Hoffnung auf einen Franchise-QB (der Draft 2013 war ein fast schon historisch schlecht besetzter), null Atmosphäre wenige Monate nach dem Tiefpunkt eines Mord/Selbstmordes eines Spielers auf dem Trainingsgelände.

Aber mit Smith ging es schnell aufwärts: Kansas City qualifizierte sich dreimal in den ersten vier Jahren für die Playoffs. Smiths Stil wurde immer extremer: Die INT-Rate sank fast auf null, dafür gingen die Sack-Zahlen nun konstant auf über 45. Smith war durchaus nicht ineffizient: In einer hervorragend geschemten, aber quasi ohne Wide Receiver operierenden Offense, war er der Mann, an dem Wohl und Wehe hing.

Leider klappte es in den Playoffs nie so recht. Es gab zwar Siege über die unterirdischen Texans, aber auch bittere Pillen wie eine Pleite gegen die Colts nach 28-Punkte-Führung, oder wie das 16-18 bei klirrender Kälte zuhause gegen die Steelers, die noch nichtmal einen Touchdown brauchten für das Upset.

Und so erlebte Smith während seines dritten Frühlings im Frühjahr 2017 schließlich sein Deja-vu: Wieder wurde ihm ein junger QB-Spund vorgesetzt. Patrick Mahomes II. Die Geschichte seither ist bekannt: Mahomes saß ein Jahr auf der Bank, doch seine Leistungen im Training waren so überzeugend, dass Alex Smith noch nichtmal die beste Saison seiner eigenen Karriere retten konnte.

Smith spielte sich 2017 überzeugend in die Pro Bowl, führte Kansas City zum vierten Mal in fünf Jahren in die Playoffs, aber selbst ein Superbowl-Run hätte ihn kaum gerettet. Smiths Chiefs schieden ein weiteres Mal schnell aus, und Wochen später war er an die Washington Redskins verkauft.

In den hohen Tönen, in denen Mahomes und auch Reid im Nachgang – und auch in den Stunden direkt nach dem Superbowl-Gewinn der Chiefs gegen Smiths altes Team San Francisco – über Smiths Arbeitsethos als Mentor für Mahomes sprachen, muss Smith ein super Typ in der wirklich nicht einfachen Situation gewesen sein.

Viele Quarterbacks verfügen über ein Ego, das jeden Klassenraum sprengt. Smiths Chiefs waren jahrelang „dran“, fühlten sich „knapp davor“ um immer wieder zu scheitern. Ein Befreiungsschlag im Sinne eines QB-Trades war nicht imminent. Eigentlich waren sogar alle verblüfft, als KC den Up-Trade für Mahomes einfädelte. Mahomes‘ Einberufung muss Smith wie ein Schlag in die Magengrube vorgekommen sein.

Dass Smith in der Situation sich klaglos seinem Schicksal beugte und sogar als aktiver Mentor für Mahomes fungierte, ist gerade unter diesen Umständen bemerkenswert.

Weltuntergang in Washington

Smith war auch in Washington nicht vom Glück verfolgt – und darüber zu schreiben führt bei mir noch immer zu einem mulmigen Gefühl. Smith erlitt im November 2018 bei einem Sack einen mehrfachen Wadenbeinbruch, eine der grausameren Verletzungen, die es auf NFL-Spielfeldern gegeben hat.

Die Verletzung führte zu solchen Komplikationen, dass sie infolge einer Sepsis fast zu einer Amputation geführt hätte, und glauben wir den Beteiligten, war Smith eine zeitlang sogar in Lebensgefahr. Ich habe ganz kurz schon letztes Jahr im Zuge der ESPN-Dokumentation geschrieben, die ich gegen Ende hinaus nur noch mit einem dicken Kloß im Hals anschauen konnte. Falls das Video wieder mal irgendwo zu sehen ist: Aus meiner Sicht dringende Empfehlung – für Leute mit guten Nerven.

Dass sich Smith mit seinem von Bakterien zerfressenen Bein, an dem wirklich nur noch Knochen und ein paar Fetzen zerfressene Haut klebten, noch einmal in die NFL zurückkämpfen würde, hielt ich für völlig utopisch – but here we are: Smith sprang letzte Saison noch einmal als Ersatzmann für den gefloppten Jungspund Dwayne Haskins ein, führte Washington ins Playoff, nur um ein letztes Mal um seinen Lohn gebracht zu werden: Das Wildcard-Spiel musste Smith verletzt aussetzen.

Er war trotzdem der Comeback-Spieler des Jahres – und zwar in dem Moment, in dem er seinen ersten Fuß zurück aufs NFL-Spielfeld setzte. Es war ein Moment, gegen den selbst Superbowlsiege verblassen.

Alex Smith: Eine faszinierende Karriere

An Alex Smiths Karriere ist so einiges faszinierend. Dass er trotz seines Status als kolossaler Draft-Bust acht Jahre lang in San Francisco überlebte, ist aus heutiger Sicht eigentlich undenkbar. Dass er eine zweite, ja dritte Karriere als rein verwaltender Sicherheits-QB hinlegte und damit die Basis für die heutige glorreiche Ära der Chiefs legte, war schon ein gigantischer Gewinn.

Smith hat sich nie annähernd zu dem Star-QB entwickelt, den ein Status #1 Pick impliziert. Er war nicht zu unintelligent für die NFL – aber er war in den Nuancen einen Tick zu langsam im Processing, zu wenig aggressiv in seinen Entscheidungen (wer mag’s ihm nach dem kapitalen Fehlstart verdenken?), einfach ein bis zwei Kategorien unterhalb der NFL-Elite. Dass Smith trotzdem im Zuge seiner Zeit in Kansas City dreimal in die Pro Bowl gewählt wurde, kann man als Verdienst werten – zeigt aber auch den (geringen) Wert der NFL-All-Star-Veranstaltung.

Smiths Teams haben zeitlebens versucht, ihn zu ersetzen. San Francisco zog ihm Kaepernick vor, Kansas City Mahomes (und Washington, wenn auch unter anderen Umständen, Haskins). Kaepernick und Mahomes führten ihre Teams „post Smith“ in die Superbowl. Und trotzdem wurde Smith auf allen Stationen als valider Erfolgsfaktor angepriesen. Sowohl Kaepernick als auch Mahomes äußerten immer wieder „credit“ für Smiths Mentoring.

Die katastrophale Beinverletzung 2018/19 ist für mich aber der größte Trigger in dieser außergewöhnlichen Verletzung, und sei es nur weil mich die Bilder bis heute verfolgen. Dass ein Mensch nach Monaten ohne Fleisch, aber mit Fixierungen am Bein, nicht nur irgendwann wieder normal gehen kann, sondern sogar wieder Leistungssport auf passablem Niveau spielt, ist mehr Inspiration als jeder Titel.

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