All-32: Seattle Seahawks 2021 Vorschau

Dauerbrenner bei den Seattle Seahawks in den letzten Jahren: Gute bis sehr gutes Regular Season gefolgt von schnellem Playoffaus.

Das galt auch 2020, obwohl die Hawks locker die Hälfte, vielleicht drei Viertel der Saison unter dem erstmals gelebten Offense-Motto „Let Russ Cook“ aufblühten und die Liga teilweise an die Wand spielten.

Lang, lang ist’s her. Die Zeit, als ausgerechnet der viel geschmähte OffCoord Brian Schottenheimer QB Russell Wilson mit moderner Offense von der Leine ließ, fühlen sich nur ein dreiviertel Jahr später wie fernste Vergangenheit an. Zu schwach war das Saison-Finale, als die Schottenheimer/Wilson-Offense kein Mittel gegen tief stehende Gegner fand und gegen den Backup-QB der Rams schon im ersten Playoffspiel zuhause ausschied.

Auch Schottenheimer ist schon wieder Geschichte. Der Neue ist Shane Waldron, kommt von den Rams, und soll wieder verstärkt das machen, was Headcoach Pete Carroll vor allem gegen two high Defenses fordert: Den Ball laufen.

  • Bilanz 2020: 12-4 (Wildcard Playoffs)
  • Pythagorean: 10.1 Siege (#10)
  • Close Games: 7-3
  • Offense EPA/Play: +0.08 (#11)
  • Defense EPA/Play: +0.04 (#15)
  • Turnovers: +4
  • Fumble Luck: 52% (#13)
  • Adjusted Games Lost: #20 (OFF #13, DEF #25)

Kurzer Rückblick auf 2020: Die Hawks gewannen mit 12-4 die Division. Sie hatten trotz des Einbruchs zum Saisonende eine Top-12 Offense, und sie beendeten das Jahr auch mit halbwegs passablen Defense-Statistiken. Die waren ehrlicherweise aber eher den schwachen gegnerischen Offenses zum Saisonende raus geschuldet.

Carrolls OffCoord-Wechsel fühlt sich wie ein letzter Versuch an, die jetzt auch in den Reihen von old school guys aufkommende Kritik ein letztes Mal verstummen zu lassen. Aber Carroll geht auf die 70 zu. Ewig lange wird es nicht mehr gehen.

Offense

Die Offense hatte zum Saisonende raus stark verknappt zwei Haupt-Probleme: Zu viele Turnovers und keinen tiefen Ball mehr. Teilweise wirkte die ganze Maschine zum Ende raus auch nicht bloß ratlos, sondern richtig verschlafen.

Waldron soll den Angriff jetzt revitalisieren. Viele der Rams/McVay-Konzepte klingen, als würden sie gut in die Offense passen:

  • Viele Rollouts/Bootlegs und hohe Play-Action-Lastigkeit. Wilson ist mobil und er ist ein exzellenter Play-Action-Passer insbesondere dann, wenn es tief geht. 2020 gab es kaum Deep-Shots aus Play-Action. Zu viele Plays waren auf Yards-after-Catch ausgelegte Screens.
  • Mehr under center, weniger Shotgun. NFL-Passing ist tendenziell besser aus der Shotgun, doch Wilson ist interessanterweise einer jener QBs, der fast effizienter under center ist, insbesondere in Verbindung mit Play-Action. Die Hawks hatten zuletzt über 70% Shotgun. Die Rams lagen 2020 nur bei 42%.
  • Mehr Tempo zwischen den Plays. Tempo ist kein Allheilmittel, aber situativ eingesetzt zwingt es Defenses zu Simplifizierung. Wilson ist schon seine ganze Karriere über ein sensationeller 2-Minute-QB. Grundsätzlich mehr Zug zwischen den Plays klingt daher wie eine gute Idee.

Die wichtigste Änderung im Vergleich zu 2020 ist verstärkter Fokus auf die Intermediate-Range 10-20 Yards downfield. Letztes Jahr war Wilson nur im Mittelfeld nach Targets in diese „Money-Zone“. Das Rams-Scheme hat seine Effizienz über die Jahre dagegen zumeist genau dort erwirtschaftet. Einzig die Spielfeldmitte wird spannend: Wilson tendiert wohl aufgrund seiner Körpergröße dazu, die Mitte zu meiden bzw. nur bei Rollouts zu bewerfen. Sean McVay versuchte in seiner Blütezeit immer, die Mitte zum Fokus seine Offense zu machen.


Was spannend wird: Welches Personal wird Waldron in Seattle bringen?

Wird es eher in Richtung der 11-Personnel-Lastigkeit der Rams oder der 2-WR-Lastigkeit der Titans gehen? Die Hawks hätten zwei famose Receiver in DK Metcalf und Tyler Lockett, aber auf WR3 fehlen nach David Moores Abgang erprobte Optionen.

Vielleicht ist es Rookie D’Wayne Eskridge. Der ist mit 4.38 ein guter Sprinter, aber er war kein unumstrittener Prospect. Einmal ist er mit 24 relativ alt. Dann hat er nur gegen physisch völlig überrumpelte Konkurrenz gespielt, gegen die sein schlampiges Route-Running nicht negativ ins Gewicht fiel. Ohnehin sollte man von Rookies keine Wunderdinge erwarten.

Aber vielleicht öffnen Metcalf/Lockett ja die Türen. Wilson mit diesem Duo in einer Offense, die Downfield-Shots schematisch raffiniert vorbereitet und ausführt: L-e-c-k-e-r wie Himbeereis. DK allein hatte trotz dreier Drops schon letztes Jahr über 500 Deep-Yards.

Bei Lockett wird es Zeit, dass er auch auf diesem Blog mal kurz gewürdigt wird. Lockett ist nur 5’10, aber sowohl aus dem Slot als auch downfield (oft als Kombination aus beidem) ist er echt gut. Über seine Karriere ist sein aDOT 12.5 Yards. In jedem Jahr außer einem hatte er über 1.5 Yards/Route, einmal sogar über 2 Yards/Route. Bringt er sein „A-Game“, hat die Hawks-Offense großes Potenzial.

Freilich ist Tight End nur Mittelmaß. Gerald Everett und Will Dissly sind höchstens als Abstauber von durch Scheme/Receiver kreierten Yards zu gebrauchen.

Natürlich wird die Offense auch lauflastig sein. Geht nicht anders, wenn Carroll als Kopf hinter dem Team steht, und der OffCoord von den Rams kommt. Chris Carson ist ein passabler Runningback dafür, wenn er denn das Fumbeln einstellen würde.


Und die O-Line ist auch eher naja. Auf Wilsons versuchten Aufstand folgte mit OG Gabe Jackson ein solider Einkauf, aber dass die Line alles wegblocken wird, ist eher Wunschtraum als gelebte Zukunft. LT Duane Brown ist erstklassig, aber alle anderen Spots sind von unsicheren bis bestenfalls durchschnittlichen Kandidaten besetzt: C Pocic, OG Damien Lewis, RT Brandon Shell.

In Summe erwarte ich Top-10 Effizienz mit Potenzial, die Top-5 zu knacken, sofern es Waldron mit dem Pounden des Footballs nicht ganz übertreibt oder Metcalf zu viele Bälle droppt.

Defense

In den letzten Jahren war die Defense Seattles Sorgenkind trotz einiger starker Einzelspieler wie LB Bobby Wagner, DB Jamal Adams oder EDGE Carlos Dunlap.

Die Gründe dafür sind mehrschichtig. Einmal war man lange auf entscheidenden Stellen personell unterirdisch besetzt (Edge Rush, Cornerback). Und dann blieb man schematisch hinter der Zeit zurück – reines Cover-3 oder viel Base-Defense gehen in der heutigen Zeit eben nicht mehr.

2020 hat sich das gebessert. Nach Dunlaps Mid-Season-Einkauf wurde es mit dem Druck gen QB besser. Und die Rate an Base-Defense wurde in 2020 von unglaublichen 69% (2019) auf 38% runtergeschraubt.


D-Line ist jetzt sogar ganz okay. Auf DT spielte Carroll einige Bear-Front gegen die lauflastigen Offenses wie Rams oder 49ers – das war bis dato total untypisch gewesen. Im Pass-Rush hat man jetzt einige Optionen um Dunlap zu entlasten: Kerry Hyder, Aldon Smith, vielleicht auch den jungen Alton Robinson für einzelne Matchups.

Darrell Taylor, 2020 Rookie, hat noch keinen einzigen Snap gespielt. Vielleicht schiebt man ihn mit seinem kräftigen Körperbau auf die Strong-Side. Allein LJ Collier kann man wohl fast als Bust abstempeln, dafür hat DT Poona Ford ein paar Flashes im Passrush gezeigt.

Auf Linebacker hat die langjährige Stütze KJ Wright das Team verlassen. Jordyn Brooks aus der 2020 Draftklasse wird neben Wagner übernehmen.


Bleibt die Secondary. Auf Cornerback ist vieles im Fluss, und so wirklich verlässliche Kumpanen gibt es außer vielleicht DJ Reed nicht. Shaquill Griffin hat das Team in Richtung Jacksonville verlassen, Akhello Witherspoon hat man letzte Woche an Pittsburgh verscherbelt. Sidney Jones ist eher ein „Depth Guy“. Das riecht, als würde die Coverage noch immer Probleme haben.

Bleibt die Rolle vom extrem teuren Safety/Linebacker/Passrusher-Do-it-all Adams. Der Spott einiger Hawks-Fans hat in den letzten Monaten überhandgenommen. Adams war als Einkauf mit zwei 1st Roundern und einem Rekordvertrag natürlich zu teuer, aber als Spieler wird man sich schwertun, eine flexiblere Waffe zu finden. Adams ist ein super Blitzer, guter Run-Defender, und war als Deckungsspieler zumindest vor 2020 schon ein wertvoller Verteidiger.

Adams wirkte letztes Jahr noch nicht ganz glücklich eingesetzt. Aber 2019 war er in PFF WAR der wertvollste Verteidiger der AFC East.

Ausblick

Seattle ist ein Team mit klar definierten Stärken und Schwächen. Das größte Fragezeichen war in den letzten Jahren tatsächlich das Coaching, das philosophisch zu häufig ausgerechnet die Schwächen prominent in Szene setzte. Das bleibt auch 2020 ein wunder Punkt.

So ist auch 2020 die Frage, wie sehr Carrolls Laufspiel-Fetisch und die auf Cornerback noch immer gefährlich schwach besetzte Defense das Potenzial deckeln. Aber die „positives“ reichen aus, dass mich ein erneuter Gewinn der NFC West überhaupt nicht schocken würde.

In all dem Hype um die Rams mit Matthew Stafford oder die 49ers mit dem Combo Shanahan/JimmyG-Lance laufen mir die Seahawks als offensiv „sicherste“ Tüte der NFC West zu sehr unter dem Radar.

Wilson bleibt der beste QB der Division. Auch wenn zu viel Laufspiel droht: Wilson kann mit diesen Receivern durch tiefes Passspiel einige Schwächen kaschieren.

Tampa Bay habe ich zirka 2 Siege besser. Green Bay zirka einen Sieg. Aber wenn die Hawks-Defense in etwa fünf Plätze besser wird als 2020 und die Offense vielleicht noch einmal ein Jota oben drauf legt und den Level bis in den Jänner hinein halten kann, dann ist auch in einem stark besetzten NFC-Feld ein Playoff-Run denkbar.

2 Kommentare zu “All-32: Seattle Seahawks 2021 Vorschau

  1. Pingback: Es geht los! Heute beginnt die NFL-Saison 2021/22 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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