Die Miami Dolphins 2021 haben einen Plan. Aber ist es der richtige?

Die Miami Dolphins haben einen der interessantesten Drafts des Jahres hingelegt.

Die einzelnen Picks schicke ich gleich mit Vergleich der Positionierung am Public-Board vorneweg:

RdPickPos.NameCollegePublicBoard
16 WRJaylen WaddleAlabama7
118 EDGE Jaelen PhillipsMiami (FL.)19
236S Jevon HollandOregon52
242OT Liam EichenbergNotre Dame44
381TE Hunter LongBoston College86
7231OTLarnel ColemanMassachusetts297
7244RBGerrid DoaksCincinnati284

Die notwendige Vorgeschichte

Dabei muss man zum „Dolphins-Draft“ insgesamt mehr zählen als das vergangene Wochenende, denn eigentlich gab es zwei übergeordnete Prämissen, ohne die man den Draft quasi nicht betrachten kann:

  1. Die Quarterback-Situation. Tua Tagovailoa, der letztjährige Top-5 Pick, spielte eine ausreichend enttäuschende Rookiesaison, dass Gedanken um einen weiteren Top-QB-Pick nicht völlig abwegig sein durften – zumal die Dolphins in diesem QB-lastigen Draft dank des gigantischen Laremy-Tunsil-Trades den ursprünglich #3 Pick der Houston hielten.
  2. Doch die Dolphins haben dann nicht bloß den #3 Pick verkauft, sondern direkt im Anschluss daran noch im März zwei 1st Rounder investiert um von #12 zurück an #6 zu traden.

Mit diesem #6 Pick drafteten die Miami Dolphins WR Jaylen Waddle von den Alabama Crimson Tide. Dieser Pick ist einer der schematisch faszinierendsten im ganzen Draft, doch bevor ich dazu komme, müssen wir noch einen Moment darüber reden worauf die Dolphins verzichtet haben.

Nämlich auf den „double up“ auf QB. Dieser Move ist seit den Arizona Cardinals und Rosen/Murray keine Büchse der Pandora mehr, und trotzdem wurde er offensichtlich nie ernsthaft in Betracht gezogen.

Ich sage nicht, dass Miami QB hätte draften müssen. Doch Quarterback ist eine ausreichend wichtige Position um große Investitionen reinzupulvern um sie mit größtmöglicher Sicherheit zu fixen. Die Idee hatte ich Ende Dezember nach einer von vielen schwachen Rookie-Performances von Tua bereits angeschnitten.

Miami hat offenbar nie ernsthaft über einen QB-Pick nachgedacht. Die Logik ist nachvollziehbar. Tua war vor nur einem Jahr ein starker QB-Prospect. Er war als Rookie einsatzbereit, weniger als ein Jahr nach einer schweren Hüftverletzung. Er hatte lichte Momente mit RPO und Play-Action-Offense. Der Leistungssprung bei vielen jungen Quarterbacks kommt im zweiten Jahr.

Doch wenn man sich letzte Saison Dolphins-Spiele anschaute, dann konnte man einfach nicht an den krass divergierenden Spielstilen von Tua und dem Routinier Ryan Fitzpatrick vorbeischauen. Der immer wieder eingewechselte Fitzpatrick warf Pässe, die Tua gar nicht in den Sinn kamen. Es war teilweise schon tough scene.

Nun bin ich bekennender Tua-Fan und hoffe nach wie vor, dass Tagovailoa auch mit einem limitierten Arm noch die Kurve kratzt. Viele Anlagen sind da, und auch Ex-Kollegen wie Fitzmagic himself haben noch immer viele lobende Worte für Tua übrig.

It’s not over yet. Wie auch, bei einem so jungen QB?

Unter der Prämisse, dass es kein QB werden würde, war der Verkauf des #3 Picks okay. Doch dann investierte Miami zwei 1st Rounder um zurück an #6 zu traden – wie sich herausstellte, für Waddle. Zwei 1st Rounder für einen non-QB zu investieren, ist ein extrem teurer Move und ist auch eineinhalb Monate nach Vertragsabschluss noch ein Trigger, von dem ich mich nicht richtig lösen kann.

Doch der Tua-Fit von Waddle ist genial

Wenn wir uns von diesen beiden Vorgeschichten lösen, dann bleibt ein faszinierender „Fit“. Waddle ist wahrscheinlich nicht der beste und sicher auch nicht der kompletteste Receiver im Draft, aber er ist die explosivste Waffe.

Waddle ist nur 5’10 und 182 Pfund schwer, aber sein Tape ist atemberaubend. Sein Antritt, seine Beschleunigung, sein Long-Speed, seine Dynamik, sein Catch-Radius in vollstem Lauf und seine Power sind schwer zu toppen.

Ich habe über Waddle vor ein paar Wochen geschrieben:

Waldman hat Waddle als die größte Waffe im Draft bezeichnet. Waddle fliegt förmlich über das Feld, ist aber gleichzeitig kein one trick pony wie letztes Jahr Ruggs, sondern extrem effizient in seinen Bewegungen, kann hasenartige Cuts schlagen ohne zuviel Geschwindigkeit einzubüßen, Richtungen wechseln die Corner die Beide verdrehen und das alles in „real time“ ohne großartig nachzudenken.

Waddle braucht zwar etwas mehr Feinschliff als ein Smith, doch sein Antritt ist explosiver. Er schlägt Press Coverage nicht mit Physis, sondern mit Beweglichkeit. Er hat Thomas Müller‘sches Gefühl für Raumdeutung und hat überhaupt keine Scheu vor schwierigen Catches mit bevorstehender Schelle auf engstem Raum.

Waddle hat in Alabamas Offense schon alle Rollen gespielt. Am besten war er Tyreek-Hill-like als „innerster Slot“ in 3×1 Aufstellung, doch er hat auch erfolgreich als mittlerer und äußerer Receiver in Trips gespielt und according to Waldmans RSP auch als isolierter „Boundary X“. Und natürlich als Returner und Gadget-Player bei Jet- und Orbit-Sweeps. Kurz: Waddle hat mit kaum 1000 Snaps eine eher kurze College-Karriere hinter sich, aber eine intensive.

[…]

Smith ist ein gefinkelter Receiver, aber keiner der Corner gleich serienweise ins Leere laufen lässt wie Waddle. Waddle dagegen darfst du einfach nicht aus den Augen verlieren. Hast du einmal verloren, droht der tiefe Touchdown.

Wenn seine Verletzung kein größeres Fragezeichen darstellt, dann könnte Waddle mit seinem Skill-Set für einige Teams sogar über Chase stehen.

Welches Scheme die neuen Dolphins-OffCoords auch spielen werden: Wenn es einigermaßen RPO/Play-Action-lastig ist, dann passt Waddle wie Arsch auf Eimer. Er kann tief gehen (Go-Route, Post-Routes, Sluggo), er kann aber auch quicke Routen mit scharfen Cuts nach innen und außen laufen, und er kann die Crosser über die Mitte laufen.

Und vor allem: Waddle ist ein Receiver-Typ, der nicht auf Contested-Catches setzt, sondern auf schnelle „Separation“. Genau das braucht Tua, der als Rookie extrem zögerlich spielte und immer wieder Schiss vor engen Fenstern offenbarte.

Solche QBs brauchen Receiver, die sich freilaufen um ihren Groove zu finden. Die Dolphins haben bereits in Free Agency Will Fuller für ein Jahr verpflichtet. Waddle ist als Athlet noch eine Spur krasser und hat die Anlagen eines richtig spannenden Z-Receivers zum Einstand.

Und: Tua und Waddle kennen sich bereits vom College. Diese Team-Combos waren eines der Themen der frühen ersten Draft-Runde (Burrow/Chase, Hurts/Smith). Es gibt natürlich diesen einen weirden Moment, als Waddle Anfang März von Andrew Siciliano gefragt wurde „Tua oder Mac Jones“?

Und doch sollte ein gewisses Grundverständnis zwischen den beiden Jungspunden da sein. Das könnte den NFL-Einstieg für beide erleichtern.

In Summe oszilliere ich bei dem, was die Dolphins mit ihrem ersten Pick 2021 gemacht haben, zwischen mehreren Gefühlslagen hin und her:

  • Waddle ist der aufregendst-mögliche Pick in der Kombination mit Tua.
  • Aber in Essenz hat Miami zwei 1st Rounder aufgegeben um ihr zu draften.
  • Waddle muss sich immer an Devonta Smith messen lassen, dem Receiver der ihn am College im gleichen Team überstrahlte und der vier Picks nach ihm von den Eagles gedraftet wurde.
  • Und der Pick muss sich am Ende der Zeit auch daran messen lassen, was Trey Lance in San Francisco macht. Miami hätte Lance genauso gut haben können.

Was also, wenn Tua nicht die deutliche Leistungssteigerung hinlegt, während Lance die Liga im Shanahan-System in Schutt und Asche legt? Wie wird man sich diese verpassten Chancen dann schönreden?

Immerhin: Miami hatte einen Plan

Und der lautete nicht wie von vielen Mock-Draftern prophezeit „Runningback“.

Der Waddle-Pick überstrahlt alles was Miami am Draft-Wochenende gemacht hat, aber nicht vergessen: Die Fins hatten vier der ersten 42 Picks. Sie haben in Runde 2 einen Offensive Liner draufgelegt, auf den man in Runde 1 mit Penei Sewell noch verzichtet hatte: OT Liam Eichenberg von Notre Dame.

Eichenberg ist ein technisch feiner Blocker, aber ein bisschen Freak-Erscheinung. Mit 6‘6 ist er extrem hoch aufgeschossen, aber seine 306 Pfund und seine relativ kurzen Arme sind nahe am unteren Ende dessen, womit O-Liner in der heutigen NFL noch Erfolg haben. Eichenberg ist kein ultra-beweglicher Typ und konnte somit auch nach innen auf Guard geschoben werden.

Aber auf alle Fälle war es von Miami schlau, in der O-Line noch einmal nachgelegt zu haben. Die war in den letzten Jahren eine große Schwäche: 2019 war sie die #32 in Pass-Blocking-Win-Rate, letztes Jahr trotz starker Verbesserung immer noch nur die #27.

In LT Austin Jackson und OT/OG Robert Hunt sind zwei hohe Picks aus dem Draft 2020 als Starter eingeplant. Beide hatten als Rookies ihre Auf und Abs. In einer O-Line, in der mit Center Matt Skura sonst nur ein weiterer Starter-Posten fix vergeben sein sollte, könnte Eichenberg schnell mehr als Backup sein. Möglich gar, dass er als Right Tackle starten kann und Hunt nach innen auf Guard schiebt. Oder umgekehrt.

In Runde 3 legte man mit TE Hunter Long einen grundsoliden, wenn auch unspektakulären Backup-Tight End für die Rolle hinter Mike Gesicki bzw. möglicherweise als Starter in 12-Personnel nach. Miamis Offense sieht damit personell sowohl in Skill-Corps als auch in O-Line für 2021 um einiges gefestigter aus als letztes Jahr.

Der Rest war Defense

Zwei der ersten vier Picks waren wie analysiert Offense. Die anderen beiden waren Defense. EDGE Jaelan Phillips ist als ex-Hurricane nicht bloß „Hometown-Guy“, sondern vor allem der für viele Beobachter gefährlichste Passrusher im Draft.

Phillips ist eine außergewöhnliche Erscheinung mit hoch aufgeschossenen 6‘5 und extrem guten athletischen Werten (in vielerlei Hinsicht ein 80/90 Perzentil Athlet). Phillips war letzte Saison auch sehr produktiv.

Phillips ist halt großes Risiko, weil er schon in jungen Jahren häufiger Gehirnerschütterungen erlitt und deshalb seine Karriere vor zwei Jahren eigentlich schon beendet hatte. Das kann noch bitter werden. Aber wenn du Risiko gehst, dann in einer Situation wie Miami, das zig 1st Rounder angesammelt hat und sich hie und da so einen „Flyer“ leisten kann.

Auch der andere Defense-Pick birgt Gefahr: S Jevon Holland. Er setzte 2020 wegen Corona aus. Der Big-Play/Ballhawk Holland passt hervorragend zum Defense-Plan der Dolphins, wo Brian Flores aggressive Manndeckung mit Erlaubnis zu bissl Freelancen spielen lässt; ein Xavien Howard legte in dem Scheme letztes Jahr eine All-Pro-würdige Saison hin.

Holland ist nur einer von vielen Secondary-Neuzugängen in den letzten zwei Dolphins-Offseasons. Vor einem Jahr kam Byron Jones in Free Agency sowie Noah Igbenoghene in der 1ten Runde und S Brandon Jones in der 3ten Runde des Drafts. Jetzt kommt Holland, der gleichermaßen Free Safety wie Slot-Corner (591 Snaps als Slot-CB 2019) spielen kann und dem man exzellente Spielintelligenz bescheinigte.

Tiefe im Defense Backfield kann nie schaden – ebenso wenig wie hochklassiges Passrush-Talent.

Lange Rede, kurzer Sinn

Und so haben die Dolphins zwar auf QB verzichtet und einen sehr suboptimalen Gedankengang bei ihrem „Trade-Back/Up“ für den #6 Pick offenbart. Aber sie haben immerhin am Tag des Drafts die richtigen Moves und wichtige Positionen adressiert.

  • Wide Receiver
  • Offensive Tackle
  • Edge Rush
  • Defensive Backfield

Und keine Runningbacks in den hohen Runden. Ich habe mich am Ende zu Note = B durchgerungen. Mehr kann ich nicht geben, dafür ist der „no QB Weg“ zu riskant und dafür hat sich der miese Trade zu sehr in meinem Hirn eingefräst.

Aber weniger wäre irgendwie auch unfair, wenn man bedenkt welch hoch gehandelter Prospect Tua erst vor kurzem noch war, unter welchen Umständen er in der NFL debütieren musste, und welche Positionen Miami in Absenz eines QB-Picks immerhin adressierte: Die vier wichtigsten non-QB-Positionen im Football. Und natürlich der extrem faszinierende Waddle-Pick.

5 Kommentare zu “Die Miami Dolphins 2021 haben einen Plan. Aber ist es der richtige?

  1. Moin,
    mal so als Nachfrage, bin kein großer Fins-Fan und verfolge sie nicht so finde aber Tua geil. Wie viele Picks haben die Fins denn nächstes Jahr oder ist es erstmal vorbei mit den Zusatzpicks und sie haben nur die normalen?

  2. Die Dolphins haben nächstes Jahr den First Rounder den sie von den 49ers heuer bekommen haben. Den eigenen haben sie für den Uptrade auf 6 an die Eagles weiter gegeben.
    In Runde 2 haben sie ihren eigenen. Runde 3 haben sie ihre für den Uptrade für OT Eichberg eingesetzt haben.
    Runde 4 haben sie 2. Einen von den Steelers.
    Runde 5 einen
    Runde 6 zwei
    Runde 7 einen

    Im Jahr 2023 haben sie einen zusätzlichen 1st Rounder von den 49ers für den Trade heuer.

  3. 3rd Round 2022 müssten sie auch zwei haben 🙂

    Da ist schon noch viel Holz da in den nächsten zwei Jahren aber wenn Tua nicht einschlägt dann wird es schwierig wieder mit einem Up Trade auf einen QB zu gehen.

    Verstehe irgendwie beide Seiten. Lance oder Fields (auch wenn den viele ja nicht so gemocht haben) wäre natürlich eine abartige Versicherung gegen einen Tua Flop gewesen, aber den ganzen Zirkus will man sich halt auch nicht ins Haus holen, da vertraut man lieber auf seine Evaluierung vom Draft zumal Tua ja noch nicht viel gespielt hat und nicht unter den besten umständen s.o.

    Bin kein Fins Fan, hoffe aber ehrlich auf das beste, weil ich Tua einfach als Typen geil finde.

  4. Ist das nicht ein Receipt for Disaster wenn man jedes Jahr den OC wechselt? Die Fins haben in 3 Jahren mit Flores jetzt den 3. OC, diesmal sogar zwei, und bei keinem von beiden weiß man welches Offense Scheme kommt.
    So gut Waddle sein soll, sehe ich da zu viele Fragezeichen bei den Play Callern um von einem guten Scheme Fit zu reden.

  5. Ich würde mich Floblogs anschließen: In Madden NFL würde ich einfach zwei junge QBs draften und sie würden sich im Vakuum genauso entwickeln wie einzeln.
    In der Realität ist der FloBlog’sche „Zirkus“ vorprogrammiert: Tua gerät brutal unter Druck und fühlt sich disrespected (Hallo Aaron!), der neue QB-rookie ist verunsichert, muss aber möglicherweise früher starten als er fähig ist, weil Tua dem Druck nicht gewachsen ist… etc. Dazu wilde Spekulationen, auf Social Media wird 24/7 mit Dreck geworfen, keiner im Team weiss, wer nächste Woche QB ist, … So kriegst Du short-term keine Ruhe ins Team.
    Wie sagte Goff die Tage: „Danke an die Lions für das Vertrauen in mich und dass sie entsprechend keinen QB gedraftet haben.“

    Dass Waddle pre-draft sagte, er zieht Mac vor, fand ich gut. Leute, die klipp und klar sagen, was sie denken, sind selten geworden heutzutage. Ich hoffe, er behält das bei. 😀

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