Nachklapp NFL Woche 1 – Titans 13, Cardinals 38

Das Schützenfest der Saints über die Packers war bestimmt das deutlichste Spiel in Woche 1. Aber nicht weit dahinter folgte das Massaker der Arizona Cardinals, die die Tennessee Titans in Nashville 38-13 niedermetzelten. Wie viel können wir aus dem Spiel herauslesen?

Ein Kantersieg nach allen Regeln der Kunst, bei dem wir jetzt allerdings aufpassen müssen, seine Implikationen nicht überzubewerten. Man erinnere sich an die letzte Saison, als die Cards zum Auftakt den scheinbaren Superbowl-Favoriten San Francisco wegräumten und am Ende doch daran scheiterten, eine positive Saisonbilanz einzufahren.

Aber wir müssen feststellen: Der Sieg gegen Tennessee war überzeugend. Da war kein Glück dabei, keine Anhäufung knapper Kleinigkeiten, die für ein Team ausschlugen. Es war das, was die Amerikaner einen „beatdown“ nennen.

Cardinals-Defense

Arizona glänzte in beiden Phasen des Spiels. Bei aller Schlechtigkeit der Titans-Offense: Die Cards-Defense war absolut beeindruckend. Mit einer wuchtigen, teilweise komplett dominanten Front hat es DefCoord Vance Joseph geschafft, das junge Personal in der Secondary nicht bloß zu kaschieren, sondern teilweise richtig gut aussehen zu lassen.

Überhaupt ist das eine unkonventionelle Defense. Die Achsenspieler sind die Passrusher J.J. Watt, Chandler Jones und Safety Budda Baker, aber auch versatile Hybrids wie Isaiah Simmons und Rookie Zaven Collins (spielte immerhin 22 von 61 Snaps) nehmen schon größere Rollen ein.

Simmons hatte z.B. in der Partie fast 60 Snaps und absolvierte jetzt endlich mal das ganze Programm: 12 als D-Liner, 30 als Box-Defender, 16 draußen im Slot und einen als Outside-Corner (plus 7 in den Special Teams). Simmons würgte Derrick Henry an der Goal Line ab und fing eine Tannehill-Interception.

Er war damit noch nicht einmal der eindrucksvollste Verteidiger. CB Byron Murphy spielte die beste Partie seiner bisherigen Karriere. Er kontrollierte Julio Jones! Ich sehe nur ein schlechtes Play in seiner Partie. Dem gegenüber stehen einige Highlights wie eine hautenge Pass-Defense in der Endzone, als Murphy einen eigentlich sicheren TD mit allen Mitteln und an der Grenze der Legalität abwehrte.

Und natürlich vorne Jones mit seinen fünf Sacks. Zwei davon waren Strip-Sacks. Sie kamen von der linken Flanke und von der rechten Flanke. Mindestens einer war ungeblockt, aber alle fünf einte schlicht körperliche Wucht.

Wenn Arizonas Defense diesen Level hält – von Spielern und Coaches – dann kann das eine Überraschung werden, und Joseph vielleicht noch einmal Headcoach-Angebote einbringen.

Cardinals-Offense

Auch die Offense war erstaunlich – und das, obwohl Kliff Kingsbury sich weiterhin einer Sache verweigert: Seine Receiver an der Line of Scrimmage herumzuschieben. Es war wieder so eine Partie, in der z.B. Nuk Hopkins stur links draußen klebte.

Route-Chart Nuk Hopkins in Woche 1 – Bild: NFL Next Gen Stats

Der Unterschied: Arizona hatte diesmal auch tiefere Routen im Repertoire, und QB Kyler Murray lieferte eine grandiose Partie. Murray servierte die Pässe aus allen Lagen – aus der Pocket, nach wilden Scrambles, sogar im Rückwärtslaufen. Murrays TD (noch dazu in 3rd Down) für Christian Kirk war einer der Plays des Spieltags – Marke „ich vertraue mir und meinem Read – und meinem Receiver!“.

Murray hatte mindestens eine Handvolle fetter Pässe in enge Fenster, und sie kamen alle an. Nuk und Kirk hatten dominante Vorstellungen, aber auch Rookie Rondale Moore war ein Faktor mit kurzen Ballabnahmen und seinen patentierten Slalomläufen für Yards nach dem Catch. Kurz: Es gab das volle Spektrum an eindrucksvollen Plays.

Bloß: Schematisch hat sich bis auf etwas tiefere Targets (8.8 Yards aDOT) gar nicht soooo viel verändert.

Lag es also an der unterirdischen Titans-Defense? Oder reicht es, einfach etwas tiefere Routen zu laufen? Oder hängt das Schicksal ganz einfach von der Topform eines Kyler Murray ab? Das sind die Fragen, die die nächsten Wochen beantworten müssen.

Und die Titans?

Eine scheußliche Vorstellung auf allen Ebenen. Die Offense war schematisch richtig cringe. Der neue bei mir schon kritisch beäugte OffCoord Todd Downing versuchte zu lange stur, Derrick Henrys Laufspiel zu etablieren, darauf scheißend, dass Henry bis zum 10ten, 11ten Carry weniger Yards als Carrys hatte.

Das wäre angesichts der letzten eineinhalb Jahre Beweislast sogar noch einigermaßen verzeihlich gewesen, hätte er darauf aufbauend Play-Action ins Spiel eingebaut. Doch es gab nur fünf Play-Action-Versuche: Drei Sacks, eine Completion und eine Incompletion. Danach stampfte Downing das Erfolgsrezept der letzten zwei Jahre ein.

So sehr das Play-Action-Konzept natürlich auch mit dem Spielverlauf zusammenhängt – bei Führung oder knappem Spielstand ist es deutlich erfolgversprechender als bei großem Rückstand, wenn keine Defense mehr auf Laufspiel anbeißt, und Tennessee lag schnell deutlich zurück – so schnell krepierte der ganze Gameplan.

Ich hatte es in der Saisonvorschau schon geschrieben – und das erste Spiel gab Hinweise, dass die Befürchtungen berechtigt waren: Ohne Arthur Smiths Gameplanning und Playcalling wird es schwierig, denn er war der wesentlichste Faktor am Aufschwung. Nicht der Runningback. Nicht der Quarterback. Nicht die Receiver.

Dazu gab es lange null Einbindung der beiden Star-Receiver Julio Jones und A.J. Brown. Erst gegen Ende des zweiten Viertels wurden sie langsam eingebaut. Dann war die Partie schon fast entschieden.

Freilich war die O-Line ein Problem. LT Lewan und RG Nate Davis gaben jeweils 5 Pressures auf, alle anderen Starter mindestens zwei. Nach dem ersten Strip-Sack stand es schnell 0-10 und kurz danach war das Spiel quasi gelaufen.

Bei aller Schlechtigkeit bekommt QB Ryan Tannehill vielleicht zuviel auf die Fresse. Tannehill, über dessen „System-Quarterbackerei“ ich in den letzten Jahren öfters geschrieben habe, ist ganz einfach kein QB, der Limitierungen des Schemes zu kaschieren weiß. Er ist ein „Verstärker“, wenn es läuft. Aber keiner, der den Karren aus dem Dreck zieht, wenn es nicht läuft. Das sah man am Sonntag. Viele Sacks wie immer – aber diesmal keine Deep-Shots, weil straightes Dropback-Passing nicht sein Ding ist.

Noch ist nicht aller Tage Feierabend. Noch können die Titans offensiv reagieren, denn das Spielermaterial gibt es her.

Problematischer ist da die Defense, die alle Befürchtungen bestätigte. Der Passrush zeigte sich trotz der Präsenz eines Bud Dupree überhaupt nicht verbessert (und wie erwartet litten die Steelers auch nicht wirklich unter seinem Verlust), und ohne individuellen Druck stand die Secondary um CB Jackrabbit Jenkins so blank wie glattes Eis. Schlimmer noch: In der Consensed-Version fällt mehrfach direkte Manndeckung vom nominellen Single-High-Safety Kevin Byard gegen Nuk Hopkins auf. Das ist einfach auch Bad Coaching.

Und jetzt?

Keep in mind: Es war Woche 1. Wir wurden schon öfters von Woche 1 gespoilert. Die Cardinals müssen beweisen, auch gegen bessere Defense so zu performen bzw. nicht auf eine Latte von irren Kyler-Big-Plays angewiesen zu sein. Und die Titans könnten bei besserem Game-Skript durchaus wieder zurück zu ihrem alten Erfolgsrezept aus Arthur-Smith-Zeiten zurückfinden.

Aber wenn Woche 1 schon ein Indikator war auf das was kommt, dann wird Tennessee eine unangenehme Saison erleben, mit viel Offense-Frustration und vielen Beschimpfungen für den Defense-Coaching-Staff um Mike Vrabel. Und dann könnte Arizona in der NFC West tatsächlich ein Wörtchen mitreden um den Divisionstitel.

Ein Kommentar zu “Nachklapp NFL Woche 1 – Titans 13, Cardinals 38

  1. Re: Byron Murphy. Hatte mir im Vorfeld des 2019er Drafts als Prospect von einer meiner persönlichen DB-Unis Washington bereits gut gefallen. Dann irgendwie in 2019 und 2020 nicht wirklich einen Fuß auf den Boden bekommen und von dir in deiner Preview auch ähnlich charakterisiert. Ich war dann schon beim zuschauen beeindruckt und konnte die #7 anfangs überhaupt nicht zuordnen 😀 „Hä?! Patrick Peterson trägt nun zwar auch die #7 aber doch nichtmehr für die Cardinals?! Und der war doch auch eher auf dem absteigenden Ast?! Wer zu Hölle ist das?! :-D“

    Natürlich ist das manchmal bisschen grabby, was Murphy spielt, aber das macht fast jeder richtig gute Defensive Back auf dem Level. Man schau sich nur mal Stephon Gilmore in seiner DPOY Season an: überall kleine Holdings eingestreut. Das Erfolgsrezept lautet da nunmal, die Grenzen des Legalen auszutesten ohne sie zu überschreiten oder dabei erwischt zu werden. So versaut man auch einem Receiver vom Format eines Julio den Tag 🙂 Ich hoffe für Murphy, dass er das Level mehr oder weniger durch die Saison halten kann und verletzungsfrei bleibt. Das könnte unterhaltsam werden 🙂

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