All-32: Minnesota Vikings 2021 Vorschau

Wen es interessiert: Heute um 19h20 fliegen die ersten US-Footbälle im Wettkampfmodus. Die College-Football-Saison beginnt mit Nebraska – Illinois. Das Spiel ist nicht im ESPN-Player. Ich werde hoffentlich nächste Woche noch ein bissl was zur Saison schreiben, wenn es dann für die meisten Teams losgeht.

Insgesamt finden heute fünf Spiele mit FBS-Beteiligung statt. AFAIK ist nur UCLA – Hawaii ab 21h30 im ESPN-Player zu sehen.

Und damit weiter im Programm der 32 NFL-Team-Previews.

Für wenige Teams gilt die langfristige Aussicht auf „stuck in the middle“ so deutlich wie für die Minnesota Vikings. Eigentlich sollte man deshalb gar nicht zu viel Zeit verschwenden, dieses Team zu analysieren. Aber tatsächlich ist es in sehr vielen Facetten spannend.

Minnesota war 2020 ein 7-9 Team, das auf den ersten Blick gar nicht so spektakulär aussieht. Der Pythagorean betrug exakt 7.0 Siege. Die Offense war „borderline“ Top-10, die Defense war wie erwartet im untersten Liga-Viertel.

Doch es gibt an so vielen Stellen Regressionspotenzial in beide Seiten, dass 2021 durchaus in viele Richtungen laufen kann.

Da wäre einmal die Offense. Sie kam letztes Jahr heil durch die Saison und war nach dem Abgang von WR Stefon Diggs erstaunlich explosiv. Denn: Rookie-WR Justin Jefferson nahm die Liga im Sturm. Aber es war auch eine Offense, die in 72% der Redzone-Trips Touchdowns erzielte und die fünftwenigsten Verletzungsprobleme nach Adjusted Games Lost zu beklagen hatte.

Dann die Defense: Sie war nach den Abgängen der CBs Waynes/Rhodes/Alexander, EDGE Everson Griffen und DT Linval Joseph blutjung und damit erwartet schwach. Aber sie war auch die am drittmeisten von Verletzungen betroffene. Sie musste die schlechteste Starting-Fieldposition erleiden und hatte einen der schwersten Schedules an gegnerischen Quarterbacks. Aber sie war auch die achtschwächste in den stabileren Early Downs, und rettete sich einigermaßen mit einer fantastischen Performance in den instabilen 3rd & 4th Downs (#3).

Nach zwei Offseasons mit 15 und 11 Draftpicks sind viele Positionen nach wie vor jung (und damit volatil in der Projection) besetzt, aber in EDGE Danielle Hunter kehrt einer der wichtigsten Passrusher der letzten Jahre zurück. Und die üble Cap-Situation mit fast 40 Mio. Dead-Cap in 2020 ist jetzt erstmal überstanden.

  • Bilanz 2020: 7-9
  • Pythagorean: 7-0 Siege (#20)
  • Close Games: 5-4
  • Offense EPA/Play: +0.09 (#10)
  • Defense EPA/Play: +0.10 (#25)
  • Turnovers: -1
  • Fumble Luck: 42% (#25)
  • Adjusted Games Lost: #16 (OFF #5, DEF #30)

Freilich ist der Ausblick mit einem eingelockten Kirk Cousins mit oder ohne Impfbegeisterung kein allzu rosiger, wenn wir „Superbowl“ als einziges valides Ziel ausrufen. Aber wenn wir die Zielvorgabe etwas herunterschrauben und „Playoffs“ ausgeben, dann sehe ich durchaus Wege, wie Minnesota auch mit leichter Regression in der Offense mitreden kann.

Offense

Die Vikes-Offense ist eine der untypischeren in der heutigen NFL. Sie spielt als einzige Offense weniger als 40% in 11-Personnel, ist insgesamt recht lauflastig (u.a. mit 38% Lauf-Quote in 2nd & long Situationen die lauflastigste in der NFL), aber wenn sie in 12-Personnel (also mit 2 TE und 2 WR, eigentlich einer traditionellen „Run Formation“) am Feld steht, dann wird in mehr als zwei Dritteln der Fälle der Ball geworfen. Kein anderes Team ist in 12-Personnel passlastiger.

Hinter all dem steckt Methode. Nur in knapp 36% der Snaps stehen mindestens drei Wide Receiver am Feld. Schwereres Personal in der Offense provoziert schwereres Personal in der Defense. Die Vikings sehen entsprechend im Schnitt die vollsten „Boxen“ der NFL – ideal für QB Kirk Cousins um daraus Kapital zu schlagen:

Ein wesentlicher Teil des Erfolgs ist der prominent eingesetzte Play-Action Fake. Wie z.B. auch die Browns, wo Ex-Vikes-OffCoord Stefanski mittlerweile Headcoach ist, spielt Minnesota kaum RPO (nur 4% der Offense-Snaps), aber dafür recht hohe Raten an Play-Action (29%, zwölftmeiste der NFL).

Cousins hat nicht den ligaweit krassesten Split zwischen Play-Action und non-Play-Action, aber:

  • Mit Play-Action 1.7 Yards/Pass tiefere Würfe
  • Mit Play Action 1.7 Yards/Pass besserer Ertrag

Locke die Defense mit exorbitanten Lauf-Quoten und vielen Tight Ends und Runningbacks am Feld an die Anspiellinie, und schieße sie dann mit dem Fake und tiefen Pässen ab. Ein Erfolgsrezept, das zuletzt klappte, weil die Vikings eine verbesserte Offense Line und ein exzellentes Receiver-Pärchen haben.


Jefferson war als Rookie ein Hit. Mit 2.7 Yards pro gelaufener Route war er dritt-effizientester Receiver der NFL. Das ist selbst im Angesicht der Tatsache, dass Yards/Route-Run in solchen Offenses mit weniger Receivern am Feld leicht aufgeblasen ist, beeindruckend.

Auch WR2 Adam Thielen kratzte erneut an der 2.0 YPRR Marke, um die herum er seit fünf Jahren mit beeindruckender Konstanz performt. Ein viel besseres Receiver-Duo haben nicht viele Teams.

Allerdings staubt das Duo Jefferson/Thielen 44% der Vikings-Targets ab. Es wäre wünschenswert, wenn dahinter etwas mehr kommt um Formschwankungen oder Ausfälle dieser beiden Superstars abzufangen.

Olabisi Johnson und Chad Beebe waren eher schwache Receiver-Ergänzungen (Bisi ist auch schon auf IR). Wohl deswegen hat man im Draft in den späteren Runden beim pfeilschnellen Ihmir Smith-Marsette, einem Liebling vieler Scouts, nochmal zugeschlagen.

Auf Tight End ist der zuletzt nur noch selten angespielte Kyle Rudolph weg. Irv Smith jr. hat aber schon letztes Jahr das Zepter übernommen. Smith ist ein deutlich anderer Spielertyp als Rudolph. Der hatte einen aDOT von ca. 3-5 Yards downfield. Smith lag bei fast neun Yards downfield. Mit ihm kann man also ein deutlich tieferes Passspiel aufziehen – muss halt mit einem suboptimalen Blocker leben.


O-Line: Über Jahre ein Desaster in Minnesota. Letztes Jahr war man endlich mal im Liga-Mittelfeld in Pass-Block-Win-Rate. Das ist wichtig, denn Cousins ist einer der QBs, deren Effizienz mit am meisten leidet, wenn die Pocket unruhig wird (u.a. 7% Sack-Quote).

Gerade die Tackles sind mittlerweile Stärken. RT Brian O’Neill soll über die Jahre ein überdurchschnittlich guter Starter geworden sein. Links verliert man Riley Reiff, aber im Draft hatte man das Glück, dass der extrem hoch gehypte OT Christian Darrisaw trotz des famosen Trade-Downs bis an #23 fiel und den Vikings überraschend in den Schoß fiel.

Darrisaw projected stark in Pass- wie in Run-Blocking und soll auch genug Beweglichkeit für das recht spezielle Zone-Running der Vikes haben.

Die größten Schwächen liegen innen. Center Garret Bradberry hat seinen Ruf als ex 1st Rounder bis jetzt maximal im Run-Blocking bestätigen können. Er war nach PFF-Pass-Block-Effizienz letztes Jahr der zweitschlechteste Center nach aufgegebenen Pressures, und der schlechteste in „true pass sets“ (also Standard-Dropbacks ohne Play-Action oder Screens).

Auf Guard hängt vieles daran, wie sich die Jungspunde wie Ezra Cleveland oder Rookie Wyatt Davis machen. Sind sie besser als erwartet, wäre das ein massives Plus für alle Phasen der Vikes-Offense.


Bleibt der Runningback: Dalvin Cook. Ist er gesund, ist er das Arbeitstier – und Cook ist einer der effizientesten Runningbacks in der NFL. Er ist Top-8 in Rush-Yards over Expected von Next Gen Stats, war 2020 jeweils die #2 in forcierten Missed Tackles, Explosive-Runs und 1st Downs, und war nach Yards/Route der 11t-effizienteste Runningback.

Kevin Cole schätzt in seiner Plus/Minus Metrik, dass Cook letztes Jahr der zweit-wertvollste Runningback in der NFL war. Dass er 0.12 EPA/Run über einem Replacement-Level-Back lag. Dass er insgesamt 36 Punkte zur Ausbeute der Vikings beitrug: Ziemlich genau ein Sieg. Cole analysiert zwar auch, dass diese Metriken von Jahr zu Jahr extrem fluktuieren, aber wie es aussieht, ist Cook einer der wenigen Backs mit wirklich spürbarem positiven Einfluss.

Defense

Spannende Defense, nicht nur weil Sheil Kapadia diese Unit durchaus überraschend als seine #1 Defense für 2021 erwartet. Ich war kurz stutzig, aber die Argumentation ist durchaus nachvollziehbar.

Diese Defense war 2020 wie oben beschrieben total kaputt. Aber das ärgste Tal ist durchschritten. Die D-Line wurde aufgebolstert mit Neueinkäufen wie DTs Sheldon Richardson, Dalvin Tomlinson und EDGE Stephen Weatherley. DT Michael Pierce kehrt vom Opt-Out zurück. Das wird die Lauf-Verteidigung stabilisieren.

Im Edge-Rush kommt Danielle Hunter nach seiner erschreckenden Nackenverletzung zurück. Hunter war über Jahre eine Pressure- und Sack-Garantie: Über 60 Pressures und 10-15 Sacks waren bei ihm quasi „automatic“.

Außerdem hat man nach einjähriger Absenz den langjährigen Edge-Rusher Everson Griffen in der Free Agency zurückgeholt. Griffen ist mit 34 schon über den Zenit hinaus, war aber lange Jahre ein sehr produktiver Passrusher in Minnesota.

Weil man sich auf Hunter aber nicht ganz allein verlassen kann, gibt es mittlerweile ganz gute Rotation in der Hinterhand, u.a. auch mit Rookies wie Patrick Jones II oder Janarius Robinson.

Auf Linebacker ist man mit Anthony Barr und Eric Kendricks herausragend besetzt.


Auch die Secondary müsste einen Schritt in die richtige Richtung machen. FS Anthony Harris musste man zwar ziehen lassen und der junge CB Jeff Gladney ist nach zahllosen Eskapaden schon wieder Geschichte, aber der Superstar SS Harrison Smith ist noch da und der Corner-Room ist der beste seit Jahren:

  • Cam Dantzler war als Rookie schon eine Versprechung
  • Harrison Hand ist auch ganz okay
  • In Patrick Peterson kommt eine Legende aus Arizona, die einigen Experteneinschätzungen zur Folge mittlerweile besser in eine Zone-Defense wie jene der Vikes passt, als in eine Man-Defense.
  • Dazu billige 1-Jahresverträge für die Tiefe in Bashaud Breeland und Mackensie Alexander

#1 Defense ist wahrscheinlich schon allein wegen der zuletzt starken Abhängigkeit von 3rd Downs zu hoch gegriffen. Aber ich wäre mir ziemlich sicher, dass wir 2021 wieder von einer Top-10 Defense sprechen. Zimmer-Defenses sind einfach immer in den Fundamentals solide genug, dass mit einigermaßen ausgeglichenem Verletzungsglück, einigen Playmakern und besserer Tiefe ein klarer Leistungssprung drin sein sollte.

Ausblick

Same procedure as every year: Gutes Mittelklasseteam.

Die Vikes werden 2021 eine klar bessere Defense haben – aber auch Probleme, die Effizienz ihrer Offense zu halten.

Ein verstecktes Problem könnte die allgemeine Impfunwilligkeit werden. Angeführt von Cousins liegen die Vikes in der Impfquote momentan noch weit hinter anderen Mannschaften zurück – mit Blick auf die harten NFL-Regularien könnte das überdurchschnittlich viele Ausfälle bedeuten. Kein Wunder, dass Zimmer stocksauer ist.

So halte ich es für unwahrscheinlich, dass die Vikes die Packers vom Thron in der NFC North stoßen. Wenn Cousins aber nicht total einbricht (oder viele Spiele verpasst), ist eine Bilanz um 8-9 bis 10-7 locker denkbar. Je nach Konstellation könnte das obere Ende der Leistungsfähigkeit schon für die Playoffs reichen.

Viel mehr wird es wohl nicht.

Ein Kommentar zu “All-32: Minnesota Vikings 2021 Vorschau

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