AFC Zwischenstand: Chiefs und Bengals

Ein Blick auf die beiden momentan meistdiskutierten AFC-Teams.

Kansas City Chiefs

Die Chiefs-Performance bei den Titans hat allgemeine Hyperventilierung hervorgerufen. Selbst besonnene Analysten wie die PFF-Forecaster Eric Eager und George Chahrouri haben Kansas City nach dem 3-27 Debakel nur noch am untersten Rande der Top-10 oder gar außerhalb der Top-10 gerankt. Adrian Franke sieht gleich mindestens fünf AFC-Teams oberhalb der Chiefs.

Die Wettmärkte sehen das Thema noch vergleichsweise relaxt: #5 overall und #2 der AFC. Ich tendiere auch nach wie vor dazu, Kansas City in oder nahe der Spitzengruppe zu belassen. Zu präsent ist das Offense-Monster nach wie vor, auch wenn wir die Probleme nicht wegleugnen können.

Die Chiefs waren mein Preseason Superbowl-Favorit – aber ich merkte an mehreren Stellen die möglichen Probleme an. Meine ganze Preseason-Analyse drehte sich um die Schlechtigkeit des Teambuildings von GM Brett Veach in den letzten Jahren.

In meinem abschließenden Absatz schrieb ich:

Die Chiefs sind neben Tampa Bay der größte Superbowl-Favorit – und dank der Präsenz von Patrick Mahomes ist das eine berechtigte Einschätzung. Dank Mahomes und seiner Armada allein werden die Chiefs die allermeisten Teams in der AFC schlagen, aber es gibt berechtigte Zweifel an einem Durchmarsch wie in den letzten Jahren.

Einmal ist die Defense nicht besonders gut, obwohl sie schon 2020 die gesündeste der NFL war. Die strategische Herangehensweise der Coaches ist die richtige, aber wenn sich kein Cornerback als echte #1 aufdrängt, könnte zu viel an der Offense hängen.

Und zum zweiten ist die Offense die potenziell schwächste in der „Ära Mahomes“. Dass man sich beim Thema der dritten Waffe auf Late-Round-Rookies oder den Zufall verlässt, will nicht so recht in meinen Kopf. O-Line und Laufspiel sind schön und gut. Aber mit Mahomes in der Shotgun sollte man sich auf Effizienzmaximierung der Passing-Offense konzentrieren.

Freilich ist auch denkbar, dass Mahomes hinter der neuen O-Line und motiviert vom Superbowl-Fiasko mit einer epischen Saison die NFL in Schutt und Asche spielt. In so einem Fall führen nur Verletzungen oder extremes Pech am dritten Titel der Chiefs vorbei. Aber wenn die Offense einen Zacken nachlässt, könnte es bei der Leistungsdichte schon in der AFC spannend werden.

Nach sieben Spielen sehen wir eine 3-4 Bilanz, die schlimmer aussehen könnte, wenn sich die Browns in Woche 1 nicht selbst ins Knie geschossen hätten. Kansas City, das in der Patrick-Mahomes-Ära vor dieser Saison nur ein einziges Mal mit mehr als acht Punkten verlor (in der Superbowl), wurde allein im Oktober von den Bills (38-20) und jetzt den Titans (27-3) deutlich abgeschossen.

Momentan performt die Mannschaft also gewiss am unteren Ende der Erwartungen. Die Offense ist zu lauflastig. Sie hat nur zwei ernst zu nehmende Receiving-Bedrohungen, und wenn sie aus dem Spiel genommen sind, piept nicht viel. Andy Reids Scheme ist merkwürdig statisch und hat erstmal keine Antworten auf das, was die Defenses verstärkt gegen sie spielen: Two high.

Cover-2 Man ist das Wort der Stunde für den, der gegen die Chiefs antritt. Die Chiefs waren mit der Explosivität von Tyreek Hill und dem Monster-Wurfarm von Mahomes über Jahre gebaut um Single-High zu torpedieren. Jetzt braucht es Konzepte um diese tief stehenden, allein auf Passing-Defense ausgerichteten Verteidigungen zu schlagen.

Nate Tice hat im Athletics-Podcast ein paar Vorschläge gebracht: Double Dig-Routes an der Backside des Plays zum Beispiel. Oder mehr wrinkles im Laufspiel aus der Shotgun um die seichten Boxes der Gegner zu bestrafen.

Auch wenn das gegen die Titans das erste Mal auch abseits der vielen Turnovers anämisch war: Noch ist die Messe nicht gelesen. Aber gegen Giants, Packers, @Raiders und Cowboys sollte man in den nächsten vier Wochen mindestens 2-2 gehen um nicht schon zur Bye-Week Ende November ernsthaft um das Playoff-Ticket zittern zu müssen.

Noch ist die Playoffchance etwa 50%. Noch besteht Hoffnung, dass die Offense zu sich findet und dann im richtigen Moment „klick“ macht und ohne Zillionen Redzone-Turnovers zündet. Noch ist denkbar, dass auch die Defense zumindest einige der größten Lücken schließen kann um dann gerade ausreichend Support zu geben.

Cincinnati Bengals

Es ist nicht lange her, da habe ich an dieser Stelle geschrieben: Ich hasse alles an den Bengals außer der Connection „Burrow to Chase“, die ich liebe. Am Sonntag schossen die Bengals einen der größten AFC-Mitfavoriten Baltimore aus deren Stadion: 41-17. Ein viel dickeres Statement geht nicht mehr.

Joe Burrow war fantastisch. Er hat nicht den fettesten Arm, aber das kaschiert er mit Spielintelligenz und der Traute, die schwierigen Dinger auf das Receiver-Juwel Ja’Marr Chase zu legen, wohin dieser auch immer läuft.

Chase ist atemberaubend. Ich meine: Wer die LSU-Offense 2019 gesehen hat, die beste, perfekteste, unschlagbarste, Offense, die jemals gespielt wurde, der wusste wie gut Chase ist. Ich gebe unumwunden zu, dass ich Justin Jeffersons Breakout in der NFL in der Form nicht habe kommen sehen. Aber wissend um Jeffersons Qualität, und wissend darum, dass bei LSU nicht Jefferson, sondern Chase, die klar beste Waffe war, gab es für mich seit zwei Jahren absolut keinen Zweifel, dass Chase in Kürze zu den besten Receivern in der NFL gehören würde.

Entsprechend richtig war Cincinnatis Einberufung von Chase an #5. Selten hat ein Draftpick so schnell und so selbstverständlich eingeschlagen. Chase fraß am Sonntag in Marlon Humphrey einen Elite-Cornerback zum Frühstück. Er versetzte Humphrey wieder und wieder schon an der Line of Scrimmage. Chase ist mit 1,83m kein Hüne und kein Supersprinter, aber seine Qualität, sich auf engstem Raum Platz und Hebel zu verschaffen, ist unnachahmlich.

Ich weiß nicht mehr wo ich es gestern mitgekriegt habe, aber: Chase ist Top-8 in aDOT (Tiefe der Anspiele) und gleichzeitig Top-8 in Yards after Catch. Viel dominanter geht für einen „Volume Receiver“ nicht. Chase hat 50 Targets gesehen.

Gemessen an seinen erwarteten Yards nach dem Catch ist Chase nach sieben Spielen in seiner ganz eigenen Liga:

In Summe fühlt die Bengals-Offense sich trotzdem noch leicht überschätzt an. Auch am Sonntag war mir das zu lange zu lauflastig – wenn deine Offense die Verteidigung so derbe über die Luft dominiert, musst du keine künstliche „Balance“ halten. Klar: Es zahlte sich am Ende aus. Aber für echt Top-Production müssen Burrow und Chase ständig auf allerhöchstem Niveau performen. IMHO muss aus der zweiten Reihe – Tee Higgins oder Tyler Boyd – noch ein Ticken mehr kommen. Möglich ist es.

Übrigens: Oben angesprochener Nate Tice hat im Podcast auch schon aufgezeigt, wie die Bengals-Coaches Burrow Hilfe gegen den Blitz zur Seite gestellt haben: Mal mit zwei Backs im Backfield, mal verstärkte Blocker an den Flanken, mal Max Protection. Adrian Franke hat es auf Twitter auch schon bildlich gezeigt:

Burrow ging dann 11 von 17 für 267 Yards und 2 TD gegen den Blitz. Viel besser geht nicht.

Stark war auch die Defense. Sie bringt in etwa mittelmäßige Effizienz zustande – und das mit dem anonymsten DefCoord der NFL und ohne echte Stars am Platz. Sie hält einfach als Unit gut dagegen. Es gibt nicht viele Pressures durch Individualaktionen im Passrush – dafür einige Clean-Ups und Coverage-Pressures, weil die Deckung in „drop 8“ Situationen immer wieder lange genug hält.

Lamar Jackson wurde gut „containt“. Die Defense war super vorbereitet – auch wenn sie den einen oder anderen Big Play aufgab. Baltimore hatte wenig Kontinuität in seinem Spiel. Da wird einiges aus dem wenigen Spielermaterial herausgeholt.

Und so ist Cincinnati, man glaubt es fast nicht, aktuell die #1 der AFC-Rangliste mit 5-2 Siegen. Stand heute hätten die Bengals das Freilos in der ersten Runde. Dabei wird es fast sicher nicht bleiben, denn dafür ist das Team an einigen Stellen zu instabil, zu sehr von einzelnen Figuren abhängig. Aber allein die Tatsache, dass dieses Team so schnell so gut auch mit den starken Mannschaften mithält, ist erfreulich.

Das hässliche Entlein ist zurück.

12 Kommentare zu “AFC Zwischenstand: Chiefs und Bengals

  1. Für wie sinnvoll würdest du noch einen Trade in Richtung der Defense sehen bei den Chiefs vor Ende der Deadline um evtl die Defense von komplett horrend auf evtl halbwegs konkurrenzfähig zu heben? Ich hab allerdings jetzt nicht die Pick und Cap-Situation bei den Cheifs im Kopf. Die Offense müsste sich eigentlich wieder fangen und ohne das Gefühl in jedem Drive zwingend punkten zu müssen weil die Defense keinen stoppt, würde das evtl nicht dazu beitragen?

  2. Ich denke, die Chiefs sollten kein nennenswertes weiteres Draftkapital verschwenden.

    GM Veach hat sich bereits in Richtung Sackgasse bewegt, indem er hohe Picks für Mittelklasse-Starter wie Frank Clark oder Orlando Brown (inklusive deren horrend teure Verträge) verpfeffert hat.

    Draftkapital ist wertvoll, weil es billigen Nachschub in den nächsten Jahren bringt.

    Wenn es nun einen billigen Oldie-CB oder EDGE für einen 6th Rounder zu haben gibt, kann man natürlich darüber nachdenken 🙂

  3. In anbetracht des mahomes Vertrags dürfte gilmore zu teuer sein. Er bekommt aktuell gut 6 Mio $ pa, nach der Saison ist er free agent. Zum vergleich: Pick nr 9 draft 2020 cb c j henderson bekommt 1,2 Mio $ pa. Ich denke, diese Kategorie meint der Hausherr eher mit „billig“ … (quelle: otc)

  4. Ich finde die Chiefs komplett surreal: letztes Jahr noch eine der dominantesten Mannschaften (Storyline: „ein Viertel haben sie ernst gemacht und gewonnen“) und jetzt fallen sowohl Defense als auch Offense wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
    Drei Punkte???
    Mit Mahomes?
    Mit Tyreek „Frauenschläger“ Hill?
    Mit Travis Kelce?
    Mit Mecole Hardman?
    Mit Josh Gordon?

    Ich weiss auch nicht, was da schief läuft, aber wir reden hier von Andy Reid und einer superbowl-fähigen Offense. Die letzten zwei Jahre haben die Gegner auch Cover2 gegen die Chiefs gespielt. Es war ganz offensichtlich vor dieser Saison kein Problem.

  5. Hardman und Gordon sind nicht gut. Sie haben nur zwei echte, ernstzunehmende Waffen. Das kann nicht ewig gut gehen, auch wenn es oftmals reicht. Mit der Defense eher nicht, weil Mahomes ständig das Gefühl hat ständig alles erzwingen zu müssen. Er ist auch individuell nicht auf seinem gewohntem Level, für die Drops und Deflections kann er wenig. Fast jeder in der Mannschaft underperformt im Moment, mal weniger mal mehr, bei der Kadertiefe ein großes Problem.

  6. Defenses haben sich schon deutlich anders gegen Mahomes eingestellt als die letzten Jahre:

    – viel mehr Zone-Defense
    – viel mehr Two High Safetys
    – viel weniger Blitzing

    (Sheil Kapadia)

    Die Abgesänge auf die Offense kommen mir viel zu früh. Die Performance ist nicht gut, aber trotz 17 (!) Turnovers, 5 mehr als jede andere Mannschaft, sind die Chiefs #5 in EPA/Play.

    Sie sind #4 in Yards/Play, #1 in Success-Rate und deutliche #1 in Yards/Drive und Drive Success Rate.

    Die Chance, dass die Chiefs eine 24% Turnover-Quote pro Drive halten, ist nahezu null, denn sie würde einen Allzeitrekord aus düstersten Raiders-Zeiten gefährden.

  7. Noch eine kleine Ergänzung zu den plausiblen Erklärungen von Moris und Korsakoff:

    Auf PFT wurde angemerkt, dass Mahomes ein schlechteres Pocket-verhalten hat als früher. Er driftet teilweise aus der Pocket, landet manchmal sogar hinter der Pocket, so dass die Edge-rusher ihn leichter erreichen. Anspielbare Receiver werden im Rush nicht gesehen.
    Es wirkt als wäre er nervöser und forciert Plays.

    Nichtsdestotrotz ist Mahomes noch jung und Reid alt genug. Wenn die Chiefs sich jetzt fangen, ist 13-4 Bilanz noch drin! 😉

  8. Ich schaue seit rund 35 jahren Sport und von Kamerun 1990 hat keine Team jemals meine Sportlerherz von einem Moment auf den anderen gewonnen, wie das Burreaux-LSU Team.

    Als klar war, dass er nach cincy geht und insbesondere nach dem knie letztes Jahr, dachte ich, der beste mögliche Verlauf seiner Karriere wäre, wenn er vor ablauf seines Rookie-Deals nen trade erzwingt.

    Ich freue mich riesig, dass sie aktuell so gut spielen und ich traue gerade auch burrow zu ein neues Powerhouse zu etablieren. Aber irgendwie hab ich die Befürchtung, dass sie nur gut genug sein werden, dass er dauerhaft da bleibt und als phillip rivers endet. Denke dass die bengles einfach im ganzen organisatorisch und finanziell zu schwach sein werden, dass es für den ganz großen wurf nicht reichen wird. Gerade in der AFC North kann ich mir nicht vorstellen, dass sie sich dauerhaft absetzen können.

  9. @Schlabbo: Geht mir ähnlich, LSU 2019 ragt einfach selbst aus der Masse einzigartiger Mannschaften heraus.

    Bei Burrow selbst war ich einen Tick skeptischer, weil ich nicht einzuschätzen wusste, wie man die Explosion von 2018 auf 2019 einschätzen sollte – wie viel war Burrow selbst, wie viel der Scheme-Change und Joe Brady, wie viel die einzigartige Kollektion an Receivern?

    Insofern bin ich bei Burrow angenehm/positiv überrascht. Wenn er so spielt wie aktuell, ist das „high end“ meiner Erwartung.

  10. Pingback: NFL Montagsvorschauer 2021 – Woche 8 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  11. Pingback: Sonntagsvorschauer 2021 – NFL Woche 10 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.