Die Baltimore Ravens beenden ihren Chiefs-Fluch

Die noch sehr junge NFL-Saison 2021/22 hat uns schon nach zwei Wochen einige denkwürdige Partien geliefert. Das Sunday Night Game Baltimore Ravens – Kansas City Chiefs gehört in die Kategorie der bisherigen Topspiele.

Lamar Jackson hat mit den Ravens sein Chiefs-Trauma erstmal beendet. Im vierten Anlauf besiegte er die große AFC-Nemesis erstmals. Die Ravens schafften den Upset auf durchaus überraschende Weise und verhinderten damit auch gleich den Fehlstart einer 0-2 Bilanz.

Spielverlauf

Dabei hatte es zwischendurch mehrmals zappenduster für die Ravens ausgesehen. Gleich zum Start warf Jackson einen Pick-Six, für den er nicht allzu viel konnte, weil WR Sammy Watkins im Moment der Wurfbewegung wegrutschte und Tyrann Mathieu einen Gratis-„Sechser“ im Lotto abstaubte.

Obwohl die Ravens sich von dem Tiefschlag schnell erholten und auf 7-7 ausglichen, ehe Patrick Mahomes zum ersten Mal auf dem Feld stand, blieb Baltimores Spiel zu Beginn wackelig. Direkt im Anschluss an den langen Opening-Drive der Chiefs-Offense zum 14-7 warf Jackson eine richtig üble Interception ins Niemandslandwieder direkt in Mathieus Arme.

Obwohl die Chiefs nach dem erneuten Ausgleich zur Pause 21-17 und später sogar 28-17 führten, fühlte sich Baltimore im Anschluss nie wirklich aus dem Spiel an, denn Jackson groovte sich nach einer hirnverbrannten Mahomes-Interception mit tiefen Bomben und sensationellem Scrambling in die Partie und trug damit auch seinen Beitrag zu einem immer dominanter werdenden konventionellen Laufspiel der Ravens bei.

Der Anschluss wurde hergestellt durch einen Jump-Pass, den man so eher von Mahomes erwarten würde, und der auch Tebows legendären Versuch gegen LSU in den Schatten stellte:

Ein paar Drives später verpassten die Ravens per Two-Point Conversion den Anschluss zum 32-35 und mussten mit fünf Punkten Rückstand und elf Minuten auf der Uhr quasi Touchdown scoren um ihre Chance am Leben zu halten. Es war ein monströser, 14 Spielzüge langer Drive über die Ewigkeit von acht Minuten. Jackson warf in dem Drive nur eine einzige Completion.

Das reichte trotzdem, denn Baltimore packte die ganze Palette an Rushing-Konzepten aus, mixte Power-Rushes mit Option-Reads im selben Plays durch, ließ Verteidiger im einen Snap ungeblockt und doppelte sie im nächsten. Singleback, Power-I, Diamond Formation, Counter, Option, Duo – es war ganz einfach ein Fest und wäre prinzipiell eine eigene Analyse wert. Laufspiel kann so geil sein, wenn man den besten Quarterback-Athleten aller Zeiten im Team hat und sich darüber hinaus noch etwas damit ausdenkt.

Baltimore verwertete damit gleich drei 3rd Downs, bis Jackson mit einem Rückwärts-Salto per Touchdown auch mit hoher B-Note zum 36-35 verwertete…

…ehe of all people der hoch gedraftete Chiefs-Runningback Clyde Edwards-Helaire den entscheidenden Ball schon in entfernter Fieldgoal-Reichweite (BAL 34) an die Ravens zurückfumbelte. Baltimore lief die Uhr runter, und dann entschied sich John Harbaugh mit 65 Sekunden auf der Uhr, ein 4th&1 noch vor der Mittellinie auszuspielen.

Jackson machte das, was der beste Rushing-QB aller Zeiten eben macht: Verwerten. Abknien. Game Over. Wieder einen Affen vom Buckel gestoßen. Und das, obwohl es 55 Minuten nicht danach ausgesehen hatte, dass Baltimore wirklich eine Chance haben würde:

Chiefs @ Ravens 2021, Bild: rbsdm.com

Gegen den Titel-Topfavoriten nach einer kurzen Woche dringehangen. Sich immer wieder rangebissen. Frühe Fehler vergessen und mit dem Drehen aller Stellhebel trotz einiger Fehler 36 Punkte und damit gerade ausreichend gemacht.

Die strategischen Kniffe

Ich hatte vor dem Spiel die drei Schlüssel für Baltimore angesprochen, die die Ravens *theoretisch* zu einem der vielversprechendsten Kandidaten gegen die Monster-Chiefs machten:

  • Starke Rushing Offense (gegen KCs seit Jahren schwache Rushing-Defense)
  • Tiefes Defensive Backfield als Match für Kansas Citys Highend-Receiver
  • Aggressives Coaching um kleinste Vorteile zu kreieren

Und gleichzeitig angemerkt, dass die direkten Aufeinandertreffen zwischen den beiden Teams trotzdem zuletzt immer deutlicher pro Chiefs geendet waren. Aber in diesem Spiel machten die Ravens alles richtig.

Rushing-Offense

Insgesamt 41 designte Laufspielzüge über Quarterback und Runningbacks waren nicht bloß fantastisch designt, sondern führten auch zu schwer fassbaren 0.25 EPA/Run, und drei Viertel der Expected Point Added gingen allein auf Jacksons Konto. In traditionelleren Stats liefen die Ravens für insgesamt fast 250 Yards und 6.1 Yards/Rush drüber – 107 Yards gingen allein auf Jacksons Konto (14 designte Runs).

Wer so erfolgreich läuft, der darf auch viel laufen. Immer wieder wurde EDGE Chris Jones per Option aus dem Spiel genommen, und auch die Offensive Liner dominierten ihre Matchups auf einem ganz anderen Niveau als letzte Woche. Alejandro Villanueva, letzte Woche an der ungewohnten rechten Flanke überfordert, war als Ronnie-Stanley-Ersatz (Left Tackle) fantastisch. Und Jackson hatte lt. PFF satte sechs Missed-Tackles.

Laufspiel hatte eine sensationelle Erfolgsquote von 61%. Passspiel war aber nicht viel schlechter: 58% Success-Rate. Vor allem WR Hollywood Brown machte sein vielleicht bestes NFL-Spiel und schlug seine Cornerbacks immer wieder tief.

Ohne die beiden Interceptions hätte das deutlicher ausgehen können.

Zurückhaltung in der Defense

Defensiv änderten die Ravens im Vergleich zu den vorherigen Aufeinandertreffen mit den Chiefs eindeutig ihren Gameplan. Wir hatten vor dem Spiel ausführlich über die Gefahr von Blitzes gegen Mahomes diskutiert – und Baltimore ist nicht nur eine generell blitzlastige Man-Coverage, die von Mahomes schon des Öfteren auseinandergenommen wurde: Letzte Woche verbrannte Derek Carr mehr als ein Dutzend „Cover Zero Blitzes“.

Diesmal blieb Baltimore defensiv extrem zurückhaltend. In der ganzen ersten Halbzeit kam ein einziges Mal ein fünfter Passrusher, und hinten wurde vorwiegend mit Zone-Defense das Big Play verhindert. Erst nach der Pause schaltete DefCoord Wink Martindale einen Gang hoch.

Zu behaupten, dass man damit super-erfolgreich gewesen wäre, ist angesichts von 28 Offense-Punkten, 8.3 Yards/Pass für Mahomes und satten 0.54 EPA/Play für Mahomes übertrieben, aber immerhin nahmen die Ravens damit Tyreek Hill über weite Strecken aus dem Spiel.

Die Big Plays mussten diesmal Byron Pringle und Marcus Robinson machen. Es gelang ihnen, aber teilweise nur nach langen YAC-Plays. Richtig explosiv war die Chiefs-Offense mit diesem Passing-Chart nicht:

Quelle: rbsdm.com

Thank you for coaching

taten sie bei NBC so überrascht als sei es die mutigste Trainer-Entscheidung seit Erfindung der Leberwurst. Ich weiß nicht wie viele Coaches in der NFL in so einer Situation in der eigenen Platzhälfte ausspielen würden, aber Harbaugh zuckte noch nichtmal mit der Wimper. Ich weiß, dass wir es längst besser wissen, und gegen Mahomes sind die 18% Vorteil in Win-Probability noch konservativ geschätzt, aber ich habe die Scheiße über die Jahre zu oft gesehen.

Mike McCarthy hätte gepuntet. 100%.

Oweh Mahomes

Einmal Mahomes: Schon sehr effizient (0.54 EPA/Play ist ein herausragender Wert), aber am Ende leitete seine katastrophale Interception das Ravens-Comeback ein. Das war ein „Jameis-Winston-Play“.

Und dann Rookie Odafe Oweh, den Baltimore mit seinem zweiten 1st Rounder Ende der 1ten Runde im Draft abstaubte. Oweh hatte einen kritischen Run-Stop und insgesamt drei Pressures in einem Spiel, in dem ansonsten kaum ein D-Liner vorne zügig durch brach.

Oweh hatte am College null Sacks, weswegen er ein recht umstrittener Prospect war. Aber Oweh war mit einer recht guten Pressure-Rate und hervorragenden Werten als Run-Defender unter der Hand ein durchaus produktives Talent und steht jetzt erstmal als Posterboy für das Analytics-Mantra: „Kaufe Pressures, nicht Sacks“.

Was jetzt?

Die Message ist klar: Die AFC läuft zwar über die Chiefs, aber die Verfolger wie Browns und jetzt Ravens werden sich nicht kleinlaut geschlagen geben. Cleveland hatte Kansas City letzte Woche schon am Rand einer Niederlage, kollabierte aber kurz vor Schluss mit mehreren Turnovers.

Jetzt entledigen sich die Ravens eines möglichen Traumas, und das nach der Vorgeschichte, und nach so vielen Verletzungssorgen in den letzten Wochen. Klar brauchte es auch einiges an Glück – dass die Chiefs zwei üble Turnovers im letzten Viertel fabrizieren, darauf kannst du nicht bauen. Doch die Ravens haben Widerstandsfähigkeit bewiesen, und mit diesem Quarterback ist man in jedem Spiel konkurrenzfähig.

Kansas City hat kein perfektes Team. Die Rushing-Defense ist höchstwahrscheinlich besser als in den ersten beiden Wochen gezeigt, denn besseres Ground-Game als Browns und Ravens werden sie kaum mehr sehen. Aber wenn ein Gegner alle Stellhebel richtig dreht, sind die Chiefs wie jedes NFL-Team schlagbar.

Eine AFC mit mehreren Contendern als three horse oder four horse race (wenn Josh Allen sich doch noch am Riemen reißt) kann nur eine gute AFC sein. Insofern bin ich durchaus geflasht von dem Spiel und dem Ergebnis. So darf die NFL weitergehen!

7 Kommentare zu “Die Baltimore Ravens beenden ihren Chiefs-Fluch

  1. „Laufspiel kann so geil sein“
    -> filed under: Sätze, die ich auf diesem Blog nicht geglaubt habe jemals zu lesen 😀

    Im Ernst: Toller Lagebericht, und wie so oft waren die wichtigsten Aspekte des Spiels schon in der Preview analysiert. Danke!

  2. Hehe, naja daß Laufspiel nicht grundsätzlich schlecht ist, gabs hier ja schon des Öfteren zu lesen 😉 natürlich insbesondere beim College, aber die gewöhnliche Kritik hat sich die NFL mit dem größtenteils ideenlosen Rushing in die DT hinein auch selbst zuzuschreiben 🙂

  3. Siehe Giants… Interception gegen Washington…
    Jagen 2 Mal hintereinander Barkley in die Wand… Ufff…

  4. Mir gefällt dieser Bericht nicht.
    Er ist stark vom Ergebnis getrieben und erinnert mich an die deutsche Fussball Berichterstattung.

    Die als schwächer eingestufte Mannschaft wird so lange als „clever“ und „abgezockt“ beschrieben und die besser eingestufte Mannschaft als „behäbig“ und „ideenlos“ bis das Tor fällt. Und dann (als würde man sich an die eigenen Worte erinnern können) ist die schwächere Mannschaft „von Anfang an hinterher und in ihr verderben gelaufen“, die bessere Mannschaft hat ihren Matchplan grandios umgesetzt und den Gegner ausgespielt.

    Lieber Korsakoff: hättest du den Bericht auch so geschrieben, wenn der KC Fumble im letzten Drive von KC recovert wäre?

    Wenn du deinen Bericht komplett umschrieben musst, wenn eine Situation, die zufällig ist, anders verläufen würde, halte ich den Bericht für zweifelhaft

  5. Ich sehe nicht, was außer dem (nur nebenbei diskutierten) Ergebnis man an diesem Spielbericht und seinen Implikationen auf das AFC-Bild umschreiben sollte.

    Die Ravens haben noch immer zum ersten Mal in den letzten Jahren ihren theoretisch besten Gameplan gegen die Chiefs umsetzen können, sie haben noch immer ihre Defense umgestellt und Mahomes *einigermaßen* kontrolliert, und sie haben noch immer fantastisches Coaching, das im entscheidenden Moment Eier in der Hose hatte.

    Lamar Jacksons Rushing-Offense hat noch immer nahe am Optimum funktioniert.

    Sie waren noch immer auf wenige Punkte dran. Die Chiefs wären noch immer ein schlagbares Topteam.

    Die Ravens haben auf mehreren Ebenen ein exzellentes Spiel gemacht, das sie mit Glück gewonnen haben. Das ist die Essenz des Berichts dort oben. Und außer dem Nebensatz hätte sich daran ohne den Fumble wenig geändert.

  6. Interessante Kritik, denn beim allem was das Resultat alles andere überstrahlt ist dieser Blog hier immer einer gewesen, der besser als alle anderen deutschen Quellen den Spielverlauf eingeordnet haben.

    Ich sehe da oben außer dem Titel auch nicht viel, was vom Ergebnis her geschrieben ist, insofern hoffe ich daß du @Jonas den Artikel gelesen hast 😉

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