All-32: Washington Football Team 2021 Vorschau

Letzte Nacht ist die NFL-Saison 2021 gestartet. Heute endet meine Preview-Serie zu allen 32 Mannschaften mit dem Washington Football Team.

Washington ist vor der Saison 2021 ein oft genannter Sleeper. Das Team von Ron Rivera ist der Titelverteidiger der NFC East und geht mit einem QB-Upgrade in die neue Saison.

Washington stellte 2020 die schwächste Passing-Offense der NFL, weil Quarterbacks wie Dwayne Haskins, Kyle Allen oder Alex Smith die Unit anführten. In den Playoffs musste gar Tyler Heinicke starten. Zur neuen Saison kommt der 38-jährige Oldie Ryan Fitzpatrick.

Ich bin persönlich sehr skeptisch dem Football Team gegenüber.

  • Bilanz 2020: 7-9 (Wildcard Playoffs)
  • Pythagorean: 8.2 Siege (#14)
  • Close Games: 2-5
  • Offense EPA/Play: -0.05 (#27)
  • Defense EPA/Play: -0.06 (#3)
  • Turnovers: -4
  • Fumble Luck: 49% (#19)
  • Adjusted Games Lost: #24 (OFF #28, DEF #14)

Einmal hatte die Mannschaft 2020 einen Record von 7-9, der gar nicht so wesentlich vom Pythagorean outperformt worden wäre, dass wir in einer ernsthaften Division von einem Playoffteam gesprochen hätten.

Dann ist da eine Defense, deren Stats letztes Jahr von geradezu lachhaften Gegner gepusht wurde: Zweimal Philly, einmal mit Carson Wentz und einmal mit der berüchtigen Auswechlsung von Jalen Hurts am letzten Spieltag. Die Browns vor ihrem Durchbruch zum Saisonstart. Zweimal die Giants. Zweimal Cowboys ohne Dak Prescott. Bengals in dem Spiel, in dem Joe Burrow verletzt wurde. Implodierende Panthers und Steelers im Dezember. 49ers mit third string QB. Nach DVOA hatten nur drei Defenses einen einfacheren Schedule.

Wenn 2021 plötzlich ernstzunehmende Quarterbacks antreten, wird das mit EPA/Play in der Defense anders ausschauen.

Und dann ist da die extreme Varianz in der Leistungskurve von Fitzpatrick.

Offense

Das Gute: Fitzpatrick hat für nur ein Jahr und nur 10 Mio. unterschrieben. Washington hat kein Long-Term-Committment eingefädelt. Fitzpatrick ist auch ein offenbar extrem beliebter Teamkollege, der auf seinen letzten Stationen nicht bloß als elder statesman, sondern als richtige Mentor-Figur für diverse junge Quarterbacks fungiert hat.

Aber Fitzpatrick ist auch berüchtigt für seine extremen Leistungsschwankungen. Fitzpatrick ist ein QB, der rücksichtslos spielt – der Bälle in enge Fenster hineinfeuert ohne Furcht vor einer Interception. Das ist spektakulär anzusehen, wenn es gut läuft, aber führt immer mal wieder nach kurzen Hochphasen zu echten Offense-Implosionen.

2020 war Fitzpatrick nach EPA/Play einer der effizientesten QBs der Saison, aber der Amerikaner würde sagen: „take it with a grain of salt“.

Fitz war superb gegen Druck (#2 bei PFF), aber aus sauberer Pocket durchaus wackelig (nur #22). Er hatte fünf gedroppte Interceptions. Er war exzellent in Success-Rate (56%, niemand hatte mehr), aber hatte auch die sechsthöchste Rate an Turnover-würdigen Würfen.

Historisch gesehen folgt auf einen guten Fitzpatrick stets in nicht allzu ferner Zukunft wieder „bad Fitz“ – und auch in guten Phasen ist er immer für einen Stinker gut.

Diese Warnung sei mal vorausgeschickt, denn was wahrscheinlich auch zu konstatieren ist: Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist er besser als das QB-Quartett aus der letzten Saison. Und damit sollte auch die Passing-Offense um einiges besser performen.


Washington hat einen interessanten Skill-Corps, den PFF an #20 rankt. Das Juwel ist natürlich Terry McLaurin, ein Mid-Rounder aus dem Draft 2019, der mit seinem fantastischen Route-Running zwei herausragende Spielzeiten zum NFL-Einstand geliefert hat. McLaurin wurde 2020 um einiges kürzer angespielt als in seiner Rookie-Saison (als Rookie aDOT von 14.6 Yards, letztes Jahr 10.0). Idealerweise schickt man ihn jetzt wieder tiefer.

Gut möglich, dass der Einkauf von Curtis Samuel von den Panthers auch mit dieser Idee motiviert war. Wobei Samuel ein ganz spannender Case-Study ist, denn die Ex-Superwaffe von Ohio State hat in der NFL bei den Panthers über Jahre nicht ganz die Vorschusslorbeeren erfüllen können.

Die größte Auffälligkeit in seinem Stat-Sheet: In seinen ersten drei Jahren wurde Samuel im Schnitt 11.5 Yards downfield angespielt. 2020? Nur noch 7.5 Yards. Trotzdem machte Samuel 2020 wesentlich mehr Yards/Route als zuvor. OffCoord Joe Brady hat letztes Jahr in Carolina Samuels fantastische YAC-Ability hervorragend ausgeschlachtet.

Dem war zuvor offensichtlich nicht der Fall gewesen. Was das alles so spannend macht? Zuvor war Scott Turner der OffCoord bei den Panthers gewesen. Jener Scott Turner, der jetzt der Washington-Offense vorsteht. Ausgerechnet. Welche Schlüsse Turner aus Samuels Karriereverlauf ziehen wird, ist eine der schematisch spannendsten Fragen in Washington.

Aber auch hinter dem mutmaßlichen top-Duo gibt es nun mehr Optionen als in der Vergangenheit. So hat man Adam Humphries für den Slot verpflichtet. Der Mann ist nach zahlreichen Verletzungen in Tennessee etwas in Vergessenheit geraten.

Oder die Einberufung von Dyami Brown im Draft: Ein vertikaler Receiver, physisch impostant, der bei UNC in einer Downfield-Offense zahlreiche spektakuläre Catches gemacht hat.

Dazu sind Cam Sims oder TE Logan Thomas solide Depth-Guys, die letztens Jahr beide über 600 Yards gefangen haben. Ein Auge sollte man auch drauf werfen, wie RB Antonio Gibson eingesetzt wird. Der war am College ein halber Receiver, aber in Washington bekam die meisten Runningback-Targets zuletzt JD McKissic (und zwar 109, Gibson nur 46). Gibsons Targets hatten negativen aDOT, waren also vor allem Alibi-Pässe.


O-Line ist stark in der Mitte (G Scherff und C Chase Roullier haben starke Pass-Block-win-Rates), aber wackelig an beiden Flanken. Auf LT wurde der in Chicago entlassene Charles Leno geholt. Auf Right Tackle soll nach Morgan Moses‘ Entlassung in Samuel Cosmi wohl ein Rookie starten.

Defense

Vieles am Hype um Washington hängt an der stark besetzten Defensive-Front und dem Einkauf von CB William Jackson III aus Cincinnati: Endlich ein verlässlicher Manndecker! Dazu stehen Ron Rivera und DefCoord Jack Del Rio seit langem für gute, solide Defenses. 2020 machte die Unit einen merklichen Sprung nach vorn:

  • 2019 mit 0.08 EPA/Play die #28
  • 2020 mit -0.06 EPA/Play die #3

Aber ich hab schon oben anklingen lassen, woran das primär lag, und dass ich nicht so wahnsinnig überzeugt bin.


Was für diese Defense spricht:

Sie ist vorn stark besetzt, und das ist der üblicherweise „stabilere“ Teil. Passrusher können viel besser projected werden als Deckungsspieler, und Washington hat einige starke, junge Talente dort vorne drin:

  • Die DTs DaRon Payne und Jon Allen plus Tiefe in Matt Ioannidis
  • Die EDGE-Rusher Chase Young (ein DPOY-Kandidat, als Rookie #7 in Passrush-Win-Rate) und Montez Sweat, der eine starke zweite Saison spielte.

Da sind allein vier 1st Round Picks drunter, und alle haben die Erwartungen zumindest erfüllt. Washington konnte auf dieser Front aufbauend relativ „blitz-frei“ agieren, schickte in fast 70% der Fälle einen 4-Men-Rush um Blitz-Pakete nur situativ ins Herz der Offense zu designen.

Und sollte man erstmal mehr Tiefe haben, mit Jackson als CB1, dem billig geholten depth guy Ronald Darby als CB4 und einem von IR zurückkehrenden S Landon Collins.


Aber jetzt, was gegen diese Defense spricht.

Einmal ist Coverage der wohl wichtigere (oder mindestens gleich wichtig) Teil einer NFL-Defense, und trotz aller Rückkehrer ist Washingtons Secondary noch immer etwas dünn besetzt. Darby war über die letzten Jahre fast nie fit, und so gibt es hinter CB2 Kendall Fuller nicht allzu viel verlässliches Material. Slot-CB Jimmy Moreland ist auch bestenfalls solide.

Auf Safety verstärkt Bobby McCain aus Miami die Tiefe, aber kann Kamren Curl seine überraschend gute Rookiesaison wiederholen? Und passt Jackson als Man-Corner überhaupt in das Zone-lastige Rivera-Scheme? Ist Jackson überhaupt so gut wie seit seiner hoch gehandelten Rookiesaison vor vier Jahren erhoft?

Und noch wichtiger: Wird die Defense erneut von 41 Drops der Gegner profitieren, so viele wie keine andere Defense?

Wird sie erneut den schwächsten Schedule an gegnerischen QBs sehen?

Und ganz unabhängig davon ist Washington auf der in einer Rivera-Defense traditionell wichtigen Linebacker-Position gefährlich unerfahren besetzt. Jamin Davis ist zwar ein weiterer 1st Rounder. Aber eben auch Rookie.

Ausblick

Im Idealfall packt Fitzpatrick eine seiner „guten“ Saisons aus, und damit unterstützt eine durchschnittliche Passing-Offense die Defense, die dank der hohen Qualität in der Front mit leichten Boxen genug Druck machen kann um eine nur passable Secondary zu entlasten.

In dem Fall kann ich mir Washington als erneuten Gewinner der NFC East vorstellen – dann sogar mit positivem Record.

Aber seien wir ehrlich: Da muss schon alles gut gehen. Wahrscheinlicher ist ein „Fitzcoaster“ mit abwechselnd guten und schlechten Spielen. Eine Passing-Offense, die, obwohl verbessert, nur knapp aus dem untersten Viertel herauskriecht. Und eine Defense, die sich dann doch als überschätzt erweist, wenn die gegnerischen Receiver von besseren Quarterbacks beliefert werden und die Bälle dann auch fangen.

Dallas – wie wir nicht zuletzt letzte Nacht gesehen haben – hat die potenziell sehr viel bessere Offense, die Giants haben die vielleicht bessere Defense. Washington droht stuck in the middle. Und zwar im unteren Mittelfeld der NFL.

5 Kommentare zu “All-32: Washington Football Team 2021 Vorschau

  1. Allerdings ist „unteres Mittelfeld“ in Washington besser als ich nach dem unrühmlichen Ende der Amtszeit von Gruden erwartet hatte…

    Egal, eigentlich hänge ich an nach den 32 Analysen an einer anderen, rein theoretischen aber sehr amüsanten Frage: bei welchem Team wäre man gerne GM?

    Bei einem Sanierungsfall wie Houston, weil man das ganze Team formen muss/kann/darf? Oder eher bei den Ravens, wo man im Team mit einem hervorragenden Coach der Offense den letzten Schliff verpassen muss? Oder doch eher Denver, wo man mit der Königsdisziplin eines GMs (finde deinen QB!) punkten muss und ansonsten gar nicht so schlecht da steht?

    Ich kann mich nicht wirklich entscheiden…

  2. Wenn du Jobsicherheit haben willst: Kansas City. Einfach jedes Jahr einen WR draften und dann wird Mahomes auf Jahre jeden etwaigen Fehler zudecken.

    Wenn du einen Aufbaujob haben willst: Detroit oder Philadelphia, weil sie schon mehrere 1st Rounder für die nächsten Jahre gehortet haben.

    Wenn du auf die ultimative Challenge stehst: Denver. Mit dem Roster zu einem vernünftigen QB zu kommen, bevor der Kader auseinanderfliegt und nachdem man die einmalige Chance aus freien Stücken hat liegen lassen, ist kaum machbar. Und dann competet man immer noch gegen die im Aufbau befindlichen Chargers und Patrick Mahomes.

  3. Jobsicherheit ist langweilig 😉
    Okay, Eagles und Lions für die Kaderkonstrukteure, da kann ich mitgehen.

    Und für Menschen, die lieber Micro-Management betreiben?
    Da ist aussortieren vielleicht einfacher:
    Die Raiders halte ich für unattraktiv, Gruden ist dort der Chef und wird irgendwann den GM zum Sündenbock machen. In Houston kann ein GM auch nicht vernünftig arbeiten.
    In Arizona ist die Gefahr sehr groß dass entweder Coach oder QB den Sprung nicht schaffen, ein bisschen viel Risiko um Lust auf den Job zu machen…

  4. 49ers: Ein Coach, der dir sehr genau sagen kann, welche Spielereigenschaften er sucht.

    Jaguars: Junges Team, junges QB-Talent, miese Division, ruhiges Ambiente.

    Bears: Selbst wenn du alles falsch machst, kannst du dich immer wieder retten.

  5. Pingback: NFL Power Ranking 2021 – Woche 4 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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