Spitzenspiel-Donnerstag: Arizona Cardinals – Green Bay Packers Preview

NFL Woche 8 startet heute Nacht mit einem Spitzenspiel, bei dem es auch ums Seeding in der NFC geht: Arizona Cardinals (7-0) – Green Bay Packers (6-1). Nostalgiker werden sich an die beiden atemberaubenden Playoff-Kracher der letzten Jahre erinnern und sich beim Gedanken an Karlos Dansby oder Larry Fitzgerald die Höschen nässen. Aber das ist alles Geschichte. Es zählt die Gegenwart.

Arizona ist das einzige noch ungeschlagene Team der NFL. Die Cardinals haben so nebenbei auch nicht bloß Laufkundschaft geschlagen, sondern u.a. Kantersiege über die Titans, Browns und Rams gefeiert. Sie stellen die #3 Offense nach EPA/Play und sogar die #2 Defense nach EPA/Play.

Die Packers sind eine ganze Spur unscheinbarer unterwegs. Sie haben nach der krassen Auftaktschlappe gegen die Saints sechs Siege gefeiert – aber keiner davon war restlos überzeugend. Die Lions und Bears zählen nicht richtig. San Francisco wurde erst in letzter Sekunde per Fieldgoal geputzt, gegen die Steelers würgte man sich durch, die Bengals wurden erst nach dem verrückten Finish mit gleich sechs (!) verschossenen Fieldgoals in der Verlängerung niedergerungen – und am Sonntag gewann man zwar 24-10 gegen Washington. Aber das Spiel war knapper als der Endstand.

Ich habe das Spiel gesehen. Es war ziemlicher Bizarro-Football. Washington drang immer wieder in die Redzone bzw. an die Goal Line vor, schenkte aber immer wieder den Ball her. Washington hatte zwei Turnover on Downs innerhalb der 3 Yards Line – einen davon nach einem versehentlich unfreiwillig abgeschenkten sicheren Touchdown von QB Taylor Heinicke – und eine Interception, und legte obendrauf eine Interception in der Endzone, ein weiteres verpasstes 4th Down knapp vor der Redzone und ein geblocktes Fieldgoal – und einen Fumble tief in der eigenen Platzhälfte, den Green Bay postwendend zu einem kurzen TD versenkte.

Kurzum: Souverän ausschauender Endstand, der hinter der Fassade doch beträchtlich wackelte. Das hätte durchaus schief gehen können.

Covid Situation

Cardinals und Packers sind momentan die beiden „Covid-Teams“ der NFL. Arizona hatte an den letzten beiden Spieltagen mit Corona-Ausfällen wie EDGE Chandler Jones oder Headcoach Kliff Kingsbury zu kämpfen, ist jetzt aber wieder gesund. Dafür hat das Virus jetzt bei den Packers zugeschlagen. Heute fehlen unter anderem DefCoord Joe Perry und – viel wichtiger – der lebenswichtige WR Davante Adams.

Adams‘ Ausfall schlug sich in den Wettbüros extrem krass nieder. Die Lines bewegten sich teilweise bis zu 3 Punkte in Richtung Cards, was für einen non-QB eigentlich unerhört ist. Aber wer die Packers-Offense heuer mehrmals gesehen hat, der wird anerkennen müssen, dass Plan A, Plan B und Plan C in manchen Spielen schlicht „Davante Adams“ lauteten.

Kollateralschaden: Adams war „close contact” vom ungeimpften Allen Lazard, der meines Wissens nach auch ausfällt. So fliegen die Packers, wenn sie nicht noch kurzfristig MVS von der IR aktivieren, mit einem Receiver-Corps aus Rookie Amari Rodgers, Randall Cobb, EQ St. Brown und dem ebenso kürzlich noch auf Covid-Liste stehenden Malik Taylor nach Glendale. Dass Matt LaFleur damit sein gewohntes 11-Personnel durchziehen kann, scheint ausgeschlossen.

Wenn die Packers den Ball haben

Immerhin: Die Packers sind eine der wenigen NFL-Mannschaften, die wirklich über Nacht von einem Playbook (11 Personnel Shotgun/„Rodgers“ Offense) auf ein anderes (12/21 LaFleur/Shanny Offense) wechseln können, ohne komplett lost das Spielfeld zu betreten.

Aber die Effizienz wird leiden und das LaFleur-System mit Zone-Rushing aus 12-Personnel oder mit zwei Runningbacks zu spielen wird auch nicht so einfach – insbesondere, wenn LT David Bakthiari von seiner schweren Knieverletzung noch nicht zurückkehren sollte (gestern Abend war seine Reaktivierung noch in der Schwebe).

Justis Mosqueda hat schon aufgezeigt, dass heute ohne eine MVS-Aktivierung von der IR ein praktisch taufrischer Packers-Skill-Corps am Feld steht:

Aber immerhin hat man noch Aaron Rodgers, den amtierenden NFL MVP. Rodgers hat heuer nicht immer geglänzt. Teilweise wirkte er in seiner Accuracy shaky, fand oft erst in seinen Groove, wenn er einfach alle Targets außer Adams ignorierte und seinem WR1 Zillionen Pässe zuwarf. Aber am Sonntag fand ich Rodgers trotz seiner drei Sacks fast brillant. Es war der souveränste Rodgers in dieser Saison.

Auf der Gegenseite steht mit der Cardinals-Defense ein Phänomen, über das sich zahlreiche Nerds den Kopf zerbrechen. Auf dem Papier macht es keinen Sinn, dass Arizona nach sieben Wochen und solchen Gegnern die #2 Defense nach EPA/Play stellt – noch dazu mit einer derart schwachen Run-Defense (im untersten Viertel gerankt).

Das Wort der Stunde in der Unit von DefCoord Vance Joseph lautet „Aggressivität“. Deionte Lee hat bei PFF sauber herausgearbeitet, was die Cards-Defense ausmacht: Sie spielen einfach Haudrauf. Gegen den Lauf wird auf sauberes Gap-Control geschissen und dafür einfach Down für Down der Tackle for Loss gesucht.

Im Passrush wird über ein Drittel der Snaps geblitzt, oft über die Flanken, wo ein Edge-Rusher den Offensive Tackle beschäftigt, während der Defensive Back ums Eck rauscht und oft genug ungeblockt durchbricht.

Und hinten schafft es eine namenlose Secondary, selbst ohne Blitz-Unterstützung ihren Mann zu stehen. Freilich ist man recht abhängig von clutchy Turnovers – CB Byron Murphy hat allein drei kritische Picks in „high leverage situationen“ gefangen, aber Lee zeigt durchaus einige Aspekte am Spiel dieser Defense auf, die Stabilität versprechen.

Nun schneite heute Nacht die Meldung rein, dass EDGE J.J. Watt wohl für den Rest der Saison raus ist – was zweifellos eine Schwächung ist. Obwohl Watt nach zahlreichen Verletzungen über die Jahre nicht mehr die Urgewalt seiner ersten NFL-Jahre sein konnte, war er der Pressure-Leader mit 28 Stück.  

Gegen eine waidwunde Offense ohne echte Playmaker könnte das heute aber auch ohne Watt eine weitere starke Performance geben. Oder ist LaFleur verleitet, gegen diese offene Zone-Rushing-Defense einfach drüberzulaufen? Und wird ihm das auch nur ansatzweise gelingen?

Wenn die Cardinals den Ball haben

Auf der anderen Seite des Matchups spielt eine Cards-Offense, die trotz weniger größerer schematischer Veränderungen im Vergleich zur letzten Saison sensationell aufspielt: #2 Passing-Offense nach EPA/Play, #5 Rushing.

Nach wie vor ist die „Kliff Air Raid“ eine der wenigen echten Spread-Offenses in der NFL, die in 27% der Fälle vier Receiver zugleich auf das Feld schickt. Die weiter relativ statisch agiert, wenige Motions einbaut und den Top-WR Nuk Hopkins stark auf einer Seite des Feldes lässt. „Multiple“ oder unvorhersehbar ist das alles nicht – und will es auch nicht sein.

Dafür gibt es in 54% der Snaps „QB-Support“ in Form von Play-Action oder Screens. Nur zwei andere QBs kommen auch nur in die Nähe von so viel schematischer Unterstützung – JimmyG und Tua (jeweils 50%).

Die anderen beiden großen Unterschiede im Vergleich zur letzten Saison: QB Kyler Murray spielt auf einem ganz neuen Level, und sein Personal ist wesentlich verbessert.

Kyler ist zwar nach wie kein QB, der es liebt die Spielfeldmitte, die er als relativer Zwerg nicht wirklich sehen kann, anzuvisieren. Aber er wirft immerhin jetzt durchschnittlich viele Pässe dorthin. Die Cards dominieren allerdings mit endlosen Comeback & Hitch Routes zu beiden Seitenlinien, die Murray entweder direkt aus der Pocket, oder im Rauslaufen bedient. Murray ist überdies ein fantastischer Deep-Thrower, der sagenhafte 70% fangbare Pässe über 20 Yards downfield wirft.

Murray ist die #2 nach Big Time Throw Rate – fast jeder 10te Pass ist ein Highlight-Wurf. Er ist die #3 nach Turnover-würdigen Würfen. Und er ist die #2 in fangbaren Bällen. Kurz: Er ist fantastisch, schon bevor wir seine Bedrohung als Runner mit einkalkulieren.

Auch das Personal ist besser. O-Line ist seit dem Ausfall von Center Hudson noch immer etwas wackelig, was sich u.a. in der Form von etlichen gefumbelten oder fast gefumbelten Snaps offenbart. Heute könnte ein third string Center auflaufen. Aber dafür ist man auf Receiver ganz anders unterwegs als letzte Saison.

Nuk bleibt ein Gigant – einer, der allerdings heute game time decision ist.

Oldie Fitzgerald wurde durch den unfassbar schnellen, wendigen Rondale Moore ersetzt – einen meiner absoluten Favoriten, der für mich ein Top-10 Pick hätte sein sollen. Und dazu ist die physische Präsenz eines A.J. Green bei allem nachlassenden Speed auch eine gute Ergänzung zu Christian Kirk gewesen. Allenfalls der Ausfall von TE Maxx Williams ist zu beobachten – am Sonntag waren die Texans diesbezüglich noch kein Gradmesser.

Green Bays Defense ist nicht die allerbeste Unit, auch wenn der Ausfall vom DefCoord überschätzt sein könnte (Perry und LaFleur waren sich heuer nicht immer einig über das Playcalling). Einen Vorteil aber sehe ich darin, dass diese Unit vier Tage nach der einen echten Spread-Offense Washington jetzt die andere sieht: Arizona.

Philosophisch sind Washington und Arizona keine Lichtjahre voneinander entfernt – und beide Offenses haben im Gegensatz zu vielen Spread-Offenses der Vergangenheit auch keine Scheu, aus offenen Formationen zu laufen:

Passrush sollte passen, u.a. dank der Rückkehr von Preston Smith auch mit mehr Tiefe. In der Coverage fehlt weiter CB Jaire Alexander, aber immerhin gibt es mit der Rückkehr von Kevin King a bissi mehr Tiefe im Defensive Backfield. Rookie Eric Stokes spielt auch ganz ordentlich.

Schematisch hat man das am Sonntag mit interessanten Aufstellungen wie Nickel-Formation in Kombination mit 3 Defensive Tackles oder Dime Defense mit drei Safetys gelöst. Ergebnis wie oben schon angeklungen: Eher naja. Ohne die ganzen Turnover hätten das locker um die 30 Punkte für Washington werden können.

Auch zu beachten: Washington hatte nur Terry McLaurin. Der ist #Elite, aber sonst hatte Washington nicht viel zu bieten. Arizona hat viel mehr Speed, auch schon auf der QB-Position. Ich sehe ein schweres Spiel auf die Packers-Defense zukommen.

Ausblick

So sehr ich ein Packers-Upset „fühle“: Arizona muss favorisiert sein. Ich ersinne mir gegen Rodgers zwar durchaus einen Defense-Breakdown. Aber wenn wir bei den hard facts bleiben: Wenn Murray seinen Level der letzten Wochen aber annähernd hält, dann ist es schon wahrscheinlicher, dass das in der Mehrzahl der Fälle für die Cardinals ein Big Win gegen einen angeschlagenen direkten Konkurrenten um den #1 Seed wird.

5 Kommentare zu “Spitzenspiel-Donnerstag: Arizona Cardinals – Green Bay Packers Preview

  1. Wird vielleicht wirklich Zeit für Watt in den Sonnenuntergang zu reiten. So wirklich gesund war er in den letzen Jahren nicht mehr und diese schweren Verletzungen häufen sich langsam. Er ist immer noch genial auf dem Feld, nutzt dir aber nichts wenn er nur eine halbe Saison schafft.

  2. Ja, wenn er wirklich weg vom Fenster ist, dann hat er nur 2 der letzten 6 Spielzeiten durchgespielt.

    Dann noch einmal die halbe.

    Und dann dreimal jeweils ein Drittel oder weniger.

    Dass Watt trotzdem (zurecht) in der GOAT Diskussion ist, zeigt eigentlich nur, wie grandios seine in Summe kumuliert zirka sieben Spielzeiten waren.

  3. Ich sehe da auch immer die Kostenfrage. Was bringt er, zu welchen Kosten. Wenn er irgendwann günstig genug ist, lohnt er auch für eine handvoll Spiele oder weniger.

  4. Wer hätte 2019 gedacht, dass wir 2021 bei einem Sieg der Packers gg. die Card von einem ‚upset‘ sprechen!?

  5. Ich weiß nicht woher immer dieses „ohne Adams geht nix“ und „er wirft eh nur auf Adams“ kommt. Die letzten 6 Spiele ohne Adams wurden alle gewonnen. Rodgers spielt dann meist VIEL sauberer und verteilt die Bälle besser. Ja, Adams hat 34% der Targets gesehen. Das ist aber imho erwartbar beim besten Receiver der NFL. Rodgers wirft nicht _nur_ auf Adams. Er wirft oft auf ihn. Aber es funktioniert auch ohne ihn.

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