Establish the Review: Die NFC nach Woche 8

Wieder so ein krasser Spieltag. Die AFC ist sowieso eine Story für sich, aber ich bleibe heute bei der NFC.

Achtung, Spoiler Monday Night Game.

In Summe war es nicht nur der Spieltag der Horror-Schiedsrichterentscheidungen, sondern auch jener der Backup-QBs. Die Jets mit Mike White, die Seahawks mit Geno Smith, die Saints mit Trevor Siemian, die Cowboys mit Cooper Rush: Alle gewonnen.

Minnesota Vikings – Dallas Cowboys

Gerade das Sunday Night Game kann dabei nicht un-analysiert stehen gelassen werden. Dallas siegte in Minnesota 20-16.

Und Dallas hat das sehr gut gemacht, aber die krassere Story waren die Vikings. Das war eine der deprimierendsten Vorstellungen der Vikes in der Mike-Zimmer-Ära, und eine Partie, die nach „Entlasse! Entlasse!“ schrie.

Die Vikings haben gegen einen Backup-QB gespielt, wie man mit einem Backup-QB spielt: Konservativ bis zum Gebrechen, ein aDOT von weniger als 4.5 Yards, fucking 4 Targets für Superstar-WR Justin Jefferson, dafür sieben Anspiele für TE Conklin und drei für Fullback C.J. Ham. Als man wieder und wieder die Chance hatte, den Gegner zu begraben, spielte man Fieldposition-Game und auf Zeit.

Ich kann das sogar beweisen: Die Vikings sind echt mies darin, Führungen zu vergrößern:

Deutlicher: Bei dem Trainerstab dreht sich die Sonne noch um die Erde.

Die Partie zeigte einmal mehr: Bei allen schönen Worten gibt der ganze Staff auf QB Kirk Cousins genau: Nichts. Cousins wurde mehr versteckt aus Cooper Rush auf der Gegenseite. Cousins hatte 3 (in Worten: drei) Targets tiefer als 15 Yards.

Das Drive-Chart ist blanker Horror und sieht auch nur deswegen nicht völlig unterirdisch aus, weil die Cowboys beim Fieldgoal kurz vor der Pause ins Abseits sprangen und damit ein 4th&5 zum 1st Down verschenkten…

…und entsprechend blieben die Cowboys bis ganz am Ende im Spiel drin.

Dallas musste bis auf den Sieg-TD von Amari Cooper gar nicht viel Spektakuläres bieten – außer noch diesen einen gigantischen Play von Zeke Elliott, der die Sieg-Erwartung der Cowboys von deutlich unter 50% fast verdoppelte und aus einem sehr langen 3rd Down mit der einzigen Hoffnung auf den Ausgleich einen Touchdown vorbereitete, der Minnesota zu einem letztlich gescheiterten Gegenschlag zwang:

Dieser Blog ist seit Jahren Zeke-kritisch. Das war jetzt mal einer der essenziellen Plays, bei denen ein Runningback seinen Wert effektiv unter Beweis stellte, bei einem Screenpass mehrere Tackler aussteigen ließ (erst der vierte Tackler brachte Zeke zu Fall) und einen spürbar positiven Impact auf den Spielverlauf ausübte. Zeke gehört allein wegen dieses Spielzugs ein großer Anteil am Gameball.

Der andere Teil? Gehört Mike Zimmer.

Einmal ist da diese Aussage von Verteidiger Xavier Woods, die implizierte, dass Minnesota trotz aller Gerüchte um Daks Verletzungsstatus nicht auf den Backup Cooper Rush vorbereitet wurde:

Dann diese Aussage vom Quarterback zum Time-Management:

Das war zum Ende der ersten Halbzeit. Am Ende des Spiels wurde es noch wesentlich bizarrer: An der 2-min Warning hatten die Vikes noch alle 3 Timeouts. Dallas spielte an der Redzone bei 3 Punkten Rückstand die Uhr herunter. Zimmer verzichtete mehr als eine halbe Minute lang auf das Ziehen eines Timeouts – trotz aller Gefahr, einen Touchdown zu kassieren.

Dann folgte das Debakel mit den beiden Timeouts und der Defensive Delay-of-Game Strafe, das natürlich auch den Referees zuzuschreiben war. Aber selbst Zimmer wusste nach dem Spiel: Es gibt keine Ausreden. Du kannst als NFL Headcoach nicht solche Böcke schießen und vergessen, dass du im selben Spielzug bereits eine Auszeit verbrannt hattest.

Minnesota hatte bereits vor einigen Wochen vergeblich versucht, ein viertes Timeout zu ziehen. In der ganzen Saison gab es zwei Strafen von wegen Defensive Delay-of-Game. Beide gingen gegen Minnesota.

Das dritte Timeout musste Zimmer nach obigem Zeke-Catch nehmen – und hatte nach dem Cooper-Touchdown zum 20-16 weniger als eine Minute und keine Auszeiten mehr beim Versuch eines letzten Konters.

Männer, es ist Zeit. Beziehungsweise: Zimmers Zeit ist abgelaufen. Das rückständige Game-Management und das Horror-Zeitmanagement sind die krassesten Verfehlungen, aber wir können spätestens mit diesem Spiel auch nicht mehr davon ausgehen, dass Zimmer noch einmal einen vernünftigen Offensive Coordinator machen lässt. Zimmer hat sie alle verbrannt. Hat alle Versuche, die Offense zu modernisieren im Keim erstickt. Hat eine Kultur geschaffen, die egal gegen welchen Gegner jedes Spiel versucht „managable“ zu bestreiten – und das geht in der heutigen NFL schief.

An Vikings-Stelle würde ich Zimmer entlassen, auch wenn die Vikes wie wir weiter unten sehen noch „fringe Wildcard-Range“ unterwegs sind.

Dallas? Ist mit diesem überraschenden Sieg ganz fett in der NFC-Debatte drin. Ich denke, es ist nicht mehr vermessen, die Cowboys als NFC #1 zu setzen, wenn Dak Prescott wieder fit ist. Ich könnte akzeptieren, sie knapp unter Rams, Cardinals oder Buccaneers einzuordnen, aber sie gehören mindestens auf eine Stufe mit den Packers.

Rams sind mal wieder On Mission

Wo die Vikings für 60 Minuten Herumeiern zurecht bestraft wurden, zeigten die Rams, wie man es in der NFL 2021 macht: Sie schossen die Houston Texans ohne Gnade ab, stellten erst nach dem 38-0 das Spielen ein und auch wenn sie am Ende noch drei TD kassierten und einen „Backdoor Cover“ zuließen, so ließen sie keinen Zweifel an ihrer Überlegenheit.

Sie sind jetzt 7-1 und ganz dick im Rennen um den #1 Seed in der NFC. Matthew Stafford ist auf MVP-Kurs und führt in der EPA/Play Wertung mittlerweile deutlich die Liga an:

Quelle: rbsdm.com

Ich war vor der Saison durchaus kritisch und fühle noch immer nicht jeden Zweifel ob das Liaison Stafford/McVay/Rams ausgeräumt, aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Einmal, weil ich Stafford mag. Aber auch, weil ich guten Football mag.

Es ist sonnenklar, dass Stafford nicht ganz die Konstanz eines absoluten Elite-QBs hat – auch nicht in dieser bislang am Stat-Sheet so dominanten Saison. Stafford ist auch weder in Big-Time-Throw-Rate noch in Turnover-würdige-Plays-Rate in den Top-5 klassiert und ist sowohl in Adjusted Completion-Rate als auch in CPOE nicht in den Top-10.

Aber ich habe in den letzten Wochen immer mal wieder Seth Galina und Deionte Lee bei ihren Diskussionen über die Schemes der NFL zugehört, und sie malen ein doch sehr positives Bild von dem, was Stafford der Rams-Offense gegeben hat.

Die Erzählung geht in etwa so: McVay spielt nicht etwa die gleiche Offense einfach mit neuem QB. Vielmehr hat er die Offense erweitert, an die Talente des neuen QBs angepasst.

Das heißt: Stafford kann im Gegensatz zu Jared Goff durch die kompletten Progressions gehen und auch mal an der Backside eine Dig-Route werfen. Diese Fähigkeit, den ganzen Spielzug „durchzulesen“ hat McVay unendlich viele neue Options gegeben. Es muss nun nicht mehr reine 11-Personnel Offense aus condensed formations sein. Jetzt kann er auch echte Spread-Aufstellungen bringen und ganz neue Routen bringen.

Stafford kann tiefere Dropbacks und braucht weniger Play-Action. Er muss nicht mehr die komplette Rushing-Offense mit Outside Zone durchspammen, denn ein 2-yds Run im 1st Down ist nicht mehr das Ende der Welt.

So spielen die Rams viel mehr Empty-Sets mit viel mehr Routen am Feld. Sie spielen viel tiefere Dropbacks, weil Stafford sich viel schneller neu orientieren kann, wenn der erste Read nicht da ist. Und das offenbart sich in einem der zehn höchsten aDOTs und gleichzeitig einem der zehn schnellsten Times-to-Throw.

Ich hatte schon in der Season-Preview geschrieben: Stafford ist neben Brady der einzige QB, der das schon letztes Jahr konnte. Aber jetzt tut er es in einem raffinierteren System und mit besseren Receivern. Ich bin gespannt, ob die Rams-Offense ihren Level halten kann.

Die Rams selbst sind offenbar von sich überzeugt, denn gestern haben sie den nächsten „All in“ Move gemacht und EDGE Von Miller von den Broncos geholt. Der Preis ist durchaus gesalzen: 2nd und 3rd Rounder für ein halbes Jahr Miller als Passrusher.

Die Rams haben damit nicht bloß keine 1st Rounder mehr, sondern über einen 5th Rounder auch erstmal gar keine Draftpicks mehr für nächsten April (es könnten noch 1-2 Compensatory-Picks kommen z.B. wegen des Verlusts vom farbigen Manager Brad Holmes an die Lions).

Ich bin längst am Punkt, wo ich diese Dringlichkeit respektiere. Du bist im Fenster, also schlachte es jetzt aus. In ein paar Jahren fliegt der Laden eh auseinander. Die Offense ist noch besser als gedacht und könnte tatsächlich auch ohne perfekten QB stabil bleiben. Die Defense ist gut, aber an einigen Stellen fragil – mehr Passrush von den Flanken als Unterstützung zu Aaron Donald wird helfen.

Die Rams ragen aus der NFC nicht heraus, aber sie sind eines von 3-4 echt guten Teams im Mix, und das in einem Jahr, in dem in der Parallel-Conference AFC sogar die Chiefs zu struggeln scheinen.

Saints

Sean Payton ist Coach-of-the-Year Material, wenn er sogar mit third string QB Trevor Siemian die Tampa Bay Buccaneers schlagen kann. Siemian war bei Gott kein verlässlicher QB als Jameis-Winston-Ersatz.

Winston ist bis Ende Saison mit Kreuzbandriss raus und offensichtlich wollen die Saints eine „in-house“ Lösung als Ersatz. Das heißt: Kein Cam Newton. Kein Comeback von Drew Brees. Auch keine Rede von Philip Rivers.

Also Siemian, Taysom Hill oder Rookie Ian Book.

New York Dinosaurs

Die Niederlage der Giants im Arrowhead Stadium war mit 17-20 knapper als erwartet. Und obwohl sich so ein Endstand nach zahllosen Ausfällen mit dem zweiten Anzug spielend gar nicht so schlecht liest, bleibt nach der Partie einmal mehr zu konstatieren: Mit einem Dinosaurier wie Joe Judge wird das nie mehr was werden.

Zwar ging Judge beim 4th & Goal von der 1 Yard Line ohne zu zögern auf den Touchdown – soweit ist die Moderne sogar bis nach Hintertux vorgerückt.

Aber ein paar Drives später ließ Judge ein 23 Yards Fieldgoal bei 4th&2 kicken – eine Situation, die außer last second zum Sieg Situationen ohne jeden Zweifel und ohne Diskussionen immer auszuspielen ist, aber umso mehr als klarer Außenseiter auswärts bei den Kansas City Chiefs.

Du meinst, „Dinosaurier“ ist für Gettlemans handerlesenen Headcoach übertrieben?

Nun: Judge entschuldigte sein verheerendes Timeout-Management über die ganze Saison in der Pressekonferenz mit der Fehlfunktion seiner Headsets in jedem einzelnen Stadion.

So geht das, wenn man nicht weiß, dass man solche neuartigen technischen Dinger einschalten muss.

Playoff-Bild

Cowboys (7-1) und Packers (7-1) sind so gut wie Divisions-Champs, und die Buccaneers (6-2) haben ihre Staffel trotz der Pleite bei den Saints auch so gut wie in der Tasche.

Die beiden 7-1 Teams Cardinals und Rams werden die NFC West unter sich ausmachen und das andere Ticket als Wildcard vergeben.

Die anderen beiden Wildcard-Spots scheinen an zwei Teams aus diesem Quartett zu gehen: Saints (5-2), 49ers (3-4), Seahawks (3-5) und… Vikings (3-4 / deren EDGE Danielle Hunter ist wohl allerdings out for season).

Carolina (4-4), Atlanta (3-4) und Chicago (3-5) sind rechnerisch auch noch irgendwo dabei, aber tut mir Leid: Da braucht es schon ein mittleres Wunder, dass eins aus diesem Trio (oder eins der NFC-East-Nachzügler) die Stabilität für auch nur einen kurzen „Run“ auf das Spielfeld bringen.

6 Kommentare zu “Establish the Review: Die NFC nach Woche 8

  1. Fehlt unter dem Absatz ‚Sie sind jetzt 7-1 und ganz dick im Rennen um den #1 Seed in der NFC. Matthew Stafford ist auf MVP-Kurs und führt in der EPA/Play Wertung mittlerweile deutlich die Liga an:‘ möglicherweise ein Graph?

    Ansonsten starke Artikel, vielen Dank

  2. Kannst Du bitte bei dem „Establish the Review: Die AFC“ ein paar Gedanken zu den Rookie-QBs fallen lassen, korsakoff?

    Danke Dir.

  3. Dass die Vikes auf Cousins nicht geben , ist obvious.
    Aber wäre es nicht Cousins Aufgabe dann einfach gegen die Anweisung zu unleashen, audibles in die Hand zu nehmen , etc.
    ?
    LG

  4. @Heisman: das kannst Du als Spieler nicht bringen; damit stellst Du in aller Öffentlichkeit den Coach bloß. Ich stelle mir das ein bisschen wie bei Johnny Manziel vor: Der hat auf dem Feld auch nie die korrekten Spielzüge ausgeführt. Hat nicht lang gehalten. Leider. War ein aufregender Spieler, der Johnny Football.

    Aber wenn die Vikings mit Cousins nichts anfangen können/wollen, wäre es doch nett, wenn sie ihn an Sean Payton (Saints) weiterreichen würden. Ich habe von Cousins schon ein paar tolle Performances gesehen. Und die Stats von Siemian (gut 50% Completions) zeigen nicht, wie katastrophal viele seiner Incompletions waren.

    Man muss die Rams einfach für ihre Cojones bewundern. Die scheinen den Saints zu fehlen, wenn sie jetzt nicht versuchen, einen Veteran-QB zu holen. Ich verstehe, wenn Michael Thomas keinen Bock hat, dort seine Karriere zu begraben.

  5. Pingback: Establish the Review (II) – AFC, Rookie-Quarterbacks, Deshaun Watson | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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