Der Furchtlose ist tot

Gestern ist die College-Football-Trainerlegende Bobby Bowden 91-jährig verstorben.

Bobby Bowden – Bild: Wikipedia

Bowden war über 40 Jahre lang Headcoach im College Football – erst beim kleinen Howard College, dann bei West Virginia, ehe er ab Mitte der 1970er für satte 34 Jahre lang die Florida State Seminoles coachte.

„Coachen“ mag für sein Werk dort zu niedrig gegriffen sein. Er „schuf“ Florida State, wie wir es heute kennen.

Florida State war Mitte der Siebziger auf der Landkarte des Football quasi nicht existent. Bowden baute über die Jahre eines der dominantesten Programme in der College-Footballgeschichte auf, u.a. zwischen 1987 und 2000 mit 14 (!) Top-5 Saisonen hintereinander. Die zweilängste Serie ist halb so lang.

Bowdens Mannschaften waren berühmt für ihre Furchtlosigkeit, ihre überlegene Physis, ihren Speed. Sie spielten so wie ihr Coach coachte.

Bowden war gefürchtet für die rücksichtslosen Spielpläne, die er für den damaligen Independent FSU aushandelte. Er spielte jedes Jahr gegen die Creme de la Creme – Nebraska, Pitt, LSU – und obwohl es dafür immer wieder unnötige Niederlagen setzte, baute er am Ruf seiner Mannschaft.

Und Bowden coachte auch mit dicken Hosen. Puntrooski, Two Point Conversions in der letzten Spielminute des vorgezogenen Title Games, mehrere Trick Plays in ein und demselben Drive – er war für jede Harakiri-Aktion zu haben. FSUs Spiele sind auch 30 Jahre im Rückspiegel noch echte Highlights, auch wenn es am Ende „nur“ zwei Landesmeisterschaften waren.

Bowden galt als fantastischer Recruiter, der als einer der ersten Coaches auch in die schwierigen Viertel der Städte in Florida hinein ging um die besten Spieler für seine Mannschaft zu begeistern. Bowden galt als Mann des Wortes, war aber auch berühmt-berüchtigt für seine lange Leine gegenüber seinen Spielern, und er war bekannt für seinen direkten Umgang mit Spielern und Medien.

Die Mixtur aus Florida States Power-Football und seiner urigen Persönlichkeit galt in den Neunzigern als perfekte Symbiose um immer bessere Talente nach Tallahassee zu locken und eine immer dominantere Mannschaft zu bauen.

Bowden schaffte damit eine der stärksten „Marken“ im College Football. Obwohl die Noles in den 2000ern in seiner Spätzeit als dann greiser Headcoach immer durchschnittlicher wurden, hatte FSU bis in die 2010er hinein mit die besten Einschaltquoten landesweit. Und das als ein „Nicht-Blaublüter“!

Wenn wir über „Program Building“ im College Football sprechen, reicht maximal noch ein Joe Paterno bei Penn State Bowden gleich. Die beiden Coaches duellierten sich über viele Jahre um den Titel des siegreichsten Division-I Coaches aller Zeiten – ein Rennen, auf das man mit heutigem Wissen aber eher mit Grauen zurückblickt, wenn man an die furchtbaren Missbrauchsskandale bei Penn State zurückblickt.

Aber auch Bowdens Teams hatten immer wieder mit kleineren und größeren Disziplinproblemen bis hin zu richtigen Skandalen wie Massencheaten bei Uniprüfungen zu kämpfen. Und so ging Bowdens Zeit am Neujahrstag 2010 auch relativ glanzlos zu Ende, als er 80-jährig von der Sportlichen Leitung abgesägt und durch den designierten Nachfolger Jimbo Fisher ersetzt wurde. Fisher baute mit neuem Schwung innerhalb weniger Jahre das Programm wieder auf und gewann FSUs dritten Landesmeistertitel 2013/14.

An Bowdens Denkmal konnte das nicht kratzen. Ich hab mir seinen Impact auf das Programm immer so gemerkt: Schau einfach darauf, wie das Doak Campbell Stadium, dessen Spielfeld heute nach Bowden benannt ist, über die Jahre gewachsen ist:

  • 1977 wurde es kurz nach seiner Ankunft von 40.000 auf 47.000 Plätze erweitert.
  • 1980 auf 51.000
  • 1982 auf 55.000
  • 1985 auf 60.000
  • 1992 auf 70.000
  • 1993 auf 72.500
  • 1994 auf 75.000
  • 1995 auf 77.500
  • 1996 auf 80.000
  • 2001 auf 82.000
  • 2003 auf 82.300

Das nennt man wohl „kontinuierliches Wachstum“.

Bowdens Einfluss ging auch über FSU hinaus: Satte elf seiner Assistenten wurden Headcoaches, darunter sein eigener Sohn Tommy, Jimbo Fisher oder Georgias Mark Richt.


Für eine Kurzform von Bowdens Geschichte empfehle ich neben Sabines Abriss von vor zehn Jahren ich ich dieses vierminütige Video:


On a more personal note: Über die Jahre hat sich mein Bild u.a. von zahlreichen großen Trainerfiguren im amerikanischen Sport immer ambivalenter gestaltet. Gerade auch Bobby Bowdens Wesen und Wirken ist aus transatlantischer Sicht gar nicht so einfach zu bewerten.

Die Nachrufe konzentrierten sich natürlich immer auf die Honigseiten seines Schaffens, aber auf der anderen Seite ist es selbst für einen Bergbuben wie mich nicht einfach, einen emotionalen „Draht“ zum Südstaatler Bowden zu finden, der zweifellos ein begnadeter Redner und wahrscheinlich auch ein kumpelhafter Gesprächspartner war, aber eben auch in den letzten Jahren nicht zuletzt mit hellauf begeisterter Bewunderung für die Trump-Bewegung von sich reden machte.

Bowden ist damit natürlich nicht der erste, und wird auch nicht der letzte bleiben. Und doch wirkt sein Schaffen mit nur 10-15 Jahren Abstand damit mehr und mehr wie ein Relikt aus der Vergangenheit.

Die sportliche Einordnung aber ist unbestritten einzigartig. Wahrscheinlich ist eine Wiederholung des „Modells Florida State“ in der heutigen Zeit völlig utopisch, doch das macht Bowdens sportliches Vermächtnis nur noch imposanter.

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