Gruden ist Geschichte. Ist es das Ende oder der Anfang?

Der Jon-Gruden-Fall hat im Laufe des gestrigen Tages noch ein paar Nachträge bekommen.

Grudens E-Mails sind im Zuge der NFL-Aufarbeitung der Harrasing-Skandale um die Washington Ex-Redskins ans Tageslicht gekommen. Dabei wurden offenbar um die 650.000 Mails von durchgearbeitet. Es handelt sich um Business-Mails, die Eigentum der NFL sind.

Konkrete Hinweise auf Fehlverhalten vom Washington-Owner Dan Snyder wurden (natürlich) nicht gefunden.

Dafür geriet Gruden in den Fokus. Die geleakten Inhalte gehen über das hinaus, was gestern Früh bekannt war. Gruden soll über den E-Mail-Account sogar Nacktfotos erhalten und versendet haben, die von Cheerleaders der Washington Redskins auf den Bahamas erzwungen wurden. Es waren die Cheerleader, denen auf den Inseln die Reisepässe abgenommen wurden, damit sie nicht entkommen konnten.

So nebenbei wurden auch sehr konkrete Hinweise auf echt hässliches Zusammenspiel zwischen NFL-Vertretern und großen Medienhäusern publik, wie ein E-Mail-Wechsel zwischen dem höchst umstrittenen Ex-GM Bruce Allen (Buccaneers, Redskins / Organisator der Nacktfoto-Aktion) und Adam Schefter, in dem Schefter einen noch nicht veröffentlichten Artikel von Allen (!) editieren und kommentieren ließ:

Überhaupt: Die ganze NFL-Untersuchung gestaltet sich bizarrer als gedacht. Noch im Juli wollte man die Ergebnisse untergehen lassen – bis letzte Woche, als plötzlich in Gruden ein recht unbeteiligter Outsider in den Fokus geriet.

Gruden wurde mit den belastenden Mails nicht nur sanft in den Rücktritt gedrängt, sondern mittlerweile auch aus dem „Ring of Honor“ der Buccaneers, bei denen er als Headcoach sie Superbowl gewann, entfernt. Sein Name steht schon jetzt für Schande, aber ist wohl nur ein Hinweis, wie die Strippenzieher hinter der Fassade denken. Zahlreiche Personen werden seit Tagen mit mulmigem Gefühl durch den Tag gehen.

Aber war Gruden letztlich nur ein Bauernopfer? Nutzte Raiders-Owner Mark Davis die Chance um seinen 100-Mio.-Dollar-Flop mit kleinstmöglichem Schaden loszuwerden? Die NFL bestreitet, die Mails selbst geleakt zu haben. Doch das ist nicht das Ende der Geschichte, sondern vielleicht erst der Anfang.

Denn nun stellen sich zahllose Folgefragen. Gibt es wirklich nichts, was Snyder – einen Owner, und Owne are doing business in the NFL – belastet? Gibt es nichts zu Colin Kaepernick? Nichts z.B. zum verstorbenen Bob McNair? Nichts zu anderen Personalien? Die Verschwörungstheorien sind einfach zu stricken.

Jedenfalls ist es nicht mehr schwierig zu verstehen, warum die NFL im Kaepernick-Fall so nachdrücklich eine außergerichtliche Einigung anstrebte:

Dass die NFL selbst, oder NFL-nahe Leaks, Gruden so urplötzlich wie ein Karnickel aus dem Zylinder zaubert, könnte jetzt allerdings nach hinten losgehen, denn nicht bloß streben die Anwälte der Geschädigten im Washington-Football-Team/Redskins-Fall eine Herausgabe aller Mails an, sondern seit gestern auch die Spielergewerkschaft NFLPA:

Fortsetzung folgt.

11 Kommentare zu “Gruden ist Geschichte. Ist es das Ende oder der Anfang?

  1. Ich sehe halt vor allem das Problem, dass nur die Mails von Gruden bekannt sind. War er der einzige der sich so offensichtlich homophob und frauenfeindlich geäußert hat? Oder haben andere auch in die Kerbe gehauen?

    Und dann muss man sich wirklich frage, wie dumm ist Gruden eigentlich? Wie schon gestern bei DownSetShort, es ist ja nicht irgendein Stammtisch- oder Lockerroom-Geschwätz, sondern es war mehr oder weniger offizielle E-Mail-Korrespondenz. Die halt eben nicht einfach so verschwinden.

  2. Für dumm würde ich Gruden nicht halten, aber er war wohl etwas naiv davon ausgegangen, dass seine Mails privaten Charakter hatten und nicht öffentlich werden könnten. In der Tat ist es aber erstaunlich, dass bei 650.000 Mails sich nur Gruden so angreifbar geäußert haben soll. Da wird noch einiges kommen.

  3. Ich denke mal er wusste nicht was bestehen bleibt oder was verschwindet wenn es von beiden Seiten gelöscht wird. Ganz ehrlich…ich wüsste es auch nicht. Wir nutzen Outlook und gehen spätestens am Ende des Jahres einmal durch und löschen alles was nicht mehr gebraucht wird. Ich könnte jetzt nicht sagen ob es irgendwie wiederhergestellt werden kann.

    Und natürlich sind da auch paar private Unterhaltungen mit dabei. Ich kenne Leute vom Einkauf oder Marketing der anderen Firmen nun schon seit teils 5+ Jahren. Hatte Geschäftsessen mit div. von ihnen…kenne sogar einige deren Kids.
    Zugegeben „Ey, schick mir mal die Nacktfotos deiner Arbeitskollegin“ wäre jetzt nicht unter meinen Mails gewesen. Demnach wäre es mir jetzt egal ob die am Ende noch jemand liest.

    Das Adam Schefter Name nun wieder auftaucht nachdem er sich ja mit Aaron Rodgers und den Packers etwas in die Nesseln gesetzt hat…irgendwie klingt alles seltsam das bei über 600k an Mails nur so bestimmte Namen auftauchen, aber halt eben Themen wie Kaep – was ein riesen Thema sein müsste – nicht. Das fühlt sich halt wie sehr gezielte Leaks an.

  4. Ich denke mir die ganze Zeit: wenn das der shit ist den sie da leaken, wie groß ist der Shitberg von dem sie dan ablenken wollen. (müssen?)

  5. Wie gestern schon gesagt: Grudens Rücktritt war folgerichtig.

    So ein Maß an toxischem Verhalten, Beleidigungen und Alltagsrassismus in einer Führungsposition geht einfach nicht – speziell da es sich ja auch über Jahre hinweg gezogen hat.

    Was jetzt danach passiert ist allerdings an Heuchelei und Cancel Culture nicht zu überbieten.

    Journalisten attackieren ohne irgendwelche Gründe seine Kinder und machen sich über sie lustig.

    Die Bucs – Arbeitgeber von Leuten wie AB und Beweihräucherer von Warren Sapp – werfen ihn aus ihrem Ring of Honor, weil Gruden „unmoralisch gehandelt hat“.

    Nicht falsch verstehen – ich habe kein Interesse daran Grudens Verhalten auch nur irgendwie zu verteidigen.

    Ich möchte damit die Heuchelei und Doppelstandard, den viele Leute und Organisationen haben anprangern. Solange es opportun ist wird auf Moral geschissen. Ist der Täter „entbehrlich“, werden die Hunde losgelassen.

  6. Die NFL lernt halt vom legendären Terry Pratchett. Das Wichtigste bei jeder Ermittlung ist, dass man einen Schuldigen präsentieren.

    „In this he was echoing the Patrician’s view of crime and punishment. If there was crime, there should be punishment. If the specific criminal should be involved in the punishment process then this was a happy accident, but if not then any criminal would do, and since everyone was undoubtedly guilty of something, the net result was that, in general terms, justice was done. “ – Terry Pratchett, Men at Arms

    Ich hoffe, dass noch weiter gegraben wird. Mich wundert nur, dass es jetzt durchgesteckt wurde. Das Ablenkungsmanöver mit der Namensänderung hatte doch super funktioniert. Die Vorwürfe waren vergessen und man diskutierte nur noch darüber, ob Redskins beleidigend ist oder nicht.

  7. So wundervoll der Abschuss eines Rassisten und Widerlings auch ist, gibt es eine Sache, die ich bedaure: Korsakoffs langfristigste Zukunftsprognose ist somit dahin: die 10-Jahresentwicklung von Grudens Raiders. Welcher Sündenbock in welchem Jahr gehen muss? Das war ganz großes Vorschau-kino mit ewig langem Spannungsbogen und viel Popcorn.
    Schade eigentlich. Wobei: Der Vogel war es wert. Hoffentlich zieht er noch ganz viele alte weisse Männer mit sich. Die NFL-Chefetage ist ein guter Ort um mit dem Ausmisten zu beginnen.

  8. @Dizzy: Kampfbegriffe wie „alte weiße Männer“ kannst du dir getrost sparen.
    Jeder weiß mittlerweile, dass Gruden ein toxischer Zeitgenosse war. Da braucht man nicht wieder zwanghaft „alt sein“ oder „weiß sein“ reinballern. Beurteile den Menschen an sich, nicht irgendeine Gruppenzugehörigkeit.

  9. So what?

    Es gibt auch viele „alte weiße Männer“, die sich gegen Rassismus stark machen und Diversität fordern (Bruce Arians als nur ein Beispiel).

    Klar gibt es eben auch viele faule Eier und speziell bei den Ownern scheinen da doch einige vertreten zu sein.

    Man stellt sich doch aber auch nicht hin und schwadroniert pauschal irgendwas von „schon wieder ein schwarzes Ghettokind“, wenn ein AB oder Hill irgendeine Scheiße bauen, obwohl auch dort eine nicht wegzudiskutierende Korrelation zwischen sozialer Gruppe und Tathäufigkeit besteht.

    Jedes mal die Hautfarbe oder das Alter ins Spiel zu bringen, wenn irgendein Mist gebaut wird ist einfach Bullshit. Beurteilt die Menschen an sich. Sonst kommt man nie weiter.

  10. Das ist ja eine Lobenswerte Haltung auf persönlicher Ebene aber gesellschaftlich greift es zu kurz.
    Die strukturellen Probleme bekommt man so nicht gefasst. Wenn alle wie Bruce Arians wären, Bestünden die NFL Coaches eben dennoch aus alten Weißen Männern- und so wirklich gibt es keinen Grund warum das so sein sollte.

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