Das NFL-Debüt von Justin Fields: Was ist schiefgelaufen?

Wer die NFL ein bisschen näher verfolgt, wird es mitbekommen haben: Das Debüt vom hoch gehandelten Bears-Rookie-QB Justin Fields am Sonntag ist fürchterlich in die Hosen gegangen.

Die Zahlen sagen alles aus: Fields hatte 30 Dropbacks. Er ging 6/20 für 68 Yards, hatte einen Scramble und kassierte neun (!) Sacks für 67 Yards Raumverlust.

30 Dropbacks. 1 Yard.

0.03 NY/A.

-0.51 EPA/Dropback.

Der beste Spielzug war eine 48 Yards DPI aus dem einzigen Wurf, der tiefer als 14 Yards ging. Es war eine Katastrophe vor dem Herrn. Am Ende hatte ich Flashbacks von Blaine Gabbert – ein QB, der Phantom Pressure in jedem Spielzug spürt. Es ging am Ende ganz einfach alles schief was schiefgehen konnte.

Was ist also passiert?

Coaching

Schon während des laufenden Spiels schossen sich Analysten auf Bears-Headcoach Matt Nagy ein, der schon im Vorfeld der Partie mit merkwürdigem QB-Management und tragikomischen Aussagen („Ich war ganz überrascht wie gut Fields im Training war“) nicht die glücklichste Figur abgegeben hatte:

Worauf Farrar wohl hinaus wollte: Die Bears haben Fields dem Gegner zum Fraß vorgeworfen, indem sie eine ganze Latte an 5-Men-Protections brachten, hinter der Fields blank stand und nicht wusste wie ihm geschah. Sie haben kaum Rollouts oder Pocket-Shifts versucht, haben nix Tieferes im Passspiel versucht und Fields damit ganz einfach verheizt.

Nate Tice schlug im Athletic-Podcast in eine ähnliche Kerbe (ab 40:05 Minuten): Wenige Blocker, keine Adjustments, als klar war, dass Clevelands Passrush-Monster um den atemberaubenden EDGE Myles Garrett mit den Offensive Linern Katz und Maus spielten, inexistente Blitz-Pickups als Jeremiah Owusu-Koramoah heranrauschte, und schlicht kein Bewusstsein dafür, was Fields als QB-Prospect gut gemacht habe: Affinität für den Deep-Pass, Mobilität, Playmaking.

Die Bears dagegen spielten Quick-Game mit Zone-Read und RPOsdie Dalton-Offense. Fields‘ Passing-Chart schaut brutal aus: Kein einziger gültiger Pass flog tiefer als 14 Yards (der einzige echte Deep-Ball endete erfolgreich in einer DPI). Keine Completion kam tiefer als 10 Yards:

Justin Fields Passing-Chart @Cleveland 2021 – rbsdm.com

Aber Nagy allein kann auch nicht der Sündenbock sein. Bei einer derartigen Implosion müssen mehrere Faktoren im Spiel sein. J.T. O’Sullivan hat zur Stunde wo ich diese Zeilen schreibe seine Analyse noch nicht auf dem Youtube-Channel, aber es deutet einiges darauf hin, dass Nagys Coaching nur ein Faktor von mehreren war.

O-Line und Quarterback

Die eher wenigen 5-Man-Protections waren vielleicht ein Grund. Aber sie können das Debakel nicht allein erklären:

Freilich waren die 5 Mann allesamt Bears-O-Liner, und die hatten keine Chance gegen Garrett und Co. Was auffällt an Fields Dropback-Split: Er kassierte in 16 der 30 Dropbacks Pressure.

  • In 14 Dropbacks warf Fields früher als 2.5 Sekunden den Ball. Er kassierte dabei 5 Pressures und einen Sack.
  • In 16 Dropbacks hielt er den Ball länger als 2.5 Sekunden. Ergebnis: 11 Pressures, 8 Sacks.

Fields hielt den Ball im Schnitt 2.8 Sekunden. Das ist nur minimal oberhalb des NFL-Schnitts. Seine Pässe kamen im Schnitt in 2.4 Sekunden raus. Das sind alles keine exorbitanten Vergehen im Ballhalten.

Dagegen war die Offensive Line ganz einfach ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Wenn dein QB den Ball nicht ewig hält und du trotzdem über 55% Pressure-Rate kassierst, läuft etwas falsch. Wahrscheinlich hätten die Coaches reagieren müssen.

Aber wie Sam Monson klarstellt: Ein bisschen haben sie ja reagiert. Nicht nur haben sie wie oben angedeutet weniger 5-Man-Protection gespielt als bei QB-Rookies üblich, sondern sie haben auch Rollouts udgl. versucht – zumindest früh im Spiel:

Doch neben einem Trainerstab, der die Offense konzeptionell nicht wirklich auf die Stärken des Quarterbacks abstimmte, einer überforderten Offensive Line und einem Quarterback, dessen Tendenz zu unnötig vielen Sacks schon als Draft-Prospect rauf und runterdiskutiert wurde, müssen wir auch über zwei andere Dinge sprechen.

Receiver und Defense

Einmal haben die Bears schlicht kaum gute Receiver. Allen Robinson ist der einzige Mann, der hie und da etwas Freiraum kreiert. Bei allen anderen Receivern – inklusive Tight Ends! – brauchst du nur die zweite Halbzeit anzuschauen: Die Cornerbacks und Linebacker sind die Routen für sie vorgelaufen. Da war einfach ein Hauch von nichts.

Und dann war da natürlich die fantastische Browns-Defense. Noch in den ersten beiden Spielen bekam sie einiges auf die Fresse, weil sie gegen Patrick Mahomes nicht gegenhalten konnte, aber in dem Spiel waren die Browns einfach perfekt vorbereitet auf alles, was Chicago machen wollte. Die Zone-Reads der Bears wurden mit Scrape-Exchanges nahezu zur Perfektion abgewürgt und dann hatte man noch die Einmann-Abrissbirne Garrett, der 4.5 der 9 Sacks im Alleingang fabrizierte.

Und es waren dominante Sacks. Zweimal holte Garrett den nicht langsamen Fields von hinten ein und riss ihn zu Boden. Zum Beispiel hier:

Fields war am Ende fix und fertig. Es gab ein, zwei Dropbacks, in denen er in sauberer Pocket Druck „fühlte“ – Reminiszenzen an Blaine Gabbert im allerersten Start. Das kann noch bitterbitterböse werden, wenn die Bears ihren QB-Jungspund nächste Woche nicht wieder auf die Bank setzen.

Welche Lehren ziehen die Entscheider?

Einmal: Vielleicht war Nagys zögerliches Handling von Fields vor dem dritten Spieltag ja doch gar nicht so sehr in böser Absicht oder Eigeninteresse motiviert. Vielleicht ahnte er, wie das mit Fields und seiner noch langsamen inneren Uhr enden würde. In dem Fall bliebe bloß die Frage, warum er das nicht klar so kommunizierte.

Ich bin skeptisch, ob die Bears Fields nach diesem Debüt am Sonntag gegen Detroit schon wieder auf das Feld schicken können. Eine weitere Performance dieser Klasse und du riskierst, dein junges QB-Talent sehr früh zu verheizen. Es ist „nur“ Detroit – aber danach kommen Raiders, Packers, Buccaneers, 49ers, Steelers, Ravens. Vieles Teams, die wissen wie man Pressure kreiert.

Wenn Dalton nicht fit wird, könnte es damit sogar ein Comeback von Superbowl MVP Nick Foles geben. Lieber den Oldie den Hunden zum Fraß vorwerfen als Fields mental zu brechen.

Und sonst?

Interessanterweise war die Partie bis Ende des dritten Viertels trotz des unterirdischen Bears-Angriffs im Spielstand offen: Cleveland führte eingangs des Schlussviertels nur mit 13-6, ehe Kareem Hunt mit einem starken Run und mehreren gebrochenen Tackles für die Entscheidung sorgte. Auf dem Win-Probability-Chart dominierte der Favorit Cleveland dagegen von Beginn an deutlich:

CLE-CHI WP Chart 2021 – rbsdm.com

Und so deutlich war es hinter dem Deckmantel des Spielstands auch. Am Ende gewann Cleveland 26-6 und hatte auch ein 26-6 Verhältnis bei 1st Downs. Die Browns hatten fast zehnmal so viele Offensiv-Yards, scheiterten aber z.B. in ihren ersten beiden Drives bei 4th Downs, weil Baker Mayfield Sacks kassierte.

Mayfield spielte eine wackelige erste Halbzeit. Es waren nicht nur die Sacks. Mayfield war immer wieder leicht unpräzise, überwarf Receiver oder zwang sie (wie Peoples-Jones) zu artistischen Catches. Erst nach der Pause beruhigte sich Mayfield im Wissen um die Dominanz seiner Defense.


Und zum Abschluss müssen wir noch einmal über Nagy und sein Game-Management sprechen. Namentlich: 4th Downs. Die einzigen Punkte der Bears resultierten aus zwei Fieldgoals, und die wiederum resultierten aus katastrophalen 4th-Down-Entscheidungen.

  • Im ersten Drive ließ Nagy bei einem 4th&2 von der 29 Yards Line kicken. Bei 0-3 Rückstand auswärts als klarer Außenseiter gegen einen Titelfavoriten muss man das ausspielen. Kein Wenn, kein Aber.
  • Und dann bei 3-13 folgte eine noch unentschuldbarere Entscheidung, als Nagy ein 4th&1.5 Yards an der 4-yds Line kicken ließ. Es ist egal, wie wenig die Bears-Offense bis dahin zustande gebracht hatte: Auch hier gibt es keine Alternative zum Ausspielen.

Letztlich fügen diese konservativen Entscheidungen sich aber in das Gesamtbild einer völlig verkorksten Vorstellung. Die Bears als potenzielles NFC-North-Dark-Horse sind damit erstmal gestorben. Vor dem Cleveland-Spiel konnte man Fields noch als Hoffnungsträger qua Status als 1st-Round-Rookie benennen.

Jetzt ist nichts mehr, wie es vorher war. Jetzt geht es für die Bears erstmal nur noch darum, Schadensbegrenzung zu betreiben und das langfristige Wohl ihres QB-Talents über alles andere zu priorisieren, denn ansonsten ist die Zukunft dieser Franchise zappenduster.

6 Kommentare zu “Das NFL-Debüt von Justin Fields: Was ist schiefgelaufen?

  1. Da kann einem Fields ja schon leid tun, bei so viel Inkompetenz um ihn rum. Gehe die Einschätzung voll mit, dass der Junge verbrannt wird sollte man da nicht vorsichtig sein…

    Danke für die Verlinkung vom Scrape Exchange, seeehr interessant 🙂

  2. Das kommt davon das man fields nicht als Runner eingesetzt hat. Als passer ist er wohl noch kaum NFL tauglich. Viel runn Option plays
    Und die Bears hätten das Spiel gegen die Browns sogar gewonnen.

  3. Pingback: Establish the Review – NFL Woche 3 | Oh mein GOAT Plays, Oh mein Gott Coaching | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  4. @Jogi: bin mir nicht ganz sicher, ob die Bears mit mehr Run-Option Plays gewonnen hätten. Hatte selbst den Eindruck wie wenn die Browns Front-7 alles abgewürgt hat in die Richtung und auch Korsakoff hat folgendes geschrieben: „Die Zone-Reads der Bears wurden mit Scrape-Exchanges nahezu zur Perfektion abgewürgt und dann hatte man noch die Einmann-Abrissbirne Garrett, der 4.5 der 9 Sacks im Alleingang fabrizierte.“

  5. Pingback: NFL Power Ranking 2021 – Woche 3 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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