Pfeif auf Lücken: Colts-Draft 2021

Lass uns heute auf die Indianapolis Colts schauen.

Der Colts-Draft hat von mir ein blasses Grade = C bekommen und ist mit Ausnahme von 1st Rounder Kwity Paye eine Ansammlung an zu hoch gedrafteten Spielern – zumindest gemessen am Public-Board:

RdPickPos.NameCollegePublicBoard
121EDGE Kwity PayeMichigan15
254EDGE Dayo OdeyingboVanderbilt109
4127TE Kylen GransonSMU241
5165SShawn DavisFlorida223
6218QBSam EhlingerTexas233
7229WRMichael StrachanIndianapolis272
7248OLWill FriesPenn StateN/A

Meine ersten Gedanken beim Blick auf diese Draftklasse waren:

  1. Holla! Kein Offensive Tackle und kein Wide Receiver in den hohen Runden.
  2. GM Chris Ballard bleibt seiner Strategie, möglichst viele Freak-Athleten zu draften, treu.
  3. Eine irgendwie trotzdem gesichtslose Draftklasse.

Die Colts waren nach dem Rücktritt von Anthony Castonzo mit einer krassen Lücke auf Left Tackle in den Draft gegangen – höchst selten eine gute Idee. Und trotzdem zog Ballard keinen Tackle, sondern EDGE Kwity Paye. Das war eindeutig kein Versehen, denn es waren noch Tackle-Prospects am Board, die hoch gehandelt wurden (z.B. Christian Darrisaw).

Die Passrusher

Paye ist ein ziemlich geiler Pick und er passt perfekt zu Ballards Stil, stets nach extremen Athleten zu suchen. Paye ist mit 6‘2 und 261 Pfund etwas untersetzt, aber körperlich atemberaubend:

  • 99tes Perzentil im Bankdrücken
  • 97tes Perzentil im 40-Yards-Sprint (4.52 Sekunden!!)
  • 76tes Perzentil im Hochsprung
  • 61ts Perzentil im Weitsprung

Und obendrauf außerirdische 3-Cone-Beweglichkeits– und Pro-Shuttle-Drills aus College-Zeiten. Paye war damit letzten Sommer schon auf der „Freak-Liste“ von Bruce Feldman die #1.

Das einzige Problem: Paye war nicht ganz so produktiv wie seine Anlagen erhoffen ließen, denn es mangelt ihm an Feintechnik und vor allem an einer strategisch nuancierten Herangehensweise, sich die Gegner zurechtzulegen und deren Schwachstellen zu attackieren.

Klingt also nach einem Fall fürs Coaching.


Auch der zweite Pick war ein Passrusher: Dayo Odeyingbo. Auch der ist physisch imposant, aber auf andere Weise: Mit 6‘5 ist er ein Hüne, der schlanke 276 Pfund auf seinem Körper verteilt. Odeyinbo ist vielseitig, kann innen und außen spielen und kann sowohl physisch spielen als auch seine Beweglichkeit einsetzen.

Wie Paye bedarf es bei ihm allerdings noch etwas Feintuning.

Prinzipiell muss einer dieser beiden Prospects den Durchbruch schaffen um anders als Ben Banogo ein Rüstzeug für die Zeit nach Justin Houston zu geben.

Die späten Runden

Und dann waren wir in Ermangelung eines 3rd Rounders auch schon an Tag 3. Viel Spektakuläres hat Ballard dort nicht gemacht. Shawn Davis als Tiefe für die Secondary und ansonsten dreimal Offense.

TE Kylen Granson war der 4th Rounder und bis zu WR Michael Strachan der einzige potenzielle Pass-Catcher im Draft der Colts. Granson hat, obwohl er etwas Mass zugelegt hat, eher Receiver- als Tight-End-Maße: 6‘3, 235 Pfund.

Am College war Granson auch mehr Slot-Receiver als Tight End, und ich frage mich ob er in der NFL mit seinen „Tweener-Anlagen“ nicht eher H-Back als wirklich „in-line TE“ spielen kann. Möglicherweise haben die Colts Granson weniger als Nachfolger für Doyle oder Allie-Cox im Sinn, sondern für Trey Burton. Der spielte auch so ein Mittelding, war mehr Ballfänger als Blocker.

Strachan war WR30 bei Matt Waldman. Das Profil über ihn liest sich so:

Strachan is a 6’5″, 225-pound reciever from Charleston with 4.52-second, 40 speed; a solid three-cone of 6.96- seconds; and a vertical of 35 inches. He tracks the ball well above his head and over his shoulder. He appears to have more build-up speed than deep speed. He’ll have to prove that he’s more than a rebounder to earn a contributing role in the NFL.

So wirklich Vertrauen erweckend ist das nicht.

Dazu in Sam Ehlinger ein glorifizierter Tight End. Ehlinger war ein starker College-QB, aber so wirklich kann man sich einen QB-Übergang in die NFL nicht vorstellen. Vielleicht ist das auch besser so, wenn man dran denkt wie nervös Carson Wentz schon letztes Jahr wurde als man ihm einen QB-Rookie in den Nacken draftete.

Offense-Need wurde ignoriert

Die Colts waren in den Draft-Rankings meistens weit unten zu finden und der Hauptgrund dafür liegt wohl in der überraschenden Missachtung der beiden größten Offense-Needs: Left Tackle und Receiver.

Gerade bei Wentz geht die Story nach fünf Jahren als NFL-Starter ja fast schon so:

  • Ist die O-Line stark, ist Wentz passabel (2016, 2018, 2019)
  • Ist der Receiving-Corps obendrein stark, kann er richtig gut sein (2017)
  • Ist die O-Line jenseits der Top-10, ist er horrend (2020)

Colts-O-Line wird 2021 ein Fragezeichen bleiben, auch wenn gestern in Eric Fisher ein langjähriger Starter der Chiefs für ein Jahr und 9.4 Mio. als Notnagel verpflichtet wurde.

Fisher war in den letzten Jahren statistisch in etwa auf Augenhöhe mit Castonzo. Fisher war zwar isolierter von einem starken Nebenmann als Castonzo (der neben Quenton Nelson spielen durfte), hatte aber den Vorteil, für Patrick Mahomes blocken zu dürfen.

Und: Fisher kommt von Achillessehnenriss – und hat sich diese Verletzung zu allem Überfluss im Winter zugezogen. Fisher wird wahrscheinlich nicht so schnell spielen können. Das heißt: Ein paar Wochen Sam Tevi drohen.

Das riecht nach einem Fünf-Sack-Season-Opener mit schnellen Diskussionen um Wentz. Oder kann man die potenzielle Sollbruchstelle Left Tackle mit Tight-End-Hilfe z.B. von Jack Doyle kaschieren und eine letztlich insgesamt gut/durchschnittliche O-Line reicht den Colts wie bei einer normalen NFL-Mannschaft völlig aus?

Dazu Receiver. TY Hilton wird bald 32 und hat nicht mehr die Spritzigkeit alter Tage. Michael Pittman war als Rookie ein passabler Possession-Receiver, aber richtiges Potenzial als WR1 hat er noch nicht angedeutet. Und Parris Campbell ist nichts so richtig: Nicht Slot-Receiver, nicht Irrwisch, nicht Gadget-Player.

Ein Tweener in Granson und ein 7th Round Los in Strachan klingen nicht nach den inspirierendsten Neuzugängen für diesen zweifelhaften Receiving-Corps.


Wentz wird kaum erneut so katastrophal spielen wie zuletzt in Philly, aber dass er den Qualitätsverlust nach dem Rücktritt von Philip Rivers auffangen kann, ist auch alles andere als gewiss. So cool die spektakulären Passrush-Prospects sind: Die Colts haben in dieser Offseason und speziell im Draft relativ wenig dafür getan um Wentz bestmögliche Infrastruktur zu geben.

Das ist nicht ungefährlich: Left Tackle kann die Offense in die Scheiße reiten und der nach wie vor fehlende Deep-Threat deckelt das Potenzial der Offense.

Ob das wirklich gut gehen kann? Chris Ballard war in den letzten Jahren ein eher guter Drafter und hat auch tendenziell die richtige Herangehensweise für GMs. Aber ich bin mir nicht sicher ob er sich mit diesem Draft und der ganzen Offseason im Allgemeinen den größten Gefallen getan hat.

3 Kommentare zu “Pfeif auf Lücken: Colts-Draft 2021

  1. Ist ein bisschen gesponnen, aber vielleicht hat es auch Vorteile Wentz diese Saison nicht in einer Idealsituation zu sehen.
    Die Idee ist ja, dass die Reunion mit Reich ihn wieder zu früheren Leistungen führen soll. Wäre jetzt sein Surround bei den Colts so viel besser, dann ist es schwerer einzuschätzen an was die Leistungssteigerung festzumachen sei. Denn schafft er es mit Reich unter diesen eher mittelmäßigen Umständen, dann ist es vielleicht wirklich die Kombo Reich+Wentz die Zukunft hat.
    Ansonsten legt man sich vielleicht zu schnell auf eine Langzeitlösung Wentz fest. Und ich meine das gar nicht im Hinblick auf den 1st rounder nächstes Jahr, der ist mMn, wenn Wentz nicht absolut grütze spielt, eh weg.

    Nach dem Verlauf des Drafts, wird man sich sicher etwas ärgern bei den Colts (je nachdem wie man Fields/Jones eingeschätzt hat). Denn den Trade der Bears hätte man auch machen können und er wäre nicht wirklich teurer als Wentz jetzt. Und für Jones vor NE zu springen wäre noch billiger gewesen.

    kleine Anmerkung: In der Tabelle oben steht bei Strahan Indianapolis als College drin

  2. Vielleicht wussten die Colts schon, dass sie Eric Fisher auf LT signen werden, bzw. waren bereits sehr weit mit den Gesprächen und selbstbewusst, dass sie das eingetütet haben?

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