Beobachtungen zum NFL-Auftakt 2021

Ein paar Beobachtungen zu den gestrigen Spielen zum NFL-Auftakt.

Es war ein Tag mit vielen aggressiven 4th-Down-Calls, von denen erfreulich viele mit der Selbstverständlichkeit von Kaffee zum Frühstück serviert wurden. Außerdem war es ein Spieltag mit sehr vielen dominanten Defensive-Fronts. Chandler Jones mit fünf Sacks. Die Steelers mit einer Pressure-Orgie gegen Josh Allen. Die Bills mit massierter Run-Defense. Und so weiter.

Eine nicht vollständige Aufstellung an Dingen, die mir am Vormittag beim Durchgehen durch die ersten Spiele aufgefallen ist.

Falcons – Eagles

Jalen Hurts. Hurts bekam für seinen Auftritt bei den Falcons exzellente Kritiken, die in ersten klassischen „Overreactions“ auch schon zur Ausrufung des neuen Starting-QBs führten.

Auch Austin Gayle von PFF hob Hurts lobend hervor:

Aber Vorsicht: Hurts hatte mal wieder ein untypisches Spiel für einen NFL-QB. Er war bloß eine 180-Grad-Abwandlung seiner selbst aus der letzten Saison: Extrem niedrige Time-to-Throw, extrem niedriger aDOT.

Hurts‘ Pässe flogen nach RBSDM.com nur 3.6 Yards weit. Das ist ein Spielstil, mit dem man sehr gut Führungen verwalten kann, aber mit dem es schwer ist, ein Game-Skript umzustürzen. Das Gute für Philly: Gegen die indisponierten Falcons führten die Eagles schnell.

Atlanta vermasselte gleich die ersten beiden Redzone-Chancen und kollabierte danach komplett. Philly konnte seinen Stiefel problemlos runterspielen. Ich würde mich hüten, jetzt schon allzu krasse Schlüsse ob Hurts als QB zu ziehen, wenn auch seine Performance dem Spielverlauf in Week 1 absolut entsprechend passabel war.

Chiefs – Browns

Kansas City Waffe #3. Die Chiefs haben das Spiel der Woche gewonnen, und sie waren insgesamt überzeugend. Gegen starke und gut vorbereitete Browns, für viele Beobachter einer, wenn nicht der größte AFC-Konkurrent, drehten sie einen 12-Punkte-Rückstand und gewannen 33-29.

Auffällig dabei aber war die wieder einmal deutliche Abhängigkeit von Travis Kelce und Tyreek Hill:

Wir haben also noch keinen Hinweis bekommen, ob und welche Chiefs-Waffe auf den Plan treten kann, wenn mal einer der Top-2 ausfällt oder einen gebrauchten Tag erwischt. Scary, dass KC trotzdem gegen einen exzellenten Gegner gewann.

Washington – Chargers

Justin Herbert. Die Chargers gewannen 20-16 bei Washington, aber die allgemeinen Reaktionen nach der Partie waren trotzdem überwältigend positiv. Ich versuche mal kurz zusammenzufassen, warum:

  • Der Sieg war zu knapp. Nehmen wir EPA, hätten die Chargers mit zehn Punkten Vorsprung gewinnen müssen.
  • Die Bolts hatten neun Drives, und sechs davon gingen in die Redzone hinein (und ein siebter startete schon dort). Sie hatten halt ein paar Freak-Dinger wie eine INT und den irren Fumble zum Touchback, die Punkte kosteten. Aber die Drive-Länge ist beeindruckend: 75 Yards, 3, 15, 76, 65, 68, 39, 3, 72 Yards.
  • Sie waren hyper-effizient in 3rd Downs (14 von 18), und hätten sogar noch besser sein können, denn gerade zu Beginn droppten die Receiver noch einiges weg.
  • Herbert war super in der „Money Zone“ 10-19 Yards downfield: 18 Pässe, 10 Completions, 180 Yards. Natürlich auch die eine Interception kurz vor der Endzone, aber insgesamt klickte das Passing-Game schon ganz gut.
  • Herbert war nicht abhängig von den letzte Saison so präsenten Big Plays. Er warf nur dreimal tiefer als 20 Yards. Es gab nur eine Completion, und die hatte keine Yards after Catch.
  • Im letzten Drive führte Herbert die Chargers souverän und ohne Stress das Feld runter und spielte die Uhr auf null.

Washington hatte gefühlt alle Hände voll zu tun um einen Blowout zu verhindern, aber auf der anderen Seite müssen wir auch konstatieren, dass die Bolts in Early Downs nicht gut waren: 59 Plays in 1st und 2nd Down, und deutlich negative Punkterwartung nach EPA/Play. Herberts 3rd-Down-Passing hat alles rausgerissen. Das ist nicht immer das allerstabilste Erfolgskriterium. Aber der Anfang ist gemacht.

Terry McLaurin machte den Plays des Tages. Dieser Catch ist einfach unglaublich gewesen:

Bengals – Vikings

Joe Burrow war super. Die Bengals haben mir insgesamt sehr gut gefallen – aber vor allem Burrow. Man merkte ihm kaum mehr seine schwere Verletzung an. Burrows Arm wirkte in manchen Momenten besser als am College.

Bei Ja’Marr Chase war nichts mehr zu sehen von der Verunsicherung der Preseason. Chase hatte tiefe Catches zum TD, aber auch kurze Dinger. Er schaffte Separation, wirkte wie ein echter WR1. Und er ließ die atemberaubende LSU-Offense von 2019 für einen Moment wieder aufleben:

Tee Higgins fand ich sogar noch besser. Das WR-Trio mit Boyd hat Potenzial so gut zu werden wie ich hoffte.

Das große Fragezeichen bleibt die O-Line. Wenn sie Burrow gerade so viel Zeit gibt wie gestern, kann die Offense aus allen Rohren feuern (Burrow: 0.25 EPA/Play über 33 Dropbacks). Dann sind Defenses bei so einem Offense-Timing schnell so frustriert wie gestern die Vikings. Aber hält die Line?


Auffällig waren in dem Spiel auch die Early-Down-Run/Pass Splits:

  • Bengals 19 Rushes, 32 Runs
  • Vikings 41 Pässe, 22 Runs

Beide Teams operierten spiegelverkehrt zu dem, was sie normalerweise machen. Es kann daran gelegen haben, dass die Vikes doch eine zeitlang einem Rückstand hinterher spielten. Auf jeden Fall war Cincinnati gegen Ende von Q4 deutlich zu konservativ. Man hätte sich mit einem ausgespielten 4th&3 die komplette Overtime sparen können.

Dort brachte Zac Taylor aber dann immerhin noch den geilen 4th-Down-Call, der zum entscheidenden Fieldgoal führte.

Bills – Steelers

Steelers-Offense. Keine Frage: Pittsburghs Angriff war nicht gut. Vor allem in der ersten Halbzeit war das unterirdisch, aber nach der Pause wurde es immerhin etwas besser.

Auffällig: 29% Play Action Rate, und das, obwohl die Rushing-Offense meterweit unter dem Boden lag und man lange Zeit zurücklag. Das ist eine klare Veränderung im Vergleich zur letzten Saison, wo Ben Roethlisberger kaum 12% Play Action spielte.

Die Passing-Offense der Steelers war ansonsten aber gar nicht so anders als zuletzt. aDOT mit 6.2 Yards war sehr niedrig, und zwei Drittel der Pässe gingen noch nichtmal über die imaginäre gelbe 1st-Down-Linie. Play Action und die verschiedenen Motions sind ein Hoffnungsschimmer. Das katastrophale Run-Blocking und Roethlisbergers weiterhin müde aussehender Arm waren es eher weniger.


Steelers-Defense. Krasse Performance. Pittsburgh verzichtete über weite Strecken fast komplett auf das patentierte Blitzing, aber das war komplett wurscht, weil vorne die D-Line extremen Dampf machte. T.J. Watt hatte per PFF 6 Pressures und muss so ziemlich jeden Passrush-Rep gewonnen haben. Melvin Ingram hatte als Bud-Dupree-Nachfolger deren fünf. Inside dominierte Cam Heyward (PFF hat bei ihm 10 Pressures stehen, eine unglaubliche Zahl). Auch der junge Alex Highsmith wirkte spritzig und hat eine große Zukunft.

Josh Allen hatte 56 Dropbacks. In satten 11 stand er früher als 2.5 Sekunden nach dem Snap unter Druck.

Schlüsselspieler war wie ich fand trotzdem DB Minkah Fitzpatrick. Seine Omnipräsenz hat den oft mit fünf, sechs Defensive Backs agierenden Steelers viele Freiheiten erlaubt. Fitzpatrick hatte bei vielen Plays seine Hand im Spiel.

Nächste Woche geht es gegen die Raiders. Das könnte das nächste Slugfest werden. Ich bin gespannt, wie weit diese Defense die Steelers tragen kann.

Saints – Packers

Jameis Winston. Winston hatte keine 150 Passing-Yards, aber es war trotzdem eine Super-Performance. Winston war kontrolliert. Er blieb im Rahmen des Schemes. Er machte die entscheidenden Plays und bis auf den einen „Blooper“ bei der zu Unrecht zurückgepfiffenen INT hatte er auch keine Bolzen.

Freilich bleibt erstmal die Frage, ob wir eher Winston oder das sehr saubere Scheme von Sean Payton loben müssen. Die Saints haben die lauflastige Seite ausgepackt, die ich in der Preview angekündigt hatte: Mit Physis gegen eine eher softe Dime-Defense der Packers bis zum Gebrechen laufen und darüber ein paar intelligente Passing-Schemes packen.

Wie Winston aussehen wird, wenn es in einen Shootout geht und ob er dann wieder in alte Muster zurückfällt, müssen wir eh abwarten.

Aber seine Week-1-Performance aufgrund von wenigen Total Yards abzutun, greift sehr kurz. Winston hatte 25 Dropbacks. Er hatte einen vergleichsweise niedrigen aDOT von 7.7 Yards. Aber er trug mit seinen Pässen und Scrambles zu satten 20.9 Punkten bei: 0.84 EPA/Play.

2 Kommentare zu “Beobachtungen zum NFL-Auftakt 2021

  1. Wer Jameis nicht ernstnimmt, kann sich einfach die Spielzusammenfassung anschauen. Die Ballplatzierung war ebenso gut wie das Timing und die Antizipation. Auch aus dem Lauf. Auch mit Defender am Rockzipfel.
    Jameis sah richtig stark aus.

    Finde ich witzig, weil zB Tyrod Taylor zwar tolle Stats hat, das Tape für mich aber nicht so überzeugend aussieht. Viele Scrambles, viele Pässe die sehr lang in der Luft hängen und dann im Luftkampf vom WR erobert werden.

    Mal wieder interessant zu sehen, wie irreführend einfache Metriken wie Passing Yards sein können.

  2. Wobei es für Winston natürlich auch insofern „einfach“ war, weil die Saints nie in Rückstand lagen, stets mit dem Plan A dominiert haben und er nie das Gefühl haben musste, „createn“ zu müssen.

    Damit lässt sich lockerer spielen.

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