Establish the Review – NFL Playoffrennen, College Football Trainerkarussell

Guten Morgen. Endlich mal wieder Zeit für ein paar vertiefte Gedanken zum Footballgeschehen in den USA.

Im College Football ist das Playoff so viel wert, dass der Coach eines 11-1 Teams mit dem vielleicht größten Namen (Notre Dame) kurz vor der möglichen Einladung über Nacht zu dem Team abhaut, das in den zwei Jahren nach dem Titel mit der größten Offense aller Zeiten komplett ins Mittelmaß versunken ist (LSU). Die Rede ist von Brian Kelly, dessen überraschender Wechsel zu LSU nicht bloß von den haargenau gleichen Nebengeräuschen umgeben war wie vor 12 Jahren sein Wechsel von Cincinnati zu Notre Dame. Kelly bei LSU ist für mich die Definition von „Kulturschock“.

Und Kelly ist nur die zweitgrößte News auf dem College-Trainermarkt (Lincoln Riley sagt Oklahoma Tschüss und geht zu USC – er kriegt wie Kelly einen Vertrag nördlich der 100 Mio und auch sonst allerlei Annehmlichkeiten).

Bei so viel Lärm im Trainerkarussell kann man zum ersten Türchen im Adventskalender ganz sachte mal nebenbei betonen, dass Michigan-Coach Jim Harbaugh, der bekanntlich erst in der Offseason eine Gehaltskürzung hinnahm, die durch die starke Saison reingespielten Prämien jetzt an seine Uni und deren Angestellte spendiert.

Harbaugh mag mit seiner Außendarstellung eine Lachnummer sein und auch ohne die Prämien nicht am Hungertuch nagen. Aber sowas sieht man selten.

So. Zur NFL. Dort werden im Dezember keine Trainerwechsel von Playoffaspiranten verkündet.

AFC-Playoffbild

PFF postet in seinem Power-Ranking diese Woche die Playoff- und Division-Win-Wahrscheinlichkeiten:

 Power RkW-LPlayoffDiv-Win
Titans98-498%96%
Patriots58-491%42%
Chiefs17-487%69%
Bills47-487%58%
Ravens88-386%54%
Bengals117-469%36%
Colts126-648%4%
Raiders196-531%7%
Broncos186-527%10%
Browns146-625%8%
Chargers216-539%14%
Dolphins235-76%0%
Steelers245-5-16%1%

Die Titans sind mit zwei Siegen Vorsprung und gewonnenem Tie-Breaker gegen die Colts (beide Head-to-Head gewonnen) quasi durch. Indianapolis müsste in den verbleibenden fünf Spielen schon satte drei Siege mehr als Tennessee holen. Gemessen an der Tatsache, dass die Titans die vielleicht verletzungsgeplagteste Mannschaft der NFL haben und mit nur 13 jede Woche verfügbaren Spielern die mit Abstand geringste Kontinuität vorweist…

…wäre ein Kollaps der Titans ja noch denkbar. Aber: Tennessee hat auch gleichzeitig den einfachsten Restspielplan der NFL: JAX, @PIT, SF, MIA, @HOU. Dass die Colts hier mit ihrem Schedule, der u.a. noch Bengals und Patriots aufweist, noch vorbeiziehen können, ist minimal. Entsprechend listet PFF nur noch eine 4%ige Chance auf die Playoffs.


Die Colts – ich habe Woche für Woche mehr Sympathien für diese Mannschaft. Das liegt vordergründig an deren Headcoach Frank Reich. Ich habe schon vor einigen Wochen analysiert, wie Reich seine eigentlich fürs Mittelmaß prädestinierte Mannschaft mit sensationellem Coaching über Wasser hält.

Am Sonntag lieferte Reich ein weiteres Meisterstück im Playcalling ab, indem er mit einer 51/18 Pass/Run Ratio gegen die Buccs fast den Upset geschafft hätte: Indy verlor nur knapp 31-38 – und das bei einer 2:5 Turnover-Bilanz und mehr Penalty-Yards.

Reich wurde hinterher in den sozialen Medien heftig für seinen passlastigen Approach kritisiert – den besten Runningback der NFL, Jonathan Taylor, müsse man pounden lassen. Völliger Bullshit. Reich hat alles richtig gemacht – er klopfte sich nach dem Spiel zurecht auf die eigene Schulter:

Selbstlob stinkt – außer es ist total berechtigt. Wie zum Beispiel in diesem Fall. Reich hat verstanden, wie man in der NFL Plays callt. Tampa ist ein Gegner mit einer wuchtigen Defensive-Front gegen den Run und einer waidwunden Secondary. Passspiel zu callen ist grundsätzlich fast nie eine schlechte Idee – gegen einen Gegner mit dem Profil der Buccs umso weniger.

Reich merkte auch richtigerweise an, dass sechs der Pässe in der zweiten Halbzeit direkt aus RPOs resultierten – die eigentlich als Rushing-Plays konzipiert sind. Die Plays machten im Schnitt 7 Yards/Versuch.

Es ist nicht Frank Reichs Schuld, dass Zach Pascal, Caron Wentz und Nyheim Hines die Bälle gleich reihenweise wegfumbelten bzw. die Punts wegmufften. Zwei von Wentz’ tiefen Würfen wurden abgefangen – einer war ein starkes Play von Safety Winfield.

Ich bin nach wie vor nicht sicher, wie viel Upside die Colts haben. Aber es ist bezeichnend, dass sich der wichtigste Erfolgsfaktor Reich für den richtigen Gameplan beim Public entschuldigen muss. Der Weg zu einem allgemein fundierten Footballverständnis ist noch weit.


Die Patriots dagegen sind unterwegs zum #1 Seed. Sie haben mittlerweile sogar höhere Playoffchance als die Bills, zu denen sie am Montag in der Primetime reisen müssen.

Die Bills sind nach EPA/Play die #4 Offense und #1 Defense, aber es ist total bezeichnend für diese Saison, dass sie trotzdem alles andere als unschlagbar wirken. Im Gegenteil: Wäre es jetzt noch so überraschend, wenn Bill Belichick im Monday Night Game einen Gameplan auspackt, an dem sich der strauchelnde QB Josh Allen die Zähne ausbeißt?

Ich meine: Grundsätzlich mag Allen die Art von Defense, die New England spielt – mannorientiert und blitzlastig – aber die Bills-Defense ist recht eindeutig auf der Suche nach dem eigenen Ich.

Belichick hat noch zwei Spiele gegen Buffalo und eins gegen ein angesprochen waidwundes Tennessee. So groß die Gefahr ist, dass die Pats nach ihrem bislang gespielten #31 Schedule ein klein bisschen überschätzt sind, so denkbar sieht der Weg zum Top-Seed mittlerweile aus.

Und das mit einem Rookie-QB – dem als fünften QB gedrafteten. Es wäre ein weiterer Meilenstein in der illustren Karriere des Bill Belichick und ein Schlüssel zum nächsten „Coach of the Year“ Award.


Superbowl-Favorit in der AFC bleiben für mich aber die Chiefs – da können die Offense-Zipperlein noch so groß sein. Die werden sich finden. Die Chiefs haben einen clean path in die Playoffs, weil in der AFC West niemand so richtig kann.

Nicht ganz zu vergessen: Die Chiefs haben bis jetzt den mit Abstand schwersten Schedule aller Contender gespielt – und kriegen in den letzten sechs Wochen jetzt durchaus machbare Matchups:

  • Zweimal die Broncos, die zwar defensiv wissen wie man gegen Mahomes und Co. spielt, aber offensiv nicht die Firepower haben um das auszunutzen
  • Raiders, deren freier Fall erst von waidwunden Cowboys an Thanksgiving gestoppt wurde
  • @Chargers, gegen die man zwar schon das Hinspiel verloren hat, aber nicht ohne einiges Turnover-Pech bei Mahomes. Außerdem merken die Chargers-Fans seit Wochen brutal, warum Joe Lombardi seit Jahren in Detroit verhasst ist wie die Pest.
  • Steelers, die gerade von den Bengals 3-41 abgeschlachtet wurden
  • Bengals, die ein Paradebeispiel für ein aufstrebendes, aber inkonstantes Team sind und nicht den Trainerstab haben um alle Hebel betätigen um einen Sieg zu erzwingen

Jene Bengals sind durchaus ein valider Außenseitertipp für den Gewinn der AFC North. Bei der müssen wir uns mit strauchelnden Ravens und Browns langsam davon verabschieden, es mit knackigem Topfootball zu tun zu haben (BAL + CLE sind nach EPA/Play fast perfekt durchschnittlich – und selbst das wirkt zu positiv mit dem Gegurke vom Sunday Night Game im Hinterkopf).

Und in der NFC?

Die genießt in weiten Teilen über einen weit besseren Ruf als die AFC. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob zurecht.

Arizona ist mit 9-2 und einer 2-1 Bilanz mit Backup-QB das Team mit dem besten Record, aber soll ich wirklich mit voller Überzeugung an ein Kliff-Kingsbury-Team glauben?

Die Packers sind 9-3, aber Performance-technisch sind die Käsköpp fast identisch mit den Colts, Rams oder 49ers klassiert:

Quelle: rbsdm.com

Ich meine: Matt LaFleur ist ein Coach, der sich über seine drei Jahre in Green Bay alle Achtung verdient hat. Vielleicht unterschätze ich die Leistung der Packers, die ohne zwei wichtige O-Liner und ohne einen CB Jaire Alexander drei Viertel ihrer Spiele gewonnen haben.

Aber auch wenn es im Power-Ranking zu einem Platz um Top-5 reicht: Wie viel besser ist das #5 Team in diesem Jahr im Vergleich zum, sagen wir, #15 Team? Ich tue mir schwer, die Packers wirklich aus einem Pulk an durchschnittlich bis guten, aber serienweise verflauselten Teams, hervorzuheben wie z.B. ein Adrian Franke.

#1 Seed ist trotzdem durchaus denkbar, weil man das direkte Duell gegen Arizona schon gewonnen hat (wenn auch glücklich) und man einen eher einfachen Restspielplan hat: Bears, @Ravens, Browns, Vikings, Lions. Aber das ist eher ein Packers-Team der Qualität von 2019/20 als von 2020/21.


Dallas (7-4) stolpert seit Wochen durch die Saison und hat drei der letzten vier Spiele verloren – aber immerhin die Hoffnung, dass mit der Rückkehr der ganzen Verletzten und Covid-Ausfälle wieder alles besser wird.

Bleibt Tampa Bay mit seiner 8-3 Bilanz. Auch hier nicht allzu überzeugend – der Sieg in Indy war eigentlich pures Glück, aber die Buccs sind schon jetzt die #1 Offense, obwohl sich das noch arg wie „Luft nach oben“ anfühlt – und ein Comeback von Antonio Brown ist auch nach seiner Covid-Ausweis/gefälschter-Ausweis-Affäre nach wie vor denkbar.

In Summe: Ja, vier praktisch eingetütete Divisions-Sieger. Aber keiner außer vielleicht den Buccs wirkt unangreifbar, und selbst Tampa kann ich mit seinen oft zweifelhaften Coaches auch nur dank des „Tom-Brady-Faktors“ ganz nach oben setzen – spürend, dass andere Trainerstäbe (Frank Reich, looking @ you) mehr als den Möglichkeiten herausholen.


Wildcard-Rennen ist total offen. Die Rams (7-4) wirken nach wiederholt miesen Performances offensiv ausgeguckt – nicht unerwartet, ich hatte auch nach dem Mega-Start zu Saisonbeginn davor gewarnt, dass die Sean-McVay-Offenses dazu tendieren, zur Saisonmitte und hinten raus merklich abzukühlen. Auf Twitter haben das unter der Woche einige Analysten auch visuell dargestellt:

Wie es ausschaut, hat auch der angebliche Superstar-QB Matthew Stafford, der in Detroit ganz einfach eine „Perle-vor-die-Säue“ gewesen sein soll, daran nix geändert.

Hätten sich die Leute doch mal in den letzten 10 Jahren für die Lions interessiert. Nicht nur hätten sie gewusst was für eine Graupe Joe Lombardi ist. Sie hätten auch gewusst, dass man Matthew Stafford nicht bedingungslos über den Weg trauen darf. Super Typ, Sympathieträger, aber eben kein Elite-QB dessen Superstar-Potenzial einfach nur herausgekitzelt werden muss.


49ers sind mit 6-5 Bilanz aktuell die zweite Wildcard. Ich habe keine richtige Meinung zu den Niners, aber bei The Athletic einen echt interessanten Einblick von Kyle Shanahan in seine Denke als Play-Caller gelesen:

Basically: Has Shanahan decided that the QB job is entirely Garoppolo’s now and for the rest of the season?

Shanahan’s answer was fascinating, surprising and wholly Shanahan: He essentially conceded that giving Garoppolo 100 percent of the snaps helps him stay in rhythm as a play caller. Shanahan said he didn’t realize his play-calling feel would be disrupted by a two-QB system until that’s what happened earlier this season.

“It’s been more about me, to tell you the truth, in terms of just calling plays and stuff,” Shanahan said. “We get into a rhythm of attacking a defense and what fronts they’re playing, what coverages. Every play kind of plays off the next play and you get a feel, our players do and I, kind of what we’re going to …

“What’s been hard on me that I didn’t realize is when you do bring in a quarterback who gets a different set of plays, then it’s almost like it’s the first play I’ve been seeing of a new defense. Because now, yeah, you see what fronts and coverages they’re doing, but they’re doing it completely to a plan as a threat of a runner at the position. And so I don’t know what to anticipate with it. And then I’ve got to stay in it for a while to get a feel for that. And then when you go back, that feels kind off for the last guy.

“So it kind of hurts my rhythm a little bit of understanding what the defense is (doing) and that’s why personally as the year’s gone I’ve gotten a little bit more away from it. ‘Cause I like to get a feel for what the defense is doing.”

So that’s what happened to the 49ers’ two-QB system. You can see the honesty in this, I think: Shanahan is giving us a glimpse into how he attacks defenses while simultaneously indicating that he didn’t understand how much his process relies on sticking with the same kind of QB. He’s saying he didn’t know this until he tried planning a two-QB system. Now that he’s back only plotting for one QB, the offense is back in syncopation.

That is real stuff there.

Bäm. Extrem interessante Einblicke in Shannys Denke und Verständnis von Offense, Rhythmus und Flow.


Das Wildcardrennen dahinter ist so „hochklassig“ (Spoiler: NOT), dass sogar Washington eine 35%ige Playoffchance hat – jenes Washington, dem gestern of all people der epische RG3 Unruhe angedroht hat als er den Titel seines Buches vorstellte. Titel: „Surviving Washington“. Da kommt die nächste starke Brise auf Dan Snyder und Co. zu.

Das Gute: Es wird nicht langweilig. An keiner Front.

4 Kommentare zu “Establish the Review – NFL Playoffrennen, College Football Trainerkarussell

  1. Man würde ja erwarten, dass es für Defenses auch schwieriger ist sich auf zwei Qbs vorzubereiten- vielleicht ear zu klar, in welchen Situationen wer spielt…

    Muss ich einfach mal loswerden:
    Meine Panthers frustrieren mich brutal- halte den Kader eigentlich für Überdurchschnittlich, aber da wird einiges in den Sand gesetzt. Furchtbar in 3rd downs, furchtbar in close games und furchtbar bei 4down decisions – und das ist jetzt zwei Jahre konstant. Mag sein, dass Joe Brady die offense nicht hinbekommt, aber die overall decisions von Rhule sind auch fragwürdig…

  2. „It’s time for you to know the truth.
    On sale 8.9.22. Preorder now.“
    Ich hoffe, Robert hat „die Wahrheit“ bereits den Ermittlungsbehörden mitgeteilt.

    bzgl. Packers: Rodgers scheint in entscheidenden Situationen immer noch einen Gang zulegen und einen Laser in ein antizipiertes Minifenster feuern zu können. Als Mensch ist der Typ völlig indiskutabel, aber ein Leder-ei werfen, das kann er.

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