Eine Party für Fünf: AFC 2021

Der fünfte NFL-Spieltag 2021 geht erst heute mit dem Monday Night Game Ravens – Colts zu Ende, aber schon jetzt können wir festhalten: Seine Schockwellen werden noch eine zeitlang nachklingen.

Ich fokussiere mich jetzt erstmal auf die AFC, in der wir eine neue Zeitrechnung beginnen müssen. Denn angefangen vom Sunday Night Game Chiefs – Bills gibt es einen ziemlichen „trickle down effect“ darüber, wie wir die Contender in dieser Conference anschauen müssen.

Buffalo Bills

Klar ist: Buffalo hat die Chiefs dominiert. Die Bills haben 38-20 gewonnen, und es war ein verdienter Sieg. Die Bills haben in allen Facetten des Spiels dominiert: Offense, Defense, Coaching.

Ich muss mit der Defense beginnen: Sie hielt die bislang grandios effiziente Chiefs-Offense bei -0.03 EPA/Play, würgte mehrere 4th Downs ab und verhinderte ein sich kurzzeitig anbahnendes Comeback in der zweiten Halbzeit ohne größere Umstände.

Ich habe es gerade im Athletics-Podcast mit Robert Mays und Nate Tice bestätigt bekommen: Die Bills haben das hingekriegt, ohne schematische Wunderdinge zu machen. Sie sind einfach das ganze Spiel konstant in Cover-2, Cover-6 und Quarters Zone-Defense geblieben, haben nicht ein einziges Mal geblitzt, haben das ganze Spiel „vor sich“ behalten und damit tiefes Passspiel komplett ausgeschlossen – und haben dann „vorne“ physisch TE Travis Kelce dominiert.

Und aus die Maus.

Die Bills-Offense profitierte in der ersten Halbzeit von mehreren Coverage-Busts der Chiefs und legte eine ganze Latte an Big Plays auf. Auffällig war auch, wie QB Josh Allen als Bulldozer im Laufspiel eingebunden wurde um gerade bei kurzem Feld (Redzone usw.) den notwendigen Raum zu schaffen. Allen setzte die Runs auf perfekte Weise um und ging immer rechtzeitig zu Boden um größere Hits zu vermeiden.

Und im Coaching war es auch astrein: Aggressivität wo notwendig. Perfekte Abstimmung auf den Gegner. Es war einfach von vorne bis hinten eine Top-Vorstellung.

Kansas City Chiefs

Bei aller Liebe für die bisherige Chiefs-Saison, die den Preseason-Topfavoriten mit 2-2 Bilanz etwas unterschätzt hat: Das war ein „Beatdown“ für die Chiefs, deren Platz an der Sonne der AFC erstmals seit über zwei Jahren ernsthaft gefährdet ist. Die schon lange vorhandenen Probleme der Chiefs, die wir in den letzten Wochen und Monaten immer wieder diskutiert haben, sind in diesem Duell mit dem momentan vermutlich solidesten AFC-Team ganz einfach sehr fokussiert aufgetreten.

Einmal die Defense. Sie war absolut horrend in der ersten Halbzeit. Daniel Sorensen hatte als tiefer Safety eine absurde Vorstellung. Schon vor der Partie hatte KC die #32 Defense nach EPA/Play gestellt, und geändert hat sich mit dem Spiel daran genau nichts.

Aber es war diesmal nicht die Defense allein, denn in der zweiten Halbzeit gelangen der Unit gleich drei recht schnelle Stops gegen Buffalo – ohne dass die Mahomes-Offense daraus Kapital geschlagen hätte. Tief ging wie oben angedeutet nichts. Mahomes machte als Scrambler einige Plays, aber im Passspiel blieb er blass.

Dass er wieder zwei Interceptions warf, war etwas unglücklich (beide waren abgefälschte Bälle), zeigt aber, dass selbst der grandioseste aller QBs nicht jeden Aspekt des Spiels kontrollieren kann. O-Line war mittelmäßig, Waffe #3 ist weiter verschollen und Clyde Edwards-Helaire trug einmal mehr kaum etwas Produktives zur Offense bei – noch nichtmal als Kurzpassempfänger.

Die Chiefs-Offense wirkte steril. Sie hatte kaum Esprit. Hill war tief abgemeldet und Kelce wurde die Schneid abgekauft. Dahinter gibt es wenig Gefürchtetes. Und die Coaches um Andy Reid lassen weiter jede Aggressivität in Clutch-Situationen wie 4th Downs vermissen. In dieser Verfassung ist die Zeit der Chiefs als unangefochtener AFC-Goldstandard vorbei.

Chargers vs. Browns

Es war ein Traumspiel. 10/10 Punkte für ein NFL-Spiel zu vergeben sollte man nicht überstrapazieren, gerade nicht in der Regular Season. Aber das Spiel hat es verdient. Es war das grandioseste Spiel dieser Saison und ich weiß nicht, wie sich so ein Analytics-Feuerwerk diese Saison noch einmal toppen lässt.

Schon vor der Crunchtime, als es um alles ging, ließen die beiden Headcoaches Brandon Staley und Kevin Stefanski sechs (!) 4th Downs ausspielen – und das ohne mit der Wimper zu zucken. Was ich vor Jahren und seit Jahren für Rückmeldungen bekomme, warum meine Forderungen nach aggressiverem Playcalling realitätsfern seien! Warum die NFL ja wisse was sie mache und eh alles richtig mache. Warum man vom Sofa aus nicht verstehen könne, warum Football so gecallt wird wie es seit Jahrzehnten gecallt wird!

Dank Coaches wie Stefanski und Staley sind diese Stimmen entlarvt. NFL-Playcalling ist in einer neuen Zeitrechnung unterwegs.

Staley & Stefanski ziehen ihren Shit durch, auch wenn es mal nicht klappt. Das sind keine isolierten Bauch-Entscheidungen. Das sind von vorne bis hinten durchgezogene organisatorisch abgesegnete Business-Pläne, was diese beiden Coaches veranstalten.

Stefanski war *fast* perfekt. Staley war perfekt. Und er musste auch perfekt sein, denn nur eine dieser ganzen Entscheidungen weniger hätten ausgereicht um diese Partie der AFC-Kronprinzen zu verlieren. Staley ging sogar für die analytisch richtige 2pts-Conversion nach dem Verkürzen des Rückstands auf 19-27. Er wurde belohnt.

All die Coaching-Entscheidungen hatten nur einen kleinen Makel: Der Extrapunkt-Fehlschuss der Chargers kurz vor Schluss hemmte die Browns-Aggressivität in deren „kill the clock“ Drive. Cleveland führte 42-41, hatte 3rd down & 10 und lief den Ball. Es brachte kein 1st Down. Die Chargers übernahmen und drehten per Touchdown die Partie zum 47-42.

Aber das passte zu diesem Spiel: Ein kleiner Moment an Nachlässigkeit, oder Passivität, reichte um hier zu verlieren. So muss Football im Jahr 2021 ausschauen!

Natürlich haben die Chargers ein paar Probleme. Ihre Defense war in dem Spiel richtig überfordert, aber dafür reißen Headcoach und Quarterback alles raus. Justin Herbert war einmal mehr atemberaubend. Herbert sollte jetzt ein ganz lautes Wort in der MVP-Diskussion mitspielen. Er ist eine echte Superwaffe, der Defenses auch in Late-Down-Situationen vor kaum lösbare Probleme stellt.

Dass Offense-Playcalling und die Waffen hinter dem diesmal eher unscheinbaren Keenan Allen nicht ganz auf Elite-Niveau sind: Geschenkt, wenn Herbert mit seiner Kombination aus Intuition und Wurfarm in praktisch jeder Situation das richtige macht.

So effizient Herberts Gegenüber war: Er selbst war in dem Spiel außerirdisch:

Man hat auch richtig gesehen, wie die Chargers alle Verantwortung auf Herbert laden ohne auch nur einmal darüber nachzudenken, während die Browns mit Baker Mayfield echt hadern. Wenn der Browns-Gameplan durch Gameskript oder Defense-Adjustment vom Standard abweicht und die Offense aus ihrer Comfort-Zone gedrängt wird, stockt der Motor.

Baker ist ein guter QB, aber er ist eine ganze Ecke von einer Granate wie Herbert entfernt. Diesen Gap auf QB müssen die ansonsten fantastischen Browns mit allen erdenklichen Stellhebeln wettmachen. Sie sind trotzdem mit mega Coaches, einer sehr aufstrebenden Defense und einer ansonsten guten Offense ein AFC-Spitzenteam, aber für den Superbowl muss in einer geladenen AFC schon absolut alles richtig laufen.

AFC Topteams

Schauen wir vor dem Monday Night Game auf das Tier-Ranking der NFL, dann sehen wir immer deutlicher: Die AFC wird in der Spitze eine Angelegenheit von 4-5 Mannschaften. Keine einzige von ihnen ist eine Überraschung:

AFC Tiers – Woche 5 vor dem MNG // Quelle: rbsdm.com

Die Bills müssen wir nach Woche 5 wohl auf #1 der Conference setzen.

Bin ich schon bereit, die Chargers als meine AFC #2 zu deklarieren? Maybe.

Daneben oder knapp dahinter liegt das Paket an Browns, Chiefs und den heute gegen die Colts spielenden Ravens. Dieses Monday Night Game hab ich noch nichtmal richtig Lust zu previewen, denn was sollen wir herauslesen? Dass die Ravens eine kaputte O-Line sezieren? Dass Carson Wentz gegen Druck verbrannt wird? Dass die Colts Deckungsprobleme haben?

Vielleicht, dass die Ravens gegen zweite-Reihe-Teams nicht immer so konzentriert auftreten wie die Bills? Aber sonst?

Was Bills, Chargers, Browns und Ravens eint: Sie alle sind extrem smart geführte Franchises, die in vielen Aspekten auf die alte Schule pfeifen und sowohl im Roster-Building als auch im Game-Management viele moderne Aspekte verfolgen. Die Chiefs fallen in diesem Aspekt schon etwas ab.

Bills, Chargers und Chiefs haben Elite-QBs. Die Ravens haben einen sehr, sehr guten QB, über dessen Qualitäten als Werfer wir uns im Zweifelsfall aber unterhalten müssen. Die Browns haben Mayfield. Ich will Baker echt nix Übles, aber wie die Manager in Cleveland mit seiner Vertragssituation umgehen werden, ist eine der größten Fragen von 2021/2022, denn mit diesem Nachteil auf QB wird es extrem schwer, sich in dieser sensationellen AFC-Spitze zu behaupten.

Hinter diesem Top-Five Quintett ist es schwierig, weitere valide AFC-Teams zu finden.

Die Titans werden ihre AFC South locker gewinnen, aber viel besser als NFL-Durchschnitt sind sie nicht. Broncos und Raiders sind fürs erste entzaubert. Die Steelers kannst du mit einem Roethlisberger auf QB nicht mehr als Contender ernst nehmen. Die Patriots haben nur deswegen in Houston gewonnen, weil die Texans in der zweiten Halbzeit auf den Selbstzerstörungsbutton gedrückt haben.

Die Colts sind auch weit links in obigem Graph zu finden, die Jets waren selbst gegen Atlanta absurd und in Florida bei den Dolphins und Jaguars könnte in Kürze eh schon der Sprengmeister zur Implosion anrücken.

Also sind die Bengals das siebte AFC-Playoffteam? Ich mache keine Scherze. Joe Burrow spielt bis auf ein paar Unzulänglichkeiten im tiefen Passspiel (der Arm ist eben keine Rakete, aber das wussten wir) eine richtig gute Saison, Ja’Marr Chase ist die erwartete Granate auf Receiver und die Defense ist ganz okay.

Die Bengals haben halt eine lernunfähige Headcoach-Graupe. Das reicht dann zwar höchstens für Nadelstiche, gegen die AFC-Phalanx ist man chancenlos, aber als dritte Wildcard? Längst nicht mehr so undenkbar wie zu Saisonbeginn gedacht.  

7 Kommentare zu “Eine Party für Fünf: AFC 2021

  1. Aus Clevelandsicht k*tzt mich das an.
    Letzte Saison tolles Spiel gegen Baltimore – verloren
    Saisonauftakt tolles Spiel gegen Chief – verloren
    Gestern: tolles Spiel gegen Chargers – verloren

    Dann lieber ugly wins und keine Verletzten.

  2. Was wäre denn die Alternative für die Browns zu Baker? Wenn man Russ oder Rodgers bekommen könnte, würde ich ihn Huckepack zum Flughafen bringen. Aber sonst? In den endzwanziger nen qb draften? Kann ja bei dem Team nicht ernsthaft der Plan sein. Jimmy G ist ja auch kein Upgrade.

  3. Großer Gott, hatte es gerade nebenher laufen und im 3. Quarter mit 1:26 und dem Stand von
    22 zu 3 für die Colts dachte ich „ach Spiel dürfte gelaufen sein…schaust dir mal die Statistiken der Spieler an“ und sehe das Ergebnis 31-25 für die Ravens.
    Jetzt muss ich mir das Spiel weiter ansehen um diese Implosion der Colts zu sehen XD

  4. Pingback: Spitzenspiele zur besten Sendezeit: Ravens – Chargers und Browns – Cardinals Preview | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  5. Pingback: Zum Stand in der NFL nach Woche 6 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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