All-32: Chicago Bears 2021 Preview

Bei den Carolina Panthers war ich am Sonntag eher skeptisch. Auch den Bears gegenüber wäre ich weit negativer eingestellt, hätten sie nicht den geilsten Move des letzten Drafts gemacht: QB Justin Fields per Trade zu ergattern. Aber jetzt müssen wir bangen, dass die angeknacksten Verantwortlichen in Chicago Fields nicht für persönliche Zwecke missbrauchen.

Letztes Jahr haben die Bears nicht unerwartet gerade so die Playoffs erreicht. Es war keine spektakuläre Performance, aber mit einer grundsoliden Defense, gerade ausreichend Adjustments und lichten Momenten in der Offense wurstelte man sich etwas glücklich als 8-8 Team rein.

  • Bilanz 2020: 8-8 (Wildcard Playoff)
  • Pythagorean: 8.1 Siege (#15)
  • Close Games: 6-4
  • Offense EPA/Play: -0.03 (#24)
  • Defense EPA/Play: +0.02 (#10)
  • Turnovers: -4
  • Fumble Luck: 53% (#12)
  • Adjusted Games Lost: #19 (OFF #18, DEF #20)

Deshalb durften GM Ryan Pace und Headcoach Matt Nagy auch bleiben – eine brandgefährliche Entscheidung der Bears-Besitzer, denn Pace und Nagy verfolgen in dieser Saison vor allem eine Mission: „Rette deinen Job“.

Das steht im Widerspruch mit den sportlichen Zielen der Mannschaft. Die sollten lauten: Bestmögliche Entwicklung von Justin Fields, und Kern für die Zukunft herausarbeiten. Aber die Spielchen haben schon begonnen.

Pace, der interessanterweise nicht bloß einen, sondern gar zwei kolossale QB-Fehlgriffe überlebt hat (Mitchell Trubisky und Nick Foles), stattete den ikonischsten aller NFL-Mittelklassequarterbacks, Andy Dalton, mit einem recht dicken Vertrag als neuen Starter aus.

Der nicht mehr vermittelbare Trubisky wurde rausgeworfen und der schwer zu verkaufende Foles auf QB3 degradiert. Fields befindet sich im Sandwich als QB2 im Roster, und ich habe Angst, dass Fields von Anfang an als „Joker“ und letzter Rettungsanker für die angeschlagene Führung agiert.

Es ist einfach alles zu logisch: Dalton muss die Saison als Starter beginnen, weil wie sonst kann Pace dessen Verpflichtung argumentieren? Fields als „nicht ready“ zu verkaufen ist einfacher als einem Kleinkind einen Lutscher zu klauen, und wenn Dalton es schafft, halbwegs unbeschadet durch das knackige Auftaktprogramm zu kommen, ist Nagy lange genug im Sattel um spätestens an Thanksgiving gegen die Lions Fields zu bringen und auf einen „late season“ Run des Rookie-QBs zu hoffen und beim Owner auf Weiterbeschäftigung zu plädieren.

Zu viel Hirngespinst oder gar Verschwörungstheorie?  

Vielleicht. Aber erinnere dich an diese Absätze, wenn es soweit ist. Bei vielen Teams in den letzten Jahren lag ich daneben. Niemals bei den einfach zu lesenden Bears 😊

Offense

Lass dich nicht von Trubiskys einigermaßen passablen Stats der letzten Saison täuschen: Das war offensiv nix. Das konnte auch nie mehr was werden. Trubisky hatte Horror-Defenses wie Jacksonville, Houston und zweimal Detroit im Schedule. Als Backup in Buffalo ist er besser aufgehoben denn als Starter irgendwo.

So berechtigt (oder nicht) die Kritik an Nagy sein mag: Er musste mit einem der unbrauchbarsten QBs der letzten Jahre arbeiten. Echte NFL-Offense ging mit Trubisky einfach nicht. Dass die Bears überhaupt genug Punkte für die Playoffs machten, war schon eine Leistung.

Nagys ärgste Kritiker schrieben diesen Verdienst vor allem OffCoord Lazor zu, doch ich würde es dem Headcoach nicht als Schwäche auslegen, einen Kollegen um Rat zu fragen, wenn du bei Trubisky mit deinem Latein am Ende bist.

Ob und wann Fields kommt, ist wie oben angedeutet unklar. Wunderdinge sollte man sich von ihm wohl keine erwarten, denn so talentiert Fields sein mag: Dass Rookie-QBs die Liga im Sturm nehmen, ist selten. Auf jeden RG3 oder Justin Herbert kommt ein Tua oder Haskins.

Doch schon Dalton ist ein klares Upgrade gegenüber dem Quarterbacking der letzten Saison. Viel mehr als Mittelmaß sollte man sich aber nicht erwarten. Wir haben zehn Jahre „Red Rifle“ hinter uns. Seine Platzierungen nach EPA/Play unter Starting-QBs mit mindestens 200 Versuchen:

  • 2011: #22
  • 2012: #24
  • 2013: #12
  • 2014: #24
  • 2015: #1
  • 2016: #13
  • 2017: #25
  • 2018: #18
  • 2019: #26
  • 2020: #30

Das eine famose Jahr, als Dalton die effizienteste Passing-Offense der NFL anführte, war das Jahr des „perfect storm“: Super O-Line und super Receiving-Corps gepaart mit starkem Playcalling (Hue freakin‘ Jacksons großes Jahr).

Von solcher Infrastruktur sind die Bears 2021 allerdings weit entfernt. Der Receiving-Corps rankt bei PFF nur dank der Präsenz von WR Allen Robinson nicht ganz nah am Bodensatz. Die O-Line dagegen ist dort verortet.

Robinson ist ein absolutes Juwel. Trotz absurdester Quarterbacks (Bortles, Trubisky, bad Foles) und trotz des Fehlens von qualifizierten Receiver-Kollegen hat Robinson in der sieben Jahren in der Liga im Schnitt 1.8 Yards/Route gefangen. In einer durchschnittlichen Saison ist das der zirka 30t-beste Wert. Für einen reinen Outside-Receiver, der kaum mehr in den Slot gezogen wird um seine Statistiken zu pimpen und noch nie mit einem akzeptablen QB gespielt hat, ist es eine umso beeindruckendere Produktivität.

Aber hinter Robinson ist vieles „Projection“. WR2 Darnell Mooney war als Rookie ganz okay, aber viele Nachweise von ihm gibt es noch nicht. Marquise Goodwin oder Damiere Byrd haben 4.3 Speed, aber viel mehr als „Momente“ hatten beide noch nicht. Slot-WR Anthony Miller wurde zum Start des Trainingslagers verkauft, die „Depth“ Guys wie Riley Ridley oder Dazz Newsome haben kaum oder keine NFL-Nachweise. Auf Tight End versuchen sich mit Cole Kmet und Jimmy Grahams Geist zwei Kurzpass-Optionen am Job.

Ich würde fast soweit gehen und behaupten, dass Mooney einer der Schlüsselspieler der Saison wird: Macht er einen echten Schritt nach vorn, ist das ein extremer Gewinn für diese Offense. Wenn nicht, fokussiert sich zu vieles auf Robinson.

Die O-Line ist solide auf Center und Guard, aber kritisch auf Tackle. 2nd Rounder Teven Jenkins muss nach der Entlassung von Charles Leno wohl auf Left Tackle ran, doch Jenkins ist Rookie und hat eine klar definierte Schwachstelle: Geschwindige Passrusher über die äußere Schulter. Beim angedachten rechten Tackle Germain Ifedi weiß man dagegen was man kriegt… wobei man beruhigter wäre, wenn man es noch nicht weiß.

Defense

Die Defense hat nicht mehr die Qualität der Blütezeit von 2018, aber ich wäre überrascht, wenn sie nicht zumindest knapp über Durchschnitt performt.

Der DefCoord ist neu: Chuck Pagano ist weg, Sean Desai übernimmt. Desai ist ein recht unbeschriebenes Blatt. Es wird interessant, wie Desai den rückläufigen Trend an Pressure-Rate umkehren will:

  • 2018: 34% Pressure-Rate
  • 2019: 29% Pressure-Rate
  • 2020: 22% Pressure-Rate

Nach Passrush-Win-Rate stürzten die Bears letztes Jahr gar auf den unerhörten 25ten Platz ab. Trotzdem blieb Pagano relativ starr: Nur zwei Teams blitzten seltener als Chicago.

Die Stärke der Defense ist die Front. Khalil Mack bleibt einer der besten Passrusher in der NFL, und jetzt kehren in Eddie Goldman (2020 Covid Opt Out) und Akiem Hicks (2020 früh in der Saison schwer verletzt) zwei echte Stützen auf Defensive Tackle zurück. Das allein sollte helfen – und vielleicht bringt der horrend teure Edge-Rush-Oldie Robert Quinn ja als Komplementär zu Mack doch noch etwas mehr als die laschen 33 Pressures und 2 Sacks der letzten Saison.

Bloß: Darauf würde ich nicht wetten. Quinns Ruf als Star-Passrusher fußt auf zwei fantastischen Spielzeiten (2013 mit 91 Pressures und 19 Sacks, 2019 mit 57 Pressures und 12 Sacks). Dazwischen haben wir viel Leerlauf (25-40 Pressures). Quinn ist „streaky“. Die Wahrscheinlichkeit auf eine weitere Top-Saison nimmt mit zunehmendem Alter bestimmt eher ab

Linebacker ist mit seinen theoretisch Zillionen Aufgaben in der heutigen NFL eine Freak-Position. Roquan Smith hat sich dort zu einem passablen Starter gemausert, aber ohne einen adäquaten Nebenmann könnte er in die Falle von „zu viel wollen“ tappen.

Safety ist mit guten Veterans recht unterschätzt. Aber Cornerback ist eine Sollbruchstelle: Man musste Kyle Fuller nach Denver ziehen lassen. Ihn mit Oldie Desmond Trufant zu ersetzen, klingt nicht nach dem weisesten Plan.

Prinzipiell ist der junge Jaylon Johnson der einzige Corner von Format. Das eine Jahr galt als ziemlich verblüffend: Johnson wurde im Draftprozess 2020 als guter, wenn auch reiner Zone-Corner angepriesen. In der NFL performte er dann plötzlich besser als Press-Man-Corner. Was ist er genau? Die Antwort auf die Frage kann über Wohl und Wehe der Bears-Defense entscheiden.

Ausblick

Sportlich ist den Bears durchaus wieder eine Bilanz um die sieben bis neun Siegen zuzutrauen. Viel mehr wird es nur, wenn alles Gute der Welt zusammenkommt:

  • Wenn Justin Fields früher von der Leine gelassen wird und uns RG3-like verzaubert
  • Wenn die durch Ryan Paces elendige Draft-Uptrades inexistente Kadertiefe nicht durch zu viele Verletzungsausfälle blank gelegt wird
  • Wenn Quinn als zweiter Passrusher genug Support für Mack und Co. liefert und sich neben Johnson ein zweiter Corner als passabel erweist

Wahrscheinlicher ist egozentrisches Kalkül der Verantwortlichen, die ihrem eigenen Wohl zuliebe die Interessen der Mannschaft hintenanstellen.

Man kann nur hoffen, dass ich nicht Recht habe. Dass es doch kein Fehler war, Pace zu halten. Dass Nagy die Quarterback-Frage aus der „richtigen“ Motivation heraus beantwortet. Und dass Fields der richtige Pick war.

2021 wird als gutes Jahr für die Bears in die Historie eingehen, wenn Justin Fields sich als Franchise-QB erweist. Es wird ein schlechtes Jahr sein, wenn er es nicht tut. Und so sollte diese Personalie auch oberste Priorität haben. Allein: Ich traue dem Braten nicht.

10 Kommentare zu “All-32: Chicago Bears 2021 Preview

  1. Eine Ergänzung zu den QBs: 2017 wurde Glennon geholt und mit einem Vierjahresvertrag ausgestattet und als Starter präsentiert. Kurz darauf wurde erst Trubisky gedraftet. Das macht 3 Fehlgriffe auf der wichtigsten Position.

  2. Ich weiß nicht ob Glennon (oder Dalton) als „Fehlgriffe“ durchgehen sollten. Sie kann man einfach als „Absicherung“ durchgehen lassen, nachdem bei beiden kurz danach ein Rookie-QB gedraftet wurde.

    Aber Trubisky wurde fehl-evaluiert. So viel Zufall bei Rookies mit dabei ist: So ein QB-Move fliegt den meisten GM ums Ohr.

    Pace hat aber nicht nur Trubisky überlebt, sondern auch noch NICK FOLES, bei dem wirklich *jeder* Analyst gesagt hat, das war ein schlechter Move. War’s ja dann auch 🙂

  3. Kannst du noch ein paar Worte zu den HoF Mitgliedern verlieren? Die Hälfte von denen sagt mir nix.
    Wer z.B. ist dieser Payton Manning. /s

  4. Fields rockt das Training, you LOVE to see it.

    BTW Nagy: Hat fast 60% der Spiele mit Trubisky gewonnen. Das muss man auch erst einmal schaffen. Gute Aussicht, jetzt endlich auch mal eine QB Advantage zu haben.

  5. Was für ein vielversprechendes 3rd quarter gestern von Fields gegen die Dolphins. Langsam fange ich an von einem Franchise-QB zu träumen.

  6. Wir nähern uns dem O-Line-Worst-Case bei den Bears: Teven Jenkins braucht eine Rücken-OP.

    Rückkehr diese Saison ungewiss.

    Rücken ist das ewige Problem bei Jenkins:

    Wenn das jetzt schon losgeht, dann gute Nacht für diese Karriere…

  7. Das Orakel scheint mal wieder richtig zu liegen…

  8. Pingback: Es geht los! Heute beginnt die NFL-Saison 2021/22 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  9. Pingback: Das NFL-Debüt von Justin Fields: Was ist schiefgelaufen? | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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