Streifzug durch die Edge-Rusher-Draftklasse 2021 | Wo ist meine Nummer eins?

Wir haben gestern gelernt: Die Passrusher-Draftklasse von 2021 ist eine voller „halbfertiger“ Freak-Athleten. Es gibt keinen kompletten Prospect wie letztes Jahr z.B. Chase Young. Daher ist das Feld ziemlich unübersichtlich.

Edge Rusher 2021: Es gibt keine klare #1

Gehen wir nach dem jüngst noch einmal durcheinandergewürfelten PFF Big-Board, so ist das beste Edge-Rusher-Prospect in diesem Jahr an #24 overall gerankt. Es gibt vier 1st Round Talente und zirka fünfzehn Spieler für die ersten drei Runden.

Dane Brugler rankt nur zwei klare 1st Rounder, sieht aber auch um die 12-15 mögliche Kandidaten für die ersten drei Runden.

Eine klare #1 gibt es nicht. Jaelan Phillips von Miami wird in den letzten Wochen häufig als Top-Passrusher im Draft genannt, aber das Phänomen Phillips ist ein ziemlich junges – noch vor einem Monat hatte Phillips‘ Teamkollege Gregory Rousseau im „internen“ Ranking knapp vorn gelegen:

Witzig: Rousseau und Phillips haben, obwohl beide von den Miami Hurricanes kommen, nie gemeinsam auf dem Feld gestanden. Phillips, der anfänglich bei UCLA gespielt hatte, debütierte quasi erst letzte Saison, während Rousseau nach seiner Sack-lastigen Saison 2019 den Corona-Opt-Out wählte.

Kwity Paye aus Michigan ist bei PFF die #1 und bei Brugler die #2. Doch auch bei Paye hat in den letzten Wochen eine Korrekturbewegung eingesetzt, während der unspektakuläre, aber extrem effiziente Azeez Ojulari aus Georgia einen kontinuierlichen Anstieg seiner Draft-Aktien in den letzten Wochen erlebte:

Wir entnehmen diesem Graphen auch: Jayson Oweh von Penn State ist einer der Kletterkünstler der letzten Wochen. Mitschuld daran ist sein sensationeller Pro Day (u.a. 4.39 Sprintzeit über 40 Yards).

Während Oweh einen kometenhaften Aufstieg erlebt, sind die Aussichten von Carlos Basham seit vielen Wochen im Sinken begriffen – und jene von Ronnie Perkins aus Oklahoma in den letzten Tagen extrem abgestürzt:

Alle Informationen mit freundlicher Genehmigung von „Mr. Grind the MocksBenjamin Robinson.

Wie gut sind die statistischen Profile der Edge-Rusher 2021?

Wir haben schon gestern von den Kollegen Weckwerth und Stärk gelernt, was das Tape von unseren Passrush-Stars der Zukunft preisgibt. Ich war ehrlich überrascht, wie nahe Jan und Jonas in ihren Einschätzungen waren. Die Einschätzungen in den USA gehen sehr viel weiter auseinander.

Schauen wir uns einmal Pass-Rush-Win-Rate und Run-Stop-Percentage der Top-Prospects an.

Oweh!

Oweh ist mittlerweile berühmt dafür, dass er in der abgelaufenen Saison keinen einzigen Sack erzielen konnte. Aber wir sehen aus dieser Grafik, dass Oweh gar nicht so unproduktiv war: Nach Win-Rate liegt er trotz „Sack-Losigkeit“ immerhin im Mittelfeld, und war gleichzeitig einer der besten Run-Defender.

Die Krux: Oweh hatte zum einen ganze 171 Passrush-Snaps. Dabei brachte er immerhin 20 Pressures zustande. Dann hat er mit 6‘5 und 257 Pfund ziemliche Gardemaße. Und die athletischen Tests waren einfach atemberaubend gut.

Oweh mag technisch nicht ausgereift sein, aber er war kein unproduktiver Spieler. Hätte er eine Handvoll seiner Pressures zu Sacks abgeschlossen, nicht ausgeschlossen, dass das schon ausreichen würde, damit er als klarer EDGE1 wahrgenommen würde. So oder so: Der Track-Record von solchen ungeschliffenen außerirdischen Talenten, wenn sie einmal von NFL-Coaching profitieren, ist nicht schlecht.


Paye und Ojulari schauen in dieser Auswertung sehr gut aus: Produktiv im Passrush, besser als Durchschnitt in Run-Defense.


Stark sieht auch die Win-Rate von UABs Jordan Smith aus. Smith ist mit 6‘6 und 255 Pfund bei sehr langen Armen ein ziemlich auffälliger Prospect. Er wird trotzdem nur als 4th oder 5th Rounder gelistet. Auch das hat Gründe:

  • Einmal sind seine starken Zahlen gegen die schwache Konkurrenz aus der C-USA zustande gekommen.
  • Dann ist er als 5th Year Senior wohl schon relativ ausgereift
  • Und dann waren seine Tests so ziemlich das Gegenteil von Oweh.

Wir können aus diesem Graph auch ungefähr erahnen, warum Basham über die letzten Monate so abgestürzt ist: Miese Win-Rate im Passrush, schwache Run-Stop-Rate.

Produktivität im Passrush

Schauen wir uns mal die Edge-Defender im reinen Passrush-Profil an: Ich stelle hier mal die Pass-Rush-Win-Rate gegenüber mit der Passrush-Productivity (PRP). Passrush-Productivity belohnt Sacks ein Jota stärker als Pressures.

Win-Rate hat dagegen reinen Fokus darauf, ob der Verteidiger seinen Spielzug gegen den Offensive Liner gewonnen hat.

Wir sehen: Ojulari schneidet wieder fantastisch ab, während der genauere Blick auf Payes Produktivität einen leichten Abfall impliziert. Der Grund liegt in der Pressure-Rate: Obwohl Paye mit 26.5% mehr direkte Duelle gewinnt, schaffte Ojulari die deutlich höhere Pressure-Rate:

  • Ojulari 19.2%
  • Paye 15.9%

Das war übrigens auch schon 2019 so:

  • Ojulari 2019: 13.1% Pressure-Rate
  • Paye 2019: 11.7% Pressure-Rate

(Paye hatte 2020 übrigens keine 150 Passrush-Snaps – diese geringen Testmengen muss man auch irgendwo im Hinterkopf behalten).

Paye ist trotzdem für einige der bessere Prospect, weil er mit seinem niedrigen Körperschwerpunkt und seiner Beweglichkeit vielleicht noch etwas mehr athletisches Potenzial rauszukitzeln hat. Immer wieder geil sich übrigens vorzustellen, dass solche 270-Pfund-Klocker wie Paye in ihrer Jugend mal 100m-Staffelsprinter waren.

Ojulari ist mit 6‘2 gleich groß wie Paye, aber mit 240 Pfund wesentlich leichter. Ojulari ist beim Anschauen einfach ein ästhetischer Traum. Nicht „spektakulär“ oder „explosiv“, sondern einfach ein famos ausbalanciertes Paket.

Ojulari hat für seinen relativ kurzen Körper auffällig lange Arme und damit wenig Angriffsfläche, verliert nie die Contenance, ist fluide, kann damit unter den Offensive Tackles „durchtauchen“ ähnlich wie früher ein Dwight Freeney, und hat gleichzeitig durchaus genug Speed um das Down „abzuschließen“.

Ich bin durchaus gespannt, wie sich die Karrieren dieser beiden Prospects entwickeln.


Phillips dagegen sieht in beiden Graphen eher durchschnittlich aus. Bei ihm es der „Split“, der die Story macht. Smith hatte einen schwachen Saisonstart, aber schloss 2020 mit neun Sacks und 36 Pressures in den letzten sieben Spielen ab.

Er ist mit 6‘5 und 260 Pfund deutlich größer als Paye und Ojulari und schnitt in allen athletischen Tests außer dem Bankdrücken (Kraft) unter den besten des Jahrgangs ab.

Phillips hat übrigens auch eine ganz verrückte Geschichte: Er begann seine Karriere bei UCLA. Dort wurde er von einem Scooter überfahren und trug Handgelenks- und Kopfverletzungen davon. Ein Jahr danach hörte er nach Gehirnerschütterung mit dem Football auf und verpasste damit 2019. Erst letztes Jahr kehrte er überraschend zum Football zurück und dominierte die zweite Saisonhälfte.

Bei Rousseau sehen wir: Hätte er auf seine 2019er Saison aufbauen können, hätte auch er eine Chance auf einen ganz hohen Draftpick gehabt. Seine 13 Sacks in 2019 überschätzten zwar seinen Impact als Passrusher (Passrush-Produktivität ist nicht ganz Elite und vor allem seine Win-Rate war eher lauwarm), doch viele solcher Prospects legen im letzten Jahr noch eine Schippe drauf und zementieren damit ihren Status als hohe 1st Rounder.

Doch von Rousseau haben wir kein Tape 2020 gesehen.

Fast alle der Passrusher in dieser Draftklasse hatten 2020 ihre beste Saison im College Football (was nicht unlogisch ist). Rousseau haben wir als einzigen nicht spielen sehen. Wir kennen nur sein Tape aus 2019. Von dem wissen wir, dass es einen gefährlichen, aber inkompletten Spieler zeigte. Wir können aber nur vermuten, ob Rousseau 2020 einen weiteren Leistungssprung gemacht hätte. Unerwartet wäre das nicht gewesen.

Aber es bleibt auch möglich, dass Greg Cosell mit seiner Einschätzung recht behält, und wir Rousseau zum aktuellen Zeitpunkt eher als 3-tech Inside-Rusher denn als validen Edge-Rusher betrachten sollten.


Zwei spannende Big-12 Passrusher sind Perkins und Ossai. Perkins war eigentlich ziemlich produktiv, aber ihm geht eine mit anderen Elite-Passrushern vergleichbare Physis ab. Seinen Absturz in den Mock-Drafts kann auf jeden Fall nicht durch mangelhafte Produktivität erklärt werden.

Das nigerianische Einwandererkind Ossai dagegen sieht als Passrusher ziemlich übel aus dafür, dass er oft in den Top-40 overall gerankt ist.

2 Kommentare zu “Streifzug durch die Edge-Rusher-Draftklasse 2021 | Wo ist meine Nummer eins?

  1. Bei Rousseau ist halt das Problem, dass er einfach aussieht wie ein Traum-Passrusher (Gardemaße, reine Sack-Zahlen etc.), aber bei genauerer Betrachtung einige Probleme auffallen:

    1) Er sieht aus wie ein Monster-Athlet, ist es aber nicht wirklich. Seine athletischen Tests waren alle mau und auch auf Tape merkt man, dass er nicht besonders explosiv (Get-Off) oder flexibel (Bend) ist.

    2) Seine Pressures und Sacks ausschließlich (!) inside kamen. Ich habe sowas bei einem EDGE selten gesehen. Er hat halt überhaupt keinen Auftrag, wenn er outside gewinnen soll – er ist auf den Tapes, die ich gesehen habe, nicht einmal wirklich durchgekommen. Er gewinnt nur inside, zeigt da aber gute Ansätze.

    Es kann natürlich immer sein, dass so ein Prospect einen doch noch Lügen straft, aber aktuell sehe ich ihn wirklich eher in einer DeForest Buckner Rolle (muss noch Gewicht draufpacken) und nicht als klassischen EDGE.

  2. Pingback: NFL Draft 2021 für den Gelegenheitszuschauer | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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