All-32: Tennessee Titans 2021 Vorschau

Die Tennessee Titans haben der prophezeiten Regression 2020 widerstanden und sich mit einer erneut starken Offense in die Playoffs gespielt. Jetzt kommt der noch härtere Teil: Es ohne den Architekten der Offense ein drittes Mal hintereinander zu schaffen.

Die Titans sind eine der Mannschaften, bei denen es am einfachsten fällt, eine eher schwierige Saison zu prognostizieren:

  • OffCoord Arthur Smith ist weg. Er war der Architekt einer eigentlich simplen, aber brutal effizienten Offense: Defense zwingen die Box zuzustellen, und dann eiskalt mit Play-Action und tiefen Crossing-Routes auszukontern.
  • Tennessee war schon 2020 sehr glücklich in knappen Spielen (7-2 Bilanz). Man muss sich nur die ersten drei Partien anschauen, wenn man wissen will, was los war: Sieg mit 2 Punkten gegen Drew Locks Denver dank Sieg-Fieldgoal 20 Sekunden vor Schluss. Sieg mit 3 Punkten gegen 1-15 Jacksonville durch Fieldgoal 100 Sekunden vor Schluss. Sieg mit einem Punkt gegen Minnesota erneut nach Fieldgoal in der vorletzten Minute, mit Interception gegen Kirk Cousins in der gegnerischen Platzhälfte in letzter Minute.
  • Die Defense hat viele Fragezeichen auf wichtigen Stellen – und das, nachdem sie sich schon letztes Jahr nur dank der siebtmeisten Turnovers pro Drive gerade so über dem absoluten Liga-Bodensatz halten konnte (#29 nach EPA/Play).

Immerhin hat man den Abgang von WR Corey Davis durch den kurzfristigen Einkauf von Julio Jones kompensiert, doch Julio ist 32. Auch sonst war vieles von kurzfristiger Denke im Roster-Management geprägt. Mehrere Verträge wurden neu strukturiert, Cap-Hits nach hinten geschoben um ein letztes Mal Platz für neue Spieler zu machen. Für 2022 hat man schon gut 200 Mio. Cap-Space reserviert.

  • Bilanz 2020: 11-5 (Wildcard Playoffs)
  • Pythagorean: 9.2 Siege (#12)
  • Close Games: 8-2
  • Offense EPA/Play: +0.18 (#2)
  • Defense EPA/Play: +0.13 (#28)
  • Turnovers: +11
  • Fumble Luck: 50% (#17)
  • Adjusted Games Lost: #6 (OFF #7, DEF #10)

2021 ist also ein letztes Hurra.

Offense

Es ist kein Geheimnis, dass der Offense-Run der Titans in den letzten eineinhalb Spielzeiten das Produkt eines „perfect storm“ war. Es ist schwer zu glauben, dass das alles zu wiederholen ist:

  1. Neuer OffCoord
  2. Abhängigkeit von einem System-QB
  3. Abhängigkeit von einem Runningback
  4. Alternder Star-Receiver

Zu 1) Schematisch war es eine Offense, die viel Max-Protection gespielt hat und mit RB Derrick Henry in der Hinterhand die Defense zum Vollstellen der Boxen eingeladen hat. Es war eine Offense mit einer der drei höchsten Raten an Play-Action. Und eine mit extrem hoher Motion-Rate.

Der neue OffCoord Todd Downing kommt zwar aus dem eigenen Trainerstab, hat aber nur wenig Erfahrung als Play-Caller. Downing war 2017 mal OC bei den Raiders, aber jene Offense war weder für Effizienz noch für Kreativität berühmt.


Zu 2) Bei Ryan Tannehill müssen wir dabei bleiben: Er ist mehr „System-QB“ als man wahrhaben möchte. Tannehill hatte superbe Effizienz nach EPA/Play (Top-3 in den letzten beiden Jahren), aber halt auch so viel schematische Hilfe und herausragende Waffen.

Einer der vielleicht unterschätzten Hilfestellungen für Tannehill war die relativ entblößte Defense-Box, in die hinein er werfen durfte:

Ob sich das noch einmal so wiederholt? Abwarten. Und nur zur Klarstellung: Tannehill hat enorm viel aus den gebotenen Möglichkeiten herausgeholt. Doch 2021 wird in umgemodeltem Scheme eher keine lineare Fortführung sein, und Tannehills Zeit vor Tennessee stimmt mich nicht allzu optimistisch, dass wir weiterhin Elite-Effizienz im Titans-Passing-Game sehen.

Die Titans können also nur hoffen, dass ich erneut irre 🙂


Zu 3) Henry war in den letzten eineinhalb Jahren einer der wenigen Runningbacks mit wirklich spürbar positivem Einfluss auf die Performance der Offense. Ich halte ihn zwar nach wie vor für den weniger wichtigen Teil als WR A.J. Brown, aber Henry war schon in vielen Aspekten weit über dem Rest der NFL.

Er ist Top-3 in Broken/Missed Tackles, Top-3 in Explosive Runs, und das obwohl viele Stacked-Boxes wie kaum ein anderer Back sieht. Henry hatte ca. 28%. Kevin Cole bewertete seine Saison 2020 mit mehr als einem „Win“ above Replacement.

So sehr physischer Freak Henry auch sein mag: Üblicherweise kommt irgendwann nach ca. 1500 NFL-Carries der Punkt, an dem auch die besten Backs einzuknicken beginnen. An dem ihre Effizienz nachlässt. Henry hat fast 1200 Carries. Er mag ein außergewöhnlicher Spieler sein, doch es gibt berechtigte Zweifel daran, wie lange noch er einer bleibt.

Auch die O-Line wird nicht besser. LT Lewan hat 50% der Snaps über die letzten zwei Jahre verpasst. LG Rodger Saffold ist wackeliger als gedacht. Auf Right Tackle hat man keine echte Lösung, nachdem Dennis Kelly weg und Dillon Radunz ein Rookie ist. Vielleicht nochmal ein Jahr mit Ty Sambrailo? Das ist dann aber auch nicht Wunschbesetzung.

Nicht umsonst ratet PFF diese Line wenig titanisch an #14 nur im Mittelfeld.


Zu 4) Bleiben die Receiver. Brown und Jones sind theoretisch das vielleicht beste Receiver-Duo der NFL – in einer Offense, die relativ viel mit 12-Personnel macht, eine starke Basis. Brown ist ein Juwel und mit gerade 24 Jahren vielleicht noch gar nicht in seiner Blüte, aber Jones war bei aller Produktivität schon in den letzten Jahren ständig angeschlagen, und die Historie von 32-jährigen Receivern ist keine überaus rosige.

WR3 Josh Reynolds kommt von den Rams. Als #3 funktioniert er vielleicht noch, aber viel mehr ist er nicht.

Auf Tight End fehlt nach Jonnu Smiths Abgang auch eine #1. Anthony Firkser ist mehr move-TE als in-line. Mir fehlt noch das Gespür wie das aussehen soll.

Defense

Die Titans-Defense 2020 war horrend. Für einige kam das überraschend. Für mich nicht. Jetzt hat man personell einiges umgebaut, und ich glaube nicht zum wesentlich Besseren.

EDGE Bud Dupree kam als teurer Free Agent mit 35 Mio. guaranteed in einem „backloaded“ Vertrag. Auch „backloaded“: CB Jackrabbit Jenkins aus New Orleans. Dazu DL Denico Autray aus Indianapolis.

Im Draft hat man CB Caleb Farley in Runde 1 gezogen, Slot-CB Elijah Molden in den Mid-Rounds. Gerade letzterer soll in der Preseason schon richtig überzeugt haben. Im Prinzip könnte Tennessee fünf neue Starter haben.

Insgesamt ist mir vieles an dieser Unit suspekt – beginnend beim Coaching. Mike Vrabel, ex-NFL Verteidiger, hat in der NFL noch nie eine vernünftige Defense gecoacht. DefCoord Shane Bowen machte letztes Jahr nicht den Eindruck, viel Plan davon zu haben, wie man Spielertalent maximiert.

Dann sind die Abgänge zahlreich: CB Adoree Jackson mag zuletzt nicht viel gespielt haben, aber er ist als Prospect wahrscheinlich eine zuverlässigere Projection als alle verbleibenden Cornerbacks im Kader. Jadeveon Clowney wird in diesem Leben kein Weltklasse-Passrusher mehr, aber ein solider „Body“ in der Defense ist er allemal. Dito DT DaQuan Jones. CB Malcolm Butler oder DB Desmond King: Zwei gute Ergänzungsspieler bis Starter.

Dann wäre da das Edge-Rush. Dupree ist nicht nur brutal teuer, sondern höchstwahrscheinlich auch brutal überschätzt. In Pittsburgh verwertete er sensationelle 19% seiner Pressures zu Sacks – eine irre Quote, an die kaum jemand in der NFL herankommt.

Pressures sind erwiesenermaßen die bessere Statistik für Projection als Sacks – und bei Pressures ist Dupree nur mittelmäßig. Und es wäre auch nicht so, dass es in Tennessee einen TJ Watt als EDGE1 an der anderen Flanke gäbe, der Dupree die Quarterbacks in die offenen Arme treibt. Die Gefahr ist hoch, dass wir schon in einem Jahr nicht über Bud Dupree, sondern über Bust Dupree schreiben.


Und dann Cornerback. Kristian Fulton als 2nd year Player ist bald der erfahrenste der Titans-Cornerbacks. So talentiert Farley oder Molden sein sollen – auf eine Secondary mit so vielen so jungen Cornerbacks setze ich ungern.

Dass die Defense trotzdem etwas besser sein wird als 2020, daran habe ich auch wenige Zweifel. Einmal ist das Safety-Pärchen super: Kevin Byard ist ein Klassemann und auch Amani Hooker hat einen starken Einstand hinter sich.


Auf Linebacker ist man einigermaßen okay besetzt – Rashaan Evans hat zwar keine 5th Year Tag bekommen und ist 2022 Free Agent, aber sein Nachfolger (Monty Rice aus Georgia) wurde schon gedraftet – ein superschneller LB/S Hybrid. Jayon Brown ist nach allen Metriken auch ein solider Starter.

Bleibt der größte Breakout-Kandidat: DT Jeffery Simmons. Wie ein Farley war Simmons einst als erhöhtes Verletzungsrisiko (bei Farley war’s der Rücken, bei Simmons das Kreuzband) im Draft gefallen, direkt den Titans in den Schoß.

Simmons hat zwei ordentliche Jahre zum Einstand hinter sich. Nicht täuschen lassen von den nur 3 Sacks letztes Jahr: Simmons hatte 41 QB-Pressures, die 16t-meisten der NFL.

Ausblick

Die Defense sollte etwas besser sein, aber dafür ist die Offense prädestiniert für den großen Rückschritt. Ich kann mich gewaltig täuschen und ein weiteres Mal wie ein Idiot aussehen, aber ich wäre echt überrascht, wenn Tennessee 2021 noch einmal in der Phalanx der Top-5 Offenses mitspielt.

In einer normalen Division sähe ich die Titans als Playoff-Wackelkandidat.

Aber die NFC South bietet uns Houston Texans, die nicht gewinnen wollen, Jacksonville Jaguars nach 1-15 mit Rookie-QB und impfverweigernde Indianapolis Colts, bei denen gerade der QB förmlich nach einigen Spielen Ausfall schreit. Ist Tennessee 2021/22 also AFC South Champion „per default“?

Wahrscheinlich ja – mit dem Sternchen, dass ich Indys Coach Frank Reich im Zweifelsfall wesentlich mehr traue als Vrabel.

7 Kommentare zu “All-32: Tennessee Titans 2021 Vorschau

  1. Tolle Preview!

    Schon erstaunlich wie wenig bei der Titans Defensive rumkommt, denn Talent wäre eigentlich da. Dupree ist überschätzt, da stimme ich voll zu, aber Adoree oder Clowney wären ja auch keine schlechten gewesen,

    In der O bin ich gespannt ob Henry weiter gefeeded wird, finde das mit den 1500 Carries schon spannend, jetzt ist die Saison noch länger und richtige Alternative haben sie nicht.

    Tanne ist auch ein spannender QB in dem neuen System, eigentlich spricht für mich viel für eine starke Titans O aber vor Brown sah das ja nicht gut aus…

  2. Warum wird Tannehill eigentlich so „negativ“ gesehen? Er ist doch in vielen Passing Stats in den letzten beiden Jahren ganz vorne dabei, und so viel schlechter haben es Mahomes oder Rodgers in ihren Offenses auch nicht (Reid und LaFleur Coaches, Top Waffen, viel Play Action).

  3. @FloBlogs: Mehrere greifbare Gründe.

    Tannehill war exzellent in Play Action, aber ohne Play Action war er nur #14 in Yards/Play. In 3rd und 4th Downs war er #19. Das sind die Plays, in denen er tendenziell nicht im „Arthur Smith Modus“ operieren konnte.

    Tannehill hat, wie oben gesehen, einen Vorteil durch viele relativ volle Boxen.

    Adjusten wird EPA/Play an den Defense-Look, wird Tannehill relativ schnell nur noch Mittelmaß:

    Auch sollten wir nicht vergessen, wie Tannehill vor Arthur Smith ausgesehen hatte.

    Ich denke, ohne den Arthur-Smith-Stuff sprechen wir von einem soliden bis guten Starting-QB um oder knapp über dem Liga-Durchschnitt. Gut auch: 2021 wird klarere Antworten liefern.

  4. Pingback: Es geht los! Heute beginnt die NFL-Saison 2021/22 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  5. „Jadeveon Clowney wird in diesem Leben kein Weltklasse-Passrusher mehr, aber ein solider „Body“ in der Defense ist er allemal.“
    Habe ich einen Trade verpasst? Ist Journeykid Clowney aktuell nicht in Cleveland?

  6. Pingback: Nachklapp NFL Woche 1 – Titans 13, Cardinals 38 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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