Boom! hat fertig

Heute Nacht ist John Madden gestorben. Madden gilt als eine der einflussreichsten Figuren in der Geschichte der NFL.

John Madden war als Headcoach, Kommentator und Unternehmer ein Multi, und als Typ ein rastloses Unikum wie es sie nur ganz selten gibt.

Madden war in den späten Sechzigern und Siebzigern der Chefcoach bei den Oakland Raiders, und er brachte es in zehn Jahren als Coach nicht nur zustande, nie schlechter als 9-7 zu enden, eine Superbowl zu gewinnen und zahllose AFC-Endspiele zu erreichen, sondern vor allem auch, sich nie mit dem ewig streitbaren Raiders-Owner Al Davis zu verkrachen.

Madden scheiterte an mehr Titeln, weil er in einer Zeit parallel zu den Dynastien der Miami Dolphins (einzige Perfect Season der modernen NFL-Geschichte) oder Pittsburgh Steelers (4 Titel in den Siebzigern) coachte. Aber seine 76% Winning-Percentage ist noch immer die höchste eines NFL-Headcoaches ever.

Nach seinem Burnout Ende der Siebziger trat Madden vom Coach-Job zurück um etwas mehr vom Leben zu sehen als Trainingszentren, Flughäfen und Footballstadien. Eine andere Mannschaft als die der Raiders wollte und konnte er nicht coachen:

Aber weil ein Rsatloser wie Madden nie Ruhe geben kann, ging er alsbald zum next step seiner Karriere über und wurde TV-Kommentator. Als solcher revolutionierte der korpulente Madden mit seiner voluminösen Stimme eine ganze Branche.

Madden war kein Intellektueller, sondern ein Populist, der die unverkennbare Gabe hatte, auf Leute zuzugehen und ihnen in einfachen Worten komplizierte Sachverhalte zu erklären. Er veränderte die Sprache und auch die Lautmalerei („BOOM!“ / „woosh“), mit der Football auch dem Durchschnittsmenschen zugänglich gemacht wurde, und implementierte mit dem Telestrator auch das heute alltägliche Instrument um X und O auch dem Letzten verständlich reinzudrücken.

Die Beispiele von Maddens legendärer, detailversessener und doch einfach zu konsumierender Kommentierung sind zahlreich, und ich habe nur beim Durchscrollen auf Twitter einige Spannende gefunden.

Oder hier der letzte Big Play seiner Karriere in der Kabine:

Das ging 30 Jahre lang so – und das bei allen großen US-Networks. Madden fing bei CBS an, wechselte in den Neunzigern zum jungen FOX Network, dem er zum entscheidenden Aufschwung verhalft, revitalisierte schließlich bei ABC Anfang der 2000er Monday Night Football ehe er ab 2006 noch vier Jahre lang bei NBC kommentierte.

Diese letzten Jahre waren die Jahre, die ich John Madden noch live als Kommentator erlebte. Es waren auch die Jahre, in denen Madden längst nur noch ein Schatten seiner selbst war, immer wieder mit Al Michaels vom Geschehen abschweifte und über Belanglosigkeiten schwadronierte, und ich mich fragte, was denn so Großartiges an diesem Kommentator sein sollte. Es war die Zeit, in der längst Cris Collinsworth als #1 der US-Analysts übernommen hatte.

Natürlich kannte ich Madden schon damals von seinem Konsolenspiel. Ich habe stundenlang, monatelang, ja fast jahrelang Madden NFL gezockt, bin 3000 Yards mit Michael Vick gescrambelt, 19-0 gegangen, habe wie wohl jeder andere Gamer in derselben Saison den Passing- und Rushing-Rekord pulverisiert – immer mit Maddens Kommentierung im Ohr. Neben seinem Coaching- und Kommentatoren-Job war das Videospiel Maddens drittes ganz großes Standbein.

So sehr das Spiel in den letzten Jahren stagniert haben mag: Die Art und Weise, wie Madden und Co. die KI in den ersten Jahren implementiert haben, war schon großes Kino. Schon Mitte der 2000er war unmissverständlich absehbar, in welche Richtung sich der ganze Sport entwickeln würde – aus einem Videospiel heraus!

Und so war er als Coach bei Football-Guys respektiert, ebenso wie in der großen Masse, die bei Footballspielen teilweise nur einschaltete um ihm zuzuhören oder seine Werbeclips zu sehen, und bei den Kids, die die unter seinem Namen vertriebenen Games zockte.

Madden war nicht ohne Flauseln. Er hatte z.B. Flugangst und tourte jahrzehntelang mit seinem Bus kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten, von einem Spiel zum nächsten. Es ist dieser Bus, von dem aussteigend Madden mit so vielen Leuten in Kontakt kam – diese Zeilen von Peter King aus dem Jahr 2009 beschreiben ganz gut, warum Madden so gut bei Jedermann angekommen ist (H/T Kai Pahl/Allesaussersport):

Madden was taking his bus cross-country from the Bay Area to New York for a Giants game that weekend, and this restaurant was the dinner stop seven hours into the trip. [… When] he’d finished eating, a fellow came up to him and introduced himself. Said he was from Wisconsin, and asked, “Who do you like in the Packers-Lions game this weekend?”

“Packers,” Madden said, and he threw out a few generic, friendly reasons why.

A few minutes later, just before Madden climbed aboard the bus to continue the trip east, a few more fans approached, said hello, and conversed. One fellow asked about the very same game that weekend, Lions-Packers, and Madden asked where he was from. “Ann Arbor,” the man said.
“I like the Lions,” he said.
I did a double-take.

“Hey,” he said when we got on the bus, “I don’t know who’s going to win these games. No one does. Why not make these people feel good about their teams and about the game Sunday? And the truth is, I think both teams can win.”

In den letzten Jahren ist Madden immer mehr von der Bildfläche verschwunden. Er soll noch als Berater für die NFL-Bosse gearbeitet und u.a. Tipps gegeben haben, wie sich Football sicherer machen lässt. So führte er im Madden-Game z.B. die Gehirnerschütterung als Verletzung ein um auch die Jugend früh auf die Gefahren von Kopfverletzungen aufmerksam zu machen, und soll ein vehementer Gegner von Helmet-Drills im Kindesalter gewesen sein.

Dieses Engagement schließt den Kreis zu der Art und Weise, wie seine Raiders in den Siebzigern Football gespielt haben – hart an der Grenze zur Brutalität, fast gewaltverherrlichend – aber die Zeiten haben sich geändert. Sie haben sich im Football-Business auch geändert wegen Leuten wie John Madden.

Letzte Nacht ist Madden 85-jährig gestorben.

RIP.

4 Kommentare zu “Boom! hat fertig

  1. Sehr interessant, Madden hat übrigens auch sehr aktiv an der Entwicklung den Madden Football mitgewirkt und immer wieder eigenen Input gegeben.

    Bestimmt eine der einflussreichsten Persönlichkeiten im Football der letzten 50 Jahre, und das obwohl er nie selbst Profi Spieler war.

  2. Man könnte noch ergänzen, dass Madden viele Jahre lang das All Madden Team nominiert hat, das in Fachkreisen über fast höheres Standing verfügt hat als das All Pro Team.

    Bei den Madden Videogames soll er das Entwicklerteam fast zur Verzweiflung gebracht haben, bis er endlich zufrieden war mit den ersten Ausgaben. Es musste bei ihm einfach alles perfekt sein, das Game hat zurecht seinen Namen getragen.

    Er war wirklich ein Gigant des Football, mit Ecken und Kanten, alles was er angefasst hat ist irgendwie erfolgreich gewesen.

    RIP

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