Lass uns Steelers und Chargers besprechen

Die NFL Playoffplätze werden nicht nach einem System vergeben, das man „fair“ bezeichnen kann. Aber das ist gar nicht schlimm. Dass manchmal ein schwächeres Team wie die Steelers in die Playoffs kommt und ein besseres wie die Chargers ausscheidet, ist nicht so ungewöhnlich. Man kann sogar argumentieren, dass es in der NFL per Design so passiert.

Timo Riske hat die Schedule-adjusted NFL-Tier Rankings für die Regular Season rausgelassen, und wir sehen: In der NFC haben die „richtigen“ sieben Mannschaften die Playoff-Qualifikation geschafft.

In der AFC freilich sind in Chargers und Colts zwei Playoff-Kaliber ausgeschieden, während die insgesamt deutlich schwächeren Raiders und Steelers (!) reingekommen sind. Die Raiders waren über die komplette Saison betrachtet trotz einiger Höhen eine insgesamt durchschnittliche (oder leicht unterdurchschnittliche) Mannschaft. Die Steelers sind mit ihrer katastrophalen Offense zweifellos ein Freak-Playoffteams:

NFL Playoff-Modus

Aber ich möchte unterstreichen: Ich mag zwar nicht das 7-Team-Playoff-Feld, aber ich mag den Modus, mit dem die NFL ihre Playoffmannschaften ermittelt. Er ist nicht „fair“. Nichts an der NFL ist „fair“. Die NFL ist mit Draftsystem und Salary-Cap auf Regression zur Mitte ausgerichtet, aber das sind nur die offensichtlichsten Leitplanken, damit kaum allzu dominanten Teams entstehen.

Die NFL hat auch einen sehr kurzen und unbalancierten Schedule, in dem manche Teams jedes Jahr zweimal bespielt werden und andere nur einmal alle vier, und in dem zwei der 17 Spiele, also rund ein Achtel des Spielplans sich danach gestaltet, mit welcher Platzierung das Team die vergangene Saison beendet hatte.

Noch nichtmal die Logik der Tie-Breaker ist „fair“. Der offensichtlichste Tie-Breaker, das Punktverhältnis (das alle 17 Spiele inkludiert), spielt gar keine Rolle, dafür obskure Regeln wie das direkte Duell (oft nur ein einziges Spiel), Record in common games bis hin zu Strength of Victoy oder Strength of Schedule. All das ist ausgelegt, dass so gut es geht jedes Spiel zählt.

Die Chargers z.B. waren ein objektiv betrachtet eindeutig besseres Team in der abgelaufenen NFL-Saison. Sie bewegen sich in obigem Graph rund drei Tiers vor den Steelers. Sie haben die einzige Top-10 Passing-Offense, die in der laufenden Saison die Playoffs verpasst hat. Die Steelers stellen eine der fünf schwächsten Offenses nach Schedule-adjustet EPA/Play und sind die mit großem Abstand schwächste Playoff-Passing-Offense.

Die Chargers haben Pittsburgh im direkten Duell 45 Minuten lang an die Wand gespielt, ehe Pittsburgh mit einer Serie an 4th Quarter TDs fast das Comeback geschafft hätte.

Am Ende gewannen die Chargers mit Quick-Strike TD Drive zwei Minuten vor Schluss 41-37. Die Chargers hatten in dem Spiel 33 zu 22 First Downs. Sie machten 7.7 Yards/Play, die Steelers 4.6 oder in Total Yards 533 zu 300.

Aber Pittsburgh kriegt den siebten Platz.

Die Steelers haben einen der schwierigeren Spielpläne der NFL-Saison gesehen, gerade was gegnerische Offenses angeht. Aber sie haben gegen die guten Gegner fast samt und sonders haushoch verloren, aber gegen die schwachen dafür knapp gewonnen (oder wie gegen Detroit remis gespielt).

Sie gingen 7-1-1 in One Score Games, verbuchten einen weiteren Sieg als 8-Punkte-Win. Zwei knappe Siege kamen gegen waidwunde Baltimore Ravens mit Backup-QB und kaputten Secondaries, hatten zweimal einen kaputten Baker Mayfield zum Gegner, trafen auf die Titans, bevor deren Starting-WRs wieder gesundet waren, und sahen Geno Smith anstatt auf Russell Wilson als es gegen Seattle ging.

Die Steelers haben ein Punktverhältnis von -55, und das ist nur deshalb nicht noch negativer, weil sie in Blowouts gegen die Chargers und Vikings unzählige Garbage-Time-Touchdowns als Ergebniskosmetik gescort haben.

Gegen die Bengals wurden sie erst 10:24 und dann 10:41 Klatsche geschlachtet, gegen den Wildcard-Gegner vom Sonntag, die Chiefs, 10:36.

Aber am Ende zählen keine EPA/Play oder saisonübergreifende Punkte, sondern die Ergebnisse. Und das ist gut so, auch wenn Truppen wie die Steelers 2021/22, die rein qualitativ betrachtet in der Post Season nix verloren haben, und im Gegensatz zu früheren Jahren noch nichtmal eine besonders gute Defense aufbieten, mit etwas Glück durch geschwächte Gegner und knappe Siege, vorbei an klar besseren Mannschaften die Playoffs erreichen können.

Freak-Playoffteams der Vergangenheit

Doch als Team, das nicht zu den „big boys belonges“, wie die Amerikaner zu sagen pflegen, sind die Steelers 2021/22 nicht allein. Letztes Jahr rutschte Washington als Bottom-8 Team in einer absurd schwachen NFC East rein. Vor vier Jahren war es Buffalo, das als echter Gurkentrupp im verrücktesten Saisonfinale seit Menschengedenken an den wesentlich besseren Chargers vorbei in die Post Season rutschte.

In der spielerisch richtig schwachen und von von der Super-Offense der Atlanta Falcons geretteten Saison 2016 nutzten mit den Adam-Gase-Miami-Dolphins, den Houston Texans (drittschwächste Offense nach EPA/Play!) und den Detroit Lions alles Schedule- und Close-Game-Glück aus um mit combined 24-9 Bilanz in One Score Games die letzten Wildcards abzustauben. Miami und Detroit wurden chancenlos plattgemacht, aber die Texans bekamen im Connor-Cook-Game sogar noch einen Sieg geschenkt, ehe sie im Viertelfinale trotz einer Graupenvorstellung von Tom Brady in New England geplättet wurden.

2014 war es das Ryan-Lindley-Arizona, das sich irgendwie zu einer 11-5 Bilanz wurstelte um dann in einem der deprimierendsten Playoffspiele seit Menschengedenken von den 7-8-1 Panthers ausgeschaltet zu werden.

2011 wissen wir alle noch: Die Tebow Broncos mit ihrer von ganz oben goutierten wahnsinnigen Serie an Zufallssiegen, die dank 3:16 Game am Wildcard Weekend ausgerechnet gegen Pittsburgh sogar erst in der zweiten Playoffrunde endete (übrigens, RIP Demariyus Thomas). Damals war noch ein anderes Team mit negativer Punktbilanz in den Playoffs: Die New York Giants.

Deren Saison endete dann so.

Die Giants waren kein unterirdisches Team, weil sie die wichtigste Stärke beherrschten (Passing-Offense, es war Eli Mannings wohl beste Saison). Aber sie hatten eine der schwächsten Defenses, niemand nahm sie vor Beginn der Playoffs ernst, aber dann liefen in den Playoffs auch die schwächeren Mannschaftsteile heiß und sorgten für eine Sensation.

Auch im Jahr davor sorgte ein Gurkenteam für ein absolutes Highlight: Die 7-9 Seahawks, nach EPA/Play das viertschwächste Team der NFL, ließ gegen den Titelverteidiger Saints die Erde beben.

Wir sehen: So weit müssen wir gar nicht zurückblicken um in den Playoffs ähnliche Freak-Trupps zu finden wie die Steelers der laufenden Saison – und eins von ihnen hat sogar den Durchmarsch zum Titel geschafft.

Steelers @ Chiefs

Pittsburgh trifft am Sonntag auswärts auf die Chiefs. Gegen die haben die Steelers, siehe oben, heuer schon eine richtige Klatsche kassiert: In Woche 16, ein 10:36, das eher hätte höher ausfallen können, denn die Chiefs mussten Covid-bedingt auf Travis Kelce verzichten und bekamen keine 30 Snaps von Tyreek Hill.

Die Chiefs sind das denkbar ungünstigste Matchup für die Steelers. Ihre Offensive Tackles sind im Kampf gegen Sack-Master und DPOY in spe T.J. Watt zwar nicht die allerstabilsten, aber Andy Reid und Patrick Mahomes haben das schnelle Passspiel gelernt. Mahomes ist zum ersten Mal in seiner Karriere nahe 50% Dropbacks mit maximal 2.5 Sekunden in der Pocket und hat den niedrigsten aDOT seiner Karriere. Die Chiefs haben ohne Big Plays eine Top-3 Offense nach EPA/Play.

Die Steelers hatten in Woche 16 nicht die Spieler um Byron Pringle und Demarcus Robinson zu decken, also ist es unwahrscheinlich, dass sie Kelce und Hill in den Griff kriegen.

Und die Steelers haben wie oben gelesen nicht die Offense um die Press-Corner der Chiefs in Off-Coverage zu bringen. Ben Roethlisberger hat längst nicht mehr den Arm um komplettes Passspiel oder auch nur verlässliche tiefe Bedrohung auszustrahlen, und sogar gegen eine klare Schwäche der Chiefs, die Run-Defense, hat man nur ein mittelmäßiges Laufspiel (#17 nach EPA/Play) anzubieten.

Wir haben in den Playoffs schon zahlreiche Überraschungen gesehen, aber es bräuchte einen Meltdown ungeahnter Dimension (oder einen Mahomes-Ausfall), wenn Pittsburgh diesmal bei den Chiefs etwas reißen will. Entsprechend begann die Betting-Line bei rund 13 Punkten Favoritenstatus für die Chiefs.

Kurz noch zu den Chargers

As for the Chargers: Sie sind für diese Saison draußen, aber mit den richtigen Investments in der Offseason sprechen wir wahrscheinlich über einen Top-5 Superbowl-Favoriten nächstes Jahr. Das sind trotz des gewohnt bitteren Endes nicht mehr die alten Chargers.

Justin Herbert hat heuer bestätigt: Er ist atemberaubend, ästhetisch auf oder sogar (Achtung, Gotteslästerung) über Patrick Mahomes anzusiedeln. Seine tiefen Pässe gehören zum Feinsten, was ich jemals von einem Footballspieler gesehen habe, und sie wirken noch weniger angestrengt als bei Rodgers oder Mahomes.

Herbert spielt die schwierigere Offense, macht weniger Fehler als Mahomes, ist annähernd gleich gut in kritischen 3rd Downs, war am Sonntag nicht zum ersten Mal unglaublich in 4th Downs, aber es gibt den einen großen Elefanten im Offense-Room der Bolts: Joe Lombardi. Vom OffCoord habe ich nie was gehalten, und er hat das Erwartete geliefert.

Unter Lombardi wird der Maserati Herbert über weite Strecken zu einem Fiat Punto degradiert. Die Chargers-Offense ist ein Festival an Kurz- und Querpässen, weltbewegende Scheme-Unterstützung gibt es nicht (nur 35% der Plays sind Screens oder RPO/Play-Action), dafür haufenweise true Dropbacks, die vom QB absolute Präzision verlangen.

Folge: Herbert hat nur den 23t-höchsten aDOT und wirft die fünftwenigsten (!) Pässe über 10 Yards downfield. Trotz des Chunk-Plays und einer der besten Deep-Throw Ratings hat Herbert nur die 20t-meisten Big Time Throws, ist aber Top-3 in Fehlervermeidung und EPA/Play.

Es gibt nur noch einen kleinen Zweifel an Herbert: Dass er unabhängig von OC Lombardi sowas wie eine „konservative“ Ader in seinem Spiel hat und seine zu zurückhaltende Spielweise weniger an Scheme/OC hängt als an seinem Thinking-Process. Es würde zumindest erklären, warum Herbert das ihm angedichtete (und in der NFL nun hinreichend angedeutete) Potenzial schon seit College-Zeiten nicht ganz bzw. nicht mit absoluter Konstanz abruft.

Aber *noch* ist auch möglich, dass er schlicht auf beiden Stationen Pech mit seinen OffCoords hatte. Lombardi wird als Staley-Spezl fast sicher noch ein weiteres Jahr bleiben, womit Herbert zum ersten Mal seit Jahren mit dem gleichen OC in die nächste Saison geht. Ich finde das schade, weil es Herberts Ceiling mit hoher Wahrscheinlichkeit deckelt.

Zu Brandon Staley: Es war eine wechselhafte Debütsaison. Staley ist zweifellos ein exzellenter Stratege und seine Aggressivität wird sich langfristig auszahlen, so er sich nicht von abgehalfterten Pundits wie Michael Lombardi zu stark beeindrucken lässt.

Staleys in-Game-Management gehört zum besten, was die NFL diese Saison gesehen hat. Aber es gibt bis jetzt zwei schwerwiegende Kritikpunkte an Staley als Chargers-Headcoach.

Einmal die Anstellung Lombardis. OffCoord ist gerade mit diesem QB eine extrem wichtige Position, und Staley hat den falschen Mann geholt. Und noch schlimmer: Wenn Lombardi unter den Bereich Vetternwirtschaft fällt, werden die Bolts ihn vielleicht so schnell nicht los.

Und Staleys Defense-Coaching? War meh.

Auf dem Blatt ist seine Strategie, zuerst den tiefen Ball zu verhindern, natürlich die richtige, gerade in der Division mit den Kansas City Chiefs. Allein: Seine two-deep, light box Defense hat bei den Chargers nicht so richtig gezündet. Die Chargers waren letzte Saison nach EPA/Play eine schwächere Defense als im Jahr davor unter dem diametral gegenteilig operierenden Gus Bradley.

Schematisch sah das über weite Strecken alles nicht so falsch aus, was zumindest das Türchen offenlässt, dass es mit besserem Spielerpersonal nächstes Jahr aufwärts geht.

Aber wir hatten schon letztes Jahr eine Diskussion um die damals von Staley gecoachte Rams-Defense, die in den Momenten ohne DT Aaron Donald sehr deutlich abgefallen war (siehe: Playoffspiel in Green Bay). Ist Staleys Defense also zu abhängig von Top-Individualisten? Oder sprechen wir bei den Bolts über einen Fall von baldiger Regression zur Mitte in der für ihre Volatilität berüchtigten Defense?

Die Bolts waren personell nicht wirklich tief besetzt. Hinter EDGE Joey Bosa und DB Derwin James war das immer eher mau, und ich hatte schon im Sommer während all dem Trubel um die Figur Staley gewarnt, dass das defensiv eine schwierige Saison werden könnte. 2022 wird diesbezüglich Antworten liefern.

11 Kommentare zu “Lass uns Steelers und Chargers besprechen

  1. „Wir haben in den Playoffs schon zahlreiche Überraschungen gesehen, aber es bräuchte einen Meltdown ungeahnter Dimension (oder einen Mahomes-Ausfall), wenn Pittsburgh diesmal bei den Chiefs etwas reißen will.“

    Irgendwo im Hintergrund hört man die Colts schreien „das hatten wir bei unserem Spiel auch gedacht“.
    Ne, denke auch das die Steelers da kein Licht sehen werden. Aber irgendwie doch irgendwie nett das es BigBen ein letztes mal in die Playoffs schaffte. 🤷🏽‍♂️

  2. Na ja irgendwie sind die Steelers da schon reingerutscht in Playoffs ganz so schlecht sind dann nicht. Bei Fussball Turnieren mogeln sich manche Teams auch bis ins Halbfinale.

  3. Bei den Chargers … ich weiß nicht … die werden von dir und anderen Analysten schon seit Jahren immer wieder besser geschrieben als sie am Ende abschneiden. Sie hatten Rivers und jetzt Herbert. Seit einer gefühlten Ewigkeit also immer Top QB’s. Nie haben sie was gerissen. Sind für mich eine Fall wie die Browns. Die können im Kader haben was sie wollen, es wird nichts. Vermutlich hätte Eli keinen Ring wenn er sich seinem Draft-Schicksal ergeben hätte.
    Aus irgendweinem Grund haben die einfach ein schlechtes Karma. Ist zwar analytisch vollkommener Schwachsinn aber irgendwie das einzige was es erklären könnte.

  4. Und vor Rivers Brees.
    Die Bolts sind nicht in den Playoffs weil sie in Woche 16 gegen die Texans verloren haben. Also einen ähnlichen Stinker wie die Colts.

  5. Klar war das ein Stinker, aber wer hier ernsthaft bestreiten will, dass die Chargers für die Zukunft nicht wesentlich besser gerüstet sind als die Colts, der hebe die Hand.

    Sie haben als eines von vielleicht 5 Mannschaften das, was alle so händeringend suchen: Langfristige Superstar-Lösung auf QB. Und es mögen noch nichtmal deren 5 sein.

  6. Das ist es doch, Thomas. Die waren nie schlecht gerüstet. Aber bei den Bolts nützt das nichts. Andere Mannschaften mit schlechteren QB’s waren in den vergangenen beiden Dekaden erfolgreicher. Man kann natürlich immer irgendetwas als Ausrede finden. Aber bei den Chargers hat Misserfolg (im Verhältnis zur QB-Qualität) System.

  7. Naaaja.

    Das scheint mir doch extrem anekdotische Argumentation zu sein. Genauso gut kann ich gegenhalten, dass die beiden wichtigsten Figuren bei den Chargers (Herbert + Staley) nichts mit der Vergangenheit am Hut haben.

  8. Die Zukunft wird uns aufklären. Ich würde mir wünschen, dass die Chargers oder die Browns mal zu einem ernsthaften Contender werden. Bis jetzt fehlt mir allerdings der Glaube.

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