Spitzenspiele zur besten Sendezeit: Ravens – Chargers und Browns – Cardinals Preview

Die besten Spiele der NFL finden meistens zu Europa-unfreundlicher Zeit mitten in der Nacht statt. Morgen ist das anders: Die beiden besten Ansetzungen des sechsten NFL-Spieltags kriegen wir um 19h und 22h05 serviert. Eine Vorschau.

Baltimore Ravens – Los Angeles Chargers

Sonntag 19h

Mit Verlaub: Eine sehr geile Partie. Beide Teams stehen bei 4-1. Beide gehören zur AFC-Spitze. Beide haben faszinierend gute Quarterbacks, sind geführt von modernen Headcoaches mit Analytics-Touch. Einer von beiden kann vielleicht mit einem Sieg den Grundstein für den #1 Seed legen, denn beide haben in dieser Saison schon die Kansas City Chiefs geschlagen.

Bei den Ravens habe ich in den letzten Wochen mehrfach darüber geschrieben, wie gut ihre Early-Down-Offense ist. Im Passing-Game sind sie in 1st und 2nd Down die #1 nach EPA/Play, was vor allem an der verblüffenden Entwicklung von QB Lamar Jackson liegt.

Jackson ist diese Saison noch mehr als früher quasi die alleinige Ravens-Offense. Die Ravens kriechen eigentlich auf dem Zahnfleisch, haben 19 Spieler auf IR, darunter die halbe Offensive Line. Entsprechend haben die Coaches auch schon ihr Playcalling umgestellt: Wo sie in den letzten drei Jahren jeweils unter den zwei lauflastigsten Teams in Early Downs lagen, liegen sie heuer im Mittelfeld. Nur 14 Teams haben eine höhere Pass-Quote in 1st und 2nd Down.

Das ist ein gewaltiger Paradigmenwechsel – aber weil Jackson sich als Passer extrem gut gemacht hat, funktioniert es. Obwohl z.B. ein Rashod Bateman, 1st Round Pick und großer Hoffnungsträger, noch gar nicht gespielt hat. Er könnte morgen sein NFL-Debüt feiern.

Wie gut Jackson ist, zeigt uns u.a. J.T. O’Sullivan in einem seiner neuesten Videos: Superb in der Pocket, extrem verbesserte Beinarbeit, sehr präzise Pässe, gutes Timing, viel mehr Antizipations-Würfe als früher. Die Ravens bauen stärker und stärker auf RPO (letztes Jahr waren sie dort #21), aber Jackson lieferte heuer auch schon astreine Performances in Momenten ab, in denen es keine Unterstützung durch Play-Action, RPO usw. gab.

Hier im Thread von Nate Tice werden ein paar weitere Passing-Konzepte der Ravens vorgestellt:

Wer es detaillierter schriftlich will: Bitte ab zu Touchdown Wire. Auch Brandon Staley hat einen Heidenrespekt vor Jackson:

Jacksons O-Line ist weiter etwas wackelig, aber durch seine Entschlossenheit und Mobilität kaschiert er viele Probleme, bevor sie überhaupt entstehen. TE Mark Andrews ist die #1 Waffe im kurzen Passspiel, Hollywood Brown im tiefen Passspiel. Brown hat einen mächtigen Satz gemacht. Er hatte zwar auch schon einige krasse Drops, aber auch sensationelle Highlight-Catches.

Ihn werden die Chargers mit ihrer Two-High-Defense am meisten versuchen, aus dem Spiel zu nehmen. Brandon Staleys Defense ist darauf ausgerichtet, tiefe Pässe wegzunehmen und Offenses zu Geduld zu zwingen. Jackson hat einen aDOT von 11 Yards (#1 der NFL). Brown hat einen aDOT von sogar 15 Yards downfield. Unter den „Volume Receivern“ werden nur Ja’Marr Chase und Courtland Sutton noch tiefer angespielt.

Insofern ist die Personalie Brown einer der Schlüssel im heutigen Spiel.

Aber man darf sich ruhig auch fragen, ob die Ravens morgen überhaupt so viel Lust auf krasses Deep-Passing haben, oder ob sie ganz einfach versuchen, die miserable Run-Defense der Chargers zu überfahren. Die ist #31 nach EPA/Run und #29 in PFF Grading und sowohl in D-Line als auch auf dem 2nd Level echt wackelig.

Ein Teil davon ist natürlich per Design – wer seinen Fokus auf das Verhindern von tiefem Passspiel setzt, muss notgedrungen seine Front Seven etwas entblößen (Chargers haben fast keine 8 Mann Boxen). Aber es gibt eben außerhalb von EDGE Joey Bosa keinen richtig guten Individualisten – und wenn du dann etwa 7 Yards/Carry schon gegen normale Teams aufgibst, wie sieht das dann etwa gegen die Ravens aus?

Punkt ist aber auch: Die Ravens-Offense wird performen und viel punkten müssen, denn ihre Defense ist in diesen Tagen und Wochen auch verletzungsbedingt nicht auf dem gewohnten Level. Das konnte man schon an den ersten Spieltagen beobachten – aber noch krasser am Montag in den ersten zwei Vierteln gegen die Colts. Baltimores Defense ließ sich von Carson Wentz auseinanderspielen!

Und morgen kommt kein Wentz, sondern der andere aktuell extrem heiße junge QB-Stern: Justin Herbert. Herbert ist vielleicht als Werfer noch einen Schritt weiter als Jackson. Vor allem sieht Herbert noch eine Spur reifer aus. Er macht praktisch keine Fehler, lässt wenig liegen.

Herberts Problem ist allenfalls das lahme Offense-Design vom bei mir verhassten OffCoord Joe Lombardi, der offenbar strikt versucht, die Saints-Offense unter Drew Brees in Los Angeles zu implementieren. Geht gar nicht.

Es gibt vergleichsweise wenig Passspiel über die Mitte, dafür vieles entlang der Seitenlinien. Deep Shots sind trotz Herberts monströsem Wurfarm eher selten. Vieles spielt sich auf kurzen Distanzen ab. Entsprechend sind die Chargers in Early-Downs auch gar nicht in den Top-20 nach EPA/Play klassiert, aber Herbert reißt in 3rd Downs mit fantastischen Plays alles raus.

Baltimores Defense ist berüchtigt für ihre hohe Blitz-Rate, aber Herbert gilt als exzellent gegen den Blitz. Entsprechend sieht er in dieser Saison auch kaum Blitzes. Man darf gespannt sein, ob er morgen aus der zweiten Reihe attackiert wird, oder ob sich Baltimore in der Coverage einigelt und darauf hofft, dass Calais Campbell und Odafe Oweh vorne genug Druck über die entblößte rechte Flanke der O-Line ausüben können um Herbert etwas einzubremsen.

Noch ein critical factor: WR Mike Williams ward seit dem Chiefs-Spiel nicht mehr gesehen. Er soll morgen aber möglicherweise wieder einsatzfähig sein.

Ansonsten: Das wird aller Voraussicht nach ein Offensivspektakel, in dem 4th Downs eine entscheidende Rolle spielen könnten. Beide Coaches werden das Ausspielen nicht scheuen, aber Ausspielen ist nicht gleich Verwerten. Die Chargers z.B. sind diese Saison 7/8 in 4th Downs (und haben diese Quote auch gebraucht um Siege gegen KC und Cleveland herauszupressen). Das ist eine nicht ewig aufrecht zu erhaltende Success-Rate.

Noch ein Faktor: Es ist ein Spiel zur Mittagszeit an der Ostküste. Die Chargers sind Westküstenteam. Für solche Mannschaften gilt diese Kickoffzeit am Atlantischen Ozean oft als leichter Nachteil.

Baltimore ist aber nur leicht mit 3 Punkten favorisiert. Ich sehe die Ravens schon stark, aber frage mich, wie ihre waidwunde Defense die Schotten dicht genug machen will um Herberts quasi makelloses Passing-Game zu stoppen. Auf jeden Fall werde ich das Spiel morgen dem Redzone-Channel vorziehen.

Cleveland Browns – Arizona Cardinals

Sonntag 22h05

Nicht wesentlich schwächere Ansetzung: Die 3-2 Browns gegen die 5-0 Cardinals. Beide Teams gehören zur Elite der NFL, aber beide hatten letzte Woche auch ihre Stinker. Die Cards brauchten schon eine sehr hässliche Niners-Offense um den fünften Sieg herauszuwürgen. Die Browns verloren gegen die Chargers in einer Partie, in der ihre Defense gegen Justin Herbert kein Land sah.

Im Fokus stehen aber auch in diesem Spiel vor allem die beiden Quarterbacks. Es sind zwei Ex-Heisman-QBs von den Oklahoma Sooners. Beide wurden an #1 gedraftet: Baker Mayfield und Kyler Murray. Es gilt nach fünf Wochen der laufenden Saison als geritzt, dass Kyler die bessere Entwicklung in der NFL genommen hat.

Im Prinzip geht die Kurzfassung so: Die Browns haben den besseren Kader und den besseren Coaching-Staff, aber die Cardinals den besseren QB. Die Frage im direkten Duell lautet, wie viel besser Kyler sein muss um Arizona hier eine Chance zu geben.

Clevelands Offense kann sich nicht auf Mayfield verlassen – und die Coaches sind auch nicht gewillt, das auf Teufel komm raus zu tun. Das sah man letzte Woche gegen die Chargers, als sie in der Crunch-Time lieber Ball laufen ließen als ihn Baker in die Hand zu drücken. Resultat: Punt und Niederlagen-TD kassiert.

Cleveland baut also stark auf seine dominante O-Line und die beiden famosen Runningbacks Chubb/Hunt und schauen (Chubb fällt morgen allerdings aus), dass Mayfield so wenige „true passing snaps“ wie möglich bekommt (also Dropback-Passing Game ohne Play Action, Screens usw.). In diesen Snaps ist Mayfield deutlich unterhalb von NFL-Durchschnitt klassiert.

Gut für Cleveland: Arizonas Run-Defense ist eher schwach. Gegen Zone-Running ist sie sogar sehr schwach, und morgen könnte evtl. auch noch EDGE Chandler Jones wegen Covid-Infektion ausfallen.

Verletzungssorgen haben die Cards auch auf der anderen Seite – eben genau bei Kyler Murray. Den soll eine Schulterverletzung plagen, die sich nicht so einfach in drei Tagen auskurieren lässt. Wir erinnern uns an die letzte Saison, als Murray auch Schulterprobleme hatte und nach einem brutal guten November eine echt schwache Saisonschlussphase spielte. Könnte sich die Geschichte wiederholen?

Wie fit Kyler wirklich ist, könnte die Partie schon entscheiden. Es ist aber auch denkbar, dass selbst ein fitter Murray nicht ausreichen wird, denn Arizonas O-Line muss Center Rodney Hudson vorgeben und dürfte damit etwas anfällig gegen Clevelands druckvolle und variable Front sein.

Auch ein Kriterium: Arizonas Offense verlor unter der Woche TE Maxx Williams für die Saison. Dafür wurde TE Ertz aus Philadelphia geholt, aber Ertz ist ein total anderer Spieler. Ertz operiert meist über die Spielfeldmitte – eine Zone, die Kyler wegen seiner geringen Größe nur selten anspielt. Es ist auf jeden Fall eine interessante Verpflichtung.

Ick weiß nicht. Ich halte Cleveland hier für den Favoriten, weil ich auch einen deutlichen Coaching-Vorteil sehe. Nicht nur ist mir Arizonas Spread-Offense nach wie vor zu statisch – nein, Kevin Stefanski ist auch ein wesentlich besserer „Game Manager“ als Kliff Kingsbury mit seinem berüchtigten In-Game-„Management“.


UPDATE: blub macht mich in den Kommentaren darauf aufmerksam, dass Kingsbury wegen Covid in Quarantäne steckt und daher das Spiel verpasst. Mehr Infos gibt es hier. Vance Joseph wird das Gros der Headcoach-Arbeit übernehmen, die anderen Aufgaben werden aufgeteilt.

12 Kommentare zu “Spitzenspiele zur besten Sendezeit: Ravens – Chargers und Browns – Cardinals Preview

  1. Staley und Lombardi passt so gar nicht zusammen. Verstehe die Einberufung von Lombardi vor der Saison deshalb auch nicht, dass muss Staley doch gewusst haben was „offensiv“ da auf ihn zukommt. Vor allem wenn man seinen analytischen Ansatz berücksichtigt. Zu Mayfield und seiner Zukunft: auf Twitter kam die Frage auf wer denn in 2022 eine Option wäre wenn der Vertrag nicht verlängert würde. Welche Alternativen gäbe es denn da? Ist natürlich noch recht früh aber da wird das FO der Browns sich schon mit beschäftigen.

  2. @Buddy: Der QB-Markt ist immer schwierig.

    Klare Upgrades sind höchstwahrscheinlich nur via Draft zu bekommen, aber dort eben auch mit dem Risiko ein Downgrade zu ziehen.

    Baker ist insofern „QB-Fegfeuer“. Es ist durchaus denkbar, dass Cleveland auch 2022 noch mit Baker durchspielt (5th Year Tag) und dann evtl. das Verhältnis mit Franchise Tags noch weiter verlängert, während man in der Hinterhand vielleicht den einen oder anderen höheren Pick in einen QB investiert.

  3. Bei den cardinals 2 Trainer & gm covid positiv? Das wäre statistisch sehr schräg, wenn die alle geimpft wären. Die scheinen echt noch viele ungeimpfte im stab zu haben … komplett unverständlich bei dem Job.

  4. @Ahmser.
    „The Cardinals have been 100% vaccinated since early September“
    Es gilt immer noch, dass ein PCR-Test keine Aussage macht über eine Erkrankung.
    Mittlerweile ist bekannt, dass geimpfte wieder angesteckt werden können.

  5. „Die besten Spiele der NFL (…): Ravens-Chargers; Browns-Cards“: Vor zwei, drei jahren wäre der Satz undenkbar gewesen. 🙂 Immer wieder erstaunlich, wie schnell sich Teams dank SalaryCap, Draftpicks, Coaching etc drehen.

    Zum Mosher-tweet: WTF war das für ein Herbert-pass?
    – aus dem vollen Lauf
    – schräg zum Körper
    – mehr als 40yd airtime
    – tief auf die dritte (!) Anspielstation, was selbst den Kameramann überrascht
    – über den CB präzise in den Lauf

    Sowas kenne ich nur von Mahomes.

  6. Das ist das geile an der NFL im Fußball undenkbar, Teams die noch vor 5 Jahren unten waren plötzlich ganz oben.
    Hoffe das die Jaguars diese freude auch Mal teilen können.

  7. Pingback: NFL Sonntagsvorschauer – Woche 6 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  8. Hunt ist auch noch fraglich für heute …
    Ohne Hunt und Chubb machen das die Cards. Sollte Hunt spielen können wird es ein 50/50 Ding.

    Lamar sollte gegen die Chargers wieder sehr gefährlich sein über den Boden. Herbert ist immer gefährlich durch die Luft.
    Denke die Tagesform der QBs wird dort entscheiden.

  9. Pingback: NFL Week 6 im Liveblog: Baltimore Ravens – Los Angeles Chargers | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  10. Pingback: NFL Week 6 im Liveblog: Cleveland Browns – Arizona Cardinals | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.