Fußball EURO 2021 Vorschau: Gruppe E

Die Vorschau auf die heutige Gruppe E fällt notgedrungen etwas kürzer aus.

Spanien

Obwohl die Spanier nach wie vor mit einer technisch fein besetzten Mannschaft antreten, scheint die Zeit des ganz großen Turnierfavoriten erstmal vorbei zu sein. Seit dem Titel-Hattrick zwischen 2008 und 2012 gab es ein Vorrundenaus 2014 und je zweimal Tschüss im Achtelfinale 2016 und 2018.

Jetzt ist das erste Mal seit gefühlten Äonen, dass niemand die Spanier vor dem Turnier so richtig auf dem Zettel hat. Ein Teil davon hängt natürlich an den Corona-Infektionen, wegen denen man Impfung im Schnelldurchlauf und parallele Bubble mit Ersatzteam installiert hat.

Aber auch das Spielermaterial selbst gibt trotz tiefer Besetzung auf einigen Positionen nicht mehr ganz so viel her wie in der Blüte, als sogar ein Cesc Fabregas keinen Stammplatz hatte. Headcoach Luis Enrique hat interessanterweise nicht einen einzigen Mann von Real Madrid einberufen, auch nicht Sergio Ramos – und hat überhaupt nur 24 anstatt der 26 möglichen Mannen mit zum Turnier genommen.

Im Tor scheint der Zweikampf zwischen David De Gea und Unai Simon knapper zu laufen als gedacht. In der Innenverteidigung fehlt die langjährige Präsenz von Ramos. Aymerac Laporte ist der einzige sichere Starter. Diego Llorente ist momentan in Quarantäne. Auf den Flanken ist man nach wie vor stark besetzt: Azpilicueta rechts, und links ist Jordi Alba noch immer Fixstarter, obwohl er seit Jahren mit Enrique über Kreuz ist.

Spektakulär gut sind die Spanier nach wie vor im zentralen Mittelfeld, wo der positive Test von Sergio Busquets durch Leute wie Thiago, Rodri, Koke (Kapitän von Atleticos Meistermannschaft) oder die beiden sensationellen Entdeckungen der letzten Saison, Marcos Llorente und Pedri, locker kompensiert werden kann. Gerade Llorente gilt als einer der Lieblingsspieler von Enrique, der schon einst Barcelona etwas weg vom reinen Tiki-Taka designt hat, hin zu einem direkteren Spiel nach vorn.

Das hat er mit Spanien in den letzten Monaten auch gemacht – und wäre er nicht zwischenzeitlich wegen der schweren Erkrankung seiner Tochter draußen gewesen, es hätte einen noch deutlicheren Cut mit der Vergangenheit geben können.

Das Problem sehe ich im Sturm, wo Supertalent Ansu Fati das Turnier verletzt verpasst und damit Morata von Juve als mutmaßlich nach wie vor beste Option übrig bleibt. Die Spanier konnten in ihrer absoluten Blüte vor gut zehn Jahren sogar den Ausfall einer echten Sturmspitze wie David Villa verkraften, aber damals hatte man ein spielerisch dermaßen dominantes Mittelfeld. Das sehe ich trotz Thiago und den oben genannten Jungspunden noch nicht.

Irgendwie scheint somit niemand wirklich mit den Spaniern zu rechnen, und mit der völligen Unbekannten COVID ist das auch erklärbar. Am gespanntesten bin ich somit erstmal ganz einfach wie dieses Team auftreten wird. 4-3-3 ist eh klar, aber wie hoch wird das Pressing sein, wie schnell und direkt wird nach Ballbesitz nach vorne gespielt, und wie gut geeint tritt das Team nach den umstrittenen Nominierungen auf?

Schweden

Die Schweden sind unter Coach Janne Andersson spielerisch klar definiert: Es ist ein 4-4-2 vom alten Schlag, mit starken Flügelspielern (Emil Forsberg, Dejan Kulusevski von Juve oder Viktor Claesson), aber einem oft zu vorsichtigen Gameplan.

Schweden ist sehr passabel im zentralen Mittelfeld, wo zwei Teamkollegen von Krasnodar nebeneinander auflaufen. Diese Eingespieltheit sollte dem Team helfen.

Probleme gibt es im Sturm. Alexander Isak ist kein Schlechter, aber er hat natürlich nicht das Format eines Zlatan Ibrahimovic – auch nicht das eines 40-jährigen Zlatan. Ibrahimovic war in der Vergangenheit oft eine zu egoistische Figur im Sturm und somit tat sein Rücktritt vor ein paar Jahren eigentlich gar nicht so schlecht. Doch zuletzt soll er sich zu einem wesentlich besseren Teamplayer entwickelt haben – insofern ist seine Verletzung kurz vor dem Turnier dann doch ein Problem.

Polen

Die Polen haben nach einer brutal schwachen WM 2018 einiges gutzumachen, aber ich vernehme oft Skepsis ob ihrer Aussichten. Zwar besitzen die Polen in Robert Lewandowski den Weltfußballer und als eines der wenigen Teams einen wirklich großartigen Mittelstürmer, doch die große Problemstellung in dieser Mannschaft lautet: Wer soll Lewandowski anspielen?

Arkadiusz Milik (Olympique Marseille) als Passgeber wäre extrem wichtig gewesen, doch er fällt verletzt aus. Der neue Coach Paulo Sousa muss also alternative Lösungen übers „Scheming“ bringen. Dort gilt er als Fuchs: Er spielt 4-Mann-Verteidigung, die in Ballbesitz auf eine Dreierkette wechselt und in ein 3-4-1-2 mutiert.

Das ist die „Pirlo-Rochade“ und sieht grob gestrickt so aus: In Ballbesitz rückt der Rechtsverteidiger (oft Bartosz Bereszynski von Sampdoria) ins zentrale Mittelfeld auf und schiebt damit weitere Kollegen eine Position auch vorne an, bringt ordentlich Dampf von hinten mit.

An der linken Flanke bringen Leute wie Napolis Piotr Zielinski (hat eine extrem effiziente Saison mit über 20 Scorerpunkten gespielt) oder Maciej Rybus Druck. Aber individuell sind das alles eher banale Spieler.

Spannend wird auch die Stimmung im Team. Lewandowski gilt als unangefochtener Star und ihn zu kritisieren (z.B. dafür, dass er in seiner Vita nur zwei Turniertore geschossen hat) wird zu schlimmerem Backlash führen als wenn du einen Franchise-QB kritisiert. Auf Lewandowski war dem Vernehmen nach auch die teaminterne Revolte gegen den alten Coach Jerzy Brzeczek zurückzuführen, der Ende letzten Jahres gefeuert wurde. Mehrere Spieler bekannten sich anschließend „schuldig“ an der Einfädelung des Trainerwechsels beteiligt gewesen zu sein.

Gefühlt hätte ich Polen eben wegen Lewandowski doch als #2 der Gruppe gesehen, aber nicht zuletzt im Guardian-Podcast waren die Experten wegen der fehlenden spielerischen Qualität nach vorn extrem skeptisch.

Slowakei

Bleibt der krasse Außenseiter. Ich habe mich mit diesem Team nicht wirklich genauer auseinandersetzen können und bin deswegen selbst ganz gespannt. Coach Stefan Tarkovic ist seit Jahren im Umfeld der Nationalmannschaft angestellt und kennt alle internen Abläufe, kam aber erst letzten November mehr oder weniger wie die Jungfrau zum Kind zur Anstellung als Cheftrainer. Er qualifizierte die Slowaken dann im Elfmeterschießen für die EM.

Tarkovic versucht wie so viele Außenseiter hinten so massiert als möglich zu stehen und dann schnell zu kontern. Aber für wirkliche Gefahr ist das Stürmerproblem dann doch wohl zu massiv. Michael Duris als Option #1 ist international nur drittklassig.

Immerhin: Der beste slowakische Fußballer des letzten Jahrzehnts, Marek Hamsik, hat noch einmal Bock und ist im Winter aus der chinesischen Operettenliga zurückgekehrt und in die schwedische Liga gewechselt um sich spielfit zu trainieren. Mit 34 ist Hamsik natürlich physisch längst auf dem absteigenden Ast, aber seine Erfahrung ist bestimmt etwas, an das sich die Teamkollegen gerne klammern.

Den einen oder anderen Punktgewinn traue ich den Slowaken durchaus zu – z.B. wenn Polen oder Schweden am Abwehrbeton verzweifeln. Aber Achtel- oder gar Viertelfinale wäre dann schon eine faustdicke Überraschung.

2 Kommentare zu “Fußball EURO 2021 Vorschau: Gruppe E

  1. Isak ist schon um einiges besser als es hier im Artikel den Anschein macht. Spanien wäre sehr froh gewesen, wenn sie einen Stürmer aktuell von dem Format hätten. Easy einer der Top5-10 besten Stürmer in der spanischen Liga.

  2. Ja, Isak war gestern fantastisch, das ist auf alle Fälle bestätigt. Hat halt kaum Entlastung für ihn gegeben.

    Ich war jetzt nicht so euphorisch, weil Isak zwar ein gutes xGoal Profil hat, aber bei San Sebastian gar nicht so viel dazu beiträgt, die Bälle nach vorn zu bringen (siehe xG from progression):

    Dribbling ist mit einem Rating von 66/100 über die Saison auch nicht so überragend wie das gestern den Anschein hatte.

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