Fußball EURO 2021 Vorschau: Gruppe B

Gestern habe ich Gruppe A der Fußball-EM 2021 gevorschaut. Heute folgt Staffel B mit Belgien, Dänemark, Russland und Finnland. Es ist eine merkwürdige Gruppe.

Und zwar schon allein deshalb, weil die beiden Heimspielstadien in Kopenhagen und St. Petersburg liegen. Es gibt mit Finnland-Belgien in St. Petersburg nur ein einziges „neutral field“-Game. Die Dänen genießen dreimal Heimvorteil (remember: Zuschauer sind im begrenzten Ausmaß erlaubt), die Russen zweimal – sie müssen auswärts bei den Dänen antreten.

Nicht unerwähnt lassen sollte man unter diesem Aspekt, dass der klare Gruppenfavorit Belgien in der Nations League Dänemark zuhause und auswärts deutlich geschlagen hat.

Belgien

Die Belgier sind jetzt seit fast einem Jahrzehnt eine Konstante als „Geheimfavorit“. Nach schwachen Turnieren 2014 (bis auf das epische Achtelfinale gegen die USA) und 2016 war die Mannschaft schon unterwegs ein klassischer „Underachiever“ zu werden, aber vor drei Jahren riss man sich in Russland am Riemen und erreichte mit etwas Glück und Geschick den dritten Platz. Es hätte durchaus auch der Titel sein können.

Seit Ende 2018 sind die Belgier auch die #1 der nicht immer für voll zu nehmenden FIFA-Weltrangliste, u.a. weil sie mit zehn Siegen in zehn Spielen durch die Qualifikation gecruist sind.

Eine Konstante der letzten Jahre: Trainer Roberto Martinez spielt 3-4-3. Die Frage ist nur, ob das verletzungsgeplagte langsam in die Jahre kommende Team (ältester Kader des Turniers) noch die notwendige Tiefe hat um vier Playoffspiele in hoher Intensität durchzuziehen.

Man muss sich das nur mal anschauen: Das Abwehr-Trio Alderweireld (32), Verthongen (34) und Vermaelen (35) ist längst jenseits der 30, Dries Mertens ist 34. Eden Hazard hat wegen ständiger Verletzungsprobleme seit eineinhalb Jahren kein Länderspiel bestritten, Axel Witsel riss sich im Jänner die Achillessehne und hofft noch auf Wunderheilung, bei Kevin DeBruyne haben wir alle die Gesichtsknochenbrüche im Champions-League-Finale gesehen.

Im Idealfall spielt Martinez ziemlich unverändert wie zur letzten WM. Vor dem langhalsigen Keeper Curtois (der ein schillernderes Leben zu führen scheint als ich gedacht hatte) steht die Oldie-Defense-Line relativ hoch, obwohl ihr langsam die Mobilität abgeht. Jason Denayer, der ja eigentlich den richtigen Schreibnamen für einen Verteidiger führt, ist aber noch nicht soweit um schon jetzt als verlässlicher Starter zu übernehmen.

Wie so oft ist auch diesmal die Auswahl an Außenverteidigern groß. Das Dortmund-Pärchen Thomas Meunier und Thorgan Hazard ist wohl favorisiert auf die Stammplätze, aber da sind interessante Leute wie der aus China zurückgekehrte Yannick Carrasco oder der Japan-Killer Chadli als Backups in der Hinterhand.

Mittelfeldzentrale ist ein Knackpunkt. Theoretisch wären DeBruyne und Witsel gesetzt. Wenn da nicht die Verletzungssorgen wären

Immerhin: Bei DeBruyne ist man sich fast sicher, dass er spätestens zum Achtelfinale wieder in Normalform auflaufen kann. Witsel? Not so much. Also muss sich Martinez nach Alternativen umschauen, und die beiden plausibelsten Namen sind Leander Dendoncker (Wolves) und Youri Tielemans (Leicester). Sie bieten unterschiedliches Skill-Set an. Tielemans ist ein spielstarker Passgeber, Dendoncker eher der bärbeißige Kämpfer.

DeBruyne diktiert im Normalfall das Tempo der Belgier. Gut möglich, dass Martinez im Fall einer Spielunfähigkeit von Witsel DeBruynes Nebenmann am Gegner ausgerichtet bestimmt.

Im Sturm ist Belgien natürlich potenziell genial besetzt. Der Brecher Romelu Lukaku hat als Mittelstürmer die Saison seines Lebens gespielt und Inter zum ersten Meistertitel seit der Mourinho-Ära geschossen. Wenn ich mich an die leblosen Auftritte vor fünf Jahre erinnere, dann hat Lukaku ein wirklich erstaunliche Entwicklung genommen.

Bleibt das Fragezeichen auf den Flügeln. Hazard haben wir nur ein paar „uneventful“ Minuten bei Real Madrid in der CL gesehen. Wer soll ihn ersetzen? Mertens ist ein Publikumsliebling, aber ein komplett anderer Spielertyp und auch gleichzeitig eine Option auf dem anderen Flügel. Leandro Trossard wäre Hazard nicht unähnlich, aber er ist total unerfahren. Vielleicht bietet auch ein Jungspund wie Jeremy Doku die Möglichkeit, neue Dinge zu probieren. Doku ist eine Art Nachfolger von Edeljoker Divock Origi: Trickreicher Winger, zieht gerne nach innen ins Zentrum.

Mal schauen. Es gerüchtelt, dass Martinez nach der EM offen für Jobangebote von Clubs ist – eben weil er taktisch doch einiges drauf hat und Mannschaften einstellen kann. Genau in dieser Aufgabe wird er sich in der Vorrunde beweisen müssen, denn die ideale Formation scheint er noch nicht gefunden zu haben. Das Gute: Belgien ist so klar favorisiert, dass die Vorrunde ganz un-arrogant als eine Art „Vorbereitungsspiele“ interpretiert werden kann.

Dänemark

Größter Vorteil der Dänen: Sie spielen dreimal zuhause in Kopenhagen. Gegen Belgien mag das nicht reichen – doch gegen Russland und Finnland könnte es ein Tie-Breaker sein. Eventuell.

Doch auch sportlich sind die Dänen nicht völlig zu unterschätzen. Unter dem neuen Coach Kasper Hjulmand spielen sie in den letzten Monaten immer proaktiver. Die Basis im 4-3-3 ist aber die stabile Defense vor dem starken Torwart Kaspar Schmeichel mit exzellenten langen Bällen von Kapitän Simon Kjaer von Milan sowie dem zweiten starken IV in Andreas Christensen, der nicht zuletzt im CL-Finale nach seiner Einwechslung für Thiago Silva entsprechende Stabilität bot. Christensen ist allerdings was man so hört nicht ganz fit.

Die Dänen spielen die „spiegelverkehrte“ Variante auf den Flügeln, z.B. mit Rechtsfüßlern auf dem linken Flügel, und mit sehr offensiv interpretierten Außenverteidigern. Wenn ein Joakim Maehle von Atalanta z.B. in der Stammformation auftritt, wird es häufig offensiven Input von hinten heraus geben.

Das Problem der Dänen ist wie bei vielen Mannschaften der fehlende Klassestürmer, der Bälle von den Flügeln verwerten könnte. Ein Yussuf Poulsen, der Bundesliga-Fans vertraut sein dürfte, ist beispielsweise kopfballstark, aber kein klassischer Mittelstürmer. Prinzipiell ist jede Option eindimensional. Vielleicht schlägt deswegen auch schon bei der Euro die Stunde vom 22-jährigen Jungspund Jonas Wind. Theoretisch ist er der vielseitigste Angreifer – aber in der heimischen Liga in Kopenhagen spielend ist er international eher unerfahren.

Bleibt die große Stärke: Die Mittelfeldzentrale. Der Dortmunder Thomas Delaney und Pierre-Emile Hojbjerg von Tottenham sind die Abräumer, die dem Superstar Christian Eriksen den Rücken freihalten. Ich hatte Eriksen lange für überschätzt gehalten, aber prinzipiell geht von ihm bei seinen Vorstößen die meiste Torgefahr aus. An Eriksens Impulsen hängt letztlich das ganze Offensivspiel der Dänen. Wird er abgemeldet, kann das Turnier durchaus in einer schnellen Enttäuschung enden.

Russland

Theoretisch könnte dann die Stunde der Russen schlagen. Die sollen sich spielerisch von der armseligen Heim-WM nicht weltbewegend weiterentwickelt haben, auch weil Coach Stanislav Cherchesov interessierter an einer politischen Karriere im Kabinett seines Spezls Putin sein soll, als an sportlicher Entwicklung.

Das führte immer wieder zu Verstimmung. Aber so ungut der Ex-Tirol-Keeper Cherchesov auch im Umgang mit der Öffentlichkeit sein soll: Ehrlicherweise hat er gar nicht so viel Spielermaterial, mit dem sich attraktives Offensivspiel implementieren ließe.

Im Tor hat man wie bei jedem Turnier große Fragezeichen. Selbst der mutmaßliche Stammkeeper Anton Shunin ist immer für einen Patzer gut. In der Verteidigung muss immer noch der mittlerweile fußlahme Zhirkov antreten. Mit seinen bald 38 Lenzen ist er näher am Rücktritt als an Euro-würdiger Verfassung.

Im Mittelfeld treibt die „Engine“ Roman Zobnin das Team an, aber für spielerische Impulse können allemal Aleksei Miranchuk (Atalanta Bergamo) und der bei Monaco zuletzt zu großer Form aufgelaufene Alexander Golovin sorgen. Doch gerade bei Golovin muss man noch abwarten, denn nach einer verletzungsgeplagten Saison mit nachfolgender Covid-Infektion könnte es Fitness-Probleme geben.

Auch den Mittelstürmer Artem Zyuba, den besten Russen bei der WM, umwehen Negativschlagzeilen. Zyuba ist mit seinem hochnäsigen Auftreten in Teilen der russischen Fanbase extrem umstritten. Dass er im November wegen eines anrüchigen Videos (vulgo: Wichsen) zwischenzeitlich suspendiert und mittlerweile wieder begnadigt wurde, ist noch nicht vergessen. Sportlich aber hat Zyuba eine gute Saison gespielt…

…allerdings wie so viele Russen in der heimischen Liga bei Zenit. Und dort liegt noch immer das große Problem dieser Mannschaft: Viele der besseren Spieler bleiben zuhause. Doch die russische Liga, vor 10-15 Jahren kurzzeitig im Aufschwung begriffen, befindet sich mit Finanzproblemen seit längerem in einem Abwärtstrend. Da kommt ganz einfach nicht viel nach.

Die Russen haben insgesamt zwei Heimspiele in St. Petersburg. Das eine gegen Belgien kann man fast abschreiben – also muss gegen Finnland gewonnen werden, und dann entscheidet das Auswärtsspiel in Kopenhagen gegen die Dänen.

Finnland

Die Finnen sind nur krasser Außenseiter, könnten aber mit der positiven Stimmung im Land und großer mannschaftlicher Geschlossenheit eventuell für eine Überraschung sorgen – unterstützt durch den Spielplan, denn man trifft als Letztes auf Belgien. Und die könnten dann schon im Schongang begriffen sein.

Fußballerisch sind von Finnland keine Wunderdinge zu erwarten. Coach Markku Kanerva lässt viel Viererkette und manchmal gar Fünferkette spielen und wird mit Abwehrbeton darauf hoffen, die Spiele eng zu halten. Kanerva gilt als guter Taktiker, der sein Team exzellent auf die Stärken des Gegners einzustellen versteht. Wir werden dreimal „Spiegeltaktik“ erleben: Fokussierung auf das Wegnehmen der größten gegnerischen Stärke.

Mit diesem „Belichick-Style“ und immer wieder eingestreuten Phasen von hohem Pressing versuchen die Finnen tendenziell auch immer, die Gegner nahe der Seitenlinien zu isolieren und mit schnellen Gegenstößen zu Chancen zu kommen.

Vorne sind die zu merkenden Namen Glen Kamara (Glasgow Rangers), Simo Valakari (ich möchte auch jeden Tag mit einem Lächeln bestreiten) und der in Finnland extrem beliebte arbeitende Mittelstürmer Teemu Pukki. Wenn die Defense steht, könnte dieses Trio für ein paar Akzente sorgen – und wer weiß, wenn die Russen nicht in die Gänge kommen, durchaus für eine kleine Überraschung sorgen.

Aber drauf wetten würde ich eher nicht.

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