All-32: Cleveland Browns 2021 Preview

Wir leben in einer neuen Zeitrechnung – eine, in der die Cleveland Browns Lieblinge der Massen sind.

Ich war zwei Jahre zu früh. Ich hatte die Browns 2019 schon in der Liga-Elite erwartet und wurde mit 6-10 Record bitter enttäuscht. Ich hatte sie 2020 erneut in der Liga-Elite erwartet. Es folgte eine 11-5 Bilanz, der erste Playoffsieg seit den Neunzigern (noch dazu gegen einen Erzfeind in Pittsburgh), und eine knappe Niederlage erst im Divisional Playoff in Kansas City.

Das klingt zwar erstmal super.

Doch dieses Ergebnis stand auf noch etwas wackeligen Beinen. Die Browns holten zwar eine 11-5 Bilanz, doch sie gingen 7-2 in engen Spielen und hatten ein negatives Punktverhältnis.

  • Bilanz 2020: 11-5 (Divisional Playoff)
  • Pythagorean: 7.7 Siege (#16)
  • Close Games: 7-2
  • Offense EPA/Play: +0.10 (#6)
  • Defense EPA/Play: +0.08 (#23)
  • Turnovers: +5
  • Fumble Luck: 50% (#18)
  • Adjusted Games Lost: #22 (OFF #11, DEF #27)

Jetzt sind Coaches und Leistungsträger in der Offense ein Jahr reifer und die Defense rundumerneuert. Theoretisch spricht nix gegen das endgültige Coming-Out als neue Macht in der AFC.

Offense

Die Offense schloss letzte Saison auf Platz 6 in EPA/Play und Platz 9 in DVOA ab. Dabei brauchte es etwa ein Drittel der Saison, bis das neue Scheme von Headcoach Kevin Stefanski überhaupt griff.

Die Browns hatten nach sechs Spielen nur an #23 nach EPA/Play gelegen. Es hatte erste Abgesänge auf QB Baker Mayfield gegeben. Aber dann fand die Unit zu sich und spielte fortan „borderline“ Top-5.

Wie es der Zufall will, ging dieser offensive Aufschwung mit der Verletzung von Star-WR Odell Beckham jr. einher. Aber obwohl Beckhams zwei Jahre bei den Browns bis jetzt eher unglücklich verliefen, glaube ich nicht zwingend an einen Zusammenhang. Viel näher liegt die Vermutung, dass dieses eher spezielle System einfach ein bissl „Anlaufzeit“ benötigte.

Die Browns spielen Wide-Zone-Offense mit hoher Early-Down-Run-Rate. 11-Personnel ist die meistverwendete Aufstellung, aber mit nur 44% liegt man dort sehr weit unter dem NFL-Durchschnitt (60%). Dafür spielt Stefanski in 42% der Snaps mit zwei oder gar drei Tight Ends am Feld.

Ein Markenzeichen der Offense ist das Bootleg/Rollout-Spiel, in dem der etwas klein geratene Mayfield die Pocket verlässt um sich Wurfbahnen zu erspähen (28% der Pässe kamen außerhalb der Pocket, nur Lamar Jackson hatte mehr).

In punkto Play-Action liegt Cleveland vorne dabei, aber ca. 30% sind doch einige Prozentpunkte unterhalb der NFL-Spitze. Nur wenige Teams haben mehr Motion vor dem Snap, aber dafür hatte nur ein Team weniger Einsatz von RPOs als die Browns.


Basis von allem ist die Offensive Line, die letzte Offseason endgültig gefixt wurde. Vor einem Jahr schrieb ich noch, dass die Browns-Line abseits der Tackle-Positionen zu den besseren in der NFL gehört. Heute ist sie im ersten Anzug inklusive der Tackles eine der besten – wenn nicht die beste überhaupt (PFF sieht sie als #1).

RT Jack Conklin hat seinen Ruf als „Mauler“ im Run-Game bestätigt. LT Jedrick Wills hat eine exzellente Rookiesaison gespielt. Innen war man schon davor gut gewesen; OG Wyatt Teller spielte eine All-Pro-würdige Saison.

In Summe war diese Line nicht nur in Run-Blocking stark, sondern auch die #2 nach Passblock Win-Rate (2019: #6 PBWR). Die Starter bleiben für 2021 gleich. Nachgelegt hat man vor allem in der Tiefe, z.B. in Person von Center James Hudson (4te Runde).

Wenn man so viel läuft wie die Browns, dann darf das Laufspiel keine NFL-typische Katastrophe sein. Bei den Browns bringt das Run Game zwar negative EPA/Play, aber mit -0.01 verlorenen Punkten pro Lauf kann man überleben.

Das Runningback-Duo Nick Chubb/Kareem Hunt ist nicht bloß eins der teuersten in der NFL, sondern auch eins der produktivsten. Die Browns-Backs brechen die meisten Tackles in der NFL und haben die zweitmeisten langen Runs nach Derrick Henry – und das, obwohl sie mit den vielen 12/13 Personnel Aufstellungen so oft wie kein anderes Team in „stacked boxes“ mit mindestens 8 Verteidigern laufen mussten (über 30% der Snaps).


Trotzdem: Am Ende gewinnt dir Laufspiel keinen Blumentopf, und das wissen auch die Browns. Sie haben in den letzten Offseasons einen imposanten Receiving-Corps zusammengestellt. Die Liste der Optionen ist endlos.

WR1 ist Beckham. Das Niveau seiner frühen Giants-Zeit hat OBJ in Cleveland zwar noch nicht erreicht. Theoretisch gewinnt er aber noch immer auf allen Levels 1-vs-1 Duelle. Sein Comeback wird einen dicken Boost bringen.

WR2 ist Jarvis Landry, der ein Viertel der 1st Downs dieser Offense macht – als Receiver! Landrys einziges Problem: Er ist keiner für die Big Plays.

Aber dafür hat man vielleicht Anthony Schwartz in Runde 3 gedraftet. Schwartz ist ein echter deep receiver mit Sprintzeit von 4.3 Sekunden. Er ist als Route-Runner total ungeschliffen. Aber ich weigere mich zu glauben, dass dieses Front Office so einen relativ hohen Pick investiert hätte, wenn man nicht schon heuer das eine oder andere geschwindige Konzept für Schwartz im Hinterkopf gehabt hätte.

Dahinter hat local boy Rashard Higgins (16 yds/Catch, 2.0 Yards/Route) billig verlängert, und Donovan Peoples-Jones gilt nach seiner starken Rookiesaison als möglicher Breakout-Kandidat. DPJ hatte über 20 Yards/Catch.

Die Tight Ends sind mehr als solide: Austin Hooper ist wohl sein Gehalt nicht ganz wert, aber ein solider Top-10 TE ist er allemal. David Njoku macht in limitierter Rolle über 10 Yards/Catch. Harrison Bryant ist der move TE. Es braucht sie alle drei, denn Cleveland hat so oft wie kaum ein anderes Team drei TE am Feld.


So. Baker-Time.

Vorneweg: Bakers Profil hat bestimmte Ingredienzien eines „System-QB“. Wie die Kollegen Cousins, Goff, Tannehill oder aber auch Derek Carr genießt er den Vorteil, dass er in relativ dicht bevölkerte „Defense Boxen“ werfen kann. Mayfield ist trotz dieses Vorteils von Elite-Produktivität recht weit entfernt (anders als z.B. ein Tannehill 2019 und 2020):

Das Gute: Mayfield war stabil in Clean-Pocket-Play (#5 nach PFF). Unter Druck war er wackeliger (#22). Performance aus sauberer Pocket ist tendenziell der stabilere Indikator.

Aber bei Mayfield war der Drop-Off von Spiel ohne Druck zu Spiel mit Druck so krass wie bei keinem anderen QB außer Joe Burrow: 3.6 Yards per Pass weniger, und hohe Bad-Play Rate.

Das ist insofern durchaus wichtig, weil die Browns zwar eine Super-OL haben, aber Mayfields Rollout-lastiges Spiel recht lange Dropbacks erfordert. Baker hält den Ball im Schnitt 3 Sekunden und mehr.

In Punkto Präzision ist Baker eigentlich top: 6t-meiste Würfe perfekt auf die Brust gelegt. 12t-höchste Quote an fangbaren Bällen. Die Basis für alles ist eigentlich da – und was mir durchaus Hoffnung machen würde: Baker versucht zu „createn“ (er geht tiefer als das Route-Chart vermuten lässt) und er bedient die Mitte häufiger als die gelaufenen Routen es vermuten ließen. Das ist gerade für einen eher kleinen QB gar nicht so typisch:

Baker Mayfield Passing Chart 2020 – Quelle: PFF Annual

Einen hab ich bei Baker noch: System-QB hin, mittelmäßiges Ceiling her, aber Mayfield hatte gar nicht so viele offene Targets wie man meinen würde. Die Browns-WR lagen bei freigelaufenen Targets nur im Durchschnitt der NFL. Beckhams Rückkehr sollte helfen.

Defense

Die Defense war der Hauptfokus des Front Offices in der laufenden Offseason. DefCoord Joe Woods musste letzte Saison eine der am meisten durch Verletzungen geplagten Units durchschleifen. Tiefe sollte jetzt erstmal kein kritisches Problem mehr sein.

Gerade die Secondary mutiert von der offenen Scheune zu einer echten Stärke: S John Johnson und Slot-CB Troy Hill kommen von den Rams, CB Greg Newsome wurde in Runde 1 gedraftet, der letztes Jahr in der 2ten Runde gedraftete S Grant Delpit stößt nach Achillessehnenriss erstmals zum Team.

CB1 ist Denzel Ward – kein absoluter Superstar, aber einer der besten „1b-Corner“, solange er nicht gegen Travis Kelce ran muss.

Newsome könnte outside den CB2 geben und den bis jetzt enttäuschenden Greedy Williams auf CB4 verschieben, denn Hill ist als Slot-CB erstmal gesetzt.  Der Ergänzungs-Safety Ronnie Harrison ist für die Tiefe auch kein schlechter.

Linebacker war 2020 kritisch. In „JOK“ Jeremiah Owusu-Koramoah hat man einen der interessanteren Prospects gedraftet. Für JOK gibt es keine offensichtliche Rolle, aber es ist ziemlich sicher, dass Cleveland mit ihm mehr Speed in Passing-Defense bringen will.

In der D-Line hat man Larry Ogunjobi, Sheldon Richardson und Olivier Vernon verabschiedet. Und doch hat man jetzt mehr und billigere Tiefe, weil man u.a. die EDGEs Jadeveon Clowney, Takk McKinley und DT Malik Jackson für quasi lau geholt hat und innen den passrush-starken DT Tommy Togiai gedraftet und Marvin Wilson als UDFA gefischt hat.

Sie alle sind Spieler, die eigentlich vor allem eins machen müssen: Myles Garrett den Rücken freihalten und hie und da von der Produktivität dieses DPOY-Kandidaten schmarotzen und Clean-Up-Sacks abzustauben.

Garrett ist seit 2018 der Passrusher mit der zweithöchsten Win-Rate unter Edge-Rushern. Er ist auch erstaunlich konstant:

Mit massiv verbessertem Defensive Backfield und besserer Rotation in der D-Line könnte das zu abstrusen Sack-Zahlen für Garrett führen.

Was man in einer NFC North auch nicht ganz verachten darf: Diese D-Liner sind durch die Bank fantastische Run-Defender. Damit kann man vielleicht „hinten“ den einen oder anderen taktischen Kniff mit mehr Defensive Backs am Feld wagen ohne vorn überrannt zu werden. Mehr Dime-Defense zu spielen wäre sowieso ein heimlicher Erfolgsfaktor in der NFL – gerade mit so vielen Optionen in der Secondary.

Was man nicht meinen würde bei so vielen Neuerungen: In Summe ist diese Defense eine der fünf ältesten. Routine ist also nicht das Problem – aber dafür ist es das Zusammenspiel. Acht, neun neue Starter musst du erst einmal in so kurzer Zeit vernünftig zusammenbauen.

Ausblick

Insgesamt ist es also einfach zu sehen, wieso die Browns allerorts als möglicher Superbowlkandidat gehandelt werden:

  • Eine Offense, die gegriffen hat
  • Ein QB, der imstande ist, das Scheme vernünftig umzusetzen
  • Eine rundum erneuerte Defense mit tief besetzter Secondary und starkem Passrush
  • Intelligenter Trainerstab im zweiten Jahr

Persönlich sehe ich Baltimore weiterhin einen Schritt vorn. Ich glaube, dass die Browns letztes Jahr besser waren als ihr Pythagorean, aber nicht so gut wie ihr Record. Der Schedule ist mit AFC West und NFC West durchaus knackig. Vielleicht wird es gar nicht die grandiose Win/Loss Bilanz, sondern eher so ein stabiles 11-6. Aber diesmal auf sicheren Beinen.

Alles unter Platz 2 in der AFC North wäre trotzdem eine krasse Enttäuschung. Playoffs sind eigentlich Pflicht. Aber für ganz oben – also für eine echte Bedrohung für die Chiefs – muss dann doch noch etwas mehr von der Quarterback-Position kommen, um die möglichen Kinderkrankheiten in der Defense zu übertünchen.

4 Kommentare zu “All-32: Cleveland Browns 2021 Preview

  1. Baker hat im PFF Charting aber auch eine miese Accuracy über 10-19 Yards, das ist auch besorgnisserregend, und wenn in der OL diesmal Player ausfallen, kann das schnell bitter werden.

    Würde mich daher auch noch zurückhaltend mit dem Crowning der Browns, so gut der Coaching Staff, GM und alle auch sein mögen.

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