All-32: Arizona Cardinals 2021 Preview

Anfang August ist ein guter Moment um in die NFL-Vorschau 2021/22 einzusteigen.

Ich habe vor, wie schon letztes Jahr kurz und knackig über alle 32 Teams drüberzugehen und einen Moment darauf zu blicken was uns erwartet. Es soll keine vollständige Preview zu allen Facetten der Teams sein, sondern einige mir interessant erscheinende Aspekte aufgreifen.

Ich poste zu jedem Team einige Stats aus der letzten Saison und habe mir zur schnellen Einordnung erlaubt, die Positional Rankings von PFF mit anzuführen.

Beginnen wir unsere Serie mit den Cardinals. 2020 haben sie einen ordentlichen Sprung nach vorn gemacht – und doch endete das Jahr mit schwachen Offense-Leistungen zum Saisonende hin enttäuschend. Die Playoffs wurden verpasst.

Trotz Stagnation durfte Headcoach Kliff Kingsbury bleiben. Er geht noch nicht zwingend als „lame duck“ in die Saison – aber wenn der entscheidende Schritt nach vorn jetzt nicht kommt, könnten wir im Winter von einer Ablöse sprechen – und dann könnte auch QB Kyler Murray infrage gestellt werden.

Offense

Über die Identität der Cardinals-Offense und die abzuarbeitenden Punkte beim Verbessern der Kingsbury-Air-Raid-Version habe ich schon unter der Woche geschrieben. In aller Kürze: Es ist eine simpel gestrickte Offense, die auf viele Receiver am Feld und Tempo anstatt auf schematische Variabilität setzt.

Doch weil die Receiver individuell der Defense nicht überlegen genug waren, weil QB Kyler Murray die Spielfeldmitte meidet und es damit auch kein überzeugendes tiefes Passspiel gibt, wurde es mit zunehmendem Saisonverlauf immer einfacher, Arizona zu verteidigen.

Gegnerische Defenses setzten vor allem gegen Ende der letzten Saison auf eine simple Blaupause und warfen Arizona extrem viele „light boxes“ entgegen (in den letzten Wochen 70% Boxen mit weniger als 8 Mann). Selbst ohne Schulterverletzung hätte Murray dagegen Probleme gehabt, effizient zu scrambeln.

Nicht falsch verstehen: Murray hat 2020 einen Schritt nach vorn gemacht. Murray, bei dem ich vor einem Jahr noch auf die Gefahr ihn nach schwacher „clean pocket performance“ hinwies, verbesserte sich Liga-Mittelfeld der NFL-Werfer. Weil Murray über weite Strecken der Saison auch besser scrambelte, sieht auch sein EPA/Play Output viel besser aus:

  • 2019: 0.06 EPA/Play, #23 der NFL
  • 2020: 0.16 EPA/Play, #18 der NFL

Aber gutes Mittelfeld ist nicht genug, wenn man in der NFC West um den Titel mitspielen will. Murray muss sich in vielen Facetten ein weiteres kleines Stück verbessern, und dabei seine Rate an Adjusted Interceptions runterschrauben (letztes Jahr: zweitmeiste). Aber auch sein Umfeld muss besser werden.

Die schematischen Stellschrauben an der Kingsbury-Offense sind nicht zu schwer zu drehen. Eine der offensichtlichsten wäre, WR Nuk Hopkins etwas mehr am Feld herumzuschieben um spezielle vorteilhafte „Matchups“ zu kreieren.

Und das Personal ist etwas besser geworden: Auf Receiver hat man Larry Fitzgerald in den Quasi-Ruhestand geschickt und mit WR A.J. Green und Rookie Rondale Moore (2te Runde) zwei neue Waffen geholt.

Okay: „Waffe“ könnte bei Green eine glatte Übertreibung sein, wenn er körperlich so fertig ist wie 2020 angedeutet. Wenn Green aber ein zweites Jahr entfernt von seiner schweren Verletzung noch ein bissl was im Tank hat um sich etwas besser vom Gegner zu lösen, geht er als valide #2 durch. Und dann ist die Combo aus Moore und Christian Kirk als WR3 und WR4 fett genug, dass man sich vom enttäuschenden Andy Isabella als deep threat verabschieden kann.

Wenn nicht? Dann reden wir in einem halben Jahr wieder über die gleichen alten Probleme.

Tight End wird bei Kingsbury nur als minderwertige Position angesehen. Man hat Dan Arnold gehen lassen. Richtig ersetzt hat man ihn nicht, aber Maxx Williams wäre eigentlich solide genug um heuer mehr als die neun Targets aus dem letzten Jahr zu sehen.

Bleibt die Offensive Line. Individuell war sie doch ganz okay. Die #3 Platzierung in Pass-Block-Win-Rate täuscht zwar ein wenig, weil Arizona mit viel Screenpass- und Play-Action-Game schematisch nachgeholfen hat.

Aber jetzt, wo mit Rodney Hudson die kritische Center-Position massiv geupgraded wurde, sollte das auch eine individuell sehr gute O-Line sein:

  • LT D.J. Humphries hat sich vor allem als Run-Blocker zu einem Star entwickelt
  • RT Kelvin Beachum ist die Definition von „NFL-Durchschnitt“, und das reicht meistens aus
  • Hudson ist einer der besten Center und LG Justin Pugh ist locker guter Durchschnitt. Auf der anderen Guard-Position ist der neu geholte Brian Winters ein Upgrade.
  • In Josh Jones (3rd Round 2020) hat man passable Tiefe.

Laufstarke Quarterbacks sind traditionell eine Hilfe für jede Offensive Line, doch in Punkto Run-Blocking strauchelte diese Line – und so war Arizonas 2019 noch so überzeugendes Laufspiel letzte Saison trotz schematisch sehr guter Ansätze nur noch durchschnittlich.

Ich bin spätestens seit Anfang Oktober letzter Saison Kingsbury zunehmend kritisch gegenüber eingestellt. Ende der Saison hätte ich bereits über eine Entlassung nachgedacht – aber wahrscheinlich ist es unter dem Aspekt des Langzeitplans und der unkonventionellen Herangehensweise okay, dass er noch ein Jahr bekommt. Nach der Stagnation von 2020 sind es aber viele Stellschrauben, die zu drehen sind.

Immerhin: Es gab zwischen all dem Bullshit auch einige okaye Momente wie hohe 4th-Down-Aggressivität und die niedrigste Run-Rate in 2nd&long Situationen. Skepsis ist angebracht ob Kingsbury zu den notwendigen Adjustments in der Lage ist – aber noch ist nicht aller Tage Abend.

Defense

So lasch die Offense spielte, so viel Pfeffer hatte die Defense. Personell eigentlich gar nicht so gut besetzt und von sehr vielen Verletzungen geplagt (u.a. EDGE Chandler Jones fast die ganze Saison), zauberte DefCoord Vance Joseph eine überdurchschnittliche Unit aufs Feld.

Josephs Defense zeichnete sich dabei aus durch:

  • Hohe Blitz-Rate (42%, #4 der NFL)
  • Sehr hohe „Big Blitz Rate“ (viele Blitzer auf einmal, 9.5%, #2)
  • Hohe Rate an Manndeckung in der Coverage (44%, #2)

So schaffte es Joseph auch ohne starke Passrusher, Druck zu kreieren. Arizona war in Pass-Rush-Win-Rate immerhin die #13.

Individuelle Klasse sollte mit der Rückkehr von Jones sowie dem Einkauf von EDGE J.J. Watt jetzt eine ganze Ecke besser sein, auch wenn das Duo seine Fragezeichen mitbringt. Beide sind über 30, und gerade Watt hatte in den letzten Jahren immer wieder mit nervigen Verletzungen zu leiden.

Die große Regressions-Gefahr lauert in der Back-Seven: Cornerback ist nach den Abgängen von Patrick Peterson und Dre Kirkpatrick ziemlich horrend besetzt. Ein Malcolm Butler ist längst nicht mehr der Klassemann alter Tage, CB2 ist quasi nicht NFL-tauglich besetzt und im Slot hat der 2019 gedraftete Byron Murphy noch nicht richtig Fuß gefasst.

Safety Budda Baker ist der einzige Star in der Secondary. Es wird an Joseph liegen, seine beiden flexiblen Linebacker/Safety-Hybride, Isaiah Simmons und den in der 1ten Runde gedrafteten Zaven Collins, so gut einzubauen, dass diese unkonventionellen Spieler maximalen Mehrwert bringen.

Simmons machte als Rookie nur 34% der Snaps mit – und die fast alle auf der klassischen Outside-Linebacker-Position. Er muss nun quasi neue Rollen übernehmen.

Collins ist ein anderer Spielertyp – ein Brocken von Mann, nicht wirklich gut in Richtungsänderungen, aber mit 4.66 Sekunden extrem schnell im Geradeauslaufen. Collins spielte am College aber in einer 3-3-5. So ein System ist in der NFL nahezu unbekannt – es ist also anzunehmen, dass er wie schon Simmons ein Jahr Einlernzeit braucht um durchzuspielen.

Ausblick

2021 ist das Jahr 3 des Experiments Kingsbury. Es ist der Zeitpunkt, ab dem es keine Ausreden mehr geben sollte.

Ich bin allerdings skeptisch geworden. Ich traue Kingsbury nicht mehr richtig über den Weg, und auch Murray hat nicht ganz das gehalten was ich mir von ihm versprochen hatte.

Natürlich ist möglich, dass die Defense noch einmal so ein Jahr spielt wie 2020 und die Offense jetzt plötzlich „klick“ macht, weil Kingsbury die richtigen Anpassungen gemacht hat.

Aber da waren so viele Fragezeichen und so wenig Hoffnung Spendendes gegen Ende der letzten Saison, und da ist eine waidwunde Secondary. Das ist mir zu unsicher um für Arizona eine viel bessere Saison als „borderline Wildcard“ mit 9-8 Bilanz zu prognostizieren.

6 Kommentare zu “All-32: Arizona Cardinals 2021 Preview

  1. Hallte die cards für ein Geheim Favoriten, devensive wurde brutal verbessert. Werden die Playoffs locker erreichen.

  2. Kliff ist auch so einer dieser Shenanigans, hat es der nicht auf die Reihe gebracht mit Pat Mahomes als QB eine Losing Season hinzulegen? Klar mit schlechter Defense, aber wenn sich ein HC absolut nur auf die Offense fokussiert dann sollte da mehr herausspringen als das bei den Cards.

    Einfach nur auf 10 Personell zu verzichten wenn man klar sieht daß das nicht klappt ist halt auch nicht der Master Coaching Move. Vor einem Jahr stand hier, daß Hopkins der Heilsbringer ist, weil ein WR1 gefehlt hat.

    Jetzt ist der fehlende WR2 das Problem, weil der WR1 ohne Plan eingesetzt wurde. Was wohl nächstes Jahr die Entschuldigung sein wird? „Konnte ja niemand wissen daß AJ Green nicht mehr laufen kann“…

  3. An sich eine tolle fundierte Analyse zu meinen Cardinals. ABER.

    Ich verstehe die plötzliche schlechte Stimmung um Kingsbury nicht, als er in die NFL kam war er ein Hoffnungsträger und alle waren sich einig dass es ein paar Jahre braucht bis seine Ideen greifen, und jetzt wird nach zwei Jahren schon alles zerredet, OBWOHL die Cardinals Offense einen Schritt nach vorne gemacht hat!

    Kyler ist noch ein junger QB, der vor seiner Schulterverletzung einer der besten Double Threads war. Hopkins kann man eleganter einsetzen, aber wo waren mit Larry Legend auf dem letzten Zacken die Möglichkeiten viel zu schemen? O Line das beschriebene Problem. Es waren eben auch nicht die besten Spieler fürs System 🙂

    Klar ist die DB Situation bitter und deswegen glaube ich auch nicht dass wir competen um die NFC Championship, aber die ganze Offense schon jetzt zu zerreden kommt einfach noch ein halbes Jahr zu früh!!

    Nur wenn es im November noch so aussieht wie zu Weihnachten geben ich mich geschlagen 😉

  4. Die Offense um Mike McCoy und Josh Rosen sollte nicht der Anspruch sein. Kingsbury wurde geholt, um das Maximum aus der Offense raus zu holen. Bisher sieht das eher bescheiden. So revolutionär sieht seine Air Raid Offense nicht aus.

  5. Spannendes Team. Frage mich was passiert wenn Kingsbury eine Top 8 Offense aufs Feld bringt, aber die Defense in die 20er rutscht und man die Playoffs knapp verpasst. Dazu ist die Division einfach brutal und selbst „gut“ reicht hier nicht…

  6. @Figo:
    Ich weiß nicht, ob die Division „brutal gut“ ist. Bei PFF z.B. haben zwei Divisions (AFC West, NFC South) eine höheren Anzahl Siege in den Projections, und die AFC North ist gleichauf.

    Schon 2020 waren die NFC-West-Mannschaften Papiertiger.

    Jetzt ist es z.T. ähnlich. Cards siehe oben. Seahawks haben Russell Wilson, aber Defense mit Fragezeichen. 49ers könnten mit Rookie-QB starten und haben keine Secondary. Rams haben DC-Wechsel und Matthew Stafford als den Heiler aller Probleme anzupreisen? Ich weiß nicht…

    Ich glaube die Division lebt erstmal davon, keinen offensichtlichen Schwachpunkt zu haben.

    Mein Gefühl: Bei den Cards wird sich Kingsbury auch bei mittelmäßiger Bilanz halten, solange die Offense wirklich zündet. In deinem Szenario glaube ich würde er bleiben.

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