Samstagsvorschauer – NFL Week 15

Wer auf der Jagd nach Bad Takes ist, für den war gestern im Anschluss an Brandon Staleys Fourth Down Five „Field Day“.

Mittendrin war natürlich der Posterboy für üble Takes Michael Lombardi. Lombardi ist natürlich ein spezieller Fall, was Ahnungslosigkeit angeht, aber auch unbestritten smarte Football-Guys sind einfach bis heute nicht in der Lage, zwischen strategischem Game-Management (Expertise von Analytics) und Spielzugdesign/operativem Mikromanagement (Expertise vom „Football Guy“) zu unterscheiden.

Es sind nicht die gleichen Dinge.

Es ist möglich, in einem Feld Experte zu sein und im anderen auf dem Holzweg. Der „Analytics-Weg“ ist mehr als ein paar isolierte Momente, in denen man die dicken Hosen anzieht. Er ist eine kulturelle Entscheidung: Vertraue ich den Fakten mehr als meinem Bauchgefühl? Bleibe ich bei meinem auf Daten basierten Entscheidungsprozess, auch wenn es ein paar Mal hintereinander schief läuft? Habe ich die Eier, auch gegen die Kritik der greisen Weisen bei meinem Ding zu bleiben?

Brandon Staley ist so ein Typ, der überall mit „Ja“ antwortet – und das ist ein brillantes Zeichen für die Zukunft der Chargers. Staley hat auch heuer nicht in jeder 4th-Down-Situation perfekt entschieden, aber er steht offensiv für seinen Weg ein und kommuniziert ihn auch in einer Art, dass es auch der letzte versteht. Damit hat er offenbar das Team soweit geeint, dass die Medienmeute der kompletten Mannschaft seit Donnerstag nicht eine einzige kritische Stimme entlocken konnte. Im Gegenteil: Staley legte gestern nochmal nach:

Um zu verdeutlichen, dass das ganze keine reine theoretische Spinnerei ist, sondern die Chargers auch auf messbare Art in der praktischen Welt schon in der Summe netto einen Sieg gebracht hat: Gegen Chiefs (Spiel 1) und Browns hätten sie sie verloren, wenn sie „die Punkte genommen“ hätten. Gegen die Chiefs (Spiel 2) hätten sie gewonnen, wenn sie gekickt hätten. In Summe +1 Sieg für den Brandon Staley Way.

Heute dürfte an der Front des testosterongeschwängerten Analytics-Bashings wieder Normalität einkehren – aber das Gegenteil von Normalität ist momentan an der NFL Corona-Front zu spüren. Gestern sind nach langem Hin und Her die ersten Spiele der laufenden NFL-Saison verschoben worden.

Die Covid-Front

Das für heute geplante AFC-Spiel Cleveland – Las Vegas wurde auf Montag verschoben. Die beiden für Sonntag geplanten Spiele Eagles – Washington und Rams – Seahawks wurden vorsorglich auf den Dienstag verschoben.

Wie schon letztes Jahr liegt der Grund in den Verschiebungen nicht in einer möglichen Wettbewerbsverzerrung, sondern wird als medizinische Entscheidung verkauft, weil es deutliche Hinweise auf unkontrolliertes Spreading der ansteckenderen Omikron-Variante bei den Browns (wo die NFL sogar die Tests herunterschrauben wollte um die Fälle zu reduzieren), Rams und beim Washington Football Team gab.

Natürlich sind solche Verschiebungen ungut, noch dazu, wenn Teams wie die Raiders gerade auf dem Sprung ins Flugzeug nach Cleveland waren. Doch es war anscheinend die einzige Option um den NFL-Regularien nach die Spiele abhalten zu können, ohne die im Sommer angedrohten Gehaltsausfälle für die Teams einzuleiten.

Und: Die plötzlichen massiven Covid-Ausbrüche betreffen mehr als eine Mannschaft. Sebastian Carl hat gestern Abend eine kurze Aufstellung der Fälle pro Team zusammengestellt. Die Liste muss nach zahlreichen neuen Fällen in Cleveland wohl mittlerweile erweitert werden.

Interessante Dynamik nebenher: Während die NFLPA angeblich massiven Druck auf die NFL ausübt, das im September aufgegebene tägliche Testen wieder einzuführen, soll ein beträchtlicher Teil der Spieler überhaupt nicht mehr hinter der Spielergewerkschaft stehen, sondern lauthals die Abschaffung der Covid-Protokolle einfordern. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann sollen die Regeln zumindest dahingehend gebogen werden, dass asymptomatische Spieler auch ohne negativen Test auflaufen dürfen.

Außerdem wohl schon fix: Genesene werden für den Rest der Saison nicht mehr getestet. Das wusste schon Trump: Du willst weniger Coronafälle? Teste einfach weniger!

Ziel der NFL bleibt also offenbar, die Saison auf Biegen und Brechen innerhalb von Woche 18 durchzuboxen.

Der neue Spielplan für NFL Week 15

Der neue Spielplan für dieses Wochenende lautet hiermit:

  • Sa/So Indianapolis Colts – New England Patriots (02h15)
  • So Buffalo Bills – Carolina Panthers (19h)
  • So Detroit Lions – Arizona Cardinals (19h)
  • So Miami Dolphins – New York Jets (19h)
  • So New York Giants – Dallas Cowboys (19h)
  • So Pittsburgh Steelers – Tennessee Titans (19h)
  • So Jacksonville Jaguars – Houston Texans (19h)
  • So Denver Broncos – Cincinnati Bengals (22h05)
  • So San Francisco 49ers – Atlanta Falcons (22h05)
  • So Baltimore Ravens – Green Bay Packers (22h25)
  • So/Mo Tampa Bay Buccaneers – New Orleans Saints (SNF 02h20)
  • Mo Cleveland Browns – Las Vegas Raiders (23h)
  • Mo/Di Chicago Bears – Minnesota Vikings (MNF 02h15)
  • Di/Mi Los Angeles Rams – Seattle Seahawks (01h)
  • Di/Mi Philadelphia Eagles – Washington (01h)

Das einzige heute verbliebene NFL-Spiel: Indianapolis – New England.

Colts – Patriots

Patriots und Colts dürften grosso modo in Bestbesetzung auflaufen, was sich gut macht, denn für beide geht es um viel:

  • Die Pats (9-4) sind Front-Runner im Rennen um den #1 Seed, brauchen den Sieg aber auch unabhängig davon, um nicht zu riskieren, noch einmal von den Bills im AFC-East-Rennen bedrängt zu werden.
  • Die Colts (7-6) sind am unteren Ende des Wildcard-Rennens und brauchen wahrscheinlich drei Siege aus den letzten vier Spielen um nicht auf verrückte Tie-Breaker angewiesen zu sein um überhaupt in die Playoffs zu kommen. Dabei ist zu beachten, dass es für Indy nächste Woche noch nach Arizona geht.

Spielerisch sind beide Offenses ähnlich gepolt: Power-Rushing als Basis gepaart mit Fokus auf Fehlervermeidung bei den Quarterbacks.

„Fehlervermeidung“ in Zusammenhang mit Carson Wentz wäre vor einem Jahr noch ein Fall für vorgezogenen Fasching gewesen, aber tatsächlich scheint Wentz in Indy, wo es keine fuffzehn Einflüsterer gibt, sondern einen einzigen klaren Entscheider in Headcoach Frank Reich, zumindest soweit zu sich gefunden zu haben, dass er als guter Support für die oft dominante Rushing-Offense um die Top-OL und Jonathan Taylor agiert.

Wentz ist #15 in EPA/Play. Er bringt zwar kaum besonders positive Momente, aber hat mit 2.2% die viertniedrigste Rate an Turnover-würdigen Plays in dieser Saison.

Freilich: Implosionen wie im Regen in San Francisco oder im Schlussviertel gegen die Titans sind immer noch Teil von Wentz, und ehrlicherweise wäre niemand überrascht, wenn Wentz heute vom Mastermind Belichick ins Bockshorn gejagt würde, denn niemand ist besser darin, QBs zur Verzweiflung als Belichick – umso weniger, wenn er wie diesmal zwei Wochen Vorbereitungszeit hatte und auf eine sehr clevere Secondary zurückgreifen kann.

Ich bin gespannt wie die Colts das offensiv anlegen werden. Die Pats Rushing-Defense ist zwar insgesamt ganz gut (#8 in Defensive EPA/Run), wirkte aber gegen die besseren Laufspiele mehrfach alles andere als sattelfest. Dagegen sind die Colts die mit Abstand beste Laufspiel-Offense der Saison.

Die Pats werden offensiv das spielen, was sie immer spielen. Sie werden nicht von ihrem Standard-Gameplan abweichen. Das heißt: Mac Jones wird nur als allerletzte Ausflucht von der Leine gelassen. Bis dahin wird gelaufen, gekurzpasst, gelaufen, gekurzpasst, gelaufen, gelaufen, bissl tieferer Alibi-Pass, gelaufen, gekurzpasst… und so weiter. Gegen eine Colts-Defense, die grundsätzlich Offenses den tiefen Ball wegzunehmen versucht und sie zum geduldigen Underneath-Game zwingt, ist das für die Pats übrigens kein unpässlicher Gameplan.

In Summe wirken mir die Pats nicht so stabil wie sie in den letzten Wochen auf der Oberfläche ausschauten. Aus einem wirklichen Loch musste sich die Offense noch nicht herausgraben, und wo fast nie deutlich zurückzuliegen eindeutig auch ein Qualitätskennzeichen sein kann, so glaube ich doch, dass der Angriff nicht die Variabilität hat, um mit so vielen Situationen umzugehen wie andere AFC-Teams.

Indy ist auch nicht ganz zufällig mit 2.5 Punkten favorisiert. Das heißt: Ohne Heimvorteil sehen die Buchmacher Patriots und Colts trotz zweier Siege Unterschied in der Win/Loss Bilanz gleichauf. Mit einem „normalen“ 2021-Tag von Wentz erwischt, könnte das für die Colts ein Sieg werden. Aber Wentz ihm Belichick das Fadenkreuz auf die Brust gemalt hat, ist auch ein Kollaps mit grauem 23-10 pro Pats durchaus nicht ausgeschlossen.

Bowl Season

Übrigens: Gestern ist auch die Bowl Season im College Football losgegangen. Was ich früher reizvoll fand, interessiert mich heute leider kein Jota mehr. Wer mit einem NFL-Spiel mitten in der Nacht nicht genug hat, für den hat der ESPN Player fünf Bowls ab 17h im Programm:

  • 17h Appalachian State – Western Kentucky
  • 20h15 Fresno State – UTEP
  • 21h30 #13 BYU – UAB
  • 1h30 Oregon State – Utah State
  • 3h15 Marshall – #23 Louisiana

Vorschauen auf die ganzen Spiele hat der Kollege Jan Weckwerth auf seinem Triple Option Blog.

7 Kommentare zu “Samstagsvorschauer – NFL Week 15

  1. „Was ich früher reizvoll fand, interessiert mich heute leider kein Jota mehr.“
    In diese Richtung geht es bei mir aktuell mit der NFL. Witzigerweise bin ich diesen Herbst beim CollegeFootball hängengeblieben. Die einzelnen Spiele der Kids haben manchmal eine Unbeschwertheit und Einfachheit, die ich im Millionenbusiness NFL vermisse.
    Bestes Beispiel finde ich den Superbowl: von Werbung völlig zerrissen, konservativste Spielzüge, Nervosität, extrem viel versponnenes Rumgelaber: „Statistisch hat ein NFC-team an einem Tag mit 23-27Grad Celsius auf Kunstrasen nie verloren, wenn sie in dunklen Jerseys aufgelaufen sind.“
    Bei den College-kids finde ich vieles einfacher und direkter: zwei Teams laufen auf und spielen Football. Bäm.
    Ich muss allerdings zugeben, dass ich schon länger kein komplettes NFL-spiel mehr geschafft habe. Vielleicht schalte ich einfach zu früh ab, bevor die QBs ihre Rocketarms warmgeworfen haben, wer weiss… 😉

  2. RE: Colts – Pats

    Da sind einige wesentliche Priors über die Patriots bestätigt worden.

    – Run-Defense = Fraud =CHECK
    – Offense = zu eindimensional, nicht in der Lage mit Rückstand zu spielen = CHECK
    – Belichick = im Playcalling von der Zeit überholt = CHECK

    Colts hatten 0.19 EPA/Run. Pats haben sich von der Stärke der Colts überpowern lassen und das Spiel nie in Richtung Wentz lenken können.

    Wentz hat nicht viel tun müssen und war trotzdem shaky genug um die Pats mit einer INT zurück ins Spiel zu bringen. Aber in der AFC haben sie trotz dieses QBs vielleicht eine Chance.

  3. Das war wahrlich kein schönes Spiel. Den Pats traue ich aber an guten Tagen zu, den Gegner auf das eigene Niveau herunterzuziehen und dann Spiele doch knapp halten zu können. Auch wenn es heute nie wirklich nach einem Sieg aussah, gibt es dann doch genug Teams, denen so ein Spiel nicht liegt.

  4. Pingback: Sonntagsvorschauer 2021 – NFL Week 15 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  5. Wobei das Spiel deutlich knapper war als man denkt wenn man den irren blocked Punt abzieht der schon beinahe von selbst in die Endzone flog.
    Dafür das die Pats ziemlich mies gespielt haben und über drei Viertel nichts hinbekommen haben, hätte es viel deutlicher stehen müssen.

    Aber ja das letzte Field Goal war komplett lächerlich. Hey ich stehe zwei scores hinten…lass uns mal ein FG schießen damit ich auch weiterhin zwei scores hinten liege…bei 5 Minuten im letzten Viertel. Cool ein Touchdown…und ich stehe auch weiterhin ein score hinten – wie es dazu bloß gekommen ist.

  6. @Pats

    Gibt es denn irgendwo Insight in das Binnenverhältnis McDaniels und Belicheck in Bezug auf das Offense Coaching und Calling? In wie weit sind die „Old School“-Entscheidungen wie das FG rein auf Bill zurück zu führen oder wie positioniert sich Josh im Analytics Universum und versetzt Bill in die Lage moderneres Game Management zu forcieren?

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