NFL Divisionals Vorschau: Tennessee Titans – Cincinnati Bengals

Beginnen wir die Previews auf die NFL Divisional Playoffs, die übermorgen am Samstag in Nashville beginnen.

Es soll ein Viertelfinale werden, das in allen vier Partien vom Wetter unbeeinflusst ist. Sportlich erwarten wir deutlich bessere Spiele als letzte Woche.

Die beiden schwächsten verbliebenen Teams

Los geht es in Tennessee Titans (12-5) – Cincinnati Bengals (11-7) mit einer Partie, die nicht zwingend sofort nach NFL Playoffs schreit, aber die durchaus einen reizvollen Auftakt stellt. Dabei muss ich vorausschicken, dass es das Aufeinandertreffen der qualitativ schwächsten verbliebenen Mannschaften ist, wie der EPA/Play Graph von Timo Riske zeigt:

Ausgespielt wird also das Recht, sich im Halbfinale von den Bills oder Chiefs abschießen zu lassen, oder?

Beide Teams haben nicht wirklich furchteinflößende Spielpläne gesehen, und bei den Titans habe ich über die Saison oft geschrieben, wie überschätzt sie als #1 der AFC-Rangliste wirken. Die häufigste Entschuldigung war das vorgebliche Verletzungspech. Tennessee habe in der Regular Season um die 91 verschiedene Spieler eingesetzt – so viel wie keine andere Mannschaft.

Aber sehen wir es uns mal genauer an: Superstar-WR A.J. Brown war in der zweiten Saisonhälfte ein paar Wochen raus, WR Julio Jones ist mit 32 Lenzen fürs erste ohnehin noch den Beweis schuldig, noch auf der Höhe seiner Blüte zu spielen, LT Taylor Lewan verpasste als einziger wesentlicher Starter der O-Line nur vier Spiele, der Quarterback (Ryan Tannehill) war die komplette Saison verfügbar – und der Elefant im Raum, Derrick Henry, ist – eben – Runningback.

Nach PFF WAR sieht Tennessees „Verletzungsmisere“ nur noch halb so wild aus:

Freilich war Gegner Cincinnati eins der gesündesten Teams der NFL – und wird just jetzt von Verletzungssorgen geplagt: DT Larry Ogunjobi fällt für den Rest der Saison als Anker gegen das Laufspiel aus und der überlebenswichtige EDGE Trey Hendrickson, nach dessen Ausfall die Defense letzte Woche gegen Las Vegas komplett zahnlos wirkte, ist noch immer fraglich (er trägt momentan das Label „questionable“).

Bei den Titans dagegen könnte Henry pünktlich zum ersten Playoff-Einsatz wieder fit werden – er hat unter der Woche erfolgreich erste Trainingseinheiten mit Gegner-Kontakt absolviert und versprüht vorsichtigen Optimismus:

Ein Wort noch zu den Titans, bevor wir zu den Matchups kommen: Sie kommen in vielen Advanced Metrics nicht so wirklich gut weg. PFF hat Tennessee trotz #1 Seed nur als siebtbestes Team der Saison gerankt. Bei DVOA sind sie gar nur die #20.

Tennessee ist auch deshalb so schwer einzuschätzen, weil es Teams wie die Chiefs oder Colts weggeblasen hat, weil es die Colts, Bills oder 49ers geschlagen hat, aber gleichzeitig gegen Pittsburgh (!), Jets (!!) und Houston (!!!) verloren hat. Das Team hat in der einfachsten Division nur das elfbeste Punktverhältnis in der NFL geschafft, ist aber 6-2 in One Score Games – aber hatte jetzt eine spielfreie Woche zur Genesung und Vorbereitung auf die Post Season.

Wenn die Titans den Ball haben

So schwierig einzuschätzen es ist, wie gut Tennessee spielen wird, so einfach zu lesen ist, wie sie spielen. Sie laufen, laufen und laufen, solange es irgendwie tragbar ist (und oft darüber hinaus), und wollen davon ableitend Play-Action-Pässe über die Spielfeldmitte werfen, wo einer oder beide der außen aufgestellten Star-Receiver Brown/Jones die Crossing-Route läuft und die Reception zu Yards after Catch umwandeln soll.

Das Pass-Chart der Titans ist brutal eindimensional auf die Mitte des Feldes ausgerichtet. 48% von Ryan Tannehills Pässen gehen dorthin – die Hälfte davon in die Range zwischen 10 und 19 Yards downfield. Nur zwei QBs sind extremer auf die Mitte fokussiert: Der ewige JimmyG in San Francisco und Matt Ryan, der das System von ex-Titans-OffCoord Arthur Smith in Atlanta übernommen hat.

Das Problem für Tennessee? Oder besser: Die Probleme?

1) Laufspiel ist heuer nicht so wirklich mega-erfolgreich, was für viele am Ausfall von Derrick Henry liegt. Aber bei genauem Hinschauen sehen wir: Henrys Backup D’onta Foreman ist genauso produktiv wie Henry es war:

RunningbackCarriesYDSYPCRYOE/ATTSuccess%
Derrick Henry2199374.30.0545%
D’Onta Foreman1335664.30.0252%
RYOE = Rushing Yards oder Expectation, ATT = Attempts (Versuche)

In Summe nur das #13 Laufspiel nach EPA/Run – zu schwach um die höchste Laufspiel-Quote in 1st und 2nd Down (56% Laufspiel) zu rechtfertigen.

2) Noch schlimmer für die Titans: Das Play-Action-Game zündet auch nimmer so grandios wie in den beiden letzten Jahren. Tannehill hat zwar nach wie vor das genau gleiche Play-Action-Passing-Profil, (in etwa 1/3 der Dropbacks, und dann wirft Tannehill zehneinhalb Yards downfield zum Crosser), aber weder ist das Play-Action-Game so erfolgreich wie in den letzten Jahren, noch hat Tannehill den Level seines Standard-Dropback-Games der letzten Jahre halten können (von pff.com):

SaisonPlay Action%PA YPAPA aDOTPA BTT:TWPNon PA YPANon PA aDOTNon PA BTT:TWP
201931%12.710.58:57.310.015:7
202036%9.610.47:66.97.913:17
202129%8.610.610:106.46.710:12

(PA = Play-Action, YPA = Yards per Attempt, aDOT = average Depth of Targets, BTT = Big Time Throw, TWP = Turnover Worthy Play)

Was noch auffällt: Früher ging Tannehill im Standard-Passing-Game noch tief. Heute ist er nur noch graue Maus darin, mit sehr kurzen Pässen und relativ vielen krassen Fehlern.

Die Hoffnung für Tennessee: Jones und vor allem #11 Brown sind wieder da. Gerade als Brown runter war, lag das Titans-Passspiel drei Meter unter der Erde, mit weniger als 5.0 Yards/Pass für Tannehill.

Doch mit Brown im Line-Up sprechen wir über ein individuell hochkarätig besetztes Team, das sich trauen kann, aus Max-Protection die Crosser zu werfen, da wenige Gegner die Qualität auf Cornerback, Linebacker und Safety haben um die Wideouts in 1-vs-1 zu nehmen oder auch nur die Spielfeldmitte verlässlich genug abzudecken.

Den Titans kommt dabei entgegen, dass Cincinnatis ausgemachte Schwäche just die Verteidigung der kurzen Underneath-Zones und auch tieferer Zonen in der Mitte des Feldes sind. Safety Jessie Bates war zwar einer der Matchwinner der letzten Woche, aber er allein wird bei einem problematisch besetzten Linebacker-Corps nicht ausreichen. Und Cincinnati hat nicht die Cornerbacks um Brown und Julio ohne Scheme-Hilfe zu limitieren. DefCoord Lou Anarumo weiß also auf dem Papier sehr genau, was auf ihn zukommt. Die Frage wird nun sein, ob er die richtigen Adjustments für seine suboptimales Personal finden wird.

Und natürlich: Ob die Front genug Druck auf auf Tannehill zustande bringt, um möglichst viele dieser Play-Action-Crosser schon im Keim zu stören oder gar zu unterbinden und lange 3rd Downs zu forcieren. Dafür ist Hendricksons Einsatz kritisch. Wir haben am Samstag gesehen, wie zahnlos diese Verteidigung ist, wenn der beste Edge-Rusher ausfällt: „Laues Lüftchen“ wäre noch gütlich beschrieben.

Denn nur mal so als Hausnummer: Hendrickson hatte bislang 77 Pressures und 17 Sacks. Das sind ein Viertel der Pressures und ein Drittel aller Sacks in einer einzigen Person vereint. Der D-Liner mit den drittmeisten Pressures, Ogunjobi, ist auch raus, weswegen die Bengals bei einem Ausfall Hendricksons in Sam Hubbard nur noch einen einzigen Passrusher hätten, der über 35 Pressures (zwei pro Spiel) und über 11% Passrush-Win-Rate hätte.

Wenn die Bengals den Ball haben

Die Bengals haben eine Superwaffe, die es momentan mit jeder Defense der NFL aufnehmen kann: QB Joe Burrow Pass zu WR Ja’Marr Chase. An lichten Tagen wie zuletzt gegen Chiefs oder Raiders ist diese Combo nicht zu bremsen – und sie ist eigentlich nicht auf dieses Duo begrenzt.

Burrow ist mittlerweile der #1 QB bei PFF, die #5 nach EPA/Play, der Quarterback mit den drittmeisten Big-Time-Throws, den viertwenigsten Turnover-würdigen Plays, der besten Rate an fangbaren Pässen und die #1 in CPOE (Completion Percentage over Expectation).

Und Burrow ist so dominant, obwohl Cincinnati mit nur 20% eine der niedrigsten Play-Action-Raten in der NFL spielt.

Und obwohl die Bengals sowohl bei PFF als auch bei ESPN nur die 25t-beste Pass-Blocking O-Line haben.

Chase hat trotz ein paar Schwächephasen die siebtmeisten Yards pro gelaufener Route gefangen, obwohl er nur in einem von sechs Snaps im Slot aufgestellt wird, wo Receiver traditionell noch produktiver (Chases komplette Konkurrenz in der Receiver-Elite kriegt wesentlich mehr Slot-Snaps).

Vorteil Bengals: Der andere Wideout Tee Higgins ist die NFL-weite #10 in Yards/Route, und auch der Slot-Receiver Tyler Boyd ist in den Top-50 in dieser Statistik gerankt. TE Uzomah ist als Abstauber auch gefährlich genug, dass man ihn nie aus den Augen lassen darf. Kein anderes Team in der NFL kann so eine Passing-Armada aufbieten.

Und Burrow ist trotz etwas limitiertem Wurfarm ein fantastischer Deep-Thrower. Auf intermediate-Routen kommt kein anderer QB auch nur auf zehn Prozentpunkte an seine 81% Adjusted-Completion-Percentage heran (deutlicher: niemand anderes hat mehr als 70% auf dieser wichtigsten Zone des Footballfeldes). Auf tiefen Routen bringt er fast 50% an den Mann – Top 10 in der NFL.

Manchmal ist Football auch so simpel wie Großmütterchen über die Straße zu führen, wie die Bengals selbst erkannt haben:

Tennessee hat drei Chancen gegenzuhalten.

1) Genug schnellen Druck auf Burrow auszuüben, ohne auf Blitzing angewiesen zu sein. Wir hatten das Thema schon letzte Woche: Obwohl Burrow auch under pressure einer der besten QBs in der NFL ist, wird er natürlich um einiges ineffizienter, wenn unter Druck gesetzt.

Problem: Burrow ist nicht leicht zu greifen. Er wirft 55% seiner Pässe in weniger als 2.5 Yards. Nur vier QBs haben eine höhere Quote. Und nur zwei werfen bei diesen schnellen Pässen tiefer als Burrows 6.1 Yards.

Über alle Passing-Downs hat Burrow die zehntschnellste Time-To-Throw (2.6 sek) und gleichzeitig den achthöchsten aDOT (durchschnittliches Target 8.7 Yards downfield). Das erinnert an Tom Brady letzte Saison.

Zweites Problem: Burrow ist der beste QB der NFL gegen den Blitz – vor allem aus den berüchtigten Empty-Sets, in denen Burrow hinter nur fünf O-Linern die ganze Palette an Receivern bedient und 8.0 Yards/Pass macht. Kein Team spielt mehr Empty-Sets als Cincinnati nach dem Motto: Bessere Protection = weniger Blocker.

Aber Tennessee hat auf dem Papier das Personal um mit der Front einigen Wind zu machen. Die Titans haben gleich zwei Edge-Rusher und einen Defensive Tackle mit über 60 Pressures und 10 Sacks (Harold Landry und Denico Autray EDGE plus DT Jeffrey Simmons) – und dahinter noch ein bissl Tiefe mit Bud Dupree, der seinen überteuerten Vertrag natürlich nicht einlösen konnte, aber wenn dein EDGE3 24 Pressures und 3 Sacks auflegen kann, hast du in den Playoffs immer eine Chance.

2) Die Titans haben eine sehr gute Secondary. Zwar ist es auf der wichtigeren Position (Cornerback) schwächer besetzt – gerade im 1-vs-1 gegen diese Bengals-Wideouts. Aber so unspektakulär das Safety-Duo Kevin Byard und Amani Hooker spielt, so gut kann es Support in Coverage leisten oder selbst die Mitte dicht machen.

Und vielleicht weiß Ex-LSU-CB Kristian Fulton ja noch, wie man gegen Ex-LSU-QB Burrow und Ex-LSU-WR Chase spielt.

3) Die größte Hilfe könnte aber Bengals-Headcoach Zac Taylor sein. Taylors extrem konservatives Game-Management verhinderte erst am Samstag gegen die Raiders wieder eine schnelle Entscheidung.

Taylor ließ in 21 von 47 Early Downs RB Joe Mixon und Co. in die Mauer treiben – verheerend für fast jede NFL-Offense, aber schlicht abmahnpflichtig bei solcher Effizienz:

  • Pass vs Raiders: +0.28 EPA/Pass (+7.3 Punkte)
  • Lauf vs Raiders: -0.16 EPA/Run (-3.4 Punkte)

Burrow verwertete geraaaaaaaaaaaade genug 3rd Downs (5 von 12) um ein eigentlich überlegenes Spiel in trockene Tücher zu bringen, da versagten bei Taylor auch noch die Eier, als er einfachste 4th Down-Situationen wegpunten ließ.

Kurzum: Wenn die Bengals ihre besten Waffen selbst vom Feld nehmen, haben die Titans auch die größte Chance.

Ausblick

Also: Das Spiel mag nicht allzu viel Playoff-Charme versprühen, aber ich finde es reizvoll. Die Schlüssel auf beiden Seiten sind klar:

  • Cincinnati muss Burrow von der Leine lassen und defensiv irgendwie genug Passrush zaubern und/oder die Intermediate-Crosser wegnehmen
  • Tennessee muss Burrow mit der D-Line ohne Blitzing unter Druck setzen und braucht offensiv einen Bomben-Tag von A.J. Brown

Tennessee ist interessanterweise mit 3 Punkten favorisiert. Das ist „better QB gets points“, und damit immer eine gefährliche Wette. Die Titans haben natürlich den leichten Heimvorteil und sind nach der spielfreien Woche auch ausgerastet. Sie haben vielleicht den gewiefteren Coach in Mike Vrabel. Die Bengals könnten nach dem befreienden ersten Playoffsieg seit Erfindung der Weißwurst dem berüchtigten Let-Down erliegen.

Aber daran glaube ich erst, wenn ich es sehe. So gefährlich es ist, wenn Burrow sich keinen Hänger erlauben darf, weil die eigenen Coaches dazu tendieren, ihn immer wieder auszubremsen, so haben auch die Titans einen zu konservativne Playcaller und in der auf Play-Action-Middle-of-the-Field-Crosser die gefährlichere Eindimensionalität.

Ich gehe mit dem Auswärtsteam: Bengals gewinnen das.

2 Kommentare zu “NFL Divisionals Vorschau: Tennessee Titans – Cincinnati Bengals

  1. Gehe mit den Titans, schlicht und einfach, weil sie dem Gegner mit ihrer ‚unrunden Art‘ die Spielgestaltung aufzwingen.
    Gegen einen solchen Gegner wie die Titans müssten die Bengals auch über die volle physische Kondition verfügen, um 60 Minuten gegenhalten zu können, was ich denen nicht zutraue, insofern sie nicht mit mind. 21 Punkten vorne liegen.

  2. Pingback: NFL Divisional Playoffs 2021/22 – Nachklapp | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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