Letzter Sündenbock: Gutmensch

Jon Gruden tritt offenbar als Raiders-Headcoach zurück. Schuld daran ist natürlich nicht er selbst, sondern die Kontroverse, die seine geleakten E-Mails ausgelöst haben.

In denen beschimpfte Gruden Leute wie NFL-Commissioner Roger Goodell, NFLPA-Präsident DeMaurice Smith oder Joe Biden als „faggots“ oder „pussys“, kritisierte den auf die Rams ausübten Druck den offen schwulen Michael Sam zu draften („these queers“) oder lobbyierte für einen Rauswurf von schwarzen Black-Lives-Matter-Protesten wie Eric Reid.

Die ganze Story mit all ihren Hinter- und Abgründen ist bei der New York Times aufgedröselt.

Natürlich war Gruden an genau gar nichts daran schuld. Um sein Team vor der durch die Medien ausgelösten Kontroverse zu schützen, biete er nun den Rücktritt an:

Die operative Coaching-Arbeit übernimmt der bisherige Assistent Rich Bisaccia.


Damit scheint das Ende der unsäglichen „Ära“ Gruden II bei den Raiders besiegelt. Menschlich wie sportlich fühlt sich der vorzeitige Gruden-Abgang für die Raiders wie ein Gewinn an. Der früher für seinen Arbeitsethos und seine Sprüche als „Chucky“ gefeierte Gruden ist sichtbar aus der Zeit gefallen. Er wäre noch jahrelang an die Franchise gebunden gewesen – 2021 war erst das vierte von zehn Jahren unter einem Monstervertrag, den nur ein privilegierter weißer Sprücheklopfer in den USA bekommen kann, und sportliche Weiterentwicklung war nur in wenigen Spurenelementen sichtbar.

Deadspin hat dazu schon gestern einen beißenden Kommentar geschrieben – Jon Gruden is the perfect example of how mediocre white men get to thrive in the workplace:

Jon Gruden isn’t good at his job. His true talent is making you think he is.

The Oakland Raiders head coach has been able to stick around the NFL as both a coach and commentator because he has a Super Bowl ring. However, smart people will quickly remind you that Gruden’s crowning achievement was given, not earned, as the 2002 Tampa Bay Buccaneers weren’t his creation. The team, and most notably its standout defense, was built by Gruden’s predecessor, Tony Dungy — a Black man.

[…]

But instead of using this moment to show actual remorse for what he did, Gruden — like most white men who get caught saying or doing something wrong — made things worse with his indignance at being held accountable. And after Sunday’s loss to the Bears, Gruden went full Brett Kavanaugh.

“I’m not a racist,” he declared. Which is what all racists say when they get exposed. He followed that up by saying, “I’m not going to answer all these questions today,” as he felt that a series of questions about the biggest story in the NFL was overkill.

When things you’ve never been qualified for get handed to you, it makes you soft. Like how when Gruden got a TV show when he was at ESPN, Jon Gruden’s QB Camp, he proceeded to fawn over every prospect he met with, and failed more than he succeeded with his predictions on their NFL careers. And then, when he returned to coaching, the Raiders signed him to a 10-year, $100 million contract, although his winning percentage is barely over .500 and he’s only made the playoffs five times in his 15 years as a head coach.

Der sportliche Teil ist aber nur das eine. Wir leben in einer Zeit, in der rassistische Untertöne und homophobe wie frauenfeindliche Kommentare abgestraft werden – und das ist gut so. Es war Gruden selbst, der sich in die Schusslinie gebracht hat – nicht der Zeitgeist. Insofern profitieren von seinem Abgang eigentlich alle.

16 Kommentare zu “Letzter Sündenbock: Gutmensch

  1. Was ich so unfassbar heuchlerisch finde sind diese Aussagen von wegen „I Never meant to hurt anyone, and I’m sorry if I did“ (und ähnliche). Das problem ist in so einer, nennen wir es mal generös Entschuldigung, ganz gut begriffen. Dass gruden niemanden verletzen *wollte, nehm ich ihm sogar halbwegs ab. Das ist aber eigentlich scheissegal, denn inzwischen dürfen zumindest Personen die in der Öffentlichkeit stehen gerafft haben, dass es Sender UND Empfänger gibt. Sich also nur auf ein „ich hab’s nicht so gemeint“ zu berufen ist halt schlicht und ergreifend komplette Intoleranz gegenüber dem Umstand, dass man sich so eklatant um sich selbst dreht, um nicht mal das bisschen an Empathie aufzubringen dass solche Aussagen für andere womöglich verletzend sind. Ich denke lange lange Zeit konnte man mit so ner Nummer wenn nicht seinen Job, dann doch zumindest in manchen Kreisen seine Reputation retten und ich habe die Hoffnung, dass auch der Zug so langsam abfährt. Wir werden sehen, wie die NFL Bubble damit umgeht, wenn alles mit rechten Dingen zu geht, haben wir das letzte mal von ihm gehört. Bin mal gespannt ob aber nicht doch irgendwann grad drüber wächst und er vielleicht in zwei Jahren wieder als tv anslyst Auftritt oder so. Taugt jedenfalls zum Lackmus-Test, die ganze Angelegenheit

  2. Uff, hatte das nur am Anfang mitbekommen und da dachte ich mir noch „Ok, ist ein dreckiger Spruch aber der Mann wollte halt austeilen…richtige Entschuldigung, auch persönlich an den Betroffenen (vielleicht sogar öffentlich) und sollte schon irgendwie ok sein“. War ja auch schon 10 Jahre her. Ich würde lügen wenn ich sagen würde das ich vor 10-20 Jahren keinen richtig dummen Spruch abgegeben hätte, ok da wäre ich dennoch jünger als er gewesen…aber trotzdem.

    Aber nun mit den anderen Mails – die eben nicht nur 10+ Jahre her sind und in denen er gegen so ziemlich jeden austeilt der ihm nicht passt…autsch. Das er da aber schnellstmöglich die Koffer packen musste vollkommen verständlich

    Was ich interessant finde und wo auch div. Tweets drauf eingehen ist das die Mail aufgrund von Ermittlungen gegen das WFT rausgekommen sind und nun von Unbekannten geleakt wurden…ein Schelm wer Böses dabei denkt und es sich etwas nach „Hinter dir! Ein dreiköpfiger Affe!“ anfühlt.
    Denn gerade die damals noch „Redskins“ sind ja nun richtig bekannt geworden mit Frauenfeindlichkeit und ähnlichem Dreck…und Snyder kam bisher relativ unbeschadet durch. Mal sehen ob da noch mehr bei rauskommt.


    PS:
    „Jason Whitlock
    @WhitlockJason
    Wonder if anyone at the NFL offices has ever listened to a Dre, Snoop or Eminem album and compared them to Gruden’s emails? Can’t wait for Super Bowl halftime. Someone might drop 16 bars in support of Ice Chucky“

    So ganz unrecht hat er dabei nicht. Auch wenn es Gruden keinesfalls in irgendeiner Form entschuldigt.
    Dre und Snoop bin ich nicht drin, aber Eminem hat sein eigenen Rucksack voll mit frauenfeindlichen und homophoben Sprüchen die er teils auch recht aktiv in seinen Liedern verarbeitet und damit Millionen verdient hat. Von regelrechten Gewaltfantasien gegen sein Ex erst gar nicht zu sprechen.

  3. 650.000 Mails, und das bei einem Menschen und Typen wie Dan Snyder, und es leaken nur die in denen Gruden sich falsch verhält? Und Tom Bradys Mails waren nach 5 Minuten geleaked, insbesondere die privvaten?

    Kein Wunder, dass die NFL bei Kaepernick mit quasi allen Mittel darauf gedrückt hat, es außergerichtlich zu beenden, bevor die Vorladungen kommen und die eMails an die Öffentlichkeit kommen. Vllt kommt ja noch was durch die St.Louis Klage zustande.

    Alles immernoch ein Old-Boys-Club, aber da sieht man halt den Unterschied zwischen Millionären und Milliadären, und wer den Boss ist und für wen Godell arbeitet.

  4. Wichtiges IT detail: die Mails kursieren nur, weil sie bei einem BERUFLICHEN Account eines wft bosses ankamen. Deshalb Zugriff der nfl möglich…

  5. Wenn man sich einen unüberlegten Spruch mit derartigen Untertönen erlaubt – ok, ist zwar beschissen, aber man sollte die Möglichkeit um Entschuldigung zu bitten bekommen.

    Beim zweiten Spruch wirds schon sehr eng, da muss man schon extrem glaubhaft Reue zeigen und persönlich weitreichende Änderungen vornehmen.

    Ab dem dritten Spruch mit wirklich klar (!) toxischen, diskriminierenden oder homophoben Untertönen (wir reden ja nicht einfach nur über ein paar flapsige Sprüche) hat man als NFL Headcoach und auch als Frontfigur an anderer Stelle schlicht nix mehr verloren.

    Da gibt es dann auch keine Entschuldigung mehr und es müssen Konsequenzen folgen. Da ist es völlig egal, wer der Arbeitgeber ist, welche Anschauungen man sonst vertritt, welcher Ethnie man zugehörig ist oder welchem polit. Lager man angehört.

    Deswegen ist der Abgang von Gruden nur folgerichtig!

    Zum Deadspin Artikel: Ist schon ein wahrer Kern drin, keine Frage. Ganz so extrem würde ich es nicht sehen. Wenn wir nur aufs Sportliche schauen, könnte der Artikel ironischerweise auch 1-zu-1 über Mike Tomlin gehen (garantierte Jobsicherheit, Titel im zweiten Jahr mit Cowhers Leuten geholt, dann jahrelang underperformt und nun komplett den Anschluss an die moderne NFL verloren).

  6. @garosh Sorry, ich würd da gern nochmal kurz drauf eingehen, weil ich irgendwie bisschen Bauchschmerzen mit deinem Kommentar habe. Ich finde, und ich interpretiere auch die Zielrichtung des Artikels ähnlich, dass es hier in erster Linie nicht um die Sprüche, sondern um den Umgang geht. Dass die Sprüche unter aller Sau sind brauchen wir hier nicht ausdiskutieren, da sind wir uns einig. Aus ner makroperspektive muss sich diese Debatte aber nicht um einzelne Sprüche (sprich: Symptome) drehen, sondern um das Umfeld (sprich: System), in dem solche Sprüche und das in ihnen manifestierte Selbstbildnis (unter der Hand) genehmigt sind, wo es eine Übereinkunft gibt dass man, einmal erwischt, bisschen Reue tut und danach reingewaschen ist. Teil des Problems ist sicherlich auch die Diskrepanz zwischen symbolpolitik wie „wir schiessen uns jetzt auf gruden ein“; und dass bei halftime show artists halt eben doch bisschen großzügiger geschaut wird. Die Aussage von Whitlock (den ich sonst nicht kenne, also keine Ahnung woher die Quelle kommt) find ich daher auch nicht ungefährlich: der wahre Kern ist „warum messen wir mit zweierlei Maß?“ aber die zeitgemäßer fände ich die Forderung zu stellen, bei eminem etc. die Debatte auch zu starten, anstatt gruden implizit zum Bauernopfer zu stilisieren.

  7. Nachtrag: Jason Whitlock arbeitet laut kurzer Wikipedia suche für ein relativ junges, konservatives Media Outlet namens „the blAze“, die in der kurzen Spanne ihres Bestehens immerhin schon zwei skandälchen gesammelt haben – einmal weil sie ein aoc Interview verschnitten haben und einmal weil ein Mitarbeiter sich ziemlich unsensibel über bong jong ho geäußert hat. Der tweet und seine Tendenz kommt nicht aus dem nichts heraus

  8. I have accepted Jon Gruden’s resignation as Head Coach of the Las Vegas Raiders. – Mark Davis

    An diesem dünnen Kommentar kann man ermessen, wie sehr den Fanboy Mark Davis das ganze getroffen haben muss. Gerade sein Vater Al (sicher nicht unumstritten) war in vielen Belangen ein sehr weltoffener Mensch: als zweiter einen nichtweißen Coach engagiert, als erster einen schwarzen Coach und als erster einen weiblichen GM.

    Der Anfangshype um Jon Gruden ist nach selbst verschuldeten schwachen Ergebnissen bei Transfers und auf dem Platz schnell einer Ernüchterung gewichen. Er schien in seinen ganzen Ansichten sehr aus der Zeit gefallen zu sein, sieht man ja an anderer Stelle jetzt auch. Die zu erwartenden Turbulenzen werden die Raiders wohl leider diese Saison kosten, aber im nächsten Jahr mit viel Cap-Space und einem neuen (jungen) Chefcoach wird dann alles besser 😉

  9. Zu Mike Tomlin: bitte Rahmenbedingungen betrachten. Big Ben bekommt dieses Jahr 26 Mio $ der Cap. Selbst NACH dieser Saison bekommt er noch über die Jahre 10 Mio. $. Zum Vergleich: Tom Brady 10 Mio. $ dieses Jahr.
    Bei manchen Vereinen ist Trainer-Gehalt Schmerzensgeld. Z.B. Detroit: wenn 30% der Cap in „Dead Money“ fliessen, dann kann der Trainer einfach nix machen.
    Auch Pittsburgh: Big Ben plus Dead Money = 30% der Cap. Da müsste Tomlin zaubern können.

  10. @Ahmser: Aber 1st Round RB picken und nix für die O-Line kann Tomlin was tun und wenn es „mit dem Finger drauf zeigen“ ist. 😀

  11. Hätte Jon Gruden ne sichere rassistische SMS an seine Feinde gesendet wäre er davongekommen aber ne Mail ist einfach nicht sicher 😀😀😀😀😀😀😀

  12. @Ahmser:
    Die Situation dieses Jahr resultiert aber nicht zuletzt daraus, dass man in den Jahren davor über weite Teile einen konkurrenzfähigen Kader unterhalten hat. Wenn man nicht gerade einen Brady hat, geht das mit dem Salary Cap in der NFL eben nur, indem man Gehälter in die Zukunft verschiebt. Überhaupt hatte man über weite Teile von Tomlins Amtszeit konkurrenzfähge Roster. Rausgekommen ist da, von den ersten Jahren abgesehen, relativ wenig. Er ist sicherlich kein schlechter Coach, aber auch kein überragend guter. Man lässt sich da leicht vom „never had a loosing season“-record blenden, aber seit der Super-Bowl-Niederlage gegen die Packers 2010 war man gerade mal noch ein einziges Mal in einem AFC-Championship-Game. Das sagt denke ich alles…

  13. Pingback: NFL Sonntagsvorschauer – Woche 6 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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