Vikings – Steelers: NFL-Date der Enttäuschten

Duell der einzigen Detroit-Lions-Nichtbesieger heute Nacht beim NFL Thursday Night Game Minnesota Vikings (5-7) – Pittsburgh Steelers (6-5-1). Es hat schon ein bisschen was von Spiel der letzten Playoffchance für beide.

Vikings und Steelers liegen im Power Ranking von PFF fast gleichauf, aber nach EPA/Play trennt die beiden Teams doch ein recht deutlicher Gap:

Quelle: rbsdm.com

Interessanterweise hat Minnesota trotz negativem Record ein positives Punktverhältnis und die Steelers trotz positivem Record ein negatives Punktverhältnis. Das liegt daran, dass die Vikings eine absolut Affinität für One-Score-Games entwickelt haben: 11 ihrer 12 Spiele endeten innerhalb von 7 Punkten, Minnesota führte in jedem Spiel außer einem zwischenzeitlich mit mindestens einem Score, aber Minnesota ging 4-7 in diesen Spielen.

Dagegen hat Pittsburgh einen Close Game Record von 5-1-1: Oft knapp gewonnen, ein paar Mal deutlich verloren.

Der Sonntag war diesbezüglich für beide Mannschaften bezeichnend. Die Vikings spielten wie immer mit dem Feuer, ließen die hoffnungslosen Detroit Lions davonziehen – nur, dass sie diesmal anders als im „Hinspiel“ kein Last-Second-Fieldgoal zum Sieg einschossen, sondern tatsächlich verloren, weil CB Cam Dantzler in allerletzter Sekunde Luft verteidigte.

Die Steelers dagegen zogen die Ravens auf ihr Niveau herab und hatten in letzter Minute das Glück des Tüchtigen, als die Baltimore Ravens auf der entscheidenden Two-Points-Conversion einen offenen TE Mark Andrews verpassten, und Andrews den dennoch fangbaren Ball droppte, und damit Pittsburgh mit 20:19 gewann.

Oder anders: Das sind zwei Teams mit vielen Flauseln, aber beide sind in der Lage, an guten Tagen gute Mannschaften zu schlagen. Sie stehen synonym für das NFL-Mittelmaß.

Für beide ist der Divisionssieg längst in weite Ferne gerückt (Pittsburgh 5% Chance, Minnesota 1%), weswegen es prinzipiell für beide Teams nur mehr über die Wildcards in die Playoffs geht. Pittsburgh hat dabei Stand heute eine 14%ige Chance per PFF, Minnesota trotz schlechterem Record eine 20%ige.

Beide haben den einfachen Teil ihres Schedules hinter sich – beide müssen heute gewinnen. Eine Niederlage halbiert die jeweilige Playoff-Erwartung.

State of the Steelers

Bei den Steelers hat QB Ben Roethlisberger vor ein paar Tagen mehr oder weniger verkündet, was qua seiner Vorstellungen eh jeder wusste: Dass dies wohl die letzten Wochen seiner NFL-Karriere werden.

Big Bens physischer Verfall über die letzten 2-3 Jahre war eklatant. Er ist nur noch der #24 QB nach EPA/Play, die #31 in PFF Passing Grade, er ist unter den schwächsten QBs was Yards/Pass, 1st Down Rate, Success-Rate und CPOE angeht.

Der einst mobile Roethlisberger wirkt heute als hätte er Beton an den Füßen. Roethlisberger ist der QB, der die mit Abstand schnellsten Pässe der NFL wirft (Time-to-Throw 2.3 Sekunden) – und damit zwar kaum Pressures kassiert, aber auch im Schnitt mit die kürzesten Pässe der NFL wirft.

Roethlisberger ist ziemlich unpräzise auf kurzen Routen und hat eine der niedrigsten Accurary-Rates auf den wenigen tiefen Bällen. Eine stabile Offense lässt sich mit ihm im Jahr 2021 nicht mehr spielen.

Teile der Steelers-Fanbase und wahrscheinlich auch des Front-Offices geilen sich an ihrem neuen RB Najee Harris auf, der 760 Yards und 5 Touchdowns gemacht hat. Das ist really nice, bis man auf die Advanced Stats schaut:

  • 3.5 Yards/Carry
  • 2.6 Yards/Carry nach dem Erstkontakt (#40 der NFL)
  • Nur ein einziger Breakaway Run von 20 Yards.

Ich muss nicht weiter schreiben. Wir wussten, dass Harris ein komplett verschenkter Draftpick sein würde.

Auf Receiver sind die Steelers nominell stark, aber weder Chase Claypool noch Deionte Johnson sind wirklich konstant. Johnson hat über 2 Yards/Route. Claypool hat fast 2 Yards/Route. Die große Frage bei Claypool für die weitere Zeit als NFL-Profi wird sein, ob er sein immer wieder angedeutetes Potenzial irgendwann konstant abrufen kann.

Übrigens: Najee Harris hat 16% Target-Share als Runningback. Das heißt: Jeder sechste Pass geht zu Harris. Dass dann für die Passing-Offense insgesamt nicht viel bei rumkommt, dürfte nicht überraschen.

O-Line ist gar nicht so einfach zu bewerten, weil Roethlisberger so schnell den Ball wegwirft.

Klingt, als ob noch längst nicht alle Probleme geklärt wären.

Schematisch hat sich die Offense in den letzten Wochen einigermaßen gemacht, aber obwohl unter dem neuen OffCoord Matt Canada jetzt mehr Motion und mehr Deception gespielt wird, ist die Play-Action Rate noch immer bei nur 20% (immerhin fast doppelt so hoch wie letztes Jahr). Mit Roethlisberger wird man wohl einfach nicht mehr spielen können.

In der Defense hat T.J. Watt ein weirdes Jahr. PFF gibt ihm 16 Sacks, was in Richtung NFL-Rekord geht. Aber seine Win-Rate und seine Pressure-Rate sind nur niedrig Top-10 bzw. sogar außerhalb.

Dahinter „verteidigt“ eine Coverage-Unit, die bei PFF als unerhörte #31 gelistet wird.

State of the Vikings

Wo bei den Steelers klar ist, dass es 2022 einen neuen Quarterback geben wird – aber nicht klar ist, welchen – stehen die Vikings vor einer extrem ungewissen QB-Zukunft. Das Team ist durch die Vertragsverlängerung und -neustrukturierung von Kirk Cousins wohl unwiederbringlich mindestens ein weiteres Jahr an Cousins gebunden (35 Mio. guaranteed + 10 Mio Roster-Bonus stehen an), und Cousins spielt unter idealen Bedingungen auch nicht horrend.

Aber wenn die Bedingungen nicht mehr ideal sind, so wie zuletzt mit Ausfällen von RB Dalvin Cook und WR Adam Thielen, ist Cousins nicht mal mehr gut genug um die Detroit Lions zu schlagen.

Es ist mittlerweile dem letzten klar, was Cousins ist: Quarterback-Fegfeuer. Gut, wenn er in Rhythmus mit Play-Action-Bomben und „von vorne“ spielen kann. Nahezu unbrauchbar, wenn es in die Crunch-Time geht oder er Rückstände aufholen muss.

Cousins und Headcoach Mike Zimmer können sich nicht riechen, und jedes geplaycallte Spiel ist aufs Neue eine Bestätigung, dass Zimmer Cousins nicht über den Weg traut.

Ben Solak hat beim Ringer das niedergeschrieben, was sich viele denken: Eigentlich müssten die Vikes ihre komplette Führungsriege um GM Rick Spielman, Zimmer und Cousins austauschen und die Weichen stellen für einen Neustart. Zu lange ist Spielman am Problem der Quarterback-Findung gescheitert, zu konservativ ist Zimmers Herangehensweise in Sachen Offense, zu limitiert ist Cousins, wenn man wirklich nach ganz oben will.

Bloß: In allen Mannschaftsteilen ist genug Potenzial da, dass man nicht gern alles einreißt. WR Justin Jefferson zum Beispiel ist ein absolutes Juwel, einer der fünf, sechs besten Receiver in der NFL. Auch Thielen ist ein sehr guter, wenn auch gerade verletzt.

Wie gut ist Jefferson?

  • Zweitmeiste Receiving-Yards mit 1209
  • Dritthöchste 1st Down Rate mit 13%
  • Sechsthöchster Targets-Share gemessen an allen Team-Targets mit 27%
  • Zweithöchster Anteil an den Receiving-Yards einer Mannschaft mit 36%
  • Fünfthöchste Yards/gelaufener Route mit 2.7

Und das alles, obwohl Jefferson mit 32% Slot-Snaps (dort, wo Receiving einfacher ist) viel weniger „innen“ operieren darf als andere Top-Receiver wie Cooper Kupp (68% Slot), Tyreek Hill (52%) oder Keenan Allen (62%). Jefferson ist diesbezüglich mit Adams (auch 32% Slot) vergleichbar, hat aber einen höheren aDOT als Adams (12.8 zu 10.6) und damit weniger „designte“ Targets, bei fast identischer Yards after Catch, ähnlicher Rate an 11-Personnel am Feld und einem schwächeren QB.

Genug der Hymne auf Jefferson. O-Line hat in LT Darrisaw und RT O‘Neill zumindest an den Flanken echte Hoffnungsträger, und die Defense hat an ausreichend Stellen etablierte Starter oder junge Hoffnungsträger, dass sie mit einem Coach Zimmer zumindest durchschnittlichen Schutz bieten kann.

Und heute?

Ist Minnesota mit 3 Punkten favorisiert, auch wenn Cook und Thielen wohl ausfallen werden. Ich bin gespannt.

9 Kommentare zu “Vikings – Steelers: NFL-Date der Enttäuschten

  1. Als Steelersfan habe ich natürlich auf Social Media diversen Steelerskram abonniert. Und muss ich immer den Kopf schütteln, wenn dann irgendwelche „Stats“ gepostet werden, wo Harris ranked: (Steelers-)RBs, (Steelers-)Rookies, Rookie-RBs etc. Und es wird natürlich immer nur die absolute Yardzahl genommen…

  2. Das war mal ein gnadenlos direkter Take zu den Vikings. Er passt zum Eye-test: Auf dem Papier haben sie eigentlich kein schlechtes Team, aber auf dem Feld harmoniert die Offense nicht so recht.
    Ich würde mit Captain Kirk den Frühjahrsputz anfangen. Vielleicht mal in Houston anrufen. Oder bei einem Team, was das nötige Kleingeld für den „Osweiler-move“ hat.

  3. @Carosh.- Tatsächlich. Eine solch desolate Vorstellung der Steelers hab ich noch selten, wenn überhaupt gesehen. Die Vikings können Offensiv wie Defensiv walten wie sie wollen.
    Roetlisberger hat seinen Abgang zu lange hinaus geschoben, Ende 2019/20 wäre perfekt gewesen.

  4. Ohhh Minnesota – 3 TD in 5 Minuten für Pittsburg.
    Minnesota führt klar und dann dieser Einbruch.
    Aber halt, es sind halt die Vikings….Geschenke erhalten die Freundschaft…..

  5. Ich habe nur die in der Tat desolate erste Hälfte gesehen. Allerdings finde ich geht das schon seit einigen Wochen so, mit dem Tiefpunkt gegen die Bengals. Die Gegner können eigentlich machen was sie wollen: sei es drüber laufen mit zumeist absurden Yds/Run-Zahlen, aber auch immer wieder wichtige Pässe auf weit offene Receiver anbringen, dazu haufenweise missed tackles. Die Defense kriegt allenfalls mal einen Stop hin, wenn das gegnerische Playcalling dem Pass Rush genug Zeit erlaubt.
    Dass das Woche für Woche so geht, grenzt an Lächerlichkeit seitens des Coaching Staffs und Arbeitsverweigerung auf dem Feld.

    Und die Offense hat umgekehrt mal hier ein gutes Quarter, mal da ein gutes Quarter. Aber für jedes davon 2-3, wo sie einfach unterirdisch sind, mit am Ende 20x 3 Yds durch Harris und zumeist nicht mal sonderlich präzises Kurzpassgewichse von BigBen.

    Für mich haben die Verantwortlichen auf ganzer Linie versagt. Eigentlich scheinen im Front Office durchaus fähige Leute am Werk, denn die Roster konnten sich lange Zeit echt sehen lassen, und das durchaus mit building through the draft. Aber man hat zwei, drei Jahre zu lange an BigBen festgehalten, ist nicht zuletzt auch deswegen in Cap-Kalamitäten, die das Roster gerade auch in der Secondary haben ausbluten lassen. Dazu jetzt der Harris-Pick. Und bei Tomlin sage ich auch schon seit Jahren, dass er bei weitem nicht so gut ist wie sein Record.

  6. Ich war gerade wegen des records mit immer wieder neu- bzw umgebauten Mannschaften eigentlich immer ein Tomlin Befürworter. Das war schon sehr konstant bei den Steelers, unter wechselnden Umständen.

    Aber vielleicht gibt es analog zur QB Hell auch eine Coaching Hell: die Mannschaften kommen über ein gewisses Level nicht hinaus.
    (Auf ganz anderem Niveau: Marvin Lewis in Cincinnati, Schwarz in Detroit)

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