NFL Sonntagsvorschauer 2021 – Woche 3

Heute findet der Großteil des dritten NFL-Spieltags 2021 statt.

Aus Zeitgründen eine verkürzte Vorschau.

Zwei Wochen sind natürlich noch eine kleine Sample-Size um wirkliche Rückschlüsse auf den weiteren Saisonverlauf zuzulassen, aber seien wir mal ehrlich: Eine gewisse „Vorselektion“ hat es schon gegeben.

Teams wie Atlanta, Jacksonville oder Cincinnati, die man sich vor zwei Wochen noch schönreden konnte mit irgendwelchen schematischen Ideen, sind deutlich unattraktiver geworden, weil sie entweder sportlich nicht viel wert sind oder aber Vergnügungssteuer-unverdächtigen Football spielen.

Frühschicht um 19h

  • Kansas City Chiefs – Los Angeles Chargers
  • Buffalo Bills – Washington
  • Cleveland Browns – Chicago Bears
  • Detroit Lions – Baltimore Ravens
  • Tennessee Titans – Indianapolis Colts
  • New England Patriots – New Orleans Saints
  • New York Giants – Atlanta Falcons
  • Pittsburgh Steelers – Cincinnati Bengals
  • Jacksonville Jaguars – Arizona Cardinals

Chiefs vs. Chargers ist das beste Spiel der Frühschicht. Hier habe ich viele Aspekte to watch:

  1. Patrick Mahomes gegen eine Matchup-Defense, deren oberstes Ziel es ist, die Big Plays zu verhindern. Mahomes hat zwei für seine Verhältnisse unauffällige Spieler hinter sich, in denen er jeweils zu viel Geduld und dink & dunk gezwungen war. Nur hie und da blitzte das explosive Potenzial der Offense auf. Die Chargers werden mit viel two high einiges dafür investieren, dass Geduld auch diesmal gefragt sein wird.
  2. Wie verteidigen die Chargers TE Travis Kelce? Theoretisch könnte die Aufgabe von Derwin James übernommen werden. Es könnte eins der seltenen Spiele sein, in denen ein DB wirklich in jede Lage des Spielfelds mit einer Offense-Waffe mitgeht, auch in den Slot hinein.
  3. Justin Herbert gibt euphorische Kritiken, aber die Chargers-Offense produziert trotzdem nicht. Eins der Probleme: Die Receiver sind nur selten offen. Das andere: Die Passing-Offense artet in ein Kurzpassgewichse mit weniger als 5 Yards aDOT in Early Downs aus. Der Lions-Fan denkt sich da nur das kenne ich doch alles schon. Eben Joe Lombardi galore. Ich bin über nichts überrascht, was an dieser Offense schlecht geschemt ist.
  4. Die Chiefs-Defense ist okay gegen den Pass, war aber horrend gegen den Lauf. Vieles an der #32 Rushing-Defense der Chiefs ist den Gegnern geschuldet (Browns und Ravens haben vermutlich die beiden besten Rushing-Angriffe der NFL), und so wird sich dieser Aspekt der Chiefs-Verteidigung bald verbessern. Aber Punkt ist: KC hatte über Jahre miese run-Defenses. Das Spiel der Chargers ist hoher Lauf-Fokus eigentlich nicht.
  5. Die Right-Tackle-Situation der Bolts ist mit Bryan Bulaga out nicht gut. Was werden sie dagegen tun? Feiler nach rechts stellen, oder wie letzte Woche Storm Norton (hat verrückte 9 Pressures kassiert).

Ich bin echt gespannt, ob die Chargers hier mithalten können. Die Receiver sind als Einzelspieler hinter Keenan Allen nicht gut genug um den krassen Coaching-Nachteil zu kompensieren, aber vielleicht schafft es die Defense, Kelce auszuschalten, Mahomes zumindest die meisten Big Plays wegzunehmen und auf *relativ* wenigen Punkten (sagen wir, unter 28) zu halten.


An Buffalo – Washington ist vor allem spannend, wie sich QB Josh Allen präsentiert. Die bisherigen Eindrücke erinnern eher an 2019 denn an 2020: Fast gleich viele Turnover-würdige Würfe wie Highlights, relativ hohe Rate an negativen Plays, eine Accuracy-Rate, die nur mehr im Mittelfeld klassiert ist. Natürlich waren die beiden bisherigen Defenses (PIT und MIA) starke Units, aber Allen hat solche Verteidigungen letztes Jahr noch z-e-r-l-e-g-t.

Weil Allen noch nicht so richtig in die Saison gekommen ist, wird das Spiel eine Standortbestimmung für ihn… aber auch für Washingtons Defense, die ihren (nicht von mir gepflegten) Ruf als Elite-Unit überhaupt noch nicht bestätigen konnte.


Bei Browns gegen Bears glaube ich zwar nicht an ein Upset, aber Justin Fields Watch ist Grund genug um bei dem Spiel reinzuzappen. Es ist das Starter-Debüt für Fields, weil Andy Dalton erstmal ausfällt. Fields wird besser vorbereitet sein als letzte Woche. Er wird hoffentlich mehr zeigen als ein paar Flashes. Ich glaube, mit ihm könnten die Bears jetzt eine Außenseiterchance auf den Divisionssieg haben, wenn die Packers sich nicht noch steigern.


Bei Lions vs. Ravens geht es nicht um den Sieger (der ist fast sicher Baltimore, sollte Lamar Jackson nicht doch noch wider Erwarten ausfallen). Spannend könnte aber sein, wie Baltimore nach Darren Waller und Travis Kelce diese Woche gegen den dritten starken Tight End im Schedule T.J. Hockenson spielt.


Titans – Colts ist schwer zu previewen, weil ich zum Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe (Samstagabend), nicht weiß, ob Carson Wentz, Jacob Eason oder doch das Schreckgespenst Brett Hundley (wurde am Donnerstag vom Practice-Squad aktiviert) spielt.

Dass die Colts-Coaches kein Commitment zu Eason über Hundley geben wollten, ist eine Aussage. Dass Hundley prompt die Hälfte der Trainings-Reps bekam, auch. Not good für Eason.

Die Titans können nur hoffen, dass die Coaches den Gameplan von Woche 2 und nicht den aus Woche 1 auspacken. Dann sind sie egal gegen welchen der QBs haushoch favorisiert.


Pats – Saints ist aus QB-Sicht interessant. Wird der „gute“ oder der „schlechte“ Jameis Winston auflaufen? Wird Bill Belichick in Winston den nächsten QB zum Narren halten? Schafft es die etwas überschätzte Pats-Defense erneut, mit hautenger Manndeckung die unerfahrenen Saints-Receiver zuzustellen und Winston alle Optionen zu nehmen?

Und Mac Jones: Was ist das für ein QB? Der solide Mann aus Woche 1 oder der komplett verschreckte Alibi-QB aus Woche 2?

Die anderen drei Spiele kannst du mir nicht schmackhaft machen – höchstens mit einer Massenschlägerei bei Bengals – Steelers.

Spätschicht ab 22h

  • Denver Broncos – New York Jets (22h05)
  • Las Vegas Raiders – Miami Dolphins (22h05)
  • Los Angeles Rams – Tampa Bay Buccaneers (22h25)
  • Minnesota Vikings – Seattle Seahawks (22h25)

Die Broncos laufen bei mir noch unter dem Radar, obwohl Teddy Bridgewater bis jetzt erstaunlich solides Deep-Passing aufgezogen hat.

Die Jets? Was soll ich sagen, was dieser 12-jährige Tiktoker nicht schon in seiner auch in Punkto Emotionalität messerscharfen Analyse gesehen hat:

Raiders – Dolphins ist total deprimierend. Miami muss Tua vorgeben, der mit Rippenfraktur draußen ist. Statt ihm kommt Jacoby Brissett rein, der letzten Sonntag schlecht vorbereitet wirkte und den Ball so lange gehalten hat, dass meine Wenigkeit auf Passrusher da mit drei Pressures und einem Sack aus dem Spiel gegangen wäre.

Las Vegas dagegen ist 2-0, hat schon Ravens und Steelers geschlagen, und erstaunliche Momente im Deep-Passing gezeigt. Ich traue dieser Mannschaft zwar noch immer nicht ganz, aber Brissett-geführte Dolphins sollte sie schlagen.


Spitzenspiel dagegen: Rams – Buccaneers, für die ran-„Experten“ um Icke und Stecker der vorgezogene Superbowl.

Bei all der geballten Kompetenz müssen wir festhalten: Viel unwahrscheinlicher als Texans – Lions ist die Ansetzung fürs Finale auch nicht. Rams-Bucs gab es schon letztes Jahr in der Regular Season, und damals gewannen die Rams. Diesmal tue ich mir schwer, ernsthaft einen Weg für einen erneuten Rams-Sieg zu finden.

Tampa hat eine massierte Defensive Front gegen das Laufspiel. Dallas z.B. hat es in Woche 1 schlau gemacht und einfach das Laufspiel eingestellt und damit an die 30 Punkte gescort, aber die Rams können das nicht, denn ihr Gameplan fußt auf einer hohen Laufspiel-Frequenz. Was passiert jetzt, wenn dieses in einer Mauer von Vita Vea und Ndamukong Suh verendet?

Immerhin aus Sicht der Rams: DE Pierre-Paul wird wohl fehlen.

Dem Rams-Passspiel von Matthew Stafford gebe ich gegen eine wackelige Secondary zwar durchaus Chancen (z.B. wenn sie geduldig bleiben und underneath die Linebacker ausgucken), aber wird das reichen um mit dem zu erwartenden Punktfestival der Bucs-Offense mitzugehen?

Tampa ist zwar nur #19 in EPA/Play nach zwei Wochen – und das gegen mäßige Defenses wie Dallas oder Atlanta – aber Timo Riske hat es schön rausgearbeitet: Das liegt vornehmlich an dem einen oder anderen Turnover zu viel, an den fehlenden Big Plays, und an auffallend schlechter 3rd-Down-Performance. Alle drei Stats tendieren zu Regression zur Mitte.

Die Kernelemente sind noch da: Tom Brady ist weiter ein QB mit hohem aDOT (um die 10 Yards/Pass) und niedriger Time to Throw. Die Buccs haben weiter sensationell viele starke Receiver und Tight Ends, selbst wenn Antonio Brown Covid-bedingt ausfallen sollte – mehr als die Rams verteidigen können.

Auf wen stellen die Rams Jalen Ramsey ab? Es ist eigentlich egal, denn entweder Godwin, Evans, Gronk oder Scotty Miller deep werden trotzdem frei sein. Oder wird man ein Dutzend Targets auf die Runningbacks ansetzen?

Ich würde Tampa da deutlicher als die Wettbüros vorne sehen (1 Punkt).


Vikes vs. Hawks lacht mich irgendwie überhaupt nicht an. Seattle hat potente Waffen, Minnesota hat zu wenig Passrush und eine Cornerback-Gruppe, die bislang überfordert aussah. Und Minnesota hat nicht den Coaching-Staff um den Talentnachteil mit Aggressivität im Playcalling wettzumachen.

Nachtschicht ab 2h20

  • San Francisco 49ers – Green Bay Packers

Green Bays Headcoach Matt LaFleur gegen seinen Lehrmeister Kyle Shanahan. Es gilt als geritzt, dass Shanahans Offense das leuchtende Vorbild dessen ist, was LaFleur eigentlich in Green Bay spielen möchte – wenn er denn nicht Aaron Rodgers als QB hätte: Lauflastige Implementierung, hohe Play-Action-Raten mit Fokus auf Yards nach dem Catch.

Vor zwei Jahren rollten die 49ers in Hochform in beiden Spielen über die hilflose Packers-Defense drüber und gewannen 37-8 in der Regular Season sowie 37-20 im NFC Championship Game. Gerade letzteres Spiel brannte sich ins kollektive Gedächtnis ein, weil die Niners nicht bloß fast 300 Rushing-Yards machten, sondern keine zehn Passversuche ihres Quarterbacks Jimmy Garoppolo brauchten.

Die Packers drafteten wenige Monate später im April mit hohen Picks Spieler wie RB A.J. Dillon oder TE/H-Back Josiah Deguara, was den Packers in den meisten Kreisen als angestrebte Niners-Kopie ausgelegt wurde.

Letztes Jahr schaffte LaFleur den Ruck zu mehr Shanahan-Ähnlichkeit, aber Rodgers spielte dann so herausragend gut, dass er nicht bloß zum MVP wurde, sondern den Chefcoach auch noch davon abhielt, den ganz krassen Shift zu machen.

Die laufende Saison begann die Packers-Offense allerdings wackelig. Rodgers verpasst auffällig viele Würfe – nicht nur beim Debakel gegen die Saints, sondern auch beim letztlich deutlichen Sieg über ein überfordertes Detroit. Es gab zwar einige fantastische Pässe wie den Touchdown über die Mitte, der selbst Peyton Manning sprachlos zurückließ.

Aber abseits des special stuffs war da bei Rodgers ähnlich viel Leerlauf wie während seiner mittelmäßigen Spielzeiten vor 2020.

Und so war es keine Überraschung, dass LaFleur schon gegen Detroit versuchte, mehr und mehr Laufspiel zu implementieren (27:25 Pass/Run Ratio in Early Downs). Wenn Rodgers keine ganz herausragende Form an den Tag legt, dann hat diese Offense sofort konzeptionelle Probleme.

Matchup to watch übrigens: LT Elgton Jenkins gegen EDGE Nick Bosa. Bosa ist der einzige Niner, der vorne individuellen Druck erzeugen kann, und Jenkins ist ein super Guard, der wegen David Bakthiaris Verletzung nach links draußen als temporärer Tackle gezogen wurde.

Update: Jenkins ist out, Billy Turner wird wohl auf Left Tackle spielen.


Beim Duell Niners-Offense gegen Packers-Defense stehen beide Units im Fokus. Garoppolo hat einen bestenfalls durchwachsenen Saisoneinstand hinter sich, aber die Effizienz ist mit 0.17 EPA/Play als #6 der NFL trotzdem da. Oberflächlich betrachtet wird sich Shanahan momentan nicht viele Gründe denken, Trey Lance „zu früh“ ins kalte Wasser zu werfen.

Die Packers-Defense dagegen hat ernsthafte Probleme. Gegen die Saints wurde sie physisch überrollt und auch gegen Detroit war man sich ob der Herangehensweise nicht ganz einig. Ich habe nicht ganz verstanden, ob LaFleur seinen neuen DefCoord Joe Barry zusammenstauchte oder ihm nur ein paar wohlgemeinte Tipps gab, wie er die gefürchtete Attacke von Jared Goff verteidigen sollte…

…aber es gibt auf jeden Fall schon Diskussionen. Von den 50% Dime-Defense der letzten Saison ist man momentan weit entfernt. Barry spielt viel mehr Nickel. Die Begründung dafür könnte das exorbitante Misstrauen in CB Kevin King sein, den man nicht mehr am Feld sehen will. King könnte zunehmend durch Rookie Eric Stokes ersetzt werden.


So. Langer Rede, kurzer Sinn: Die Packers hatten in den letzten Jahren mit physischen Teams wie San Francisco (oder New Orleans, oder Tampa Bay, oder Minnesota) häufig in allen Phasen des Spiels Probleme. Sie sahen in den ersten beiden Spielen offensiv unrund und defensiv richtig instabil aus.

Dieser Test in San Francisco wird uns Aufschlüsse geben, ob es sich bei diesen Eindrücken um verfrühte Panik handelt, oder ob wirklich etwas dran ist am Gefühl, dass die Packers-Saison demnächst wirklich in eine ganz falsche Richtung abbiegen könnte. Das allein schon macht dieses Spiel sehr reizvoll.

4 Kommentare zu “NFL Sonntagsvorschauer 2021 – Woche 3

  1. OL Elgton Jenkins ist bereits OUT, Billy Turner wird wohl LT übernehmen. Das wird ein langer Tag für die Patchwork-O-Line der Packers.

  2. Pingback: NFL 2021 – Liveblog von Woche 3 | Frühschicht | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  3. „Fields wird besser vorbereitet sein als letzte Woche. Er wird hoffentlich mehr zeigen als ein paar Flashes. Ich glaube, mit ihm könnten die Bears jetzt eine Außenseiterchance auf den Divisionssieg haben“

    Wohl eine der grössten Fehleinschätzungen auf diesem Blog ever. 😉

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