Date mit den Dolphins – Spoiler: Es wird nicht schön

Auftakt zu NFL Woche 10 heute mit dem Donnerstagsspiel Miami Dolphins (2-7) – Baltimore Ravens (6-2). Die Vorzeichen könnten nicht klarer sein.

Baltimore gilt momentan als eines der wenigen „zuverlässigen“ AFC-Teams und ist heute Nacht als Auswärtsteam mit 7.5 Punkten favorisiert. Dass es nicht deutlicher ist, liegt wahrscheinlich daran, dass die verletzungsgeplagten Ravens erst vor vier Tagen 70 Minuten gegen die Vikings batteln mussten.

Denn eigentlich muss das eine klare Sache werden.

Die Miami Dolphins unter der Lupe

Obwohl Regression eines der Schlagworte der Preseason-Erwartungen bei den Dolphins war – zumindest außerhalb der Hardcore-Fanbase – muss der bisherige Saisonverlauf als extreme Enttäuschung durchgehen.

Hier aus meiner Zusammenfassung in der Preseason-Vorschau der Dolphins:

Gelingt Tua der Durchbruch z.B. mit überdurchschnittlicher Effizienz nach EPA/Play, wird das vieles von der zu erwartenden Regression der Defense auffangen – und viel mehr noch: Positive Stimmung für 2022 und darüber hinaus verbreiten.

In dem Fall hätte Miami plötzlich die so heiß ersehnte Aussicht auf langfristigen Erfolg.

Aber wir müssen nach Tuas Einstand 2020 leider auch schon darüber reden, was passiert, wenn er nicht signifikant besser wird. Denn dann werden schnell Stimmen nach einem neuen QB laut werden.

Unter der (gefährlichen) Prämisse, dass wir die Idee „Tua ist unser Guy“ als gegeben betrachten, hat Miami ganz okaye Arbeit geleistet um dem QB gute Rahmenbedingungen zu verschaffen. Aber es hätte auch einen Tick mehr sein können. Es hätten statt Investments in Passrush/Safety durchaus auch noch mehr Draftpicks für die Offense sein können – beim Thema O-Line vielleicht müssen. Vielleicht hat man es nicht gemacht, weil dort eh schon viele Jungspunde über das Feld laufen. Dann hätte man aber Veterans holen sollen.

So oder so: Es war absehbar, dass Miami nach so vielen Draftpicks in den letzten Jahren auf vielen Schlüsselstellen (QB, WR, OL, Passrush) jung besetzt ist. Das macht das Team irgendwo zu einer Wundertüte. Ich würde für 2021 auf keinen Fall Wunderdinge erwarten.

Resultat: Die Fins sind 2-7, spielen grausamen Football in Offense und Defense, haben nur zweimal mehr als 20 Punkte erzielt, einen Shutout gegen Buffalo kassiert, gegen die Jacksonville Jaguars verloren, das viertschlechteste Punktverhältnis der NFL – und ihre einzigen beiden Siege gegen Houston und mit Glück gegen die Patriots herausgewürgt. Die Probleme sind überall.


#1 Nicht-Entwicklung bei Tua. Der hoch gedraftete 2nd-year QB, der schon letztes Jahr echt verloren aussah, sieht mehr und mehr wie ein Bust aus. Nicht falsch verstehen: Tua ist besser als letzte Saison.

Das sehen auch Experten wie J.T. O’Sullivan so.

Aber in Summe ist er immer noch außerhalb der Top-20 QBs in PFF-Grading, in positiven Plays, in Turnover-worthy Plays, in Accuracy-Percentage. Er ist weiterhin völlig abhängig von den geschemten Plays wie RPO, Screens oder Play-Action (zweitmeiste der NFL). In Summe ist Tua absolutes Mittelmaß:

Er ist nicht zuverlässig fit – auch heuer hat er mehrere Spiele verpasst und gilt auch heute als „questionable“ wegen Fingerverletzung.

Gegen Graupen-Defenses wirkte Tua im Oktober stabiler, sicherer. Aber es vergeht praktisch kein ganzes Spiel ohne Bullshit-Moment, in denen Tuas „Hero Ball“ misslingt. Für einen QB, der weniger als 3% Big-Time-Throws macht, ist das ein untragbarer Spielstil.

Das einzige, worin Tua echt gut ist: Sacks vermeiden. Trotz hoher Pressure-Rate kassiert er nur 4% Sacks – weniger als 12% Pressure-to-Sack Rate. Aber damit allein wirst du in der NFL kein high-end-Starter.

Dazu ist er natürlich quasi enteiert, seit die Dolphins bis vor zwei Wochen offenbar mit Nachdruck versuchten, den von etlichen Vergewaltigungsvorwürfen umwobenen Deshaun Watson als seinen Nachfolger zu holen und erst in allerletzter Minute nach dem Veto des Owners zurückzogen.

Kurz: Leider kein guter NFL-Einstand für einen meiner All-Time-College-Football-Heros. Tuas Schwächen als College-Prospect haben sich in der NFL in zugegeben nicht idealen Umständen potenziert. Bloß wissen wir auch: Wir dürfen QB-Verfehlungen nicht zu sehr mit den Umständen entschuldigen, denn viele der Probleme sind typischerweise QB-immanent.

Kann Tua noch langfristig ein passabler Starter werden? Klaro. Das geht auch mit einem Wurfarm, der extrem angestrengt wirkt, wenn es mal tiefer als 15 Yards geht. Aber dazu braucht es ein vernünftiges Offensiv-System, guten Support-Cast und extrem gutes mentales Processing. All das fehlt im Moment.


#2 O-Line. Der größte Schwachpunkt der Saison. Bei PFF wie bei ESPN ist die O-Line abgeschlagene #32 in Pass-Blocking (Grades und Win-Rate) – und keine der zahllosen Rotationen hat Erfolg gebracht:

Rookie Liam Eichenberg auf LT und RT
Austin Jackson auf LT und LG
Jesse Davis auf LG und RT
drei verschiedene Center ausprobiert

Nur Robert Hunt hat seinen Platz auf Right Guard sicher – aber Hunt hat wie Jackson und Davis schon über 35 Pressures aufgegeben. Der vierte Mann Eichenberg hat 20. Die Center kommen in Summe auch auf über 20. Das ist einfach erbärmlich schwach auf allen Seiten – und nicht förderlich für eine Stabilität im Quarterbacking.


#3 Receiver-Corps. Will Fuller hat kaum gespielt, Devante Parker ist mit 12.9 Yards aDOT der „deep threat“, macht aber nur 1.7 Yards/Route als WR1. Rookie Jaylon Waddle ist der „high volume guy“ mit 76 Targets, aber Waddle wird nur kurz angespielt und wird häufig als Slant-Guy auf RPOs verschwendet. Zwei Drittel seiner Snaps findet er im Slot statt, weswegen außen neben Parker meistens mit Mack Hollins ein nur zweitklassiger Mann aufläuft.

Man kann es auch anders formulieren: Wenn du im Passspiel auf Mike Gesicki als zentrale Option bauen musst, bist du gefickt.


#4 Defense. Pass-Rush in Miami ist optional, denn trotz der zweithöchsten Blitz-Rate bringt die Defense nur mittelmäßig viele Pressures zustande. Auf individueller Ebene ist kein Passrusher in den Top-50 nach win-Rate klassiert.

In der Secondary ist der letztes Jahr gedraftete Noah Igbinoghene quasi als Bust abgestempelt, und weil weder der hochbezahlte Byron Jones noch der unzufriedene Xavien Howard in Form sind, sprechen wir bei Miami nur von der #23 Passing Defense nach EPA/Play – und das trotz zahlreicher Spiele gegen schwache Offenses.


#5 Coaching. Brian Flores, vor einem Jahr noch ein gefeierter Held, schaut Woche für Woche stärker angeknackst aus. Seine eigene Defense stinkt komplett ab, seine selbst auserwählten Offensive Coordinators scheitern daran, auch nur einen halbwegs vernünftigen Gameplan abseits der Zillionen RPOs zu implementieren.

Und auch sonst macht Flores einen ratlosen Eindruck. Er ist Hose voll in 4th Downs (#28 der NFL), hat keinen Plan B wenn die Offense nicht zündet und wird auch sonst jede Woche schmallippiger. Ich würde schon seit Wochen keinen Pfennig mehr drauf wetten, dass er nächste Saison noch an der Dolphins-Seitenlinie steht.


#6 Front Office. Okay. Machen wir es kurz. Alle meiner Offseason-Analysen zu den Dolphins waren unter die Bedingung gesetzt, dass Miamis Entscheidung, Tua noch eine zweite Saison zu geben, die richtige war.

Die O-Line wachsen zu lassen. Den #3 Pick zu verkaufen. Den #6 Pick mit einem 1st Rounder extrem teuer zu erkaufen. Einen Receiver zu draften. Und so weiter.

Turns out: Wenige Wochen nach Beginn der Saison sah dieser Plan gescheitert aus. Der ganze Dolphins-Rebuild hat gut begonnen, aber letzte Offseason haben die Jungs um GM Chris Grier die falschen Schlüsse gezogen. Sie haben die Augen verschlossen vor dem Offensichtlichen. Sie haben zu sehr auf die Entwicklung des jungen Kerns gebaut.

Hinterher ist man immer schlauer. Aber im „Fall Dolphins“ waren die Anzeichen dafür, dass man auf QB schon hätte die Reißleine ziehen sollen, sehr deutlich. Vielleicht bringt Tua irgendwann noch was. Aber nicht in solchen Umständen wie in Miami. Jetzt sind der Franchise „going forward“ die Hände gebunden.

Und heute?

Tua wird also möglicherweise erneut ausfallen – wenn sein Backup Jacoby Brissett mal wieder ran muss, dann droht ein Pressures- und Sack-Festival, denn Brissett hält den Ball ewig. Das geht unter Garantie schief, wenn er hinter dieser O-Line gegen die Bolzen wie Calais Campbell oder Jayson Oweh ran muss.

Nicht, dass diese Jungs eine überragende Saison spielen würden. Aber diese O-Line ist ein idealer Aufbaugegner. Und wenn sie wider Erwarten nicht die 1-vs-1 dominieren sollten, dann werden die Blitzes aus der zweiten Reihe einschlagen.

Selbst wenn Tua starten sollte: Ich sehe nicht, wie Miami da auch nur Anflüge von tieferem Passspiel aufziehen will. Ich meine: Die Ravens sind in der Secondary durchaus angreifbar – aber erst ab CB3. Und Miami hat keine drei Receiver, die verlässlich direkte Duelle in Man-Coverage gewinnen können.

Selbst wenn die Ravens-Offense hier einen Stinker hinlegt, halte ich Baltimore hier für deutlich favorisiert, denn dann wird das Spiel ein Slugfest.

10 Kommentare zu “Date mit den Dolphins – Spoiler: Es wird nicht schön

  1. Vielleicht haben die Verantwortlichen in Miami im Moment kein Interesse etwas zu ändern. Zumindest QBs wären ja in Rivers oder Newton (ups, zu spät) verfügbar. Ich nehme an, man hat im Front Office die Saison abgehakt und wartet nur darauf, wie hoch der Pick wird.
    Bleibt zu hoffen, dass Tua in der Offseason getraded wird und eine Franchise findet, die ihm Zeit gibt sich zu entwickeln.

  2. Es gibt keinen eignen Pick dieses Jahr der ist bei den Eagles. Sie können also gefahrlos gut spielen.
    Müssen nur hoffen die 49ers spielen schlecht, da sie deren 1st haben.

  3. Ah, stimmt ja! Hatte ich ganz verdrängt. Das wurde ja vom Hausherrn letztens erwähnt. Wie übel ist das denn… Dolphins-fans hatten seit Dan Marino nicht mehr viel zu lachen, aber das ist jetzt wieder mal besonders grausam. Und obendrein auch noch selbstverschuldet. Manche Fan-bases muss man einfach für ihre Loyalität bewundern. Die Dolphins sind die neuen Browns…

  4. Ich denke, das trifft’s:

    Cover-0, haufenweise Blitzes, Ravens-OL unterirdisch im Blitz-Pickup, Lamar Jackson total unpräzise, keine Motions der Receiver und damit auch kein explosiveres Passing Game.

    Beides Offenses ziemlich kaltgestellt.

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