NFL-Definition von „logisch“: Chargers-Draft 2021

Die Los Angeles Chargers sind unter der neuen sportlichen Leitung um Headcoach Brandon Staley ein Team, das bereits das Label „smart“ übergestülpt bekommen hat. Einige meiner Kollegen sprechen bereits über „Our Chargers“.

Lass uns heute mal auf die Offseason/Draft-Prioritäten der Bolts blicken.

Die Strategie

Das hier waren die Chargers-Picks und die Platzierung der Prospects am Public-Board (wir sehen: Nach den ersten beiden Picks hat man eher tief gerankte Prospects gezogen):

RdPickPos.NameCollegePublicBoard
113OTRashawn SlaterNorthwestern9
247CB Asante Samuel Jr.Florida State40
377WR Josh PalmerTennessee149
397TE Tre’ McKittyGeorgia163
4118EDGE Chris Rumph IIDuke124
5159OTBrenden JaimesNebraska199
6185LB Nick NiemannIowa249
6198RB Larry Rountree IIIMissouri224
7241CB Mark WebbGeorgia254

Ich sehe drei übergreifende Themen:

  1. Bolstere die Offensive Line für QB Justin Herbert auf
  2. Mach was für den Receiving-Corps
  3. Achte auf maximale Flexibilität in der Defense

Ich hab diesem Draft die Note = B+ gegeben.

Pass Protection rulez

Offensive Line und insbesondere Pass-Protection der Chargers ist seit vielen Jahren ein blockierendes Problem. Der Blick auf die Platzierung der Chargers-O-Line in PFF Pass-Protection Grading offenbart eigentlich Unfassbares:

  • 2020 #30
  • 2019 #31
  • 2018 #30
  • 2017 #29
  • 2016 #26
  • 2015 #32
  • 2014 #20
  • 2013 #25
  • 2012 #27
  • 2011 #21
  • 2010 #24
  • 2009 #18
  • 2008 #26

Letztmals war diese Offensive Line 2007 (!) in der oberen NFL-Hälfte klassiert. Wenn du dich fragst, warum ein Philip Rivers trotz „non-Elite“-Stats immer wieder solche Liebe von Experten erfährt, dann kannst du getrost bei seiner miserablen Protection beginnen. Dass Rivers kaum Einsatzzeit verpasst hat, ist allein schon eine der größeren Leistungen von NFL-Quarterbacks unserer Ära.

Doch Rivers war ein Routinier wie er im Buche stand. Rivers kannte NFL-Defenses auswendig, wusste genau, wann wo welcher Blitz einschlagen würde. Mit einem QB-Jungspund á la Justin Herbert wird diese kaputte O-Line aber ein ernstes Thema.

Herbert spielte trotz einer der schwächsten O-Lines trotzdem eine faszinierend gute Rookiesaison. Herbert gewann sogar den Rookie-des-Jahres-Preis (der allerdings eher hätte an Justin Jefferson gehen sollen). Herbert machte 0.12 EPA/Pass, warf 31 Touchdowns bei nur 10 Interceptions.

Aber Herbert sah eine Pressure-Rate von fast 37%. Das ist wahnsinnig viel – und nach PFF Charting war nur ca. jede siebte Pressure Herbert selbst zuzuschreiben. Das heißt: Die Line war effektiv ein großes Problem.

L.A. bolsterte schon in Free Agency Center (Corey Linsley) und eine der beiden Guard-Positionen (Matt Feiler als Pittsburgh) auf. Im Draft folgte an #13 Rashawn Slater. Der Pick ist unter mehreren Aspekten stark.

Einmal natürlich, weil er einen riesigen Need adressierte; mit solchen klaffenden Lücken wie Left Tackle möchtest du eigentlich nicht in den Draft gehen, doch die Chargers ahnten, dass in einer QB- und WR-lastigen Draftklasse mit vielen guten Offensive-Tackle-Prospects wahrscheinlich einer der besseren Tackles bis an #13 fallen würde.

Und Slater fiel. So konnte L.A. problemlos zugreifen ohne auch nur in Versuchung zu geraten, einen teuren Up-Trade einzufädeln. Falls du glaubst, dass GM Tom Telesco eh einer der besonneneren GMs wäre: Nope. Letztes Jahr verkaufte er Haus und Hof um einen Run-Stuffing Linebacker wie Kenneth Murray in der ersten Runde zu draften.

Slater hat zwar 2020 nicht gespielt, doch als Prospect gilt er fast auf Augenhöhe mit dem als episch beschriebenen Penei Sewell. Sewell ist physisch etwas krasser, als Slater ist technisch besser. Slater ist einer der Tackle-Prospects, die man vom ersten Tag an die linke Flanke stellen kann ohne jeden Sonntag mit abgekauten Fingernägeln aus dem Stadion zu gehen. Die Bolts-O-Line liest sich nach Ablauf der Offseason jetzt so:

LT Rashawn Slater
LG Oday Aboushi
C Corey Linsley
RG Matt Feiler
RT Bryan Bulaga

Sofern Bulaga nach seinen Verletzungsproblemen noch etwas im Tank hat, ist diese über so lange Zeit so desaströse O-Line auf dem Papier plötzlich auf jeder Position zumindest durchschnittlich besetzt.

Dass die Chargers letztes Jahr trotzdem nicht implodierten, lag daran, dass Herbert under pressure die 6t-beste Performance nach PFFs Grades ablieferte. Aus sauberer Pocket war Herbert nur der 25t-beste QB.

Wir wissen: Performance aus sauberer Pocket ist stabiler, weil die Sample Size größer ist und weil das Ambiente einfach besseren Aufschluss über das Processing des QBs erlaubt. Das ist auch einer der Gründe, warum ich die Rookiesaison Herberts für etwas überschätzt halte und Gefahren sah, dass die nächsten Jahre zu einer Enttäuschung werden könnten.

Doch mit einer gefixten O-Line können wir erwarten, dass Herbert eine höhere Rate an sauberen Plays bekommt und dass mit mehr Erfahrung und dem „2nd year leap“ auch seine Performance in den Snaps ohne Pressure besser wird.

Herberts Target-Profil

Wenn wir nicht mehr ständig an den bevorstehenden Kollaps der Protection denken müssen, können wir uns also auf den anderen faszinierenden Aspekt in Herberts Spiel fokussieren: Herbert ignoriert die linke Flanke seiner Spielfeldhälfte:

Aus dem PFF-QB Annual 2021

Im linken Bild sehen wir, welche Routen die Chargers-Offense letztes Jahr gelaufen ist (je „blauer“, desto weniger Routen, je „roter“, desto mehr). Rechts sehen wir, wohin die Pässe gingen.

Herbert hat gemessen am Gameplan extrem viele Pässe auf die rechte Seite geworfen – fast 8% mehr als man erwarten würde. Diese „einstige“ Spielweise hat etwas Trubisky-eskes und ist auch deshalb durchaus spannend, weil Defensive Coordinators relativ gut darin sind, solche Auffälligkeiten gezielt zu attackieren.

Wenn es denn eine Auffälligkeit und nicht bloß ein Ausreißer einer einzelnen Rookiesaison ist.

Jedenfalls passt das Routenprofil des in der 3ten Runde gedrafteten WRs Josh Palmer eigentlich perfekt zu den Präferenzen Herberts:

Aus dem PFF Draftguide 2021

Herbert wirft am liebten nur nach rechts. Palmer läuft auch nur rechts. Also alles klar?

Ich würde sagen: Abwarten. Target-Share und Target-Profile von Quarterbacks tendieren dazu, über längeren Zeitraum recht stabil zu sein. Ich will noch nicht so weit gehen und behaupten, dass Palmer deshalb ein guter Prospect für Herbert ist, weil er am College v.a. rechts gelaufen ist (das kann sich in der NFL durchaus ändern).

Aber mit dem zunehmenden Alter von Keenan Allen und dem auslaufenden Vertrag bei Mike Williams im Hinterkopf ist es durchaus spannend, dass ein „rechtslastiger“ QB wie Herbert mit einem Target-Profil wie Palmer verknüpft wird. Aggressiver Downfield-Receiver gepaart mit einem aggressiven Downfield-QB wie Herbert sollte aber auf jeden Fall ein Fit sein.

Secondary

Kommen wir zum zweiten Motiv der Chargers-Offseason: Maximal mögliche Flexibilität in der Defense. Wir wissen von Staley dank zahlreicher detaillierter Schilderungen, wie er über Football denkt.

Staley wird bei den Chargers ein ähnliches System wie zuletzt bei den Rams spielen lassen: Relativ hohe „two deep“ Looks, zahlreiche Rochaden, viele versteckte Blitzes, viele disguised coverages.

Das Personal dazu ist schon großteils zusammen. Es gibt einen extrem guten Passrusher in Joey Bosa, und es gibt eine tief besetzte Secondary mit erfahrenen Cornerbacks wie Chris Harris jr und vielseitigen Defensive Backs wie Derwin James.

Der in Runde 2 gepickte WR Asante Samuel passt eigentlich wie Arsch auf Eimer auf diese Defense. Ein kleiner Corner, nicht der allerschnellste, aber extrem instinktiv, sehr gut im Lesen der QB-Augen, immer dem Spielzug eine Millisekunde voraus.

Samuel ist extrem wendig, kann jede Richtungsändernung des Receivers mitgehen und ist giftig im Schließen von Lücken. Ich hab irgendwo die Statistik gelesen, dass er in seiner Saison am Catch-Point mindestens 20% der Completions mit einer Pass-Defense abgewehrt hat.

In kurz: Samuel spielt wie sein gleichnamiger Vater. Und der war, obwohl berühmt für seine gedroppte „Perfect Season“ unmittelbar vor dem Helm-Catch, über Jahre einer der besten NFL-Cornerbacks.

Der einzige Knackpunkt bei Samuel ist sein Körperbau: Mit 5’10 und 180 Pfund passt er nicht ganz in die Tendenz der heutigen, immer größer werdenden Cornerbacks. Kann Samuel außen spielen, dann ist das für die Chargers ein Glücksgriff, denn dann kannste Harris in den Slot stellen wo er über viele Jahre brillierte. Wenn Samuel „nur“ Slot kann, dann ist er immerhin ein nicht überaus teurer Mid-Round-Pick für eine definierte Defense-Rolle.

Auf jeden Fall ist es ein „logisch“ anmutender Pick für eine Brandon-Staley-Defense.

Bolts-Draft in aller Kürze

Long story short: Die Chargers haben mit logischen Picks Lücken geschlossen. Sie haben, wie schon in den letzten Jahren mit Derwin James oder Herbert ihre am höchsten gedrafteten Prospects ohne teure Up-Trades bekommen – diesmal sogar, ohne Bullshit-Trades im späteren Draftverlauf rauszuballern.

Slater ist an #13 exzellenter Value. Samuel ist ein Need, der hervorragend zur Defense-Philosophie passt. Palmer ist ein kompatibel klingender 3rd-Round-Receiver, bei dem es allerdings vielleicht auch bessere Alternativen gegeben hätte.

Die späteren Runden hab ich gar nicht mehr thematisiert. McKitty als Tight-End-Tiefe, Rumph als Passrush-Tiefe, Jaimes als O-Line-Tiefe – das klingt alles ziemlich vernünftig.

Die Bolts haben in dieser Offseason die größte Schwachstelle in Offense Line ausgebügelt. Jetzt liegt es an Herbert, mit diesem neuen Support-Cast den bei mir längst abgeschriebenen neuen OffCoord Joe Lombardi NFL-tauglich aussehen zu lassen. Ich bin nach dem Verlauf der Offseason auf jeden Fall optimistischer als noch im Februar.

Ein Kommentar zu “NFL-Definition von „logisch“: Chargers-Draft 2021

  1. Ich mag die Draft-Klasse. Da lagen Need, BPA und Value extrem nah zusammen.

    Ich habe Rumph im College durchgehend verfolgt. Wenn er nur ein bisschen massiver wäre bei gleicher Geschwindigkeit wäre er ein 1st-Runden-Pick gewesen. Ganz abgesehen davon, dass er mit die beste Pass-Rush-Technik aus der der ganzen Klasse hat (auch durch Familie, Vater ist D-Line Coach für die Bears) und konstant über jedes Gap erfolgreich Pressure kreiert hat, auch gegen Top-OTs.

    Hier aber ist besonders der Fit zu den Chargers hervorragend. Sein NFL-Vergleich war immer Leonard Floyd. Der ist zwar ein bisschen massiver, aber eigentlich auch noch ein Tweener und gleichzeitig war er die Waffe in der Brandon Staleys Rams-Defense. Und für diese Rolle, so sehen es sowohl die PFF Experten, als auch der „the Athletic football show“ Podcast Host Robert Mays, ist Rumph der perfekte Spieler/Fit in dieser Draft-Klasse für diese Position in diesem Scheme. Da ist der Pick mMn extrem guter Value.

    Weiter oben hast du Asante Samuel einmal als WR bezeichnet.

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