Ist Jalen Hurts überhaupt ein NFL-Quarterback?

Ich meine die Frage ernst.

Hurts hatte letztes Jahr nach seiner Einwechslung als Stamm-QB der Eagles im Dezember nur 185 Dropbacks, aber lieferte dabei eine der ungewöhnlichsten Vorstellungen für einen Quarterback ab.

Hurts hatte nur 52% Completion-Rate. Nur zwei andere Starting-QBs hatten überhaupt unter 60% (Sam Darnold und Carson Wentz).

Bei im Schnitt solch langen Pässen ist eine geringere Completion-Rate natürlich nicht außergewöhnlich. Also können wir CPOE (Completion-Percentage over Expected) heranziehen, das die Schwierigkeit der Würfe vergleicht mit der Completion-Rate. Hurts in Punkto CPOE: -8.3%. Hurts hat gemessen an seinen Anspielstationen 8% weniger Pässe komplettiert als ein durchschnittlicher QB. Es war mit weitem Abstand der schwächste Wert der Saison.

Nach PFF-Charting hat Hurts überhaupt nur 65% fangbare Pässe geworfen. Einzig Drew Lock landete noch unter 70%. Selbst aus sauberer Pocket war Hurts nur zwei Drittel fangbare Bälle. Nur Trubisky, Wentz und Darnold waren überhaupt unter 75%.

Hurts hatte eine der höchsten Quote an Turnover-würdigen Würfen.

Hurts hatte mit 10.1 Yards/Target den höchsten aDOT (average depth of target) der NFL und brauchte im Schnitt 3.37 Yards bis zu seinem Wurf. Beides sind Höchstwerte in der NFL, und das nicht zu knapp.

Auch Hurts‘ Pass-Chart illustriert den extrem ungewöhnlichen Spielstil. Wir wissen, dass die Spielfeldmitte die wichtigste Zone für die Passing-Offense ist: Hierhin werden die effizientesten Pässe geworfen, selbst unter Berücksichtigung des „Selection Bias“ (QBs tendieren dazu, tief eher nur dann zu werfen, wenn die Receiver offen sind bzw. wenn kein Druck kommt bzw. sie überhaupt die Zeit dafür bekommen).

In der Spielfeldmitte hat es die Defense am schwersten, alle Routen und Richtungen zu verteidigen, denn hierhin werden alle In-Breaking-Routs wie Slants und Crosser geworfen, hier tummeln sich Slot-Receiver und zu langsame Linebacker, Tight Ends und zu kleine Safetys, usw.

Die Spielfeldmitte ist eine Zone, in die hinein zu werfen im Großen und Ganzen ein Plus für die Offense ist. Aber man muss sich auch trauen, denn nirgendwo herrscht mehr Chaos als in der Mitte des Feldes.

Im Schnitt haben Quarterbacks während der letzten Regular Season 47% ihrer Pässe in die Mitte, also „between the numbers“, geworfen. Nur zwei Quarterbacks haben überhaupt weniger als 40% ihrer Pässe dorthin platziert.

Aaron Rodgers hatte 37% seiner Pässe dorthin.

Jalen Hurts 23%.

Weniger als die Hälfte vom durchschnittlichen NFL-QB.

Gerade die „Money-Distanz“ – tiefe Spielfeldmitte (10 und mehr Yards downfields) wurde von Hurts gemieden wie die Pest. Es ist schwierig zu sagen ob Hurts einfach nur das “Russell-Wilson/Kyler-Murray-Phänomen“ ereilte (QB ist einfach zu klein um über die O-Line hinweg überhaupt erst dorthin zu sehen) ereilte, oder ob er schlicht null Vertrauen in den „Zip“ in seinem Arm hatte, aber Hurts hat ganze 9% seiner Würfe dorthin platziert. Das ist Kategorie Wilson/Cousins/Shot-Arm-Big-Ben.

Viele Routen haben die Eagles unter Hurts zwar dorthin nicht gelaufen (linkes Bild). Aber es waren viel mehr als die Anzahl seiner Würfe (rechts Bild) hätte erwarten lassen:

aus dem PFF-QB-Annual

Hurts war einer der schwächsten QBs in sauberer Pocket (stabile Metrik, nur Sam Darnold hatte niedrigere PFF-Grade), aber dank seiner Mobilität einer der besseren, wenn er unter Druck gesetzt wurde. Gerade gegen den Blitz gelang Hurts das eine oder andere erfolgreiche Play – auch als Scrambler.

Hurts war ein „one read QB”. 77% seiner Würfe kamen nach dem ersten Read – nur zwei QBs hatten mehr: Ryan Fitzpatrick (79%) und Mitchell Trubisky (78%). Hurts hatte analog dazu auch die wenigsten Würfe nach einem 2nd read (7%) – und er nahm nur einen einzigen Checkdown das ganze Jahr!

Fazit

In short: Hurts war in den vier Spielen als Rookie kein echter NFL-QB. Er bewegte sich prinzipiell in allen Facetten des Spiels am äußeren Ende der Skalen.

Hurts war one read. Er mied die Spielfeldmitte und die Mitteldistanz. Er war nicht NFL-tauglich aus sauberer Pocket, nahm keine Checkdowns, wenn der Spielzug kollabierte, aber rettete sich mit seiner Mobilität, wenn um ihn herum Chaos ausbrach. Hurts war selbst gemessen an den langen Pässen sehr unpräzise und hielt den Ball so lange wie keine NFL-Offense-Line blocken kann.

In aller Kürze: Hurts war als Rookie nicht mehr als ein „Athlet“.

Nun sind 185 Dropbacks keine Menge, an der wir schon zwingend allzu viele Schlüsse auf die Zukunft ziehen sollten. Als Hurts eingewechselt wurde, zeigten die Eagles längst Auflösungserscheinungen und auch Headcoach Doug Pederson coachte bereits um seinen Job.

Aber Hurts muss viel, SEHR VIEL, umstellen und sich in fast allen Facetten seines Spiels massiv verbessern, wenn er nächstes Jahr zu diesem Zeitpunkt noch als „die Zukunft“ der Franchise gesehen werden will.

Ich liebe Hurts als Typ, aber Stand jetzt ist es eine gute Wette, auf einen QB-Pick der Eagles 2022 zu setzen.

10 Kommentare zu “Ist Jalen Hurts überhaupt ein NFL-Quarterback?

  1. Ergänzung: Die Eagles-Coaches haben das Problem von Hurts auch gut erkannt und sind nach der Auswechslung von Carson Wentz viel weniger Routen über die Mitte gelaufen.

    Unter Wentz hatte das Route-Chart noch so ausgesehen:

    Und das, obwohl die Tight Ends Ertz/Goedert v.a. während der ersten Saisonhälfte verletzt waren.

  2. Das ist so ziemlich all das, was vor dem Draft gesagt wurde: One Read QB, besserer Athlet als QB, vertraut sich selbst nicht.

  3. Ich verfolge College-Football nicht ins Detail, aber selbst da hatte ich schon den Eindruck gewonnen, dass Hurts kein NFL-QB wird. Das war mir vom Passing her einfach zu schwach.
    Untermauern das die College-Zahlen @korsakoff?

  4. @Napoleon:

    Hurts war ein Draft-Prospect mit fragwürdigem Clean-Pocket-Verhalten. „Drifts sideways out of clean pockets“ hab ich in meinen Notizen aus einem letztjährigen Podcast stehen.

    Hurts war nie der QB mit der allergrößten Wucht im Arm. Er war am College recht akkurat downfield, aber es gab schon Zweifel ob sein Arm für die tiefen Routen reicht.

    Zumindest in Alabama hat er auch nicht besonders viel über die Mitte geworfen:
    Intermediate Range (10-19yds) Mitte = 10%
    Deep Middle = 6% Pässe

    In Oklahoma hatte sich das geändert mit 17% Intermediate Center und 9% Deep Middle, aber natürlich mit exzellenten Waffen in einer entsprechend designten Offense gegen Big-12-Defenses.

    Er hatte selbst in Oklahoma die 103-t höchste Time-to-Throw (über 3 Sekunden).

    Er hatte die 14t-höchste aDOT mit 11.3 Yards/Target.

    Seine athletischen Tests waren die eines Runningbacks.

    So, ja: Hurts war mehr oder weniger „as advertised“. Natürlich kleine Sample-Size, aber wenn die Phobie gegen die Spielfeldmitte bestehen bleibt, sehe ich nicht wie Hurts ohne gigantische Verbesserungen in allen anderen Facetten ein höherklassiger Starting-QB werden soll.

  5. Ich habe schon nicht verstanden, dass die Eagles ihn letztes Jahr in der 2.Runde gedraftet haben. Aber wenn man all die Zahlen liest (und die kennen die Eagles auch), erscheint es als großer Fehler, dass sie Fields nicht gedraftet haben.
    Ich denke, dass dies niemand kritisiert hätte, im Gegenteil.

  6. War Hurts im Passing Game überhaupt besser als Wentz in der Iggles Offense?
    Das liest sich alles sehr pessimistisch dafür, daß Hurts letztes Jahr noch als guter 2. Round Pick gefeiert wurde.

  7. Achtung, waghalsige Analogie: Wentz war halt wie dein zehn Jahre alter Kleinwagen, der ständig irgendwelche Macken hat und aus dem Nichts liegen geblieben ist. Hurts war zwar kein besseres Modell, aber immerhin funktionierte der fünfte Gang und du musstest nicht ständig den Pannendienst rufen…

  8. Danke für die Aufstellung!

    Man muss schon viel Phantasie aufbringen wenn man sich Hurts‘ Ceiling ausmalt: Sein Rushing ist upper echolon der Running QB, das Eagles Scheme und die jungen WR laufen sich so oft frei und Hurts trifft die offenen WR wie bei Oklahoma, und das mit den wenigen Fehlern vom College. Bin da nicht zuversichtlich, auch wenn das Oklahoma Beispiel zeigt, dass Hurts durchaus die Mitte spielt, wenn es notwendig ist. Oder meinst du, dass es in der NFL so viel schwieriger ist (schnellere DB…)?

  9. Also Spielfeldmitte ist in der NFL im Vergleich zum College wirklich komplette Rushhour im Feierabendverkehr.
    Die Fenster sind deutlich kleiner, alles ist schneller und muss deutlich präziser ablaufen.
    Und weiter oben schrieb korsakoff ja schon, dass Hurts vielleicht auch einfach zu klein ist, um die Spielfeldmitte überhaupt „zu sehen“. (O-Line wie D-Line alle groß wie breit und zwar auf jeder Position, im College sind sie ja in der Regel (absolut gefühlter Fakt und Freakathletes mal außen vor) noch einen Tick kleiner.

    In Oklahoma hatten die WR ja teilweise Meter um sich herum Platz, diese Fenster wirste eher selten kriegen.

  10. „QB ist einfach zu klein um über die O-Line hinweg überhaupt erst dorthin zu sehen“
    Jalen Hurts: 1,85m.
    Russell Wilson: 1,80m.
    Drew Brees: 1,83m.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.