All-32: Pittsburgh Steelers 2021 Vorschau

Die Pittsburgh Steelers keuchen dem Ende einer Ära entgegen, hoffen aber für die anstehende Saison noch einmal auf ein letztes Aufzucken im Arm von QB Ben Roethlisberger.

George Chahrouris Proklamation von den überschätzten Steelers direkt im Anschluss an deren 10-0 Start ist mittlerweile legendär:

Die Aussage ist gut gealtert, denn nach dem herausgewürgten Sieg über die Backups der Ravens zum 11-0 kollabierten die Steelers endgültig und beendeten die Saison mit fünf Niederlagen in sechs Spielen. Auch Mike Tomlin hatte es kommen sehen.

Schon davor war es ein paar Mal richtig eng gewesen. Die Steelers hatten Probleme gehabt, Jeff Driskel zu schlagen. Sie hätten sich fast von Carson Wentz übertölpeln lassen. Gegen Lamar Jackson brauchte es einen Redzone-Stand der Defense. Gegen Tennessee half ein verschossenes Gostkowski-Fieldgoal in letzter Sekunde. Gegen Garrett Gilbert und seine Cowboys brauchte es ein 4th-Quarter-Comeback.

Für 2021 spricht fast alles für recht starke Regression: Die Steelers haben ihren Pythagorean um fast 1.5 Siege outperformt. Sie hatten +9 Turnovers und das drittgrößte Fumble-Glück. Sie blieben erstaunlich gesund. Sie lebten vor allem von ihrer Defense.

  • Bilanz 2020: 12-4 (Wildcard Playoffs)
  • Pythagorean: 10.7 Siege (#6)
  • Close Games: 7-2
  • Offense EPA/Play: +0.03 (#17)
  • Defense EPA/Play: -0.09 (#2)
  • Turnovers: +9
  • Fumble Luck: 61% (#3)
  • Adjusted Games Lost: #5 (OFF #9, DEF #7)

Und dann haben sie *interessante* Schlüsse aus der letzten Saison gezogen. Anstatt die wackelige O-Line zu stärken, drafteten sie einen 1st-Round-Runningback in Najee Harris.

Offense

Das ist einer der Kardinalsfehler im Roster-Management. Die Steelers hatten mit 3.6 Yards/Carry das schwächste Laufspiel (nach EPA/Play das fünfschwächste) der NFL. Sie haben befunden, dass die Runningback-Position das große Problem war…

…und nicht die mieseste Run-Blocking-O-Line nach Win-Rate und PFF-Grades oder das total vorhersehbare Passspiel aus Roethlisbergers Nudelarm.

Dass Harris die Probleme der Steelers löst, glauben wohl nicht einmal die härtesten unter den Steelers Die-Hards.


Die größere Hoffnung wäre da der neue OffCoord Matt Canada. Canada ist eine Freak-Erscheinung auf der Landkarte des Footballs. Er durchlief allein im letzten Jahrzehnt zirka eine Zillion verschiedene Anstellungen (die meisten im College Football), und nicht alle waren erfolgreich. Bei LSU war er ein Vollflop, doch u.a. bei den Pitt Panthers mutierte er zu sowas wie einer Legende, als selbst Andy Reid seine Shovel-Passes kopierte und er Nathan Peterman wie einen Star-Quarterback aussehen ließ.

Canada ist ein mad scientist. Sein Verkaufsschlager ist ein unendliches Repertoire an Shifts und Motions. Keine Formation im Rahmen des Regelwerks ist ihm zu wacky, fast kein Play-Call kommt ohne gimmick aus.

Natürlich hat die Paarung mit Big Ben Sprengstoff-Potenzial. Denn auch wenn Canada als Roethlisbergers QB-Coach in 2020 schon eine Beziehung zum Franchise-QB aufgebaut hat, macht er Dinge, die Ben in der Vergangenheit nicht mochte: Zum Beispiel Quarterbacking von under center. Oder mehr Play-Action (Steelers waren mit nur 12% abgeschlagene Letzte).

Canada wird auch mehr Kreativität in die Play-Calls im Allgemeinen bringen. Die Steelers waren 2020 extrem RPO-lastig (#4 der NFL), hatten aber bei RPO eine extrem hohe Passing-Quote. Umgekehrt wussten die Gegner: Gibt es Jet-Motion, wird fast nur gelaufen. Es gab kaum „Window-Dressing“ und null Disguise. Es kann also im Scheming fast nur besser werden – wenn der QB mitmacht.


Zu Roethlisberger. Sein Pass-Chart von 2020 ist nicht das eines ernst zu nehmenden NFL-Quarterbacks:

Steelers Pass-Chart 2020 – aus dem PFF QB Annual

Das kannst du eigentlich nicht bringen: Entweder kurz nach draußen oder tief die Seitenlinie entlang. Fast nix über die Mitte. Keine Mitteldistanz. Nur wer nicht tiefer blickt als auf die TD/INT-Rate (37 zu 14), kann an Bens Saison 2020 Gutes erkennen.

Ansonsten?

#31 aus Clean Pocket. Nur 4% Big Time Throws. Nur 31% 1st Down Rate (nur Wentz, Hurts und Darnold hatten weniger). Negativer CPOE.

Mit 7.3 Yards/Target den siebt-niedrigsten aDOT, dafür mit nicht einmal 2.2 Sekunden pro Wurf die mit Abstand schnellsten Würfe. Roethlisbergers episch niedrige Sack-Rate von 2.1% war vor allem dem Umstand geschuldet, dass er den Ball einfach sofort weggeworfen hat, als Druck drohte. Nur noch ganze drei (!!) Scrambles zeigen auch: Der einst mobile Roethlisberger ist nicht mehr als eine Statue.

Ist Roethlisberger komplett shot? Oder hat er noch ein bisschen was physisch im Tank, mit dem man arbeiten könnte? Das ist die wichtigste Frage der Steelers für 2021, denn die Waffen im Receiving-Corps wären nach wie vor da.


Chase Claypool hatte als Rookie strahlend helle Momente im Downfield-Passing-Game. Ihm fehlte nur die Konstanz. Deionte Johnson ist ein super Route-Runner vor allem auf kürzeren und mittellangen Routen. Seine einzige echte Schwäche war eine krasse 14% Drop-Rate, aber wir wissen, dass Drops eine recht volatile Statistik sind.

Juju Smith-Schuster wurde seit Antonio Browns Abgang etwas entzaubert, aber als Slot-WR bleibt er eine starke WR3 Option. Viele Teams haben schlechtere WR4 als James Washington. Auf Tight End gibt es in Pat Freiermuth etwas junge Konkurrenz für den unbeständigen Eric Ebron.

Eine klare #1 sucht man vergebens, aber das ist richtig eingesetzt bei einem so breit aufgestellten Receiver-Arsenal eher Stärke als Schwäche.


Das ganz große Problem bleibt die O-Line. Sie war nicht nur absurd in Run-Blocking, sondern auch bloß die #24 nach Pass-Block-Win-Rate. Jetzt verliert sie 3-4 Starter (u.a. LT Villanueva, OG Feiler, C Pouncey und RG DeCastro), denn 55 von 80 Snaps wandern zur Tür hinaus.

Wenn die Steelers Bens niedrige Sack-Rate als Entschuldigung genommen haben, kaum etwas in der O-Line zu unternehmen, dann ist ihnen auch nicht mehr zu helfen.

Aber LT Chukwuma Okorafor war einer der schwächsten Offense Tackles des letzten Jahres. C Kendrick Green ist Rookie. RG Trai Turner, einstiger Hoffnungsträger, kollabierte komplett in Carolina. Und RT Zach Banner hat keine 300 Snaps in den letzten vier Jahren gespielt.

LG Kevin Dotson ist prinzipiell der einzige Hoffnungsträger in einer der personell schwächeren Lines in der NFL (PFF-Ranking #29 sagt alles).


In Summe ist das eine Offense mit durchaus Potenzial, wenn Roethlisbergers Kopf und Arm noch einmal mitmachen. Aber eben auch eine mit insgesamt sehr vielen Fragezeichen. Canadas Experimente gegen Roethlisbergers Veränderungsresistenz. Hoch gedrafteter Runningback hinter mieser O-Line. Gute Receiver, aber fragwürdige „Quarterback-Range“.

Defense

Die Defense sollte trotz einiger Abgänge eine gute bleiben. Man ließ EDGE Bud Dupree gehen, aber der war eh überschätzt mit vielen Sacks, aber wenigen Pressures. Sein direkter Ersatz ist Melvin Ingram von den Chargers. Ingram hat über die letzten Jahre zwar etwas weniger Sacks erzielt – aber dafür deutlich mehr Pressures als Dupree.

Der Star bleibt ohnehin DROY-Kandidat T.J. Watt. Zuzüglich zu den 33 Sacks der letzten zwei Jahre war Watt in den letzten beiden Jahren die #5 und #2 nach Pressures unter allen Edge-Rushern. Letztes Jahr stellte er sogar seine Tendenz zu missed tackles ab und verpasste dank intelligenterer Spielweise nur mehr 5% der Tackles.

In Watts Windschatten liefert der junge Alex Highsmith (immerhin 21 Pressures als Rookie) etwas Tiefe.

Die Interior-DL bleibt super besetzt, weil man Tyson Alualu trotz Cap-Hell halten konnte. Cam Heyward, Stephon Tuitt, Chris Wormley und Alualu sind alles Brocken, die man problemlos durchrotieren kann.

Auf Linebacker kehrt der 2019 hoch gedraftete Devin Bush zurück. Mit Joe Schobert aus Jacksonville wurde per Trade etwas Tiefe geholt.

Die Secondary lebt vom starken Safety-Pärchen Minkah Fitzpatrick/Terrell Edmunds, aber auf Cornerback könnte sich nach zahlreichen Abgängen (z.B. Stevie Nelson, Mike Hilton) die eine oder andere Lücke aufmachen. Joe Haden als CB1 ist 32, und bis zum gestrigen Einkauf von Akhello Witherspoon aus Seattle war Chris Sutton ist der einzige andere Corner von Format. Witherspoon war über die letzten Jahre auch stets Wackelkandidat – wenn du nicht genug für den Corner-Room der 49ers und Seahawks bist, würde ich nicht allzu gern auf dich vertrauen. Wenn es dumm läuft, muss man sogar auf Justin Layne bauen. Der hat in zwei Jahren noch fast nichts gezeigt, was ihn einst zu einem reizvollen Mid-Rounder machte.

Ausblick

Es gibt schon Gründe, warum das Over/Under der Steelers bei momentan nur 8.5 Siegen liegt: Das ist ganz einfach ein Team wie gemacht für einen klaren Rückschritt.

Es ist ein empirischer Fakt, dass Laufspiel die weit weniger wichtige Facette einer Football-Offense ist als das Passspiel. Und im Laufspiel ist der Runningback das unbedeutendste Rädchen am Wagen – hinter der Qualität der Offensive Line oder dem Play-Calling wie Laufen in offene/volle Boxen.

Doch die Steelers haben in der Offseason die größte Ressource in die Runningback-Position gesteckt. Und jetzt besteht die Gefahr, dass diese Ressource auch kräftig genutzt werden wird. Harris mag ein super Back sein, aber sein Einsatz ist tendenziell Offense-schädigend.

Canada mag ein super Offensive Coordinator sein, aber seine Philosophie geht gegen die Gewohnheiten eines veränderungsresistenten Quarterbacks. Dass sich solche scheinbar sturen QBs auf ihre alten Tage wider Erwarten noch einmal ändern können, hat letztes Jahr Aaron Rodgers gezeigt. Insofern ist noch nicht alles verloren.

Aber hat Roethlisberger nicht bloß den Willen für etwas Neues, sondern auch noch den Wurfarm um das ganze Repertoire an Routen anzuspielen? Wenn ja, liegt vieles an seinem Willen die neue Offense zu lernen. Wenn nein, ist eh alles egal, denn die Steelers landen dann im grauen Liga-Mittelfeld.

Ich wäre nicht schockiert, wenn das mit leicht verbesserter Offense heuer erneut zu Playoffs reicht, aber ich tue mir schwer, mir wirklich noch einmal einen Generalangriff auf die AFC North vorzustellen. Am plausibelsten ist so etwas wie 9-8. Und das würde das Gegenteil bewirken als diese Offseason zu rechtfertigen.

7 Kommentare zu “All-32: Pittsburgh Steelers 2021 Vorschau

  1. @Santiago15: Tag X ist da. 😉 Gar nicht mal verrissen. Könnten durchaus wieder sehenswert werden, die Stahlarbeiter Amerikas. 😀

  2. Big Ben letzte season danach tritt auch er zurück,mit den Playoffs wird’s trotzdem nichts weil ravens zu stark sind.

  3. @Dizzy: Haha, ja, finally. War allerdings auch auf dem falschen Dampfer, weil ich dachte die Saison geht bereits dieses Wochenende los. Das hat dann für zusätzliche Hibbeligkeit gesorgt. 🙂

    Man darf gespannt sein, wenngleich ich hinsichtlich des Flickwerkes O-Line, den Abgängen in der Secondary, dem Fragezeichen BigBen (hier kann man allenfalls hoffen, dass vielleicht letztes Jahr noch die schwere Ellenbogen-OP mit rein spielte und Canada > Fichtner) und der hier noch gar nicht thematisierten brutalen SoS nicht allzu optimistisch bin. 10-7 wenn die obigen Punkte besser ausfallen als erwartet, entsprechend rechne ich aber eher mit 7-10.

    „Ärgerlich“ ist halt, dass man wahrscheinlich auch bei einem für Steelersverhältnisse dann enttäuschenden Saisonverlauf (oder richtiger: einer enttäuschenden Regular Season, denn die Playoffs sind ja schon eine ganze Weile recht enttäuschend) noch zu gut sein wird, um nächstes Jahr einen QB hoch zu draften. Von Rudolph haben wir denke ich genug gesehen, um zu wissen, dass er nicht der Kronprinz ist. Vielleicht macht Haskins noch einen Schritt nach vorne. Insofern könnte es eine gleichermaßen enttäuschende wie verschenkte Saison werden.

  4. @Santiagio15: Strenggenommen stimmt das schon: mittelmäßige Saison = mittelmäßige Draftposition. Aber, hey, es gibt noch die Möglichkeit raufzutraden in der Draft. Und die besten QBs sind oft genug nicht die ersten QBs, die gedraftet werden.
    Plus: die Steelers haben mMn ein Händchen für QBs wie kaum ein anderes Team. Da ist seit 1970 eine gute Konstanz drin. Selbst einen (für seine Zeit recht ungewöhnlichen QB) Kordell Stewart haben sie damals über mehrere Saisons erfolgreich in ihre Offense eingebaut.
    Um die Steelers mache ich mir weniger Sorgen als um die Browns. Wenn Dir langweilig ist, schau mal bei Wikipedia unter „List of starting QBs“ einmal für Steelers und dann für Browns…
    Läuft für die Steelers, würde ich sagen.

  5. Hochtraden kostet halt und somit bleibt weniger Draftkapital für andere Positionen. Von daher ist selbst mir als Fan eine schwache Saison lieber, wenn man die Position des QBs neu besetzen muss, als dass man mittelmäßig abschneidet und ggf. wieder und wieder hochtraden muss. Weil dafür ist QB dann doch zuviel Lotterie. Da weiß ich jetzt auch nicht, ob die überschaubare Anzahl an starting QBs aussagekräftig ist. Zumal es schließlich auch eher Glück als Können ist, dass eine für Steelersverhältnisse gute Draftposition #11 ausgerechnet in die hinsichtlich QBs hervorragende Draft Class von 2004 fällt. Umgekehrt legen die Mid-Round-QBs, die wir die letzten Jahre gezogen haben (Rudolph, Dobbs, Jones etc.) nicht gerade nahe, dass die Steelers bei QBs der Konkurrenz voraus wären, Anzahl der starting QBs hin oder her. 🙂

  6. Das Auswärtsspiel gegen die Bills am kommenden Sonntag, auch wenn es das erste Regular Season Spiel ist, wird schon eine erste gute Standortbestimmung sein. Man spielt aber ja auch noch in Green Bay, in Kansas City und gegen die Chargers in LA. Seattle kommt nach Pittsburgh und natürlich 2 x Ravens und Browns. Der Schedule ist harzig und nicht von Laufkundschaft geprägt. So sehr ich meine Steelers liebe und auf die Defense vertraue, aber 9:8 ist bereits ein ambitioniertes Ziel.

  7. Pingback: Es geht los! Heute beginnt die NFL-Saison 2021/22 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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