All-32: New York Giants 2021 Vorschau

2021 ist das Jahr der Wahrheit für Giants-GM Dave Gettleman und Giants-QB Daniel Jones.

Gettleman ist in drei Jahren 13-35 gegangen, darunter 8-18 in den Spielen mit „seinem“ selbst auserlesenen QB Jones.

Gettleman ist der GM, der alle Analytics-Welt vor drei Jahren aufs Korn nahm dafür, dass sie es wagten, seine hirntote Einberufung von RB Saquon Barkley mit dem #2 Overall Pick zu kritisieren.

Er ist der GM, der ein Jahr später Jones overdraftete, weil er dessen drei Drives in der Senior Bowl so genial fand.

Er ist der GM, der First Rounder und hohe Summen für Defensive Tackles ausgibt, dessen 1st Rounder Deandre Baker nach nur einem Jahr Geschichte war, dessen #4 Overall Pick von letztem Jahr, OT Andrew Thomas, bis jetzt eine ganze Ecke schwächer aussah als die danach gedraftete Konkurrenz – und er ist einer der QBs, der dieses Jahr Justin Fields überging.

Gettleman verspottet die „Math Nerds“, weil er es besser wisse. Bis jetzt sieht es nicht gut aus für ihn.

  • Bilanz 2020: 6-10
  • Pythagorean: 5.7 Siege (#27)
  • Close Games: 5-4
  • Offense EPA/Play: -0.06 (#30)
  • Defense EPA/Play: +0.04 (#15)
  • Turnovers: +/- 0
  • Fumble Luck: 40% (#29)
  • Adjusted Games Lost: #25 (OFF #25, DEF #24)

Der Trainerstab ist auch so eher naja. Headcoach Joe Judge bekam seine eineinhalb Jahre tough guy Rhetorik gleich mal mit einer Massenschlägerei zu Beginn des Trainingscamps bezahlt. OffCoord Jason Garrett muss sich mit den Respekt schon lauthals in Medieninterviews einfahren. Nur DefCoord Patrick Graham genießt etwas Autorität.

On a positive note: Letztes Jahr war die Giants-Defense schon auf dem aufsteigenden Ast, und wie wir weiter unten sehen, könnte es durchaus eine spannende Unit werden. Die ganz große Frage ist aber: Was ist die Offense zu leisten imstande?

Offense

Besser: Was kann Daniel Jones?

In den ersten beiden Jahren lag Jones mit jeweils 0.01 EPA/Play auf den Rängen #28 und #33 der Starting-QBs. Er hatte 18 Fumbles als Rookies und 11 im zweiten Jahr. In Punkto CPOE lag er jeweils zirka 2% unter dem Liga-Durchschnitt.

Beim Blick auf Jones‘ Pass-Chart fällt sofort auf: Er ist ein dink & dunk QB, dessen meiste Pässe kurz abgelegt und auf YAC-Receiver verteilt werden. Jones wirft hie und da tief, aber er hat nicht die notwendige Konstanz in seinem Arm um die Receiver downfield weiter das Spielfeld runter verlässlich zu treffen.

Interessant ist, dass die Giants letztes Jahr das Routenlaufen über die Mitte einstellten – also kaum Pässe in die effizienteste Zone auf dem NFL-Spielfeld.

Daniel Jones Passing-Chart 2020 – Quelle: PFF QB Annual

Die Offense von Jason Garrett designte die drittmeisten Quick/Short-Passing-Konzepte. Jones‘ Decision-Making war dabei ganz okay, er machte nicht ganz so viele krasse Fehler (im Liga-Mittelfeld nach Turnover-würdigen Würfen), aber er war einfach nicht präzise genug: Insgesamt warf er nur die 24t-meisten fangbaren Pässe. Im Quick-Game war er sogar nur die #29.

Bei kurzen Pässen über die Line of Scrimmage (0-9 Yards downfield) traf Jones nur in 78% der Fälle seinen Receiver mit einem fangbaren Ball. Außer dem Freak Jalen Hurts (65%) war nur noch der andere Freak Carson Wentz (79%) unter 80% Trefferquote.

Wenn du wie Jones satte 72% deiner Pässe maximal 9 Yards tief wirfst (nur Jared Goff hatte weniger), sind solche Accuracy-Werte tödlich.

In effektiven Zahlen schlägt sich das relativ krass nieder: Jones hatte einen aDOT von nur 8 Yards (#24 der NFL), aber diese Pässe waren gefolgt von ca. 2 Yards/Pass weniger „after Catch“ als man anhand der Routes und Targets hätte erwarten können.


Die Giants haben in der laufenden Offseason immerhin einen vernünftigen Receiver-Corps zusammengestellt, mit dem man arbeiten kann:

WR1 Kenny Golladay kommt von den Lions als guter Catcher von Deep-Passes. Golladay ist kein Receiver mit herausragenden Fähigkeiten sich freizulaufen, aber im vertikalen Spiel hat er fast 55% Fangquote in Contested-Catches. Einen so guten Receiver hatte New York seit OBJ nicht mehr.

WR2 könnte Darius Slayton sein, eine der wenigen guten Entdeckungen Gettlemans. Slayton ist wie Golladay stark auf tiefen Routen, aber nicht so komplett.

Im Draft wurde Kadarious Toney an #20 gezogen. Toney ist wohl noch kein raffinierter Route-Runner und mit 24 schon recht alt, aber wenn die Eindrücke vom College nicht täuschen, ist er ein fantastischer Runner mit dem Ball in seinen Händen. Wenn Golladay wie gemacht dafür aussieht, Jones die tiefen Bälle zu entlocken, ist Toney der Mann für die schnellen Kurzpässe.

Die #4 im Slot ist Sterling Shepard. Dazu ist auch RB Barkley ein starker Ballfänger, aber TE Engram riecht sehr „busty“: Karriereschnitt von 1.5 Yards/Route und aDOT von unter 7.5 Yards.


Die Frage ist aber, ob das Passspiel hinter der mutmaßlich schwächsten Offensive Line der NFL überhaupt eine Chance bekommt sich zu entfalten. Die O-Line war 2020 abgeschlagene #32 in Pass-Block-Win-Rate und verliert ohne einen nennenswerten Neuzugang zu bekommen in OG Kevin Zeitler den einzigen vernünftigen Starter.

PFF projected die Giants-OL entsprechend auch als #32 für diese Saison. Das ist eigentlich erstaunlich für einen old school guy wie den ollen DaveG, der seit Jahren nix lieber macht als kraftprotzende Sprüche rauszuhauen.

Das erschreckende: In der ganzen Starting-OL gibt es nicht einen einzigen „sicheren“ Mann. LT Andrew Thomas sah als Rookie lange total verloren aus, stabilisierte sich erst gegen Ende der Saison. Trotzdem war er nach Passblock-Effizienz (Pressures, Hits, Sacks) der #90 OT von 93 mit ausreichend Snaps.

Auf Right Tackle muss entweder ein gebrochener Nate Solder oder der total unerfahrene Matt Peart (3rd Rounder 2020) ran.

Was nicht für die Line spricht: Die Flanken sind noch am besten besetzt, denn auf Guard spielen Leute wie Will Hernandez (#79 von 92 Guards in Passblock-Effizienz) oder Shane Lemieux (#87 von 92 Guards), und Center Nick Gates ist auch zu durchschnittlich, als dass sich einer der Guard an ihn „anlehnen“ könnte.

Die einzige Hoffnung für die Line: Die meisten Starter sind noch jung. Das birgt noch etwas Hoffnung auf einen bevorstehenden Durchbruch einzelner Spieler. Aber das Katastrophenpotenzial ist offensichtlich.

Und um es noch einmal zu betonen: Jones ist bereits unabhängig von der Qualität der O-Line kein verlässlicher QB, wenn Druck kommt. Fast 22% seiner Pressures werden zu Sacks, und auch wenn er mit 40% Pressure-Quote den zweitmeisten Druck in der NFL bekam, so würde ein Top-QB trotzdem weniger als 8.7% Sack-Rate einstecken.

Gegen den Blitz kassiert Jones in unfassbaren 54% der Plays Druck. Nur die viel seltener geblitzten Kirk Cousins und Justin Herbert sind da an Schlechtigkeit noch in der Nähe. Jones hält den Ball im Ball im Angesicht des Blitzes als einer der wenigen QBs fast gleich lang wie ohne Blitz. Er friert mental förmlich ein.

Und so ist eine miese O-Line in Kombination mit einem QB-Profil wie jenem von Daniel Jones die denkbar ungünstigste Kombination, weil sich zwei Schwächen verheiraten zu einer bitterbösen Symbiose.


Bleibt Playcaller Garrett. Wer auf diesem Blog schon länger mitliest, weiß was ich von Garrett halte. Genau so viel:

Noch da?

Garrett war letztes Jahr zwar erfreulich passlastig, aber wir haben nun lang und breit ausgeführt, warum reines Kurzpassgewichse trotz der schlechten O-Line mit einem unpräzisen QB wie Jones keine gute Idee ist.

Für 2021 gäbe es aber einen interessanten Ansatz. Jones ist einer das gaaaaaaanz wenigen QBs in der NFL, dessen Time-to-Throw bei tiefem Passspiel niedriger ist als bei Passspiel in die Intermediate-Zonen:

  • Kurzpass (0-10 yds): 2.41 sek
  • Intermediate (10-19 yds): 2.97 sek
  • Deep (über 20 yds): 2.68 sek

Vielleicht bewegt die neue Waffe Golladay mit ihrer Qualität auf engstem Raum ja Garrett und vor allem Jones, einfach häufiger tief zu gehen. Es wäre wirklich notwendig, denn ansonsten reden wir von stuck in the middle.

Defense

Und das wäre mit dieser Defense schade. DefCoord Graham ist einer der coolsten Coaches in der NFL. Und ich habe es schon irgendwann einmal geschrieben: Obwohl die Giants-Defense vorne nicht ganz ideal aufgestellt ist (massive Defensive Tackles, dafür vergleichsweise wenig Qualität im Edge-Rush), so ist die Secondary doch sehr reizvoll.

Schon letztes Jahr war die Zone-lastige Defense immer wieder streckenweise passabel. CB James Bradberry schlug voll ein, und jetzt kommt in Adoree Jackson ein starke CB2 dazu, in CB Aaron Robinson ein kräftig gebauter Rookie als Slot-CB – und auf Safety/Cornerback wird der letztes Jahr gehypte Xavier McKinney nach verletzungsbedingt nur 210 Snaps eine größere Rolle bekommen.

Gepaart mit dem immer besser werdenden Safety Jabrill Peppers könnte das eine super Secondary werden. PFF sieht sie nicht ohne Grund als eine Top-10 Unit.


In Run-Defense müssen mit bei einer Tackle-Rotation Dexter Lawrence/Leonard Williams/Danny Shelton nicht viele zusätzliche Ressourcen investiert werden, weswegen der große Knackpunkt der Edge-Rush bleibt.

Lorenzo Carter war dort zuletzt zu oft verletzt um sich wirklich durchzusetzen. Wenn es dumm läuft, muss man sich in Azeez Ojulari auf einen Rookie als EDGE1 verlassen. Auch wenn Ojulari als Feintechniker einer der coolsten und produktivsten Passrusher im ganzen Draft war: Das schreit förmlich danach, dass diese Saison mehr als die viertniedrigste Blitz-Rate bei rumkommen muss, wenn die Giants Druck gen QB ausüben wollen.

Ausblick

Ist der Passrush einigermaßen existent, haben die Giants vielleicht eine bessere Defense als der Divisionskonkurrent Washington.

Doch das Schicksal des Teams hängt letztlich an dem, was die Offense leistet. Die Aufbolsterung des Support-Casts war schon eine feine Sache, doch Gettleman hat schon sehr großes Vertrauen in die Entwicklung der jungen Offensive Liner.

Ich fürchte, die Symbiose Jones + Horror-O-Line wird die Schwächen beider Parteien verstärken und eine kritische Sollbruchstelle sein. Der einzige Ausweg aus dem Dilemma wäre eine signifikant höhere Rate an Downfield-Würfen. Aber Jones (2019 mit 12% Deep Balls, 2020 mit 10%) müsste sich dafür als Spielertyp schon sehr stark verändern.

Und der OffCoord bleibt Garrett.

Und selbst wenn sich alles zum Guten wendet, strahlt mir der Headcoach Judge zu viele Matt-Patricia-Vibes aus und wird mit stockkonservativem 4th-Down-Handling das Potenzial dieses Teams deckeln.

Irgendwie sind die Giants in nur ganz wenigen Aspekten (Secondary) wirklich überzeugend, aber auch nur in einem einzigen Aspekt (O-Line) horrend. In Summe reicht mir das nicht für die Playoffs.

6 Kommentare zu “All-32: New York Giants 2021 Vorschau

  1. Gott, welche Teams fehlen eigentlich noch? Seit gefühlt zwei Wochen schaue ich täglich hier rein und rechne gleichermaßen gespannt wie ängstlich mit dem (nicht ganz unberechtigten) Verriss meiner Steelers…:D

  2. Um Santiago15 hier beizustehen:

    Ich warte wie auf glühenden Kohlen auf Steelers und 49ers und mir ist bis zu Holgers Beitrag nicht aufgefallen, dass es hier nach dem Alphabet geht. 😂

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