Die Lichtblicke im NFL Draft 2021

Ich habe noch kein komplettes Bild vom NFL Draft 2021, aber an dieser Stelle schon einmal ein bisschen Einblick in meine ersten Gedanken zum Geschehen. Beginnen wir heute den bei Klassen, die mir gefallen haben.

Die besten Draftklassen

Bei drei Teams bin ich mir ziemlich sicher, eine Note = A vergeben zu können.

Browns: Die Browns haben das momentan schlaueste Front-Office, und haben nach dem O-Line-Projekt 2020 in der laufenden Offseason ihr „Defense-Projekt“ eingeleitet. Sie haben einen Plan verfolgt, und diesem im Draft eiskalt durchgezogen.

CB Newsome als 1st Rounder ist eine fantastische Ergänzung für die über Wochen aufgebolsterte Secondary. LB Owusu-Koramoah hat man in Runde 2 gezogen – ein Spieler, der auf fast allen Boards eine Quasi-Garantie als 1st Rounder hatte. Die Browns brauchten einen Up-Trade dafür – aber es war einer der billigsten Up-Trades im ganzen Draft: Von #59 auf #52, und nur 0.01 WAR eingesetzt.

DT Togiai gefällt mir, weil er projectete als Defense Liner mit guten Pressure-Rates in limitierter Sample-Size. Er wird in Cleveland nicht viel spielen müssen. Dazu ein spielintelligenter Late-Round-Safety in LeCounte, der durchaus Potenzial hat im Kader zu bleiben.

Offensiv hat man den recht rohen WR Anthony Schwartz aus Auburn geholt. Schwartz ist ein Supersprinter. Mit seinem Speed bringt er eine Dimension in die Offense, die es bis jetzt nicht gab.

OT Hudson (4th Rounder) ist ein Depth-Pick, RB Felton galt als einer der interessanteren dual-threat Runningbacks. Als 7th Rounder ist der Pick vertretbar.

Diese ganze Herangehensweise – Defense von „hinten nach vorn“ bauen, Depth-Picks erst am Ende des Drafts holen, neue spielerische Elemente in die Offense bringen usw. gefällt. Die Browns könnten schon nächstes Jahr als so tiefes Team in den Draft gehen, dass sie eventuell nur noch die Quarterback-Position upgraden müssen für einen Durchbruch. Der Langzeit-Plan gefällt.


Ravens: Für mich weiterhin der Favorit in der AFC North. Die Ravens haben zwei spannende Wide Receiver gezogen: Rashod Bateman ist ein mega-cooler Pick als angehender WR1. Und 4th Rounder Tylan Wallace war bei Matt Waldman der WR6 im Rookie-Scouting-Portfolio. Richtig eingesetzt – als Nummer 3, mit schrittweise Erhöhung der Workload – könnte er ein Steal sein.

Jayson Oweh als zweiter 1st Rounder ist ein ebenso verständlicher Pick: Go for Upside, nachdem man den bald sehr teuren OT Orlando Brown rechtzeitig verhökert und die hinterlassene Lücke mit dem Routinier Vilanueva rechtzeitig gestopft hatte. Oweh ist ein besserer Prospect als seine null Sacks implizieren.

Baltimore hat in den mittleren Runden einen Guard (Ben Cleveland) nachgelegt, hat mit einem Compensatory-Pick noch einen Cornerback in das eh schon tief besetzte (aber bald recht teure) Defensive Backfield gesteckt (Brandon Stephens) und in Shaun Wade in der 5ten Runde einen Slot-Corner Shaun Wade gedraftet, der letztes Jahr als möglicher hoher Pick gehandelt wurde.

Wade versagte 2020 in größerer Outside-Starting-Rolle bei Ohio State. Aber solche Role-Player, die im vorletzten Jahr den Breakout hatten, sind oft ganz gute Steals, weil sie billiger zu bekommen sind als die Senkrechtstarter im letzten Jahr vor dem Gang in die NFL.


Bears: Ich weiß, nur zwei Picks, und beide Male Trade-Up, yaddayadda. Aber die Bears haben das einzig Denkbare gemacht um eine verzwackte Situation zu retten, ihr Herz in die Hand genommen und Justin Fields für zwei 1st Rounder geholt. Damit ist aus einer mittelfristig hoffnungslosen Situation mit einem Mal eine ganz heitere geworden.

Natürlich ist es beunruhigend, dass so viele in der NFL Fields haben fallen lassen. Aber da waren genug Beobachter, die ich schätze, die Fields als QB2 sahen. Einen viel besseren QB-Prospect so spät im Draft wirst du nicht mehr bekommen.

Die Bears fädelten in Runde 2 noch einen Up-Trade ein um OT Teven Jenkins zu draften. Ich bin nicht begeistert von dem Move, aber er ist verständlich, wenn man berücksichtigt, dass man gerade mit Rookie-QBs in der Hinterhand möglichst „nicht-katastrophal“ auf Offensive Line und Wide Receiver besetzt sein sollte.

Ich habe überlegt, die Bears wegen der kurzen Liste an gedrafteten Spielern und wegen des Up-Trades von Note = A runterzunehmen. Aber ich kann nicht. Der Fields-Move war der Draft-Move 2021 schlechthin: 62% Chance den Trade zu gewinnen, +1.6 WAR dank des QB-Bonus.

Eins mit Sternchen

Giants: Analytics-Mastermind Dave Gettleman hat zwei sehr gute Downtrades eingefädelt, die man ihm schon gar nicht mehr zutrauen wollte. Er hat dabei u.a. einen zusätzlichen 1st Rounder 2022 von den Bears aufgegabelt.

Die Giants haben zwei in meiner Weltsicht starke Mid-Round-Picks gemacht in Azeez Ojulari (2nd) und CB Aaron Robinson (3rd Round). Beide galten im Big-Board als Steals. Beide werden bald Spielzeit sehen.

Kritischer, und vielleicht der Grund, warum ich den Giants-Draft unterhalb von A einordnen werde: Die Giants drafteten dann in Runde 1 Kadarious Toney und sie lassen die miese O-Line unangetastet.

O-Line kann mit zwei hohen Picks letztes Jahr (OT Andrew Thomas und OT Matt Peart) noch verziehen werden, aber der Toney-Pick zeigt erstaunliches Vertrauen in die schematische Kreativität von OffCoord Jason Garrett – ein Vertrauen, das nach zehn Jahren mit diesem Play-„Designer“ kaum zu rechtfertigen ist.

Toney gilt als „Percy Harvin für Arme“. Aber er muss dafür auch entsprechend eingesetzt werden. Ich bin mir nicht sicher ob Garrett die Flexibilität an den Tag legen wird um die Vorzüge dieses theoretisch spektakulären Moves ausnutzen wird. Im schlimmsten Fall nimmt Toney sogar dem Runningback Saquon Barkley die Existenzgrundlage.


Vikings: Exzellenter Trade-Down in Runde 1, bei dem Minnesota nicht bloß zusätzliche Draftpicks von den Jets abluchsen konnte (62% Chance den Trade zu gewinnen, +0.27 WAR), sondern obendrauf auch noch in OT Christian Darrisaw den Mann zog, den man wohl eh wollte, nachdem sich die Hoffnungen auf einen OT Penei Sewell oder Rashawn Slater zerschlagen hatten.

Dazu solide Logik bei der Einberufung von QB Kellen Mond als perspektivischem QB (JT O’Sullivan pries Mond als spannenden developmental prospect) und auch der Late-Round WR Ihmir Smith-Marsette hat einige Vorzüge um in der kopflastigen Vikes-Offense als WR3 in 11-Personnel zu übernehmen.

Der Rest war viel Need-Filling: Linebacker, mehrmals Edge-Rush, Cornerback. Wer will es den Vikes verdenken?

Irgendwo wäre geil gewesen, wenn Minnesota anstatt auf dem Status-quo zu verharren, wie Chicago einen Angriff auf Justin Fields eingefädelt hätte. Aber da haben dann wohl die Eier gefehlt.

9 Kommentare zu “Die Lichtblicke im NFL Draft 2021

  1. Wie siehst du den Draft der Eagles?
    Erstmal ja vieles richtig gemacht: Dem Divisionsrivalen Giants den Spieler weggeschnappt, den sie wohl unbedingt wollten (Smith) und damit auf einer wertvollen Position einen möglicherweise extrem guten Spieler geholt. In den weiteren Runden noch wertvolle Positionen einberufen (am Tag 3 noch ein Mal RB, aber spät ist das denke ich nicht so schlimm) und dabei auch viele Spieler geholt, die allgemein höher gegradet wurden, als sie die Eagles dann gezogen haben, was ja auch ein richtiger Ansatz ist.

    Die Sache ist nur halt, dass man Justin Fields hätte kriegen können. Und evtl sogar, ohne von 12 wieder hochzugehen, weil die Cowboys ja Parsons wollten und ihn vermutlich ohne Tradepartner an 10 gezogen hätten. Die Giants hätten dann an 11 vermutlich Smith gezogen, wenn man den Berichten Glauben schenkt und die Eagles hätten an 12 Fields bekommen. Und selbst wenn die Giants trotzdem mit den Bears traden, wäre es ja auch wieder Smith geworden und man hätte den Drittrundenpick behalten. Einzig ein Trade-Down von Dallas mit jemand anderem hätte das nochmal verändern können.

    Hätten die Eagles an #10 dann Fields picken sollen? Wie „schlimm“ ist die Entscheidung, da den Top3-WR statt des Top3-QBs zu nehmen?

  2. @BlauGelb: Schlimm genug um den Eagles kein A zu geben.

    Dem Rest würde ich zustimmen, vieles macht Sinn was die Eagles gemacht haben, aber die Chance auf Top QB-Prospects sollte man nutzen, wenn sie da ist.

    Umbruch hin oder her. Mit einer mittelmäßigen QB-Lösung dauert der Umbruch ohnehin Ewigkeiten.

  3. Es ist zwar sexy über den aktuellen Draft zu reden, aber ist es nicht sinnvoller retrospektiv den Draft von 2 oder 3 Jahren zu analysieren?

  4. @blub:
    Habe mich ch auch lange gedacht, bin inzwischen aber wieder eher am aktuellen draft interessiert. Der gibt nämlich einen guten Einblick in den Process und was teams erreichen wollen und wie sie arbeiten.
    Die Retrospektive ist zwar nett und gibt manchmal erhellende spotlights – wenn beispielsweise deutlich wird das Team x angefangen hat bestimmte spielertypen zu draften, weil sie das System umstellen wollten, aber am Ende wird es doch sehr von der regency bias dominiert. Es ist zu abhängig davon ob ein Spieler in der nfl Fuß gefasst hat und beachtet nicht mehr, wie hoch die Chancen dafür waren. Da ist sehr viel Glück dabei. -> nur weil tampa die Super Bowl gewonnen hat ist nicht automatisch jede Kritik am Process unberechtigt.

  5. Pingback: Sideline Reporter NFL Draft Grades 2021 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  6. @blub: In drei Jahren kannst du Leichenschau betreiben.

    Wir wissen am Draft, dass sehr vieles daran, ob Prospects einschlagen oder nicht, Zufall ist. In drei Jahren bewerte ich also den Zufall.

    *Jetzt* kann ich ohne allzu viele Primer bewerten, wie die Herangehensweise der Teams war. Das ist viel interessanter.

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  8. Pingback: All-32: Chicago Bears 2021 Preview | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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